Popkultur und Philosophie?

Popkultur und Philosophie?

Beitrag zurEröffnung einer von der Fachschaft Philosophie der Ruhr-Universität veranstalteten  studentischen Tagung. Ein Bericht zur Tagung von Marcel Wrzesinski ist erschienen in: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik 31 (2009), Heft 3, 216-218.

Pop bedeutet Mode und Geld, Kino und Kommerz, Medien und Markt. Im Star Trek – Film „First Contact“ von 1996 erklärt Raumschiff-Kapitän „Jean-Luc Picard“ einer staunenden Dame aus weniger fortgeschrittener Zeit:

„Sehen Sie, im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld. Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.“

Natürlich aber ist nun Star Trek selbst ein unter Profitaspekten hervorgebrachtes Produkt unserer höchst gegenwärtigen Massen- bzw. Populärkultur. Ja, deutlicher noch: die Serie ist, wie man in Hans-Otto Hügels „Handbuch: Populäre Kultur“ nachlesen kann, längst selbst ihr eigenes Verkaufs- und Markenzeichen.1 Trotz dieser Kommerzialisierung des Labels Star Trek können wir also mit Star Trek davon träumen, dass der Mensch reflektierter und „besser“ leben könnte, als lediglich, wie gegenwärtig weithin, Akteur und Opfer wirtschaftlicher Entwicklungen zu sein. Nicht zuletzt, um sich ihren kommerziellen Erfolg durch Rekurs auf unsere ureigenen Erwartungen und Wünsche zu sichern, jongliert die Serie Star Trek als eine Pop-Utopie die, wie man gesagt hat, „humanistische Philosophie“ eines zivilisatorisch nachhaltig transformierten Menschenlebens. Ein Widerspruch wie dieser ist der Popkultur zutiefst eigen. Und diesem Widerspruch nach stößt sie uns ab und sie fasziniert uns zugleich – beides zu Recht.

  1. Einerseits kann populäre Kultur Vorführung und Demontage, Desorientierung und bloße Zerstreuung bedeuten. Sie veranstaltet ein Spektakel, so hat man jedenfalls gesagt, das ihre Opfer in ihrer Ausdruckslosigkeit gefangen hält, statt ihre Möglichkeiten zu steigern. Dergleichen lässt sich z.B. in den Nachmittags-Talkshows, bei „Big Brother“ usw. studieren. Die Primitivmedien spiegeln in gewisser Weise den Alltag: das macht ihren Erfolg aus (und einen nicht geringen Teil der Definition von Pop).2 Sie emanzipieren aber nicht, sondern bedienen bloß eine Sensations- und Klatschsucht. Die Ökonomisierung, Sexualisierung und Infantilisierung der Popkultur ist offensichtlich. Ihre Kräfte absorbieren auch jene Energien der Selbstdeutung, Ichfindung und gesellschaftlichen Identität, die einstmals von der Religion, von der Nation und von der Bildung bedient wurden – letzteres freilich elitär beschränkt. Die Werbung, die den Profit der Medien bringt, offeriert als neues Sinnangebot nunmehr Konsum und Kauf.

    Die eigentlichen Verwalter oder Nicht-Verwalter des Sinns dagegen, um nicht von der Religion zu sprechen, die Expertenkulturen,3 Vertreter der Philosophie und der Wissenschaften, sitzen von den Innenstädten und sonstigen Zentren entfernt, in denen die Menschen mit Shopping und Fußball, Event und Kino beschäftigt sind; dies ist nicht nur hier in Bochum und auf den Querenburger Höhen augenfällig. Ihr Tun erscheint mit den Reflexionschancen einer Mitte der Bevölkerung zu wenig vermittelt.4


