Die Kommunikationskrise


bitte laden sie grafiken Flusser sieht die heutige postindustrielle Gesellschaft in einer krisenhaften Umbruchphase - sie ist am Ende ihres schriftbedingten Geschichtsbewußtseins. Die technischen Bilder bestimmen nun die Kommunikationsverhältnisse unserer Informationsgesellschaft.
Die heutige Gesellschaft befindet sich im kommunikativen Ungleichgewicht. Einige wenige zentral positionierte Massenmedien strahlen immergleiche, i.e. entropischen Nachrichten an vereinzelte untereinander unverbundene Nutzer aus. Flusser benutzt für diesen Schaltplan der Kommunikation die Metapher des AMPHITHEATERS.

Bollmann (1996) beschreibt diese Struktur folgendermaßen:
Broadcast-Medien
"Der Sender steht an einem beliebigen Ort im offenen Raum und rundfunkt Informationen in diesen Raum; der Empfänger hingegen empfängt von allen Seiten Informationen, oft ohne daß er sich dahinter einen Sender vorstellt. Dem adressatenlosen Rundfunken auf der Senderseite entspricht auf der Empfängerseite ein Verhalten nicht der Konzentration, sondern der grenzenlosen Zerstreuung. Es herrscht totale Kommunikation bei totaler Kommunikationsunmöglichkeit." (Bollman (1995), S. 22)
Somit erreichen strahlenförmig ausgesandte Nachrichten die vereinzelten, d.h. (in Flussers Terminologie) 'zerstreuten' Menschen.

Nach Flusser ist dieser Gesellschaftszustand FASCISTISCH.
Er leitet diese Benennung etymologisch aus dem Lateinischen FASCES für (Ruten-)Bündel ab. Es sind die Bündel - i. e. gerichtete Strahlen - von Nachrichten, die die passiven Nutzer - z.B. als technische Bilder des Fernsehens - erreichen. (vgl. Flusser (1985), S.69ff)
Es besteht jedoch heute durch die technischen Bilder die Möglichkeit einer Umstrukturierung der Kommunikationsverhältnisse. In der fascistischen Verschaltungssituation sorgen diese heute noch für die 'Zerstreuung' der Kommunikationsteilnehmer. Sie programmieren diese für das 'Immergleiche'

Diese Kommunikate sind grundsätzlich anders zu verstehen als die archaischen Bildflächen und die unseren kalkulierten Bildern mediengeschichtlich vorausgegangenen linearen Texte der Schrift. Der mediale Paradigmenwechsel ist jedoch bisher unerkannt geblieben. Es herrscht Idolatrie im Umgang mit den technischen Bildern. Deshalb ist die ideale Kommunikationsstruktur ist auch nicht zwangsläufige Folge der technischen Entwicklung, sondern impliziert die Möglichkeit ihres totalitären Gegenmodells, also einer ungebrochene Weiterführung der jetzigen Verhältnisse mit anderen Mitteln.
Somit steht die heutige Gesellschaft vor einer moralischen Entscheidung aus zwei Alternativen:
Anti-Politik
"Die Kommunikationsrevolution besteht grundsätzlich in einer Umsteuerung des Informationsstroms. Der öffentliche Raum wird vermieden und wird dadurch fortschreitend überflüssig. Die Informationen werden im Privatraum ausgearbeitet und mittels Kabeln und ähnlichen Kanälen an Privaträume gesandt, um dort empfangen und prozessiert zu werden. Nun hat diese anti-politische Umwälzung zwei entgegengesetzte Schaltpläne gezeitigt. Der Bündelschaltplan, dank welchem einzelne Sender an vereinzelte Empfänger senden, wobei die Empfänger weder über Kanäle verfügen, die sie mit dem Sender verbinden, noch über andere, die sie untereinander verbinden. Konsequent durchgeführt muß dieser Schaltplan zu einer gleichgeschalteten Massengesellschaft führen. (...) Daneben betritt aber auch der oben bedachte Netzschaltplan die Bühne, dessen konsequente Durchführung wiederum die hier gemeinte Informationsgesellschaft zur Folge haben müßte. Jede Futurisierung hängt also letzten Endes von der Entscheidung ab, welchem der beiden Schaltpläne die größere Bedeutung zu geben ist." (Flusser (1995b), S. 19)
Zusammenfassend gesagt ergibt sich die Krisensituation also aus den drei Komponenten:
Welche Chance hat nun die Utopie?
Flusser läßt bestehende Machtverhältnisse, die in der Krise stabil gehalten werden sollen, nicht außer acht. So stellt er auf der einen Seite bei den Rezipienten eine Art Hedonismus fest, der ein konservatives 'Abkommen' zwischen entropischen Bildern und den Bildkonsumenten ermöglicht:
"Der Konsens zwischen Bild und Mensch beruht auf dem Unwillen des Menschen, sich zu sammeln, ebenso wie auf der Absicht der Bilder, die Menschen zu zerstreuen. Das unglückliche Bewußtsein ist aber die einzige Bewußtseinsform überhaupt, denn das Glück ist bewußtlos. Die Leute wollen sich zerstreuen, um bewußtlos glücklich zu werden." (Flusser (1985), S. 73).
Darüber hinaus sind auch die 'Sender' (i.e. Personen und Institutionen) daran interessiert ihren Einfluß zu festigen - ein telematischer Dialog ist aus ihrer Sicht unbedingt zu verhindern.
"Tatsächlich geht es (...) um eine Strategie der Sender, die dialogische Funktion der technischen Bilder den imperativen Diskursen der Sender unterzuordnen. Die dialogischen Netze sollen die diskursiven Strahlenbündel stützen. Es ist dies eine automatische Strategie: Die Sender funktionieren derart, daß alle dialogischen Fäden 'von selbst' so laufen, daß sie die ausgestrahlten Bündel festigen und verstärken." (Flusser (1985), S.88)
Diese Annahme Flussers läßt sich heute für das Internet leicht verifizieren, da sich in den letzen 1,5 Jahren ja gerade die klassischen Medienunternehmen im Internet als Content-Provider engagieren. Diese besetzen gerade noch früh genug das Feld des neuen Mediums, um inhaltlich mitzubestimmen. Wer das Netz betreibt bestimmt letztlich auch die möglichen Strukturen der Kommunikation - i.e. das Verhältnis von Dialogen und Diskursen. Solange es journalistische Meinungsführer und Informationsbroker gibt, die Informationen vorselektieren, braucht der einzelne 'Endanwender' sich nicht am 'kosmischen Dialog' zu beteiligten, sondern empfängt.



weiter:
Telematisches Netz