Über die Bedeutung von Werten für die Ruhr-Universität
Der Journalist Rolf-Michael Simon im Gespräch mit Rektor Elmar Weiler über die Bedeutung von Werten für die Ruhr-Universität.
„Werte bilden“ – ist das die Aufforderung, Werte zu bilden oder die Aussage, dass Werten Bildungsfunktion zukommt?
Beides. Werte zu bilden, ist für die Universität eine ganz wichtige Aufgabe. Hier studieren 34.000 junge Menschen, denen wir mehr mitgeben müssen als hervorragendes Fachwissen allein. Insbesondere das Bewusstsein, in der Gesellschaft eine verantwortliche Position einnehmen zu können, die über die individuelle Lebensgestaltung hinaus geht. Und es ist Beschreibung des Zustands, dass Werte bilden.
Zum Beispiel?
Die Universität hat einen Ausbildungsauftrag und einen Bildungsauftrag. Sie muss Sorge tragen, dass neben Fachkompetenz weitere Kompetenzen vermittelt werden: Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Fähigkeit Verantwortung zu übernehmen, für sich und für andere, über den Tellerrand schauen zu können, die eigene Fachdisziplin nicht als Nabel der Welt zu sehen, sondern als Ausschnitt aus dem, was man von der Welt wissen kann.
Im Deutschlandfunk hieß es: „Die Welt der Akademiker (...) und der Universität als deren Bildungsstätte ist eine Welt von gestern. Die Universität verfügt über keine Idee ihrer Bestimmung.“
Die Welt von gestern könnte sich schnell als die Welt von morgen und übermorgen herausstellen. Die Universität als Institution ist 900 Jahre alt und bis heute, wie in Zukunft, die weltweit einzige, die unabhängig von allen politischen, nationalen, religiösen, ethnischen Gegebenheiten daran arbeitet, unser Wissen um die Welt zu vermehren und es zur Wirkung zu bringen, damit die Welt besser wird. Es gibt keine andere Institution, die diese Aufgabe wahrnehmen kann. Die Universität hat den Feudalismus überstanden, den Kommunismus und wird, davon bin ich überzeugt, auch den Kapitalismus überstehen. Das kann sie nur, wenn sie als unabhängig wahrgenommen und wertgeschätzt wird – und deshalb Vertrauen genießt.
Wiederum ein Wert...
Das kann man sagen. Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir in der Verantwortung für die Gesellschaft richtig stehen, wenn wir der Vereinnahmung durch spezielle Gruppen Widerstand leisten. Universitäten sind unabhängige Denk-Institutionen.
Denen aber – institutionell oder in Einzelfällen – vorgeworfen wird, sich der Ökonomisierung zu willig zu beugen.
Die Universität ist durch Steuergelder finanziert, wir müssen mit dem Geld, das der Steuerzahler zur Verfügung stellt, wirtschaftlich umgehen. Verstünde man unter Ökonomisierung jedoch, aus einer Universität ein Wirtschaftsunternehmen zu machen und sie so zu betreiben, beginge man einen schweren Fehler. Die Universität darf sich nicht vereinnahmen lassen.
Die Ruhr-Uni war die erste in dieser Region...
...und der kluge Entschluss, der hiesigen Bevölkerung eine Universität „vor die Nase“ zu setzen, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Der Frauenanteil bei den erstberufenen Professoren lag unter fünf, bei den ersten Studierenden unter zehn Prozent. Die Ruhr-Uni eröffnete neue Bildungschancen in einer Männer- und Arbeitergesellschaft. Heute gilt die Region als eine der dichtesten Hochschullandschaften Europas, aus einer von Kohle und Stahl geprägten Gesellschaft hat sich, ein Stück weit, eine Wissensgesellschaft entwickelt. Das ist nicht abgeschlossen, wird es vielleicht nie. Deshalb behalten die Universitäten ihre Aufgabe in der Region.
Nur mit Blick auf die Bildung?
Natürlich auch darauf, dass das Ruhrgebiet in jüngster Vergangenheit erneut stark durch Einwanderung geprägt wurde. Das gibt den Universitäten hier den Auftrag, auch als Integrationsmotoren zu wirken.
