DIE PHILOSOPHIN

Forum für feministische Theorie und Philosophie


Philosophin 14

Erfahrung/Realität


EINLEITUNG

 

Die Frage nach Erfahrung, nach der Wahrnehmung von Wirklichkeit kehrt zunehmend in die philosophische Diskussion zurück. Dabei ist zu beobachten, daß sich neben der Orientierung an psychoanalytischen Theorien (lacanistischer Prägung),an konstruktivistischen Ansätzen und an der dekonstruktivistischen Methode eine neue Hinwendung vor allem der feministischen Theorie zur Erfahrung zeigt.

Erfahrung wird in den beginnenden neuen Denkansätzen nicht mehr einfach mit Betroffenheit gleichgesetzt, mit einer nichtsprachlichen Unmittelbarkeit, von der man immer schon weiß, was sie bedeutet - lange Zeit ein vorherrschender Topos in den Anfängen der feministischen Theorie. Ort dieser Erfahrung, des unmittelbaren Empfangens war der Körper, der weibliche Körper. Die theoretische Abwehrreaktion auf diese unhinterfragte und als unhintergehbare, authentisch postulierte Erfahrung fand ihren Ausdruck in den Analysen gesellschaftlicher, sprachlicher, psychischer Strukturen. In der einseitigen Betonung der produktiven Macht dieser Strukturen, der subjekt- und wirklichkeitskonstituierenden Effekte wurde damit im Gegenzug subjektive Erfahrung abgewehrt, ohne allerdings zu fragen, was sie ist; sie wurde ignoriert.

Die erneute Hinwendung zur Erfahrung und die Frage nach der Wirklichkeit versucht das von den beiden extremen Positionen abgesteckte Feld zu öffnen, ein Feld, das sich als sehr viel vielschichtiger und ungleich komplexer erweist, als es in jüngster Zeit vor allem von den Konstruktivistinnen in ihren Texten vorgestellt wurde. Das bedeutet nun aber nicht eine Rückkehr zu früheren Positionen. Und auch die stärkere Wiederbeschäftigung mit der philosophischen Tradition innerhalb der feministischen Theorie ist kein Zurückfallen in traditionelle erkenntnistheoretische Antworten. Worin unterscheidet sich denn nun die sich verändernde Hinwendung zur Erfahrung, zur Wirklichkeit und zu deren Zusammenhang von den Fragen und Antworten der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte einerseits und dem sehr eng gefaßten Erfahrungsbegriff der empirischen Wissenschaften andererseits?

Offensichtlich ist zunächst einmal für eine Auffassung von Erfahrung, die grundsätzlich als eine Erfahrung verstanden wird, die immer im Wechselspiel mit der Wirklichkeit steht, daß - und Ute Guzzoni bringt es in unserem Gespräch treffend auf den Punkt - "die erkenntnistheoretische Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis wie die nach der transzendentalen Konstitution der Realität immer schon zu spät kommt."

Darüberhinaus decken die neuen Fragen den Preis auf, der für das - oft simplifizierende - Ausschließen der faktischen Realität und der Erfahrung in der feministischen Theorie gezahlt wurde. Es ist kein Zufall, daß sich das gerade in der Filmtheorie, wie Katrin Peters klar nachweist, so deutlich zeigt. Auf die Frage nämlich, warum Frauen sich Filme ansehen, die ihnen doch eigentlich nicht mehr gefallen dürften, kann eine verallgemeinernde Filmtheorie, die von der individuellen Erfahrung der Zuschauerin, ihrer sinnlichen Wahrnehmung absieht, keine befriedigende Antwort geben. Die Vernachlässigung nämlich der konstitutiven Differenz zwischen faktischer Realität und der (immer konstruierenden) Wahrnehmung, bzw. Erfahrung dieser Realität einerseits und dem verallgemeinernden Sprechen, der Theorie über diese Wirklichkeit und deren Wahrnehmung andererseits wird blind für die Wirkmächtigkeit des Realen, gerade auch der Realität der Geschlechterdifferenz. Sie wird blind für die Geschichtlichkeit und für die differenzierenden Formen machtvoller gesellschaftlicher Praxis, die eigentlich so doch nicht mehr sein dürfte.

Die Autorinnen greifen in den folgenden Aufsätzen sehr unterschiedlich auf Texte der philosophischen Tradition zurück Damit wird die Vielschichtigkeit und die Schwierigkeit der (neuen) Diskussion zum Zusammenhang von Erfahrung und Wirklichkeit offengelegt. Doch trotz ihrer Heterogenität finden sich in den Texten gemeinsame Denkachsen und Bezugspunkte, die das Feld strukturieren.

Heidemarie Bennent-Vahle liest den Briefwechsel Kants mit Maria von Herbert mit dem Ziel, Ansätze einer grundlegenden philosophischen Kritik Maria von Herberts an Kants formaler Ethik herauszuarbeiten. Die verzweifelte junge Frau, die vergeblich versuchte, in den abstrakten Lehrsätzen Kants eine Hilfe für ihre unglückliche Lebenslage zu finden, scheitert tragisch bei dem Versuch, das theoretische Konstrukt des kategorischen Imperativs mit ihrem Leben zu vermitteln. Sie erfährt "am eigenen Leib" die Moralgesetze als unvereinbar mit ihrer konkreten, zufälligen gesellschaftlichen Situation. Kants Begriff der Wirklichkeit, von allem zufälligen und fremden abstrahierend, ist mit ihrer subjektiven Wahrnehmung von Wirklichkeit nicht zu vereinbaren.

