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CAMPUS|PIRATEN
Gestrandet 24 (28. November 2008)

Hier schon mal ein paar Impressionen...

Sarah Schmidt
Julia Sandforth


Sarah Schmidt
Carsten Marc Pfeffer


Sarah Schmidt
Uli Schröder


Sarah Schmidt
Das Publikum



VOLL|AUF|REGEN
Gestrandet 23 (24. Juni 2008)

Literweise Adrenalin floß bei der dreiundzwanzigsten Gestrandet-Ausgabe über unsere Bühnenplanken: Unter dem Motto "VOLL|AUF|REGEN" kehrte Treibgut am 24. Juni 2008 wieder ins KulturCafé an der Ruhr-Uni zurück und präsentierte mit der Taz-Kolumnistin, Literatin und Satirikerin Sarah Schmidt aus Berlin sowie dem Bochumer Comedy-Künstler und Autor Thorsten Krawinkel, den wir bereits zum dritten Mal bei uns begrüßen durften und dessen Beiträge diesmal von der Saxophonistin Kristina Mohr umrahmt wurden, wieder einmal einige illustre Gäste. Da jedoch eine meteorologische Auslegung des Mottos an diesem lauschigen fußballfreien Sommerabend definitiv entfiel, zählten wir bei der Lesung trotz Spielpause der EURO 2008 (weswegen wir auf einen Dienstag ausweichen mußten) diesmal nur 25 zahlende Gäste im KulturCafé. Während der abschließenden Offenen Bühne dagegen verdoppelte sich die Zahl der Zuhörer etwa, zumal wir bei dieser Kooperationsveranstaltung zusammen mit der Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung (bsz) noch eine Menge zu feiern hatten: Der auf die Lesung folgenden dramatischen Enthüllung der 750. Ausgabe der seit 1967 herausgegebenen, ältesten kontinuierlich erscheinenden Studierendenzeitung der Republik durch Ex-Redakteur Heiko Jansen schloß sich ein gefeiertes Konzert des Bochumer Rockquartetts Sun4Night sowie eine anschließende DJ-Party an...

Sarah Schmidt eilt stets der Ruf als "weibliche Berliner Antwort auf Woody Allen" (Kathrin Kuna, DUM) voraus, was sie allerdings keineswegs unkommentiert lassen wollte: "Das ist halt so was, das Leute über Bücher schreiben." In ihren unterhaltsamen, witzigen Texten erzählt sie von sehr authentisch charakterisierten Heldinnen und Helden des Alltags sowie ihren Verstrickungen, in denen sich der/die eine oder andere zweifellos wiedererkennen dürfte. Besonders zeichnet ihre Charaktere ein ansonsten eher für avantgardistische Kunstströmungen typisches "total involvement" aus, das eine dritte assoziative Auslegung unseres Mottos nahelegt: sich vollauf regen... Zudem sind ihre Texte wunderbar witzig und entbehren auch nicht der einen oder anderen politischen Chiffre: Ob durch die grandiose satirische Skizze einer schicksalhaften Begegnung der Protagonistin in der Discounter-Kassenschlange am Potsdamer Platz mit dem konservativen Hardliner Friedrich Merz, dessen fortwährende Anwesenheit in Berlin als "Beleidigung für die Stadt" bezeichnet wird, oder mit skurrilen literarischen Gestalten wie reaktionären Hauswarten oder Männern über 30, die immer noch mit ihrer Mutter zusammenleben - Sarah Schmidt läßt die Lachmuskeln des Auditoriums gekonnt erzittern und regt zur Reflexion der Verhältnisse in der "Berliner Republik" an.