Ein weiterer, besonderer Wert...
Allerdings. Und Aufgabe jenseits der Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte. Die haben, das sei nicht unterschätzt, große Bedeutung für den Wirtschaftsraum. Aber: Integration ist nicht minder unser Auftrag. Und den nehmen wir erfolgreich wahr: Rund 4500 Studierende sind aus über 120 Ländern hierhergekommen und leben auf einem Campus, dessen kosmopolitisches Flair jeder wahrnimmt, der Augen und Ohren offen hat. Das ist eine Welt im Kleinen, hier gehen junge Menschen ganz selbstverständlich miteinander um, unabhängig von Nationalität oder Religion. Wer das praktiziert hat, wird sich danach in der Welt leichter tun, mehr Verständnis für kulturelle Diversität zu haben. Und das schafft Toleranz.
Bleiben Ihre Absolventen in der Region und bereichern diese?
Das ist keine Einbahnstraße. Qualifikationen, die wir vermitteln, fördern auch die Mobilität und setzen junge Menschen in Stand, das Ruhrgebiet zu verlassen; dafür kommen viele, die bleiben. Es ist ein Kommen und Gehen – und dadurch zeichnet sich doch eine Metropole aus. Wir leisten einen erheblichen Beitrag zu dieser Entwicklung im Ruhrgebiet, das einen stärkeren internationalen „touch“ durchaus vertragen kann.
Eine Herausforderung?
Sicher. Für Universitäten ist es nicht so schwierig wie für andere Institutionen – aber selbstverständlich ist es nicht. Deshalb haben wir eine Internationalisierungsstrategie gestartet. Die ist aber nicht auf Zahlen fixiert, sondern ist von einem Leitbild geprägt, beseelt. Es geht um die klassische „universitas“ als Gemeinschaft voneinander und miteinander Lernender. Die kann man nur an Universitäten erleben, die ist in dieser einzigartigen Weise, quer durch alle nationalen, kulturellen und ethnischen Kontexte, nur hier möglich.
„universitas“ rückt bei Ihnen immer stärker in den Fokus. Ein besonderes Kennzeichen der Ruhr-Uni?
Ja, aber kein exklusives. In jüngster Zeit haben viele Universitäten erkannt, dass sie um diesen alten Wert herum aufgebaut sind, der in Deutschland zu verschwinden drohte. In anglo-amerikanischen Ländern gehört die Gemeinschaft von Forschern und Studierenden nach wie vor zum klassischen Universitätsverständnis. Die deutsche Universität wurde, provokant gesagt, nach dem Krieg als Behörde aufgefasst, die möglichst viele Absolventen in möglichst kurzer Zeit zu produzieren hatte. Da durften wir nicht stehen bleiben, und jetzt erobern wir verloren gegangenes Terrain zurück.
Das funktioniert in einer Pendler-Uni?
Für eine Universität der „colleges“, in der Lehrende und Studierende zusammen auf einem Campus leben, ist es einfacher. Bochum ist per Konstruktion eine Pendler-Universität. Das macht es nicht leicht, so etwas wie einen „Lebensraum Campus“ sichtbar zu machen. Aber ich bin sicher, dass das „universitas“-Prinzip letztlich prägend wirkt. Nach kaum 50 Jahren sind wir nicht so weit wie beispielsweise Tübingen, doch die Entwicklung ist angestoßen. Warten Sie die nächsten 50 Jahre ab, dann sind Universität und Stadt so miteinander verwachsen, dass man von einem echten Campus- Quartier sprechen kann.
Sie haben die Trias „menschlich-weltoffen-leistungsstark“ formuliert. Wie schafft man in einer so großen Universität Menschlichkeit?
Indem man sich immer wieder vergewissert, dass es darauf ankommt, alles in der Universität von den Menschen her zu denken, nicht von den Institutionen. Daran muss jeder hart und engagiert arbeiten, muss sich immer wieder klar werden: Handelst du danach – oder dagegen? Unter diesem Aspekt steht alles: Forschungsförderung, Einbeziehung von Studierenden in Entscheidungsprozesse, das Verhältnis der Verwaltung zu Forschung und Lehre.
