Forschung

Laufende Forschungsschwerpunkte am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der RUB

 

1. Internationales und ökumenisches Editionsprojekt ‚Sacrum Convivium. Die Eucharistiefeier der westlichen Kirchen im 20. und frühen 21. Jahrhundert‘

[durch Drittmittel finanziert]


Das Projekt geht auf die frühere Bochumer Liturgiewissenschaftlerin Irmgard Pahl zurück und führt die Eucharistie- bzw. die Abendmahlsgebete der westlichen Kirchen auf allen Kontinenten in einer gemeinsamen Edition zusammen. In den Gebeten verdichten sich die Wahrheits- und Geltungsansprüche der einzelnen Kirchen. Darüber hinaus beantworten sie die Frage nach der Identität konfessioneller Prägungen. Jeder Gebetstext wird mit einer kommentierenden Einführung versehen, die seine Entstehung, seine theologischen Konzepte und prägenden kulturellen Kontexte erklären. So wird ein direkter Blick auf die Konvergenzen bzw. Divergenzen möglich. Das Projekt erhebt die Wurzeln und Dynamiken der Abendmahlspraxis, erhellt die spezifischen theologischen und kulturellen Konzepte und stellt für die Weiterarbeit in Wissenschaft und Praxis zentrales Quellenmaterial zur Verfügung.
Die einzelnen Beiträge werden in Kooperation mit ausgewiesenen Fachleuten aus den verschiedenen Kirchen in aller Welt erarbeitet. Der erste Band ist bereits fertiggestellt und liegt derzeit beim Verlag. Er erscheint voraussichtlich 2020.

Bereits erschienene Veröffentlichungen aus dieser Reihe:

  • I. Pahl (Hg.), Coena Domini II. Die Abendmahlsliturgie der Reformationskirchen vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, Freiburg/Schw. 2005

  • I. Pahl (Hg.), Coena Domini I. Die Abendmahlsliturgie der Reformationskirchen im 16./17. Jahrhundert, Freiburg/Schw. 1983

  • A. Hänggi / I. Pahl (Hg.), Prex Eucharistica. Textus e variis liturgiis antiquioribus selecti, Freiburg/Schw. 1968. – 3. Aufl. 1998 curaverunt A. Gerhards/ H. Brakmann

     

2. Die Verehrung der Heiligen – Ein Beitrag der Kirche zur kulturellen und sozialen Gestaltung der Gesellschaft

[durch Drittmittel finanziert]


Die Verehrung der Heiligen gehört zu den charakteristischen Prägungen des gottesdienstlichen Lebens, aber auch eines breiten außerliturgischen Brauchtums. Ungeachtet sozialer und kultureller Umbrüche geht von den Heiligen nach wie vor eine Faszination aus. Die Leitidee des Forschungsprojektes lautet, dass Heiligenverehrung einen wichtigen Beitrag für die Gestaltung der Gesellschaft und für eine sinnvolle persönliche Lebensorientierung leisten kann. Das Projekt  beschäftigt sich mit den theologischen und anthropologischen Ressourcen der liturgischen Feiern an den Heiligengedenktagen und geht der Frage nach, welche Aspekte sich in gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart fruchtbar machen lassen. In einem ersten Schritt wird erforscht, welche Zusammenhänge in der Vergangenheit zwischen Heiligenverehrung und sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen bestanden. Die Auswertung der Gottesdienste, so wie sie nach heutiger Ordnung gefeiert werden, bildet den zweiten Abschnitt des Projekts. Welchen Gewinn für Kultur und Gesellschaft heute hat ein Menschenbild, das sich aus der Verehrung von Heiligen im Gottesdienst speist?