Sarah Schmidt

Sarah Schmidt

Nach der Pause liest die Gastautorin aus ihrem 2007 im Berliner Verbrecherverlag erschienenen Kurzgeschichtenband Bad Dates. Ihre Auftaktstory nach der "Halbzeitpause" knüpft direkt an den letztjährigen G8-Gipfel in Heiligendamm und eine völlig verfehlte, postkoloniale Entwicklungspolitik gegenüber den afrikanischen Ländern an: "Daß die Kanzler, Präsidenten und sonstigen Staatsoberhäupter sich […] so verhalten wie Vierjährige, die hinterrücks geklaute Sandförmchen nicht zurückgeben, ist unfaßbar und fordert geradezu dazu heraus, [...] sie mit einer Schandmütze in den Keller zu stellen." Ein Hauch von kultureller Kolonisierung haftet auch einer Autorenlesung im Hinterzimmer einer Berliner Vorstadtkneipe an, welche die Protagonistin beim Lesen am Tresen im Rahmen einer Stadtteilkulturaktion zu durchstehen hat. Was da wohl noch im Rahmen der "Kulturhauptstadt 2010" auf das Ruhrgebiet zukommt... Neben dem "Grillverbot im Tiergarten" kommt auch das "beknackte Rauchverbot", das in Berlin ab Juli 2008 ohne Ausnahmeregelung gelten sollte, bei Sarah Schmidt nicht ungeschoren davon - beschlossen ausgerechnet unter Beteiligung von Ex-Alternativen im Berliner Senat, die sich ihren Kopf heutzutage über die "Volksgesundheit" zerbrechen: "Ihr seid mir schon echte Idioten..."

In eine ähnliche Kerbe schlägt das Bochumer Pendant zur Berliner Motto-Variation des vollen Aufregens: Mit Beiträgen aus seiner noch unveröffentlichten Textsammlung Am besten, ich dreh' durch ergänzt Thorsten Krawinkel, der neben seinem satirisch-literarischen Schaffen als Kabarettist, Akrobat und Comiczeichner tätig ist, seine Kollegin aus der Hauptstadt hervorragend und trägt auf seine ganz eigene, unhektische Art Beobachtungen der "kleinen Dinge des Lebens" vor. Künstlerisch zugespitzt werden seine Pointen in alltagsparodistischen Texten wie "Thekeneinmaleins" oft durch gekonnten Wortwitz. Andere funktionieren auch als Klassiker-Parodie und arbeiten sich an den (Un-)Tiefen Goethescher Poesie ab. Dies knüpft nahtlos an einen seiner Beiträge in unserer 2007 erschienenen Anthologie Treibgut - 42 Spuren am Strand an. Auch reichlich Lokalkolorit läßt Thorsten Krawinkel einmal mehr nicht vermissen, wenn der Rezipient etwa "tief in den kulinarischen Untergrund" oder auch "in den gastronomischen Anti-Himmel" des Bochumer Bermuda-Dreiecks geführt wird...

Thorsten Krawinkel

Thorsten Krawinkel

Zudem darf ein literarisches "Geständnis" nicht fehlen: "Alle Dinge sind ihrem Wesen nach LEER." Zuweilen selbst Kaffeeautomaten... Die symbolhafte Aufladung scheinbarer alltäglicher Belanglosigkeiten und ihre Stilisierung zur existentiellen Bedeutungsschwere macht Thorsten Krawinkels Texte aus. Hinzu kommt sein brillantes Spiel mit der Sprache in Texten wie "Rauschen", wo der permanente Zeilensprung zum Stilmittel zur semantischen Verkettung unterschiedlicher Sinneinheiten wird. Dann wieder wird das Umfallen eines Sacks Reis zum Auslöser für einen folgenschweren Nuklearunfall mit weltweiter Tragweite, bevor in einem weiteren Text gnadenlos die weltweiten Finanzmärkte zusammenbrechen. Aus der Keimzelle des scheinbar Alltäglich-Irrelevanten erwächst immer wieder plötzlich und unerwartet globale Relevanz - grandios!

