DIE PHILOSOPHIN

Forum für feministische Theorie und Philosophie


Philosophin 22

Männlichkeit - Männlichkeitsforschung


EINLEITUNG


Als wir vor sieben Jahren eine Schwerpunktnummer der Philosophin dem Thema „Paradigmen des Männlichen" widmeten, wäre es uns nicht in den Sinn gekommen, gezielt männliche Autoren zur Mitarbeit einzuladen. Es ging uns damals um weibliche Imaginationen des Männlichen. Wir wollten den Blick auf die bis dahin unreflektierten Grundannahmen über Männlichkeiten in der feministischen Theorie lenken. Genauso wie die philosophische Tradition lieber bei der Zuschreibung des „Weiblichen" verweilte, so schien uns damals „auch die feministisch orientierte Philosophie bislang einseitig bei der Dekonstruktion der Imaginationen des Weiblichen aufgehalten zu haben" . Ist der Mann und die Geschichte der Männlichkeit, so lautete unsere Frage, zum Forschungsobjekt von feministisch orientierten Philosophinnen avanciert?
Heute reden die Männer selbst. Dies zeigt, ohne es allzu schnell als „Fortschritt" deuten zu wollen, doch immerhin die Veränderungen, die in diesen sieben Jahren im Bereich der Geschlechterforschung stattgefunden hat. Diese Veränderungen betreffen nicht nur den Gegenstand und die Rückwirkungen, die die Forschung entlang der Leitfrage nach dem Geschlecht auf das wissenschaftliche Selbstverständnis haben, sondern auch den neuen Status und die Akzeptanz der „Gender Studies". So ist es für Karl-Otto Apel heute selbstverständlich, der „Philosophin" ein Interview zum Thema „Deutsche Nachkriegsphilosophie, Männlichkeiten und Männerbünde" zu geben.
Wie weit das Spektrum der Annäherungen im Bereich der Männer-, bzw. Männlichkeitsforschung heute auseinander liegt, wird deutlich, wenn man Apels Erinnerungen an seine Jugend in der HJ, an seine Erfahrungen als Wehrmachtssoldat und seine anschließende Studienzeit in Bonn, in der die Studentinnen, die „Mädchen" den aus dem Krieg kommenden Kommilitonen klarmachten, „aber ihr seid ja Männer und auf die Dauer werdet ihr besser sein" etwa neben Siegfried Kalteneggers Beitrag mit dem vielsagenden Untertitel „Die Männlichkeit im Zeitalter ihrer theoretischen Reproduzierbarkeit" legt. Noch weiter werden die Grenzen der Männlichkeitsforschung gezogen werden müssen, wenn man Antke Engels (selbst)-kritische Untersuchung der Aneignungs- und Umarbeitungsmöglichkeiten der Ressource Maskulinität in lesbischen und transgender Subkulturen mit dazurechnet. – Oder in eine nochmals geänderte Richtung, wenn man Greg Kaplans Untersuchung berücksichtigt, wie sich die Erfahrungen der jüdischen Soldaten im 1. Weltkrieg auf ihr männliches Selbstverständnis und dieses auf Gestaltung und Verständnis des deutsch-jüdischen Verhältnisses ausgewirkt haben.
Das Ziel, das wir mit dieser Nummer über „Männerforschung/ Männlichkeitsforschung" verfolgen, besteht nicht darin, das Feld abzustecken. Wir möchten vielmehr die Diskussion über Sinn, Zweck, Erkenntnisziele, gesellschaftliche und wissenschaftliche Einbindung der Männlichkeitsforschung und über und das reale und wünschbare Verhältnis zur feministischen- und Queertheorie und zu den Gender Studies anstoßen. Deshalb kam es uns darauf an, möglichst unterschiedliche und unerwartete Perspektiven auf die und aus der Männlichkeitsforschung vorzustellen. Nicht große Namen wollten wir versammeln, sondern das, was an der Basis gedacht wird, zur Diskussion stellen. Dazu gehört der Beitrag von Jens Krabel und Olav Struve, die queertheoretische Ansätze in die Jungenarbeit integrieren, ebenso wie die Thesen von Oliver Geden und Johannes Moes zu einer reflexiv verfaßten Männerforschung. Oliver Geden studiert Gender Studies an der Humboldt-Universität. Johannes Moes war lange Jahre Teilnehmer und Anleiter von Männergruppen und hat mehrere Männerforschungstagungen organisiert. Sie verstehen ihren Aufsatz „Reflexive Männerforschung" als Intervention, als Beitrag zur fälligen Selbstreflexion des sich neu etablierenden Wissenschaftsfeldes.
Männer reden heute selbst.
Wir haben uns deshalb entschieden, anstelle einer längeren Einführung, diese Nummer mit einem kurzen Gespräch mit den beiden Autoren einzuführen.


Die Philosophin (Ph.): Die Potsdamer Hefte, die Feministischen Studien und die Philosophin haben sich – unabhängig voneinander - entschieden, ihre diesjährigen Herbstnummern der Diskussionen um die Männerforschung zu widmen. Warum gründen die Männer nicht ihre eigenen Zeitschriften? Fehlt es an Bewegung?