  2. Aber Pop fasziniert uns auf der anderen Seite auch. Nicht nur, dass sich unsere Biographien mit ihm verbinden, mit meiner beispielsweise eben die Star Trek – Serie bereits der 1960er und 70er Jahre. Die Popkultur ist, wie nicht zuletzt die Cultural Studies implizieren, ein hochsignifikanter Indikator für unsere Träume und Albträume und für unsere Selbstdeutungen. Jede(r) unterliegt ihr und erfährt ihre Ausprägungen an den eigenen Lebenssituationen: Einkaufen, Sich kleiden, Essen/Trinken, Musik hören, Fernsehen, Ausgehen, Urlaub machen usw. Die Popkultur bedient anthropologische Grundbedürfnisse, die in der Geschichte natürlich immer ihre Erfüllung gesucht haben, ganz offenkundig erstmals als System. Indem sie die Felder des menschlichen Daseins insgesamt besetzt und unser Leben stets erneut durchmöbliert, konstituiert Pop sich in der faszinierenden Fülle kollektiv erschaffener und beständig veränderter Projektionsfelder unserer Wünsche und Phantasien, Sinnbedürfnisse und Gefühle: gut leben, schöner wohnen, besser aussehen, mehr erleben. Pop ist schon lange nicht mehr einfach ein anglisiertes Jugendphänomen, sondern er bedeutet eine flächendeckende Erfassung und Bedienung unserer Bedürfnisse und Performanzen und stellt womöglich auch einen Hauptort basaler Sinnbildungs- und kultureller „Reflexions“-Prozesse des Alltagslebens dar. Nicht zuletzt im Spiegel des Pop führen wir uns unser Leben vor Augen; vor allem aber leben wir es natürlich in diesem Medium – oder wir werden gelebt.


  3. In der Philosophie hat bisher vor allem eine Kritik zu diesem Thema Stellung bezogen. Mit Theodor W. Adorno erweist sich die Kulturindustrie als die „kitschige Oberfläche des Spätkapitalismus“.5 Aber auch die Kulturphilosophie greift auf den Begriff der Popkultur mittlerweile verstärkt zurück. Selbst im nicht gerade neuerungssüchtigen, renommierten „Archiv für Begriffsgeschichte“ kann man hierüber einen Beitrag von Thomas Hecken lesen.6
    Eine Philosophie, die ihre Zeit in Gedanken erfasst und mit Menschen über ihre Lebenswelt spricht, muss sich, wie diese Veranstaltung an der Ruhr-Universität zeigt, auch diesem Thema zuwenden. Es ist zu überlegen, worin ein reflexiver Umgang mit einer menschengemachten Kultursphäre bestehen könnte, in deren Kontexten wir uns tagtäglich bewegen, deren Subjekte wir aber nicht einfach sind.




  • 1Hans-Otto Hügel (Hrsg.), Handbuch Populäre Kultur. Begriffe, Theorien und Diskussionen, Stuttgart – Weimar 2003, 538. – Matthias Fritsch u.a., Wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Science-Fiction-Filme: Angewandte Philosophie und Theologie, Regensburg 2003.

  • 2Dies gilt auch angesichts der gelegentlichen Tendenz, den Begriff ästhetisch, quasimetaphysisch oder sonst wie in einem längst eigensinnproduzierenden Popdiskurs aufzuladen. Wer Pop thematisiert, muss sich mit den Problemen seiner sozialen Wirkungen auseinandersetzen. Vgl. Gertrud Koch, Macht es die Masse? – eine Problemskizze der Massenkultur. In Jörn Rüsen u.a. (Hrsg.), Handbuch der Kulturwissenschaften, Stuttgart 2004, Bd. 3, 247-253. – In journalistischem Gestus, aber durchaus aufschlussreich: Michael Jürgs, Seichtgebiete. Warum wir hemmungslos verblöden, München 2009.

  • 3Vgl. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. Frankfurt 1981, Bd. II, 482 ff.

  • 4Vgl. Volker Steenblock, Popkultur und Kulturkritik, in ders. (Hrsg.): Zeitdiagnose, Stuttgart (Reclam) 2008, 206-239, sowie ders., Kultur oder: Die Abenteuer der Vernunft im Zeitalter des Pop, Leipzig 2004.

  • 5Th. W. Adorno, Resümee über Kulturindustrie. Gesammelte Schriften Bd. 10, 1, 337-345; Peter Behrens, Die Diktatur der Angepassten. Texte zur kritischen Theorie der Popkultur, Bielefeld 2003, 10. – Versöhnlicher der Gestus eines Münsteraner Kongresses: Josef Früchtl, But I like it. Adorno und die Popkultur. In: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 48/2 (2003), 171 ff.

  • 6Vgl. zur Begriffsverwendung die aufschlussreiche „Miszelle“ von Thomas Hecken: Der deutsche Begriff „populäre Kultur“. In: Archiv für Begriffsgeschichte 49 (2007), 195-204 sowie ders., Pop, Bielefeld 2009.



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