Thorsten Krawinkels verschmitzter Witz und Charme verschmilzt auf der Bühne zudem mit dem Saxophonsound seiner musikalischen Begleiterin Kristina Mohr, die jeweils vor und nach seinen Parts auftritt, zu einer gelungenen Melange, mit der das Duo das Publikum immer aufs neue gewinnen kann.

Kristina Mohr

Kristina Mohr

Auf der Open Stage setzen am Ende Christoph Nitsch und Jörg Schönewerk mit bissigen Satiren explizit politische Akzente, die zudem eine Brücke zum Veranstaltungsprogramm des zweiten Kooperationspartners dieses Abends, dem AStA-Referat für Kritische Wissenschaft mit seiner Vortrags- und Diskussionsreihe PolDi (Politischer Dienstag) schlagen. Routiniert moderiert wird die Offene Bühne einmal mehr von Treibgut-Autor Christoph Villis, der Uli Schröder nach der Pause als Moderator ablöst.

Christoph Villis

Christoph Villis

Christoph Nitsch, der mit seiner Politsatire "Auf Sparflamme" wie Thorsten Krawinkel in unserer Textsammlung 42 Spuren am Strand vertreten ist, steuert an diesem Abend wieder eine Menge Politisch-Satirisches bei. Seine drei ersten Texte reichen von einer Fußballsatire mit dem tiefironischen Titel "Schwarz-rot-geil" ("Oh Deutschland, wie herrlich deutsch klingen die Namen deiner Helden: Odonkor, Podolski, Neuville") über den klischeehaft-stereotypen Umgang mit dem "Islamisten", der niemals schläft, bis hin zur Vorstellung des vermeintlich typischen erweiterten Profils Sauerländischer und Alpenländischer "Konvertiten" als Repräsentanten einer neuen Terror-Generation aus der Perspektive der "Erste Erfolge" vorstellenden Generalbundesanwaltschaft. Sein Vortrag kulminiert im Text "Hartz-Hunters", wo die Unmenschlichkeit großkoalitionärer "Sozialpolitik" in offene staatliche Gewalt gegen sozial Deklassierte umschlägt.

Christoph Nitsch

Christoph Nitsch

Mit einem relaxten "Moin" begrüßt Jörg Schönewerk das Publikum am bereits fortgeschrittenen Abend, bevor er direkt zu ernsthaften satirischen Themen überleitet: In "Staatliche Willkür" nimmt er die viehstallgleichen "Raucherzonen" auf den Bahnsteigen des (Noch-)Staatsunternehmens Deutsche Bahn AG und das "Diktat des militanten Nichtrauertums" aufs Korn. Im Anschluß daran stellt er der Sozialdemokratie anläßlich der literarischen Begegnung mit einem leibhaftigen Sozi die Existenz(berechtigungs)frage. In seinem letzten - für einen Kurztext etwas lang geratenen - Beitrag geht er satirisch auf die Korrelation zwischen kapitalistischem Konkurrenzkampf und biologisch motiviertem Entenhickhack auf dem Stadtteich ein.

Jörg Schönewerk

Jörg Schönewerk

Alles in allem ein runder, gelungener Abend, für den wir uns herzlich bei allen Akteurinnen und Akteuren bedanken möchten!

Uli Schröder


Nach der Treibgut-Lesung ist vor der Bsz-Party...


Heiko Jansen...

Heiko Jansen...


...und seine Verwicklungen...

...und seine Verwicklungen...


...bei der bsz-Enthüllung

...bei der bsz-Enthüllung


Bsz-Ausstellung

Bsz-Ausstellung


...mit wunderbarem Fusion-Funk-Rock

Sun4Night

Sun4Night


Infos zu den Künstlerinnen des Abends gibt's im Netz unter:
www.sarah-schmidt.de
www.saxofool.de
www.myspace.com/Sun4Night

Kooperationspartner bei Gestrandet 23:
www.asta-bochum.de/Kritische-Wissenschaften
www.bszonline.de

Das Bildmaterial wurde freundlicherweise von der freien Journalistin und bsz-Redakteurin Eva Rendl zur Verfügung gestellt.