 

 

3. Gottesdienst zwischen Norm und Rezeption


Dass zwischen Norm und Rezeption in der Liturgie ein Unterschied besteht, ist hermeneutisch geklärt, im Einzelnen aber noch wenig konkretisiert. Gottesdienste sind nicht allein von vorgegebenen Ordnungssystemen bestimmt, sondern sind an die jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen gebunden und realisieren sich in diesen kontextuellen Zusammenhängen je neu. Eine rezeptionsorientierte Forschung legt kulturelle Leitmotive, subjektive Motivationen und Spiritualitätsformen sowie spezifische theologische und rituelle Akzentsetzungen offen. Sie fragt: In welchen Aneignungsprozessen steht das gottesdienstliche Handeln? Welche theologischen Schwerpunkte scheinen auf? Welchen Einzelbausteinen wird Aufmerksamkeit geschenkt, welche programmatischen Leitlinien geben den Weg vor? Welche Rolle spielt der Gottesdienstraum? Welche Konstellationen von Macht und Geschlecht lassen sich aufweisen?
Veröffentlichungen (Auswahl):

  • S. Böntert, Traumhochzeit gewünscht?! Mediale Inszenierungen als Anfrage an die Trauungsliturgie [im Druck, erscheint 2020]

  • S. Böntert, Performanz. Macht. Gottesdienst. Produktive Anstöße aus dem Denken Judith Butlers für die Liturgiewissenschaft, in: Bernard Grümme/Gunda Werner (Hg.), Judith Butler und die Theologie. Herausforderung und Rezeption (Religionswissenschaft 15), Bielefeld 2020, 79-95

  • S. Böntert, Lebendige Liturgien als Schlüssel für den Erfolg? Konturen der Gottesdienstkultur in den Pfingstkirchen, in: G. Werner (Hg.), Gerettet durch Begeisterung. Reform der katholischen Kirche durch pfingstlich-charismatische Religiosität? (Katholizismus im Umbruch 7), Freiburg/Br. 2018, 191–214

  • S. Böntert, Zeitgenössischer Kirchenbau in der Kontroverse. Eine Spurensuche zwischen theologischem Ideal und säkularer Gesellschaft, in: A. Deeg/C. Lehnert, Nach der Volkskirche. Gottesdienste im konfessionslosen Raum (Beiträge zu Liturgie und Spiritualität 30), Leipzig 2017, 59-77

  • U. Aba, The Reception of the Second Vatican Council's Liturgical Reforms in Nigeria (Nsukka Diocese) (Ästhetik – Theologie – Liturgik 64), Wien u. a. 2016

  • S. Böntert, Normativität und Freiheit im Gottesdienst. Versuch einer Verhältnisbestimmung im Kontext der Gegenwart, in: M. Knapp/T. Söding (Hg.), Glaube in Gemeinschaft. Autorität und Rezeption in der Kirche, Freiburg/Br. 2014, 150–162

 

4. Liturgie und Spiritualität


Die Feier der Liturgie und die gelebte persönliche Spiritualität greifen tief ineinander. Die Weisen, wie Menschen ihrer Beziehung zu Gott Ausdruck verleihen, können sehr unterschiedlich ausfallen und sich in einer Vielzahl von Ritualen und Zeichen widerspiegeln. Mit der Pluralisierung der Lebens- und Glaubenskonzepte ist das Spektrum weiter angewachsen. Die Liturgiewissenschaft steht vor der Aufgabe, die verschiedenen Spiritualitätsformen zu reflektieren und sie auf ihre hermeneutischen Basics hin zu beleuchten. Die Forschungsarbeit widmet sich der Frage nach den Wechselwirkungen von Spiritualitätskonzepten und liturgischen Vollzügen. Ein besonderes Gewicht kommt neben den theologischen Gesichtspunkten der Vernetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Prozessen zu.

Veröffentlichungen (Auswahl):

  • J. Opara, Overcoming the Osu Caste System among the Afro-Igbo. Impulses from the Eucharist in the Light of Sacramentum Caritatis (Ästhetik – Theologie – Liturgik 73), Wien u. a. 2019

  • P. Winger, Initiationsritus zwischen Taufe und Eucharistie. Ein liturgiewissenschaftlicher Beitrag zu einer Theologie der Firmung (Theologie der Liturgie 15), Regensburg 2019

  • S. Böntert, Im Strudel der Gestaltungsideen? Liturgiewissenschaftliche Zwischenrufe zu Gottesdiensten mit Jugendlichen, in: G. Augustin/M. Schulze (Hg.), Glauben feiern. Liturgie im Leben der Christen (Für Andreas Redtenbacher), Ostfildern 2018, 266–280

  • S. Böntert, Gottes Wort sehen. Bibelverkündigung in der Liturgie als ästhetische Herausforderung, in: Internationale katholische Zeitschrift Communio 46 (2017), 603–613