Im Rekurs der Filmtheorie auf den Erfahrungsbegriff sieht Katrin Peters den Versuch, die Grenzen, auf die auch die feministische Filmtheorie stößt, zu durchbrechen. Eine dieser Grenzen zeigt sich in der Frage nach dem Verhalten des weiblichen Publikums, nach dem Sehvergnügen, der Lust bei Filmen, die nach wie vor "Hauptverbreitungsorte für diskriminierende, sexualisierte Frauenbilder" sind. Die Identifikationsprozesse, die bei der Filmwahrnehmung ablaufen lassen sich mit Symbolisierung und Entschlüsselung von inhaltlichen Aussagen allein nicht erklären. Vielmehr weist "Erfahrung", deren begriffsgeschichtliche Entwicklung Katrin Peters in einem längeren Exkurs übersichtlich darstellt, als ein kritischer Begriff auf sinnliche Wahrnehmung, auf die Konstitution von Subjekten als "körperlich und sinnlich wahrnehmende".

Alice Pechriggl stellt ihre philosophische Diskussion des Zusammenhangs von Erfahrung und Wirklichkeit im Anschluß an Hegels Theorie der Erfahrung und Castoriadis Konzeption des Gesellschaftlich-Imaginären in einen explizit gesellschaftspolitischen Kontext. Sie geht der Frage nach, ob es das Reale oder das Imaginär-Ideelle ist, daß die Veränderung gesellschaftlicher Wirklichkeit, in vielen Gesellschaften z. B. die hierarchischen Geschlechterverhältnisse, blockiert. Sie entwickelt in ihrer Beantwortung einen komplexen Erfahrungsbegriff, der zentralen Stellenwert nicht nur für die Konstitution des geschlechtlichen Körpers besitzt. Die Möglichkeit der lebensweltlichen Erfahrung des Realen, des Gegenständlich-Materiellen und die Möglichkeit diese Erfahrung beurteilen zu können, bedeutet für Menschen innerhalb einer einer Gesellschaft erst die Möglichkeit zur Veränderung von ideologisch Imaginärem, das eine starke Beständigkeit in der Wirklichkeitskonstitution haben kann.

Aus einer gänzlich anderen Perspektive, zentriert um die (geschlechterdifferente) Köpererfahrung entwickelt die Psychoanalytikertin Lilli Gast ihre Gedanken zu den Wurzeln weiblicher Erkenntnislust. Sie greift in ihren Überlegungen zum Zusammenhang von Körpererfahrung, Erkenntnislust und Wissen auf Melanie Kleins Idee der geschlechterdifferenten Bedeutsamkeit von Phantasien über das Leibesinnere zurück. Allerdings in einer bedeutsamen Revision. Angst vor dem Verborgenen wird versuchsweise ersetzt durch die Lust am Verborgenen. Und so gelangt sie spekulativ zu den libidinösen Wurzeln der weiblichen Erkenntnislust, in denen "Körperlichkeit, Begehren und Intellektualität unablösbar ineinander verflochten" sind. Denken und Erfahrung am/des Körper(s) werden direkt verbunden.

Implizit gehen diese psychoanalytischen Gedanken auch in die Perspektive auf Erfahrung von Monique David-Ménard ein, wenngleich sie nicht direkt über Erfahrung schreibt. In ihrem Versuch, dem Ungedachten der Philosophie der Menschenrechte auf die Spur zu kommen, konfrontiert sie Kant mit de Sade, die Kritik der praktischen Vernunft mit der Philosophie im Boudoir. Die Rhetorik des Unbedingten, die Gleichheit vor dem Gesetz für Jedermann und die Vergleichbarkeit von Handlungen durch den Grad der Intensität von durch sie erreichter Lust, wird bei beiden eher beschworen als bewiesen. Dieses Beschwören macht aus der Logik des Allgemeinen, grundlegend für den Begründungszusammenhang der Sittlichkeit und für die Menschenrechte, eine Konstruktion. In diese Konstruktion eingegangen ist etwas Ungedachtes, in die Dunkelheit Abgeschobenes. Dieses Ungedachte ist die nicht evidente, nicht bewiesene Existenz eines höheren Begehrungsvermögens. Es ist das Ungedachte in der Diskussion des Zusammenhanges von rationalem Wollen und kontingenten Empfindungen, von rationalem Wollen und der Kontingenz der Erreichung von Lust des Menschen durch seine Handlungen.

Wie eine Schnittstelle zieht sich durch die Aufsätze der Verweis auf den Zusammenhang von Erfahrung und Körper. Auf den Körper in seiner Konkretheit und seiner Kontingenz, in seinem Schmerz und seiner Lust, seiner geschlechtlichen Bestimmtheit, in seiner gesellschaftlichen Konstruiertheit. Es ist kein Zufall, daß im Rückgang auf die Tradition des philosophischen Erfahrungsbegriffs und seiner Methodologie dieser Zusammenhang den Begriff der Erfahrung zu einem kritischen macht. In der Tradition Adornos und Heideggers stehend unterstreicht Ute Guzzoni denn auch, quasi zusammenfassend, die Korrektur des Allgemeinheitsanspruch des Denkens vom Begriff des sich auf das Jeweilige "einlassende Erfahren".

 

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