"Monster, Maden, Punk-Musik"
Gestrandet 22 (11. Januar 2008)
studio 108 (neben dem Bahnhof Langendreer)

Nagel

"Ich könnte es nicht ertragen, morgens beim Frühstück zu erfahren, dass ich etwas verpasst habe!" (Wo die wilden Maden graben)

"Scheiß auf die 100… Hundert ist Mainstream - 99 ist cool!", ruft uns Nagel nach der Lesung über die Pullen auf dem Kneipentisch hinweg zu. OK, neunundneunzig vertickte Tickets müssen reichen - schließlich war es ja auch kein Konzi. Aber dennoch hätte Treibgut als Veranstalter der von der Stadt Bochum sowie dem Literaturbüro Ruhr gesponserten 22. Gestrandet- Veranstaltung mit den schreibenden Bandleadern Nagel (Muff-Potter) und Lee Hollis (Spermbirds, Steakknife) am 11. Januar im Bochumer studio 108 (Bahnhof Langendreer) eine dreistellige zahlende Zuschauerschaft verdient, was auch der VISIONS-Bericht vom 31.1. (VISIONS Weekly Nr. 57) belegt. Der einzige NRW-Stop im Rahmen der aktuellen Tour der beiden Masters of Spoken Punk Nullacht läßt sich mit einem Wort beschreiben: bombastisch!

Auch wenn Nagel beharrlich versucht, mit dem Klischee aufzuräumen, er sei "der Henry Rollins des Ventil-Verlags", beweisen die eindrucksvoll performten Auszüge aus seinem aktuellen Romandebüt Wo die wilden Maden graben (Ventil 2007) eher das Gegenteil. Bildhaft-ironisch führt er die alltäglichen Torturen einer Band-Tournee vor Augen, die abrupt mit euphorischen Phasen wechseln: So fühlt sich der Ich-Erzähler "wie ein Akku im Ladegerät", wenn die Sonne auf einem Autobahnrastplatzstop zwischendurch mal "in Strömen" scheint. Schon nach den ersten Zeilen springt der Euphorie-Funke dieses Post-Punk-Romans auf das begeisterte Publikum über. Aufgelockert durch eine videogebeamte (gewollt) schlechte Tattoo-Show und tagesaktuelle Polit-Polemik illustriert Nagel das tückische Wechselbad von Pop-Star-Kult und Tourbus-Lethargie. Abgerundet wird sein Part durch einen unplugged geklampften Partysong, dessen Nonchalance überraschenderweise ganz entfernt an Tocotronic erinnert.

KØPI BLEIT

Schließlich berichtet Nagel noch über den Kampf zum Erhalt des autonomen Berliner Kulturzentrums Köpi, um vor dem Hintergrund eines bizarren Grafittos zur drohenden Räumung nahtlos zu Geschichten über das real existierende Rauchverbot sowie die Schwierigkeiten eines Grenzübertritts in die Schweiz überzugehen...

Bombadiert Berlin

Vor 'bombastischem' Werbeschriftzug (Berlin Hbf) setzt Nagel Lee Hollis' 'Strategy for victory' unplugged um

