Utopie und Heterotopie |
Im Gegensatz zu den 'realistischen', pragmatisch umsetzbaren Szenarien der CI - geht es Vilém Flusser um ein utopisches Projekt - um eine radikales Weiterdenken der heutigen Situation bis zu ihrer letzten Konsequenz. Somit werden spezielle technische Fragen irrelevant. Nach eigener Aussage versucht Flusser zu FUTURISIEREN. |
"Um zu sehen, was ist, muß man sehen, was daraus wird, und nicht woraus es geworden ist." (Flusser (1987), S. 39)All seine Projektionen der Zukunft sind also zunächst als kritische Analyse des Jetzt zu verstehen - sie stellen also erst in zweiter Linie eine Zielsetzung für den Aufbruch in eine ganz bestimmte Zukunft dar. | |
| Folgende Charakteristika sind an Flussers Vorgehensweise besonders hervorzuheben: | |
| Textualität der CI-Utopie | Logozentrismus und Etymologie Obwohl er selbst ein "Philosophieren in Bildern" in Aussicht stellt ist Vilem Flusser ganz dem geschriebenen Wort verpflichtet, nicht den mosaikhaften technischen Bildern. So zeigt sich das Werk "Ins Universum der Technischen Bilder" als lineare Kapitelabfolge, die auf ein Ziel - die Darstellung der utopischen Telematik - hinausläuft. Wenn er gesellschaftliche Zustände und Denkweisen analysiert bedient er sich oftmals der Etymologie und seine Theorien basieren auf logischen Beweisführungen (vgl. z.B. die Analyse fascistischer Kommunikationsstrukturen). Es sind dies immer wieder Versuche, die eigentlich wahre Bedeutung aktueller Phänomene aufzudecken, indem er sie einerseits auf ihre Wurzeln in der Sprache zurückführt - oder aber ihre zukünftigen Möglichkeiten - ihre Virtualitäten - zeigt. Seine 'Logik' entspricht damit eher der eines Sprachwissenschaftlers nicht aber der eines Informatikers. In dieser - vielleicht nur als objektiv getarnten - rhetorischen Beweisführung kommt es fast immer zu überraschenden Wendungen, in denen alltägliche Bedeutungen auf ihr Gegenteil begründet werden und so zu sich selbst kommen. |
Botanische Metaphern (Rhizom) Biologismen der CI |
'Gesichertes' Wissen Flusser präsentiert an einigen Stellen seiner Argumentation Letztbegründungen durch Annahme anthropologischer Konstanten - oftmals naturwissenschaftlich untermauert. Biologismen, die denen der CI oder auch dem Rhizom-Konzept verwandt sind finden sich an vielen Stellen in seinem Werk. So wird eine Metapher vom 'Über-Gehirn' besonders bei der Beschreibung der telematischen Gesellschaft herangezogen. Die utopische Kommunikationsstruktur wird u.a. als wünschenswert beurteilt, weil sie eine riesige Abbildung des menschlichen Gehirns darstelle. "Dann erst nämlich würden sie [die Medien] Menschen mit Menschen verbinden, etwa wie die Nervenstränge die Nervenzellen miteinander verbinden. (...) Dies wäre eine Gesellschaft, die wohl am besten ein 'kosmisches Hirn' zu nennen sein müßte. Es wäre eine menschenwürdige (humane) Gesellschaft, denn die dem Menschen eigene Würde ist es ja, Informationen zu erzeugen, weiterzugeben und zu speichern." (Flusser (1985), S. 75)Mit dieser Konzentration auf das Gehirn setzt er eine Trennbarkeit von Körper und Geist voraus, die einem idealistischen Menschenbild entspricht. Vor diesem Hintergrund zeigt sein Entwurf der Telematik auch eine körperfeindliche oder zumindest körpervergessene Gesellschaftsform. Ebenso wie im Bereich des Biologischen macht Flusser auch auf psychologischer Ebene sind unhinterfragt bleibende Annahmen, so z. B. wenn er bei heutigen Mediennutzern grundsätzlich eine hedonistische Grundeinstellung voraussetzt. Auch die der Kybernetik entliehene Vorstellung vom Netz als selbstorganisiertem System bleibt ein Modell, dessen Funktionsweise nicht tiefergehend analysiert wird. Selbstorganisation erscheint hier, trotz der expliziten Ablehnung von 'humanistischen' Werten als Befreiung der Menschheit durch Gleichberechtigung und gegenseitige Anerkennung. |
| Körperfeindlichkeit der CI |
Diese Zielsetzung ist gekoppelt an einen Idealismus, der Information zum höchsten Wert, zum eigentlichen Thema menschlicher Existenz macht. Der Focus auf das Immaterielle macht alles Körperliche zum Problem. Seine Utopie in elektormagnetischer Strahlung immateriell und unvergänglich gespeicherter Information - die im körperlosen Spiel dauernd durch Neukombination geschaffen wird - (vgl. Flusser (1985), S. läßt die Möglichkeit von Wellen-Interferenzen sowie die Störung (bzw. das Vergessen) durch Rauschen außer acht. Hier werden zugunsten einer scheinbar störungsfreien (mythischen) Utopiebildung bekannte naturwissenschaftliche und nachrichtentechnische Kenntnisse ausgeblendet, um dann letztlich nicht nur körpervergessen, sondern auch technikvergessen denken zu dürfen. Eine Einstellung, die Flusser an sich strikt von sich weist. |
| Existenzphilosophie Flusser kommt auf der Basis eines existentialistischen Weltbildes zu seinen Überlegungen. Die Einstufung von Information als höchstes gut ist nicht unbedingt nur kybernetisch fundiert (Stabilisierung des Gesamtsystems durch Vermeidung von Überhitzung), sondern gründet sich auf die Annahme einer an sich absurden Welt. Der Mensch ist gezwungen sich und die Welt zu entwerfen - sich selbst einen Sinn zu geben. Diese Auflehnung gegen die Sinnlosigkeit hat etwas von der Sinnlosigkeit eines Sysiphos, denn die Entropie wächst immer... "(...)der Mensch ist ein Wesen, das gegen die sture Tendenz des Universums zur Desinformation engagiert. Seit der Mensch seine Hand gegen die ihn angehende Lebenswelt ausstreckte, um sie aufzuhalten, versucht er, auf seinen Umstand Informationen aufzudrücken. Seine Antwort auf den 'Wärmetod' und den Tod schlechthin ist: 'informieren'" (Flusser (1985), S. 23)In einer Gesellschaft wie der telematischen, wo man sich aller wirtschaftlichen und medizinischen Probleme entledigt haben wird, wird das reine Philosophieren für alle Teile des Netzes möglich: "Wir sind nicht mehr Subjekte einer gegebenen objektiven Welt, sonder Projekte von alternativen Welten. Aus der unterwürfigen subjektiven Stellung haben wir uns ins Projizieren aufgerichtet. Wir werden erwachsen. Wir wissen, daß wir träumen." (Flusser (1991), S. 157) "Der digitale Schein ist das Licht, das für uns die nacht der gähnenden Leere um uns herum und in uns erleuchtet. Wir selbst sind dann die Scheinwerfer, die die alternativen Welten gegen das Nichts und in das Nichts hinein entwerfen." (Flusser (1991), S. 159) |