Johannes Moes (J. M.): Daß Männer die Diskussion nicht führen, ist sicher ein Defizit. Man muß jedoch beachten, daß sie als die nach klassischem Verständnis Herrschenden einen viel größeren Widerspruch für sich aufzulösen haben, wenn sie Männerforschung betreiben. Darum reden wir auch nicht von Männerbewegung, sondern von Männerszene. Für eine Bewegung fehlt die Basis. Zum ersten Teil Deiner Frage fällt mir jedoch die Gegenfrage ein, warum sich die feministischen Zeitschriften der Männerforschung widmen. Das hat sicher mit der Veränderung durch die Gender Studies zu tun: Die Einbeziehung aller Geschlechter und die Einführung eines relationalen Geschlechterbegriffs hat dazu geführt, daß man beginnt, die Männer als bisher nicht Berücksichtigte wahrzunehmen.

Oliver Geden (O. G.): Das Projekt einer eigenen Zeitschrift wurde wohl diskutiert, aber nie umgesetzt. Auf der anderen Seite ist zu beobachten, daß zu Männern und Männlichkeiten zunehmend mehr geforscht wird - und zwar auch von Forscherinnen. Ich glaube, es ist einfach an der Zeit, den Stand der Dinge wieder einmal zusammenzufassen.

Ph.: Für die feministische Theoriebildung ist- ebenso wie für Queertheorie - die Anbindung an eine politische Bewegung als Korrektiv und als Anstoß unerläßlich. Wie würdet Ihr die Bedeutung der Männerbewegung für die Männerforschung beschreiben?

O. G.: Für mich persönlich war der Zugang zur Männerforschung nicht die Männerbewegung. Ich bin eher durch die Frauenbewegung, durch feministische Theorien und einzelne Frauen in diese Richtung motiviert worden. Allerdings war es für mich wichtig, daß damals auch schon von Männerseite zu Geschlechterthemen publiziert wurde. Ich kann die Bedeutung der Männerbewegung – wobei ich diesen Begriff übertrieben finde – nur schwer einschätzen. Ich bin selbst in eine Generation hineingerutscht, für die das schon nicht mehr diese wichtige Rolle gespielt hat. Als ich mich für die Männerforschung zu interessieren begann, hatte sie sich bereits ein Stück weit verwissenschaftlicht.

J. M.: Mit dem Begriff Männerbewegung habe ich auch meine Schwierigkeiten. Trotzdem finde ich es wichtig, daran zu erinnern, daß die Entwicklung der Männerforschung aus Orientierungsschwierigkeiten und einem Reflexionsbedürfnis entstanden ist, die aus ganz praktischen Bedürfnissen und Problemen wie z.B. in der Jungen- und Männerarbeit resultierten.

Ph.: Die Konjunktur der Männerforschung hat nicht zuletzt ihren Grund in der Dringlichkeit, mit der sich das Problem der Gewalt in der Jugendarbeit stellt. Hier kommen die Differenzen zwischen Identitätsorientierten und Identitätskritischen Ansätzen in der Männerforschung vor allem zum Tragen. Uns hat es überrascht, daß gerade in diesem Bereich identitätskritische Ansätze, die sich etwa an Judith Butlers Kritik der Heterosexualität orientieren, bewähren, wie Olav Stuve und Jens Krabel in ihrem Beitrag zeigen.

J. M.: Es gibt in der Männerszene verbreitet Versuche, Männlichkeit neu zu definieren, um zu einer anderen Männlichkeit zu kommen. Ich meine, daß diese Versuche immer zum Scheitern verurteilt sind, weil es solche Identitäten weder in einem allgemeinen Sinn, noch in einem unwidersprüchlichen Sinn für das Individuum geben kann. Deshalb kommt es darauf an, sich mit den Widersprüchlichkeiten und den gebrochenen Identitäten auseinanderzusetzen. Es ist sicher richtig, daß die Konjunktur der Männerforschung mit der öffentlichen Wahrnehmung von Gewalt auch als vergeschlechtlichtes, männliches Problem zu tun hat. Die Bindung an solcherlei Forschungsförderung sollte jedoch nicht zu eng sein, um die Männerforschung nicht von den Trends der öffentlichen Aufmerksamkeit abhängig zu machen.

Ph.: Ihr definiert Männerforschung als „Forschung von Männern über Männer und Männlichkeit". Und Frauen, die über Männlichkeit forschen, betreiben nach Eurem Vorschlag Frauen- und Geschlechterforschung. Wo würdet Ihr queertheoretische Ansätze einordnen, in denen aus einer Transgender – Perspektive versucht wird, Maskulinität aus der phallogozentrischen Ordnung zu entwenden, wie es der Vorschlag von Antke Engel in ihrem Beitrag ist.