Doch Kapitulation ist an diesem Abend nicht angesagt, zumal es nun an Lee Hollis ist, voll durchzustarten mit Auszügen aus seinem brandneuen Werk Strategy for victory (Ventil 2008): "I've been involved in the punkrock for a thousand years", beginnt Lee seinen Vortrag mit einem monumentalen historischen Überblick über nicht nur künstlerisch, sondern auch real tausendfach zelebrierte Punkrock-Anarchie als Lebensgefühl: "Everything I tell you tonight is true..." Zunächst gibt er drei "puke-stories" zum besten, von denen sich die dritte mit der Bewältigung seiner Vergangenheit als GI ("I was protecting you from communism") befaßt, um dann wieder als guter alter Hardcore-Punk satirisch mit minoritätsfeindlicher Unkultur in den Südstaaten der USA nicht zuletzt auch musikgeschichtlich abzurechnen: "The only sweet thing about Alabama is leaving it…" Neben obligatorischem Haß auf elterliche Spießigkeit - "I actively hated my parents" - gehört systematisches Anspucken der sozialen Umwelt als vermeintliches Zeichen von Wertschätzung zur Strategy for victory des Protagonisten. Daß dies auf dem schwierigen Terrain zwischenmenschlicher Beziehungen nicht immer geradlinig zum gewünschten Erfolg führt, versteht sich von selbst...

Das "beschissene Rauchergesetz" ist für Lee Hollis der Aufhänger zum letzten Teil eines zunächst musikalisch performten Parts über von Nick Cave geklaute Sklavenlieder aus Alabama, gefolgt von einem spektakulären Intermezzo zu Tornados, die über Häuser hüpfen und deren Bewohner verschonen. In jedem Fall sei es wichtig, sich immer vor Augen zu halten: "Not every problem is the coming of the apocalypse - so breathe deeply and relax!" Das Ganze kulminiert schließlich im elementaren anarchischen Imperativ "Smoke!" sowie in einem Hausverbot für den Protagonisten - das Lee Hollis im Bahnhof Langendreer jedoch niemals bekommen wird, denn sein wunderbar relaxter Auftritt wird noch lange in bester Erinnerung bleiben!

Uli Schröder

Infos zu Nagel und Lee Hollis gibt's im Netz unter:
www.ventil-verlag.de

"StrandSpurenLese"
Gestrandet 21 (22. November 2007)

Alles Treibgut in Reichweite unserer Hände muß als Niederschlag unserer Wünsche gelten. (André Breton)*

Mit diesen Worten eröffnet und schließt Christoph Villis die zusammen mit Denise Schynol moderierte 21. Gestrandet-Ausgabe im Uni-KulturCafé, bei der die ultimative Buchpremiere ins Haus steht: Denn dieses Breton-Zitat ist auch dem Vorwort der aktuell im Duisburger Universitätsverlag Rhein-Ruhr erschienenen Anthologie Treibgut. 42 Spuren am Strand vorangestellt, wo nicht nur (die ersten) fünf Jahre Literaturarbeit auf dem Campus der Ruhr-Universität dokumentiert sind. Vielmehr enthält die Anthologie vor allem zahlreiche Texte von insgesamt 42 Autorinnen und Autoren, die während dieses halben Treibgut-Jahrzehnts 2002 - 2007 auf unserer Wortinsel gestrandet sind. Auch will der Moderator der StrandSpurenLese den etwa 70 Gästen im vollbesetzten Café keinen der 42 VerfasserInnennamen vorenthalten. Neben dem diesjährigen Bachmannpreis-Teilnehmer und Headliner dieses Abends, dem derzeit in Berlin wohnenden ehemaligen RUB-Studenten Jörg Albrecht sowie Frank Goosen (Literaturpreisträger Ruhrgebiet 2003) sind dies (in der Reihenfolge ihrer Beiträge im Buch): Björn Kern, Thomas Tonn, Marcus Jensen, Martin Becker, Christoph Manfred Müller, Carsten Marc Pfeffer, Karin Krick, Sven Neidig, Joschka Haltaufderheide, Denise Schynol, Daniel Steinbach, Christoph Villis, Julia Sandforth, André Dinter, Ben Bosch, Christoph Nitsch, Jonas Jahn, Matthias Penzel, Linus Volkmann, Karin Bellmann, Oliver Uschmann, Jürgen Wiersch, Thomas Schlick, Matthias Schamp, Stephan Belka, Anna Zygiel, Kerstin Schneider, Thomas Schindler, Michael Steffens, Thomas Vieth, Pascal Scheffels, Farhad Ahmadkhan, Corinna Reuter, Michael Weins, Patricia Vohwinkel, Manfred G. Burgheim, Volker Wendland, Jan Off, Thorsten Krawinkel und Uli Schröder sowie Nachwort-Verfasser PD Dr. Ralph Köhnen.

