Das Internet ist (k)ein Rhizom


Mille Plateaux

Das Rhizom
bitte laden sie grafiken
Internet-Theoretiker greifen gern auf den Begriff des Rhizoms zurück, um Hypertext oder das Internet beschreiben zu können.
Das greift allerdings meist zu kurz: Hypertext als vollkommen rhizomatisches Medium zu bezeichnen, unterschlägt, daß ein Hypertext, wie verschachtelt auch immer, insofern weiterhin ein linearer Text ist, als er von einem Autor ausgeht und als Kommunikat vom Rezipienten nicht mehr zu verändern ist.
Zwar kann ein komplexer Hypertext intern rhizomatisch funktionieren, wenn es keinen Haupttext gibt, sondern alle einzelnen Seiten nicht-hierarchisch mit allen anderen verbunden sind. Auch ist eine Anknüpfung von außen nicht nur in Form von Lektüre möglich, sondern, falls vorgesehen, durch Ergänzung des Textes mit eigenen Kommunikaten oder allgemein durch Verknüpfung des Hypertexts mit anderen Texten:
Der Netz-Navigator oder Cybernaut hat gelernt, sich in der rhizomatischen Flut von Hypertextlinks zurechtzufinden. Er weiß, daß es keinen Ursprungstext, kein 'eigentliches' Dokument gibt, auf das alle anderen Dokumente zu beziehen wären. Er hat durchschaut, daß es auf dem Netz in erster Linie darum geht, aus den vielfältigen und verstreuten Textbausteinen kleine Maschinen, kreative Textgestalten, sinnhafte Komplexe zu formen, die vorher so nicht existiert haben und durch ihn selbst erst hervorgebracht werden müssen. Der netzgeschulte Cybernaut ist dabei zugleich Produzent neuer Hypertexte. Von jeder Reise in den Cyberspace bringt er eine Vielzahl neuer Links, Bookmarks und Hotlist-Eintragungen mit, um diese in seine eigenen Web-Pages zu integrieren. (Mike Sandbothe: Interaktivität und Hypertextalität)
Herrschafts-
wissen
(EFF)

Senden und
Empfangen
(EFF)
Das Werk als Einheit wird hier zwar überwunden, nach wie vor bleibt aber eine Trennung von Produktion und Rezeption bestehen und weiterhin ist alles auf die Herstellung von Einheiten (z.B. der eigenen Web-Page) ausgerichtet.
Technizität der Netz-Kommunikation (EFF)

Es gibt keine Software!?
Vollendet rhizomatisch wäre ein Hypertext aber erst dann, wenn eine Veränderung des bereits vorhandenen Textes ebenfalls möglich wäre, also jeder an der Kommunikation beteiligte an allen Kommunikaten mitschreiben könnte. Also keine Home-Page mehr, sondern nurmehr Myzel-Page-Konglomerate.
Das Internet läßt sich, zumindest in seiner Potentialität sehr einsichtig als Rhizom beschreiben. Allerdings darf man hier nicht vergessen (und das tun die meisten Propagandisten einer virtual reality im autonomen Cyberspace), daß ein Rhizom immer und vor allem durch seine Außenbeziehungen charakterisiert ist. Insofern müßte man die Aussage, das Internet sei ein Rhizom, dadurch ergänzen, daß es nur in der rhizomatischen Verbindung zur "Außenwelt" existiert. Von einer Autonomie der Netz-Kommunikation kann nicht die Rede sein. Einzubeziehen sind z.B. die sozialen Zusammenhänge, in denen das Internet steht (also etwa die politischen und wirtschaftlichen Implikationen, die Hardware des Netzes etc.), sowie die sozialen Beziehungen, in denen die einzelnen Benutzer mit ihrer realen Umwelt stehen (z.B. ihr Körper, ihre lokalen Sozialkontakte, ihr Gebrauch von anderen Medien etc.). Es macht daher keinen Sinn, den sogenannten Cyberspace als Implementierung des Rhizoms zu betrachten. In der Theorie von Deleuze und Guattari sind Medien bloße Mittel, keine Utopien.



retour:
Das Rhizom
Mille Plateaux