Rhizome


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Das Baummodell der Kommunikation

Botanische Metaphern
Dem Baummodell von Kommunikation stellen Deleuze/Guattari ein ebenfalls der Botanik entlehntes Modell gegenüber, das nicht so sehr als eine Alternative gedacht ist, sondern als Subversion des hierarchischen Modells: Das Rhizom. Ein Rhizom ist - im Kontext der Botanik - ein Wurzelsystem, das keine Hauptwurzel hat, beispielsweise das Myzel von Pilzen. Deleuze/Guattari verweisen darauf, das selbst ein Baum an sich rhizomorph ist, insofern, als nur im abstrahierenden Modell von einer Kausalität der Beziehungen zu sprechen wäre, tatsächlich dagegen die einzelnen Elemente ein wesentlich komplexeres Beziehungsgefüge bilden. Daraus folgt, daß Kommunikation nicht entweder baumartig oder rhizomorph ist, sondern daß es darauf ankommt, die Baumstruktur als Modell, das rein ideel ist (vgl. Deleuze/Guattari 1980/1992, S.14) aufzugeben und statt dessen eine rhizomatische Beschreibung von Kommunikation anzustreben: Eine rhizomorphe Kommunikation wäre demzufolge eine solche, bei der keine Sender-Empfänger-Struktur angenommen wird, sondern ein System reziproken Austauschs zwischen allen gleichberechtigten Kommunikatoren:
Anders als zentrierte (auch polyzentrische) Systeme mit hierarchischer Kommunikation und feststehenden Beziehungen, ist das Rhizom ein azentrisches, nicht hierarchisches und asignifikantes System ohne General. (ebd., S.36)
Eigenschaften des Rhizoms nach Deleuze/Guattari sind:
[I]m Unterschied zu Bäumen oder ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen beliebigen Punkt, wobei nicht unbedingt jede seiner Linien auf andere, gleichartige Linien verweist. (ebd., S.36)
Telematische
Gesellschaft
Das Rhizom besteht demgemäß nicht aus statischen Einheiten, sondern aus einem heterogenen Gefüge von Konnexionen. Man kann es nicht auf einen Ursprung zurückführen, sondern muß es als Mannigfaltigkeit begreifen. Die Mannigfaltigkeit ordnet sich nicht in Form von Entitäten, sondern in Form von Dimensionen, von Konsistenzebenen, diese sind temporäre Geflechte aus Konnexionen.
IRC-Channels als Konsistenzebenen Die Mannigfaltigkeit wird in ihrer Gesamtheit verändert, sobald sich die Dimensionen verändern oder neue hinzukommen. Im Gegensatz zu einer Struktur, die durch eine Menge von Punkten und Positionen definiert wird, sowie durch binäre Beziehungen zwischen diesen Punkten und durch bi-univoke Verhältnisse zwischen den Positionen, besteht das Rhizom nur aus Linien: aus Dimensionen der Segmentierungs- und Stratifizierungslinien, aber auch der Flucht- und Deterritorialisierungslinie, einer äußersten Dimension, in der die Mannigfaltigkeit, der Fluchtlinie folgend, sich völlig verwandelt und dabei ihre Beschaffenheit verändert. (ebd., S.36) Übertragen auf Kommunikation bedeutet dies, daß nicht mehr von Kommunikatioren und Rezipienten (zwei Punkte mit festgeschriebenen Positionen: Sender-Empfänger), die binäre Beziehungen (in Form von Kommunikaten) unterhalten, die Rede sein kann; vielmehr ist Kommunikation nach diesem Modell ein nicht-abschließbarer Austausch von Information, der sich temporär anordnet, ohne daß diese Ordnung mehr als nur operationalen (d.h.strategischen) Wert hat.
Zensurdebatte
der CI


Senden und
Empfangen
(EFF)