Der Architektur und der äußeren Erscheinung der Ruhr-Universität wurde oft „Unmenschlichkeit“ vorgeworfen...
Nun, als Baukörper verkörpert die Ruhr-Uni den Aufschwung Deutschlands hin zu einer wieder weltweit Bedeutung erlangenden Gesellschaft, die eine ungeheure industrielle Kapazität schuf... In einer solchen Situation baut man so, aber: Trotzdem ist hier etwas gebaut worden, was überall auf der Welt stehen könnte. Man sieht keine Deutschtümelei, diese Gebäude geben keinen Anhaltspunkt dafür, wo sie stehen. Das empfinde ich als wichtiges architektonisches Zeichen dafür, dass diese Universität ein Welt-Ort ist. Für uns eine sehr gute Basis, unseren kosmopolitischen Auftrag zu erfüllen. Der steckt im Baukörper drin.
Auch wenn alle Gebäude gleich wirken?
Aber das spiegelt doch gerade die Gleichwertigkeit aller hier vertretenen Disziplinen. Gleichwertigkeit aller Wissenschaften, verbunden mit völliger Absenz aller nationaler Anklänge oder Symbole, erleichtert die Arbeit enorm. Diese Universität kann hervorragend kooperieren, es gibt keine nachrangigen Disziplinen, alle sind gleich wichtig. Und alles – vom Baukörper bis zur inneren Verfasstheit – steht unter dem Welt-Aspekt. Wohlgemerkt, wir sind kein Element der Globalisierung, sondern ein Abbild der Welt im Kleinen. Mit allen Problemen, vor allem aber aller Vielfalt.
„Weltoffen“ steht für Ihre Langzeitplanung, die systematische Internationalisierung. Auch „Globalisierung“?
Weltoffen ist doch der genaue Gegensatz zu Globalisierung. Die will als Prozess alles gleich machen. Die so genannte Weltgesellschaft, die vom Angebot in Supermärkten über die Mode bis zur Verfasstheit der Staaten völlig ununterscheidbar wird, ist für die meisten wahrlich nicht attraktiv. Zivilisation lebt von Vielfalt, wir lassen diese Vielfalt herein, wollen kulturelle Unterschiede nicht einebnen, sondern ein produktives, pluripolares Spannungsfeld schaffen. Erst aus dem Diskurs von Menschen miteinander entstehen neue Erkenntnisse und vor allem Verständnis für andere Menschen. Weltoffenheit ist direkter Ausfluss von „universitas“ – das gehört zusammen.
„Leistungsstark“ schließlich. Ein Widerspruch zu Zeiten, da Hochschulen „unzulässige Niveaupflege“ untersagt wurde, „Leistung“ unter Generalverdacht stand?
Was macht diese Gesellschaft stark? Ich denke, an die Stelle materieller Werte muss die Bedeutung von Wissen, von Erkenntnis, von Mündigkeit treten. Weltweit wird immer klarer, dass es so wie bisher nicht weitergehen darf. Und nur Universitäten, davon bin ich überzeugt, können Orte sein, an denen eine nachhaltige Gesellschaft von morgen konzipiert wird. Dazu gehört auf jeden Fall Leistung, aber die darf sich nicht in „Schneller-Höher-Weiter“ erschöpfen. Das führt nur zu Doping. Nein, Leistung verstanden als Freude am Neuen, Freude am Anderen, Freude daran, einen Beitrag zu „leisten“, der Dinge voranbringt. So gewinnt Leistung einen anderen Charakter und eine Massenuniversität wird zu einer enorm „leistungs“-fähigen Einrichtung. Hätte ich nur 3000 Studierende, hätte ich nur 3000 Talente. Aber es sind 34.000 – und so auch 34.000 Talente. Wenn die lernen, zusammen etwas zu machen, eröffnen sich ungeahnte Chancen, werden diese vielen zu Garanten, dass die Universität Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen kann. Mit 34.000, die sich einbringen, kann man etwas erreichen – mit drei, vier oder fünf niemals.
