Heterotopien


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Hingegen wäre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raumes. Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt. Vielleicht könnte man sagen, daß manche ideologischen Konflikte in den heutigen Polemiken sich zwischen den anhänglichen Nachfahren der Zeit und den hartnäckigen Bewohnern des Raumes abspielt. (Foucault (1967), S.34 (Meine Hervorh.))
Michel Foucault skizziert in seinem Vortrag "Andere Räume" eine Theorie, die die Einschreibung gesellschaftlicher Dispositionen in den Raum unserer Epoche zu erklären hilft. Nicht nur die Metapher des Netzes, die bereits in den ersten Zeilen aufscheint, sondern insbesondere seine These, daß sich der gegenwärtige Raum durch "Lagerungsbeziehungen" (ebd., S.37) definiere, machen sein Konzept für eine Betrachtung computergestützter und -generierter Räume (inwieweit man in diesem Zusammenhang noch von Raum sprechen kann, wird noch zu problematisieren sein) fruchtbar.
Diskurs und Raum Besondere Aufmerksamkeit widmet Foucault einer speziellen Klasse von Räumen in unserer - seit dem 19. Jahrhundert angeblich säkularisierten - Gesellschaft, an denen sich zeigen läßt, daß der Raum sich nach wie vor nicht als ein rein funktionaler erklären läßt, sondern daß es weiterhin ideelle Aufladungen gibt. Diese besonderen Räume haben, "die sonderbare Eigenschaft [...], sich auf alle anderen Plazierungen zu beziehen, aber so, daß sie die von diesen bezeichneten oder reflektierten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren." (vgl. Foucault (1967), S.38).
Er teilt diese Klasse von Räumen in zwei abhängige Typen ein:
1. Utopien, die als unwirkliche, virtuelle Räume, entweder Gegenentwürfe oder Perfektionierungen der realen gesellschaftlichen Verhältnisse sind, und
2. Heterotopien,
wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitige repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können. (ebd., S.39)
Heterotopien sind also diejenigen Orte in einer Gesellschaft, die deren Struktur ganz oder zum Teil zu ihrem eigenen internen Ordnungsprinzip machen oder dieses interne Ordnungsprinzip gegen angenommene Unordnung in der Gesellschaft wenden. Insofern bilden Heterotopien ein verkleinertes Abbild der oder Gegenbild zur Gesellschaft. Da eine Gesellschaft allerdings nicht wirklich durch eine einzige Metastruktur geordnet, sondern eine Agglomeration verschiedenster, heterogener Machteffekte ist, repräsentieren die Heterotopien genau diese imaginären Metastrukturen und sind insofern "realisierte Utopien", als in ihnen genau jene ideale Ordnung funktioniert, die in der Gesamtgesellschaft immer schon von den heterogenen Kräfteverhältnissen durchkreuzt wird:
Entweder haben sie [die Heterotopien] einen Illusionsraum zu schaffen, der den gesamten Realraum, alle Plazierungen, in die das menschliche Leben gesperrt ist, als noch illusorischer denunziert. [...] Oder man schafft einen anderen Raum, einen anderen wirklichen Raum, der so vollkommen, so sorgfältig, so wohlgeordnet ist wie der unsere ungeordnet, mißraten und wirr ist. (ebd., S.45)
Beispiele für Heterotopien, die Foucault selbst nennt, sind z.B. Erholungsheime, psychiatrische Kliniken, Gefängnisse, Altersheime (1), Friedhöfe (2), Museen, Bibliotheken (3), Kolonien (4) etc. (5)

Unter den Grundsätzen, nach denen Foucault die Heterotopien beschreibt, finden sich folgende, die man für eine Beschäftigung mit dem Internet in Betracht ziehen kann:
die Möglichkeit, die Heterogenität verschiedener sozialer Räume zu repräsentieren:
Die Heterotopie vermag an einem einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Plazierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind. ( ebd., S.42)

Das besondere Verhältnis der Heterotopien zur Zeitlichkeit, dergestalt, daß sie die lineare Ordnung von Zeit durchbrechen:
Die Heterotopien sind häufig an Zeitschnitte gebunden, d.h. an etwas, was man symmetrischerweise Heterochronien nennen könnte. (ebd., S.43)
die spezifische Grenzziehung der Heterotopien im Verhältnis zu den anderen sozialen Orten:
Die Heterotopien setzen immer ein System von Öffnungen und Schließungen voraus, das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht. Im allgemeinen ist ein heterotopischer Platz nicht ohne weiteres zugänglich. [...] Man kann nur mit einer gewissen Erlaubnis und mit der Vollziehung gewisser Gesten eintreten. [...] Es gibt aber auch Heterotopien, die ganz nach Öffnungen aussehen, jedoch zumeist sonderbare Ausschließungen bergen. Jeder kann diese heterotopischen Plätze betreten, aber in Wahrheit ist es nur eine Illusion: man glaubt einzutreten und ist damit ausgeschlossen. (ebd.., S.44)

