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Forschungsprojekt: Virtual historical History? – Immersive Darstellungen von Geschichte in Geschichtskultur und Geschichtsunterricht

Laufzeit: ab 2018

Aktuell werden von verschiedenen Institutionen und Akteuren der Geschichtskultur Produkte zur Darstellung von Geschichte für die Öffentlichkeit erzeugt, die sich dem Feld der immersiven Medien zuordnen lassen. Dabei handelt es sich sowohl um computergenerierte oder -animierte erweiterte (AR) oder gänzlich künstliche Welten (VR) als auch um mit 360°-Kameras gedrehte Filme. Die thematische Vielfalt reicht von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Zeitgeschichte und die Anwendungsbereiche liegen zwischen effekthascherischer Eventisierung von Geschichte zur Unterhaltung und einem dezidiert formulierten Vermittlungsanspruch im Bereich der historisch-politischen Bildung.
Die Anbieter locken damit, dass "alles virtuell zum Leben erweckt" wird: "Mehr Zeitreise geht nicht." Die Produzent*innen dieser Formate setzen auf ein "Mit- oder Nacherleben" von Vergangenheit(en), propagieren "authentische" Inhalte und machen den Rezipient*innen nur selten Angeboten zur reflektierten und kritischen Nutzung. Denn in den meisten Fällen werden (und sollen) die Nutzer*innen von immersiven Darstellungen emotional durch die im doppelten Wortsinn gemachten Erfahrungen überwältigt (werden), was diametral den Prinzipien historischer Bildungsarbeit (Stichwort: Beutelsbacher Konsens) gegenübersteht. Damit unterläuft die Überwältigung durch das vermeintliche Erlebnis vergangener Zeiten in vielen Fällen jegliche Distanz zum dargestellten historischen Gegenstand.
Das Ziel immersiver Medien ist, bei den Betrachtenden möglichst wenig kognitiven Widerspruch zu erzeugen und ein "Eintauchen" in virtuelle Welten zu ermöglichen. Immersion setzt auf der technischen und gestalterischen Ebene an. Für die Ebene der Wahrnehmung wird der Begriff der Präsenz genutzt. Dabei handelt es sich um die individuelle Erfahrung der Nutzer*innen. Präsenz beschreibt den Eindruck der Anwesenheit in der virtuellen Welt. Dieser kann durch sensorische Reize und emotionale Forderung als intensiv wahrgenommen und – das haben psychologische Studien ergeben – nachhaltig wirksam werden.
Ein wichtiges Moment bei der individuellen Auseinandersetzung mit und Aneignung von vergangenen Wirklichkeiten ist die Imagination. Historiographische Erzählungen über Vergangenes erzeugen Vorstellungsbilder. Diese sind nicht statisch, sondern durch jeden neuen Impuls veränderbar, indem sie bestätigt, ergänzt, korrigiert oder verworfen werden. Diese Annahme setzt allerdings voraus, dass die Rezipient*innen zwischen der eigenen und einer vergangenen Wirklichkeit unterscheiden (können). Was aber, wenn durch die immersive Wirkung der medialen Darstellung diese Distanz verringert oder sogar gänzlich aufgelöst wird, so dass eine Trennung der in der Gegenwart gebundenen natürlichen Wirklichkeit der Rezipierenden mit einer im wahrsten Sinne des Wortes "anschaulichen" virtuellen vergangenen Gegenwart nicht mehr trennscharf vorgenommen werden kann und Geschichte damit "zum Präsenten" wird, der Rezipierende gar eine eigene Präsenz in dieser Wirklichkeit annimmt? Das Forschungsprojekt analysiert immersive mediale Darstellung von Geschichte, ordnet sie medienhistorisch ein und entwickelt ein geschichtsdidaktisches Konzept für ihre Nutzung in Geschichtskultur und Geschichtsunterricht.


