Keine virtuelle Demokratie


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Mannigfaltigkeit statt
Individualität und
Gemeinschaft
(Rhizom)

Demokratiekonzept der CI


Verbunden mit der Unhaltbarkeit von Individualität fällt auch das Gemeinschaftskonzept der kalifornischen Ideologie. Die Utopie einer sogenannten elektronischen Agora muß ebenfalls davon ausgehen, daß diejenigen, die sich zu einer handlungsfähigen Gemeinschaft verbinden, tatsächliche Individuen sind. Indem diese Idee sich allein auf ältere Modelle direkter Demokratie stützt, widerspricht sie auch hier der Spezifität computergenerierter/ -basierter Kommunikation. Das Modell der Agora ist ja an die tatsächliche Anwesenheit der Gemeinschaftsmitglieder gebunden; allein die schiere Anzahl der (inzwischen weit über 30 Millionen) Internet-Benutzer, aber vor allem auch die fehlende Einheit ihrer Identität widersprechen diesem Prinzip der Anwesenheit:
Aber selbst wenn eine vollgültige virtuelle Präsenz ermöglicht würde, so wäre das Internet gerade in seiner scheinbar unhierarchischen Anlage unfähig, einen Konsens zu erreichen. Das freie Kommunizieren mit Fremden und Bekannten, die sich unter ihren Namen oder Pseudonymen bekanntgeben oder Phantasiewesen auf die Datenbahn schicken, führt strukturell nicht zum Ziel der Übereinstimmung oder des Bruches, sondern zur beständigen Erweiterung von Varianten. Das Internet bietet keine Möglichkeit einer öffentlichen Meinungsbildung, und ist daher im Kern untauglich, mit historischen Formen der demokratischen Begriffsbildung verglichen zu werden. ( Bredekamp (1996), S.1)
Kolonisierung oder "Westward Ho!" Um diese Inkompatibilität zu verdecken, muß denn auch die Netz-Gemeinschaft mit einer fiktiven Örtlichkeit versehen werden, den bereits existierenden (im Verhältnis zum Gesamtnetz wohl marginalen) "Gemeinschaften", die als "Besiedelungen" an der Grenze zur Wildnis beschrieben werden.
Die Konstruktion einer (vollkommen fiktiven) Gemeinschaft aller Internet-Benutzer richtet sich im Falle John Perry Barlows gegen die existierende Gesellschaft und die in ihr Herrschenden. Er behauptet dabei die vollständige Trennung von Netz-"Gesellschaft" und netz-externer Gesellschaft. Autarkie wird eingefordert gegenüber der bestehenden sozialen Ordnung. Gemäß der liberalen Ideologie soll innerhalb des Internets keine staatliche Kontrolle herrschen, sondern eine interne Selbstkontrolle der Teilnehmer untereinander. Hier zeigt sich ein weiterer Selbstwiderspruch, der aus dem Widerspruch der Utopie mit der Realität des Internet resultiert:
Auf der einen Seite sollen Zugang zum Netz wie Kommunikate im Netz vollkommen frei und gleichberechtigt sein. Zum anderen wird eine Ordnung behauptet, die (wie auch immer definiertes) abweichendes Verhalten sanktioniert :
Where there are real conflicts, where there are wrongs, we will indentify them and addres them by our means (Selbstbeschreibung der EFF)
Auch das ist prinzipiell nicht zu kritisieren, allerdings zeigt sich hier die behauptete völlige Freiheit der Information als bloße ideologische Floskel; denn die Einschränkung der Freiheit einzelner ist nichts anderes als Machtausübung, als die Aufstellung einer internen Gesellschaftsordnung, die nicht zwangsläufig weniger restriktiv ist als die staatliche. Die Selbstkontrolle soll zudem auf technischem Wege geschehen, durch die Vorselektion zu empfangender Kommunikate vermittels maschineller Gatekeeper:
Paedokratie
technological means rather than laws should be employed to allow people to screen themselves from material they do not want, and to prevent acces to such material by their children ( Selbstbeschreibung der EFF, alte Version)
Virtualität und soziale Realität 2

Herrschaftswissen
Die Ordnung der Netz-Kommunikation verschwindet auf diesem Weg aus dem öffentlichen Diskurs in eine Software, die bereits das bloße Auftauchen vom Konsens abweichender Kommunikate verhindert. Auseinandersetzung mit offensive material wird gerade nicht einem herrschaftsfreien Diskurs überlasen, sondern den Programmierern von Zensur-Software-Agenten, die als eigentliche Zensoren mit enormer Machtfülle erscheinen, weil durch die Festschreibung von automatisierten Selektionskriterien diese selbst nicht mehr sichtbar und somit nicht mehr kritisierbar sind.


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Technizität der Netz-Kommunikation