Asignifikanter Bruch als Prinzip des Internet
Besonderes Augenmerk liegt hier auf der Flucht- und Deterritorialisierungslinie: wird die Kommunikation an einer Stelle unterbrochen, etwa durch Zensur, oder ist sie von vorneherein zugangsbeschränkt, etwa durch privilegierten Zugang zu Medien so folgt die Kommunikation im Rhizom anderen Wegen, d.h. Unterbrechung und Zugangsbeschränkung haben keine Auswirkung, Brüche sind asignifikant :
Ein Rhizom kann an jeder Stelle unterbrochen oder zerrissen werden, es setzt sich an seinen eigenen oder an anderen Linien weiter fort. (ebd., S.19)
Weiterhin wird im Rhizom das Prinzip der Kopie außer Kraft gesetzt. Es gibt keine Ursprungsinformation, die durch Kommunikation abzubilden ist, sondern von Interesse ist allein eine operationale Orientierungsform, die aber ständig umgeformt wird: die Karte. Im Unterschied zur Kopie, die eine möglichst identische Repräsentation darstellt, selektiert eine Karte bestimmte Informationen aus dem Abzubildenden. Die Karte kann und wird je nach Situation und Bedürfnis daher verändert und erweitert.
[Ein Rhizom] hat kein organisierendes Gedächtnis und keinen zentralen Automaten und wird einzig und allein durch eine Zirkulation von Zuständen definiert.(ebd., S.36)
Computer und Gedächtnis Es gibt, wie mehrfach gesagt, im Rhizom keine Orientierung auf eine zugrundeliegende Einheit. Dieser Gedanke schließt eine radikale Ephemerität der Kommunikation ein. Die Zustände sind instabil, nur an die jeweils aktuellen Zirkulationen gebunden. Dies entspricht dem Kurzzeitgedächtnis (Random Access Memory) im Gegensatz zum Langzeitgedächtnis (Festplatte oder Read Only Memory):
Das Kurzzeitgedächtnis schließt das Vergessen als Prozeß mit ein; es ist nicht mit dem Augenblick, sondern mit dem kollektiven, zeitlichen und nervlichen Rhizom verbunden. Das Langzeitgedächtnis [...] kopiert oder übersetzt, aber was es übersetzt, wirkt in ihm weiter, aus der Distanz, zur Unzeit, "unzeitgemäß, indirekt. (ebd., S.28)
Californian Ideology Aus all diesen Eigenschaften folgt, daß das Rhizom keine abstrakte Einheit als ideele Vorstellung sein kann, sondern eher der Name für einen Prozeß. Man kann daher strenggenommen nicht von "einem" Rhizom sprechen, sondern nur von der "Rhizomorphizität" von Kommunikation überhaupt. Jedes Rhizom (z.B. ein Buch) ist nicht in sich abgeschlossen, sondern existiert einzig in seinen internen Beziehungsfelderen u.v.a. in den Verhältnissen, die es zu externen anderen Beziehungsfeldern hat (z.B. "der Realität", den Lesern, anderen Büchern etc.):
Ein Buch existiert nur durch das und in dem, was ihm äußerlich ist. (ebd., S.13)
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Utopie
Ein Rhizom existiert nicht als Entität, sondern macht immer schon Rhizom mit anderen Rhizomen. Mit dem Begriff Rhizom-machen verweisen Deleuze/Guattari darauf , daß es auf den Prozeß der Produktion ankommt, nicht dagegen auf die Produkte selbst, die nur ephemer sind:
Es genügt aber nicht zu rufen Es lebe das Mannigfaltige! [...]. Das Mannigfaltige muß gemacht werden [...]. (ebd., S.16)
Insofern aber ist die Theorie des Rhizom keine Utopie, weil eine Utopie immer einen abgrenzbaren, nicht mehr zu verändernden Idealzustand beschreibt. Mannigfaltigkeit dagegen ist der Name für das sich immer schon produzierende Gefüge von Materialitäten, das Kommunikation heißt.


Das Internet ist (k)ein Rhizom
Mannigfaltigkeit statt Individualität und Gemeinschaft

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