Den künstlerischen Auftakt der StrandSpurenLese markiert der Autor des letzten literarischen Anthologie-Beitrags mit einem Text, der ähnlich (überwachungs-)technologiekritische Züge trägt wie sein satirischer "Abschließer" in den 42 Spuren am Strand: In Anspielung an die Replik "Wir müssen uns die Schädeldecken aufbrechen und einander die Gedanken aus den Hirnfasern zerren" in der Eingangsszene von Georg Büchners Dantons Tod entfaltet Uli Schröder in seiner FirmenKontaktMessenSatire namens "Inaktiva" ein beunruhigendes Szenario neurobiologischer Hybris und erzählt zugleich eine finstere Weihnachtsgeschichte: Indem der Protagonist bei der im Atombunker der Ruhrstadt-Akademie stattfindenden Schlafforschungsmesse als Testperson an den HIRNPORT gekoppelt wird, werden Teile seines Langzeitgedächtnisses gelöscht - einschließlich sämtlicher Schlüsselinformationen über das Fest der Liebe...

Die prominentesten Gäste bei Gestrandet 21 werden dann von der Inspiratorin für das Hauptprogramm der StrandSpurenLese vorgestellt: Denise Schynol präsentiert das Duo phonofix, alias Jörg Albrecht und seinen musikalischen Begleiter phon°noir, alias Matthias Grübel, mit ihrem einstündigen Programm Drei Herzen_Live. Mit seiner "an Leistungssport grenzenden, atemverschlagenden Performance" schlägt das Duo mit einer "speziellen Mischung aus Klang und Wort, Musik und Text" vor dem Hintergrund der Leinwandprojektion einer jahreszeitlich changierenden Landschaft das Publikum in seinen Bann - nicht ohne jedoch auch diverse Irritationsmomente zu setzen, wenn Jörg Albrecht etwa ein Megaphon zur Hand nimmt, um unvermittelt das Medium zur Übermittlung der literarischen Botschaft zu wechseln.

Jeder Film fängt irgendwann an - jeder Film hört irgendwann auf

Am Anfang der multimedialen Performance ist nur das Rattern eines Filmprojektors zu hören, wie man es von Super-8-Vorführungen aus den 60ern und 70ern kennt. Dann die Stimme des Autors, gefolgt von eingespielten Elektrobeats. Zurück in den Katastrophenwinter des Jahres 1978: "78 Stunden Schnee." Synästhetische Eindrücke und repetitive Soundschleifen werden mit literarisierter Historie angereichert, was wiederum in der Beschreibung einer familiengeschichtlichen photographischen Momentaufnahme kurz vor dem Tode der Großmutter des Protagonisten auf den "Neuronen der Netzhaut" zusammenfließt: "Keine Explosion, keine Detonation - nur ein elektrischer Blitz […]."

Was bleibt? Umschalten. Umschalten mit der bereitliegenden Fernbedienung zu einem "zeitlose[n] Sommer, in dem alle Bilder zusammenfallen." Die Synästhesie geht zugleich mit multimedial inszenierter Synchronie einher; der auf die Leinwand im Hintergrund projizierte kahle Baum treibt nun Knospen, und die Bühne avanciert zur Zeitmaschine: Aus dem Winter '78 wird der April '68. Die Geschichte des Kennenlernens der Eltern des Ich-Erzählers überkreuzt sich mit erlebter Geschichte am Vorabend des Attentats auf Rudi Dutschke, kombiniert mit einem photographiehistorischen Querschnitt seit der Entwicklung des Super-8-Formats drei Jahre zuvor. Möglicher rezeptiver Verstörung wird per Megaphon vorgebeugt: "Keine Sorge, das ist nur Rückblende, das ist nur erzählt - nicht mehr", wird das Publikum beruhigt.