  • S. Böntert, „Du hast uns geschaffen, doch wir kennen dich kaum". Gottesdienst feiern im Angesicht des Zweifels, in: Liturgisches Jahrbuch 67 (2017), 69-90

  • S. Böntert, Das „Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie“ von 2001. Eine kritische Relecture vor aktuellem Hintergrund, in: Liturgisches Jahrbuch 65 (2015), 3–26

  • S. Böntert, „Bis du kommst in Herrlichkeit“. Annäherungen an die trost- und hoffnungsstiftende Dimension der Liturgie, in: C. Breitsameter (Hg.), Hoffnung auf Vollendung. Christliche Eschatologie im Kontext der Weltreligionen (Theologie im Kontakt 19), Berlin-Münster 2012, 127–154

  • S. Böntert (Hg.), Objektive Feier und subjektiver Glaube? Beiträge zum Verhältnis von Liturgie und Spiritualität (Studien zur Pastoralliturgie 32), Regensburg 2011

  • S. Böntert, Ein Ausdruck des Staunens – Ein Ausdruck des Menschseins. Anbetung als Grundhaltung im Glauben. Poczucie zachwytu – miarą poczucia bycia człowiekiem. Adoracja jako zasadnicza postawa w wierze, in: Studia Pastoralne 6 (2010), 203-216

     

5. Gottesdienst und kirchlicher Strukturwandel der Gegenwart


Die gesellschaftliche Differenzierung führt dazu, dass Bräuche und Strukturen kirchlichen Lebens ihr Monopol als übergreifender Sinnhorizont verloren haben. Heute bilden sie einen Teilbereich, der neben anderen existiert. Dieser Wandel verlangt nach Neuorientierung, was nicht zuletzt auch die gottesdienstliche Praxis betrifft. Die Kirche steht vor der Aufgabe, sich mit ihrer gewachsenen Liturgie, aber auch mit neuen Zeichen und Ritualen als vitaler Akteur und Gesprächspartner in die pluralistische Gesellschaft einzubringen. Dass es dabei um mehr als um die Verlebendigung der tradierten Kernformen geht, stellt die zentrale Herausforderung dar. Die Liturgiewissenschaft reflektiert den Stellenwert gottesdienstlichen Handelns im pluralistischen Kontext. Die Anfragen der zeitgenössischen Kultur müssen so aufgegriffen werden, dass sich aus dem Evangelium Möglichkeiten der Lebensdeutung und –gestaltung eröffnen. Hauptaufgabe wird es sein, erfahrbare, identitätsstiftende und glaubensstärkende Feierformate zu schaffen, die an der Schwelle von Tradition und Zeitgenossenschaft die Botschaft des Glaubens ins Spiel bringen.

Veröffentlichungen (Auswahl):

  • S. Böntert, An die Ränder gehen. Gottesdienst auf der Suche nach Relevanz in neuen Lebensräumen [im Druck, erscheint 2020]

  • S. Böntert, Gottesdienst nach dem digital turn. Zur Neuvermessung eines theologischen Feldes, in: Stefan Kopp/Benjamin Krysmann (Hg.), Online zu Gott?! Liturgische Ausdrucksformen und Erfahrungen im Medienzeitalter (Kirche in Zeiten der Veränderung 5), Freiburg/Br. 2020, 67–83

  • S. Böntert, Quelle und Gipfel des kirchlichen Lebens. Zur Rolle des Gottesdienstes für eine Gemeindepastoral der Zukunft, in: Philipp Müller/Silke Lechtenböhmer (Hg.), Gemeinde – wohin?, Mainz 2016, 41–63

  • S. Böntert, "Ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen". Einige theologische und liturgische Brennpunkte der Eucharistiefeier in Zeiten des Umbruchs, in: ders. (Hg.), Gemeinschaft im Danken. Grundfragen der Eucharistiefeier im ökumenischen Gespräch (Studien zur Pastoralliturgie 40), Regensburg 2015, 304–325

  • S. Böntert, Nur ein Wortgottesdienst? Zur notwendigen Stärkung nichteucharistischer Feiern in Zeiten des Wandels, in: Martin Kirschner / Joachim Schmiedl (Hg.), Liturgia. Die Feier des Glaubens zwischen Mysterium und Inkulturation (Kirche im Dialog 2), Freiburg/Br. 2014, 142–159