Weitere Informationen

Wissenschaftsmagazin Rubin 29 (2019) 1: https://news.rub.de/sites/default/files/rubin_2019_1_didaktik_geschichte.pdf


Aktuelles

  • Am 10. und 11. Februar 2020 beteiligt sich Jun.-Prof. Dr. Christian Bunnenberg mit einem Beitrag zu "Virtuellen Realitäten im schulischen Geschichtsunterricht" an einer von der Universität Hamburg und der Landeszentrale für politische Bildung ausgerichteten Veranstaltung zu "Virtual Reality und historisch-politische Bildung".
  • Im Rahmen des Kolloquiums "Geschichtskulturen" hält Jun.-Prof. Dr. Christian Bunnenberg am 22. Januar an der Universität Bielefeld den Vortrag " Das Ende der Imagination? Geschichte in immersiven digitalen Medien (AR, VR und 360°-Film)".
  • Jun.-Prof. Dr. Christian Bunnenberg hat auf Einladung bei der Konferenz "Offene Archive 2.4 + ArchivCamp" (4.-5. November 2019, BStU Berlin) einen Vortrag über Virtual Reality und Geschichtsvermittlung gehalten. Der Vortrag ist auf dem YouTube-Kanal der Initiative "Offene Archive" dokumentiert: https://www.youtube.com/watch?v=Rkz_ONtp6O0 (Letzter Zugriff am 04. Dezember 2019).


Publikationen

  • Bunnenberg, Christian: Virtual Time Travels? Public History and Virtual Reality, in: Public History Weekly 6 (2018) 3, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2018-10896.
  • Coming soon:
    • Bunnenberg, Christian: Endlich zeigen können, wie es gewesen ist? Virtual-Reality-Anwendungen und 360°-Filme und geschichtskulturelles Lernen im Geschichtsunterricht, in: Arand, Tobias/Scholz, Peter (Hrsg.): Virtuelle Geschichte (Manuskript angenommen, im Druck, 2020).
    • Bunnenberg, Christian: Mittendrin im historischen Geschehen? Immersive digitale Medien (Augmented Reality, Virtual Reality, 360°-Film) in der Geschichtskultur und Perspektiven für den Geschichtsunterricht (Manuskript angenommen, erscheint 2020 in "geschichte für heute").


Vorträge

  • Wer braucht denn da noch Quellen? Geschichtsdidaktische Überlegungen zu "authentischen Zeitreiseerlebnissen" in Virtual-Reality-Anwendungen. Vortrag, Tagung: Offene Archive 2.0 und ArchivCamp, BStU Berlin, 04.11.2019, Berlin (invited talk), Dokumentation: https://www.youtube.com/watch?v=Rkz_ONtp6O0
  • Digitale Zeitreisen an historische Orte? – Geschichtsdidaktische Potenzialanalyse virtueller Lernorte (Virtual Reality). Vortrag, Tagung: Forschen. Lernen. Lehren an öffentlichen Orten. The wider View, Tagung des Zentrums für Lehrerbildung an der Westfälischen Wilhelms-Universität, 17.09.2019, Münster, CFP.
  • Das Ende der Imagination? Geschichte in immersiven digitalen Medien (AR, VR und 360°-Film). Vortrag, Workshop: Doing History – Praktiken des Geschichtemachens in transmedialen Geschichtskulturen an der Universität Hamburg, 20.06.2019, Hamburg, CFP
  • Die totale Immersion? Virtual Reality in Geschichtskultur und Geschichtsunterricht. Vortrag, Forschungskolloquium des Instituts für Geschichtsdidaktik und Public History an der Eberhard Karls Universität Tübingen, 29.04.2019, Tübingen (invited talk)
  • Virtual (historical) Reality? Versuch einer Potenzialanalyse von Augmented und Virtual Reality für die historisch-politische Bildung. Vortrag, Internationale Tagung: Medien – Wissen – Bildung. Augmentierte und virtuelle Wirklichkeiten, 25.04.2019, Innsbruck, CFP
  • Zeigen, wie es gewesen ist 2.0? - Virtual-Reality-Angebote und geschichtskulturelles Lernen im Geschichtsunterricht. Vortrag, Tagung: Virtuelle Geschichte in der Schule, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg und Universität Stuttgart, 05.03.2018, Ludwigsburg (invited talk)

09.01.2020