O. G.: Die Zuordnung, die Ihr zitiert, bezieht sich nur darauf, wie wir in dem Moment, in dem wir unseren Artikel machen, das Feld der „Männerforschung" in Abgrenzung zu anderen Feldern theoretisch konstruieren. Vor allem, weil es im vorliegenden Artikel darum geht , die wissenschaftspolitische Konfliktlinie „Geschlecht der forschenden Subjekte" klarer zu machen. Wir würden dafür plädieren, den Begriff „Männerforschung" in der theorie-politischen Reflexion zu benutzen. Wissenschaftstheoretisch würden wir immer von „Männlichkeitsforschung" sprechen, und dazu zählen selbstverständlich alle, die über Männer und Männlichkeit forschen, gleich welcher geschlechtlichen oder sexuellen Identität.

J. M.: Wir propagieren keinen Separatismus im dem Sinne, daß Männerforschung von Männern über Männer betrieben werden sollte. Wir propagieren keine zweigeschlechtliche Aufteilung in Frauen- und Männerforschung. Wir würden eher sagen, daß im großen Haus der Geschlechterforschung alle mit allen zu tun haben sollten. Und wenn queertheoretische Ansätze Maskulinität erforschen, dann sollten sich – entgegen der gängigen Praxis – andere Männerforscher auch darauf beziehen.

Ph.: Inwiefern bietet Männerforschung Raum für das Fragen nach der Differenz der Erfahrungen, die z.B. jemand wie Karl-Otto Apel gemacht hat, der im Nationalsozialismus diverse Männerbünde durchlaufen hat (Hitlerjugend, Wehrmacht)? Wie muß Eurer Vorstellung nach Männerforschung der Verflechtung von persönlichen, lebensgeschichtlichen Erfahrungen und Geschichte öffnen und sie berücksichtigen?

J. M.: Uns ist wichtig, eine reflexive Position zur Geschichte der eigenen Subjektivität zu bekommen. Wir wehren uns gegen WissenschaftlerInnen und deren Konzepte, die meinen, ihre Subjektivität kontrollieren zu können oder zu wollen. Wir meinen, daß unterschiedliche biographische Erfahrungen positiv in den Forschungsprozeß eingebracht werden können. Wobei wir darauf hinweisen, daß die eigene Subjektivität nicht mit Objektivität verwechselt werden darf.

Ph.: In Greg Caplans Beitrag zur Frage, wie sich das Bild der jüdischen-deutschen männlichen Identitäten durch den ersten Weltkrieg verändert hat, wird deutlich, wieviele Differenzen sich hinter dem scheinbar homogenen Bild des modernen Mannes auftun, sobald man die Genealogien im historischen und kulturellen Kontext untersucht. Wo und wie gehört die Frage nach anderen Differenzen, wie etwa jene nach den unterschiedlichen Traditionen Judentum – Christentum für die Herausbildung der modernen Männlichkeitskonzepte zum Selbstverständnis hiesiger Männerforschung?

O. G.: Ich meine, diese Fragen sind deshalb sehr wichtig, weil Männlichkeit ja immer in Relation zu anderen Differenzen und anderen Strukturierungsprozessen steht. Daß die Differenz zur jüdischen Identität aufgemacht wird, wäre gerade in der deutschsprachigen Debatte sehr wichtig.

J. M.: Die existierende Kritik an der Männerforschung, daß sie die Sicht der weißen Mittelschichtsmänner mit der Welt verwechselt, ist sicher nicht unberechtigt. Um diese Kritik umzusetzen, ist die Männerforschung bisher vielleicht zu klein. Sie müßte sich diversifizieren, um verschiedene Ausprägungen von Männlichkeit aufzunehmen. Mit seinem Konzept der hegemonialen Männlichkeit hat Robert Connell einen großen Schritt in diese Richtung gemacht. Sein Konzept erlaubt - zumindest theoretisch - , diese Unterschiede zu machen und dabei zugleich nicht zu vergessen, daß die Unterschiede der verschiedenen Männlichkeiten nicht beliebig sind, sondern immer in ein Machtsystem eingebettet.

Ph.: Warum bezieht Ihr Euch in Eurem eigenen Aufsatz nicht auf den Ansatz von Connell?

J. M.: Unser Artikel ist eher auf einer Metaebene der Reflexion von Männerforschung angesiedelt, mehr auf der Linie der Ideen von Bourdieu, Annuß und Hark. Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit dient in der konkreten Männerforschung allerdings mehr für Vorworte, für die Anrufung. Wenn man versucht, es durchzuarbeiten, ergeben sich Probleme. Ich verstehe auch Connell selbst so, daß er sein Konzept gerne mit soziologischer Theorie anreichern würde. Wobei es hier verschiedene Angebote gibt und der Streit sich entlang der Verbindung von Struktur und Akteur bewegt. Da ist theoretische Arbeit sicher noch vonnöten und das würde Connell auch nicht bestreiten.

Ph.: Was erhofft Ihr Euch für die Männerforschung?

O. G.: In Bezug auf unseren Artikel hoffen wir, daß er auch als Intervention wahrgenommen wird, die eine Diskussion in Richtung einer notwendigen Selbstreflexion auslöst.

J. M.: Ich wünsche mir mehr Forschung zum Thema Männlichkeit. Reflexive Ansätze, wie wir sie vertreten, sind in einer lebhafteren und größeren Diskussion auf jeden Fall besser aufgehoben.