  • S. Böntert, Bildschirm statt Kirchenbank? Neue Herausforderungen für Gottesdienstübertragungen in den Medien, in: Wie heute Gott feiern. Herder-Korrespondenz Spezial 1/2013, 45–49

     

6. Transformationen liturgischer Vollzüge im 19. und 20. Jahrhundert


Im 19. und 20. Jahrhundert haben religiöse Symbole und Liturgie umfassende Transformationen durchlaufen. Die Fachdebatten führen kein einheitliches Bild einer sich organisch entwickelnden Geschichte vor Augen, sondern zeigen vielschichtige Prozesse. Die Kirchen bemühten sich in dieser Epoche um Antworten auf die Veränderungen. Reformen, aber auch eine intensive Auseinandersetzung mit Tradition und Theologie beherrschten das Bild. Die Anstrengungen vereint, dass sie Antworten auf die Herausforderungen zu geben versuchten. Sie bezeugen die Alltagsrelevanz religiösen Denkens, wie es situativ umgesetzt wurde und die Lebenswirklichkeit prägte. Welche Rolle spielten Liturgie und Volksfrömmigkeit in den Auseinandersetzungen mit der zeitgenössischen Kultur? Welche Funktion fiel ihnen in den Prozessen der Neuorientierung zu? Wie wirkten soziokulturelle Entwicklungen auf Deutung und Gestalt des Gottesdienstes zurück?

Veröffentlichungen (Auswahl):

  • S. Böntert, Predigten als Quellen der Liturgiegeschichte. Beobachtungen zum Potential eines Forschungsfeldes, in: G. Essen/C. Frevel (Hg.), Theologie der Geschichte – Geschichte der Theologie (Quaestiones Disputatae 294), Freiburg/Br. 2018, 304–328

  • S. Böntert, „Den Wogen des Unglaubens steht er fest und ruhig gegenüber“. Priesterbilder des 19. Jahrhunderts im Spiegel von Primizpredigten, in: K. de Wildt/B. Kranemann/A. Odenthal (Hg.), Zwischen-Raum Gottesdienst. Beiträge zu einer multiperspektivischen Liturgiewissenschaft (Praktische Theologie heute 144), Stuttgart 2016, 42–55

  • J. Gisevius, „Den Gläubigen sollen diese Schätze nicht verschlossen bleiben“, Liturgische Bildung im Spiegel von Gebetbüchern des 19. Jahrhunderts, Bochum 2016. Vgl. http://hss-opus.ub.ruhr-uni-bochum.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/4910

  • S. Böntert, 50 Jahre Liturgiekonstitution ‚Sacrosanctum Concilium'. Eine Durchsicht deutschsprachiger Veröffentlichungen aus Anlass des Jubiläums, in: Archiv für Liturgiewissenschaft 57 (2015), 96–116

  • S. Böntert, Making the homily matter. Die Erneuerung der Predigt in den USA nach dem II. Vatikanum, in: A. Henkelmann/G. Sonntag (Hg.), Zeiten der pastoralen Wende? Studien zur Rezeption des Zweiten Vatikanums – Deutschland und die USA im Vergleich, Münster 2015, 77–109

  • S. Böntert, Gottesdienst im ökumenischen Gespräch. Leitlinien und Suchbewegungen der katholischen Liturgie im 20. Jahrhundert, in: W. Damberg/U. Gause/I. Karle/T. Söding (Hg.), Gottes Wort in der Geschichte. Reformation und Reform in der Kirche, Freiburg/Br. 2015, 212–224

  • S. Böntert, Katholischer Kirchenbau zwischen theologischem Anspruch und gesellschaftlichem Wandel. Raumkonzepte in der Liturgiereform nach dem II. Vatikanum, in: F. Bösch/L. Hölscher (Hg.), Jenseits der Kirche. Die Öffnung religiöser Räume seit den 1950er Jahren, Göttingen 2013, 29–58

  • S. Böntert, Friedlicher Kreuzzug und fromme Pilger. Liturgiehistorische Studien zur Heilig-Land-Wallfahrt im Spiegel deutschsprachiger Pilgerberichte des späten 19. Jahrhunderts (Liturgia Condenda 27), Leuven – Paris – Walpole/MA 2013

 

 

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