Hinter der Linse ist immer noch eine Linse - und was ist darin zu sehen?

Im Anklang an das platonische Höhlengleichnis, das die Condition humaine in ihrem Bemühen beschreibt, das eigentliche Sein zu erkennen, thematisiert Jörg Albrecht das Problem der Wahrnehmung und der damit verbundenen Relativierung jeglicher Erkenntnisgewinnung. Minutenlang fällt kein Wort - nur die wunderbaren elektrischen Baßgitarrenklänge von Matthias Grübel plätschern über die Wortinsel. Dann wiederum der Versuch, individuell Erfahrenes literarisch mit erlebter Geschichte zu korrelieren. Verstörende Details von Dutschkes Verwundung werden mit physischen wie psychischen Befindlichkeiten des Protagonisten verknüpft, bevor abrupt umgeschaltet wird ins Jahr 1972. "Bluten" wird immer mehr zum Leitmotiv. Immer wieder die assoziative Überlappung des Privaten und Politischen, ein nunmehr beschleunigter ständiger Wechsel zwischen subjektiver Sinneswahrnehmung und realem Geschehen, unterlegt mit elektronischen Soundeffekten und imitierten Alltagsgeräuschen.

Irgendwo läuft doch immer eine Kamera.

"Lichtblitze im Blitzkrieg." Und dann: "Einfach durchdrehen." Filmgeschichtlich wird "das amerikanische Versprechen" als vermeintliches "Verbrechen" entlarvt: "Es ist so: Erst passiert die ganze Zeit nichts - und dann stirbt jemand." Immer mehr erzählte Bilder werden immer schneller übereinandergeblendet. Die Sätze beginnen zu versagen: Ein immer sprunghafteres Zappen in Zeit und Raum überspült die Wortinsel. Bis zur Grenze des Aufnehmbaren. Bis der Film nach 57 Minuten reißt.

*****

Vor der Pause steht noch einelavender besondere Würdigung eines langjährigen Weggefährten an: Stellvertretend für die zahlreichen Personen und Institutionen, die Treibgut unterstützen, erhält Hüseyin Bali, Geschäftsführer des KulturCafés der Ruhr-Uni, ein signiertes Exemplar der 42 Spuren am Strand. Die Offene Bühne eröffnet wenig später der Bochumer Autor Thomas Vieth mit seinem minimalistischen Kurzprosatext Riechenspielen, der die Zuhörer mit allen Sinnen in eine Essener Nachkriegsjugend samt Abenteuerspielen auf Trümmergrundstücken zurückversetzt. Danach begeistert die Duisburger Krimi-Autorin Patricia Vohwinkel mit der - für ihr Schreiben eher untypischen - formal sehr anspruchsvollen und kunstfertigen Ballade Filia ignis das Publikum, wo ein gebranntes lyrisches Ich die Narben des Lebens besingt. Darauf folgt eine dreiteilige Werkcollage von Treibgut-Urgestein Karin Krick, deren klingende existentialistische Lyrik die Wortinsel wie in den Tagen der Treibgut-Gründung bereichert. Im Sinne des Schlußverses ihres letzten Textes wünscht Karin allen Anwesenden, daß sie immer die Kraft haben mögen, an ihre Träume zu glauben: "Abschied ist, was Anfang gibt."

Abgerundet wird Gestrandet 21 mit zwei wunderbar witzigen, erfrischenden Beiträgen des Bochumer Künstlers Thorsten Krawinkel: Mit seinem augenzwinkernd-ironischen metaliterarischen "Gebet eines jungen Schriftstellers aus der Nähe von Dortmund" sowie seinem über das Winterdunkel mit lässigen Versen hinwegtröstenden Gedicht "Frühling" sorgt er für einen euphorischen Schlußapplaus und macht Lust auf mehr davon - vielleicht ja bei Gestrandet 23...