Das Internet mit den Begrifflichkeiten der Heterotopologie zu beschreiben, setzt zunächst - eigentlich unnötig, jedoch dem vorherrschenden intellektuellen Diskurs über es geschuldet - voraus, es als realen Raum, d.h. als Materialität, zu beschreiben. Entgegen den Aussagen diverser "Medien-"Theoretiker oder -Benutzer ist die im Netz sich vollziehende Informationsübermittlung ebensowenig wie in allen anderen technischen Medien immateriell, einfach weil Medien ohne Hardware nicht denkbar sind: der Raum Internet setzt sich konkret aus Servern, PCs, Kabeln, Satelliten, elektromagnetischen Wellen etc. zusammen.
Zunächst folgte die Ordnung dieser Hardware, wie überhaupt der Zugang zu ihr sowie ihre Infrastruktur, allein militärstrategischen Überlegungen (ARPA-NET), um dann zunächst der Wissenstrategie amerikanischer Universitäten und schließlich der Weltpost anheimzufallen (6). Gegenwärtig erscheint das Internet einer breiteren Öffentlichkeit potentiell zugänglich und seine interne Kommunikationsstruktur kaum durch externe Kontrolle beschränkt. Innerhalb der Diskurse über das Netz, die in dieser Zwischenphase (7) vorherrschen (die - vorwiegend geisteswissenschaftliche - Theoriebildung ebenso wie die Aussagen von Benutzerorganisationen, Journalisten und Politikern), läßt sich beobachten, wie die Hardware immer stärker heterotopisch aufgeladen wird, d.h. wie dem Medium Utopien einzuschreiben versucht werden. Ein Symptom hierfür ist etwa, daß in der Diskussion meist die materielle Ebene ignorierert bzw. marginalisiert wird. Es finden sich kaum Analysen, die von der Struktur der Hardware auf die Kommunikationsstruktur des Internets schließen (8). Das Internet wird als eine Black Box verstanden, technische Probleme an Elektrotechnik und Informatik deligiert.
Statt dessen konstituieren die bestimmenden Diskurse ein vorwiegend metaphorisches Sprachspiel, in dem Versuch, mit dem Medium Internet eine wie auch immer geartete Utopie (und sei sie eine negative) Realität werden zu lassen, also aus ihm eine Heterotopie zu machen (9). Das zeigt sich schon an der unscharfen begrifflichen Gleichsetzung von Internet und Cyberspace; statt materieller Rechnungsteilresultate werden audiovisuelle und taktile imaginäre Welten vorgestellt, sogenannten Simulationen der sogenannten Wirklichkeit, die dann zusammengefaßt den sogenannten virtuellen Raum Cyberspace bilden. Eine solche Verwechslung von technischer Realität und Imagination unterläuft z.B. dem Medientheoretiker und bekennenden Katholiken Paul Virilio, wenn er sagt:
The research on cyberspace is a quest for God. To be God. To be here and there [...]. The technologies of virtual reality are attempting to make us see from beneath, from inside, from behind ... as if we were God. [...] I must say that cyberspace is acting like God and deals with the idea of God who is, sees and hears everything. (Virilio: Cyberwar)
Die utopischen Diskurse über das Internet leben von der Vertauschung von Metaphorik und Realität. Wiewohl die Utopien jeweils ein bestimmtes, dem Netz vorgängiges Idealbild von gesellschaftlicher Kommunikation haben, wird dieses Idealbild mit dem realen Medium gleichgesetzt. Die Utopien fungieren als quasi-naturalistische Begründungen von Argumentationen, die von verschiedenen Seiten dem Internet eine Wesensbestimmung zueignen wollen. Insofern stellt die gegenwärtige Debatte um die Zukunft des Internet einen Versuch dar, die Utopien der Realität einzuschreiben, also aus dem Netz eine Heterotopie zu machen.

Die ideologischen Implikationen dieses Techno-Utopismus werden nicht nur in einer bloßen Textanalyse sichtbar, die sich u.a. auf das beschriebene Konzept der Heterotopien stützt), sondern auch und besonders, wenn man demgegenüber die materiellen Funktionsweisen des Hypermediums Netz (bzw. der ihm zugrundeliegenden Medien) und dessen Ver-Ortung in den nicht-virtuellen gesellschaftlichen Dispositiven der Macht betrachtet.



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