* zitiert nach Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde. Hamburg: Edition Nautilus 1990, S. 76

Ulrich Schröder

Infos zu phonofix bzw. Jörg Albrecht und Matthias Grübel gibt's im Netz unter:
www.phonofix.de
www.fotofixautomat.de
www.phononoir.de

"Schönheit des Scheiterns"
Gestrandet 20 (28. Juni 2007)

Fünf Jahre Treibgut und kein Ende: Das wurde am 28.6. im mit über 60 Gästen fast bis auf den letzten Platz besetzten Uni-Kulturcafé gebührend gefeiert. Nicht nur mit dem auch im Punk-Business einschlägig bekannten Literaten Jan Off (Angsterhaltende Maßnahmen, Ventil Verlag 2006), der für diesen Abend aus Darmstadt ins Ruhrgebiet pilgerte, sowie der in Berlin lebenden Autorin Kirsten Fuchs (Die Titanic und Herr Berg, Rowohlt 2005) konnte Christoph Villis als souveräner Moderator einige Highlights der 20. Gestrandet-Lesung präsentieren: Auch die Bochumer Autoren Carsten-Marc Pfeffer und Ulrich Schröder wurden vom enthusiastischen Publikum mit reichlich Applaus belohnt, so daß dieser Abend alles andere war als ein grandioses Scheitern...

Nach Christoph Villis' vielversprechender Anmoderation dieses facettenreichen Abends hielt aber zunächst die unermüdliche Organisatorin und "Traditionsbewahrerin" Denise Schynol Rückschau auf ein halbes Jahrzehnt auf unserer Wortinsel gestrandeter "Literatur aus dem verschollenen Leben" zwischen sarkastischem Underground und popliterarischem Mainstream, nicht selten mit einschlägigem Musikbezug. Dann schlug der "immer exzellenteren" Ruhr-Universität satirisch die Stunde, als Ulrich Schröder die Bühne enterte und den Abriß der G-Gebäude und ihre baldige Ersetzung durch einen Golfplatz proklamierte, welcher jedoch durchaus als Chance zu begreifen sei: Seitens der Betreibergesellschaft werde sämtlichen Ex-GeisteswissenschaftlerInnen eine dauerhafte Weiterbeschäftigung in der Golf-Anlage des Exzellenzzentrums auf 1-Euro-Basis bis zum 67. Lebensjahr in Aussicht gestellt... Somit hätten die RUB-Angestellten beste Chancen, irgendwann einmal als In die Jahre gekommene Kassenpatienten zu enden - so der Titel eines brillanten Stücks Literatur des Bochumer Autors Carsten Marc Pfeffer. Die intensive Ausstrahlung seines Vortrags nimmt wie immer das vielköpfige Publikum gefangen, das gebannt dem "langen Marsch durch die Institutionen der ewigen Verdammnis" und der hypochondrischen Tortur seines Ich-Erzählers lauscht: "Nur der eingebildete Kranke vermeint den Schmerz wirklich zu verstehen..." Auch reflektiert Pfeffer die - zuweilen mangelnde - Fähigkeit zu lieben sowie die Qualen des Protagonisten, die nicht nur dem wiederkehrenden Trauma des miterlebten Unfalltodes der Freundin geschuldet sind, sondern nicht zuletzt auch in der Lektüre von Thomas Manns Zauberberg bestehen können.

"Ganz groß", sagt Jan Off einfach nur zu Carsten Marc Pfeffers Text, nach welchem "eigentlich erstmal eine halbe Stunde Pause" sein sollte - doch es müsse eben weitergehen, getreu dem Motto "Kunst muß wehtun". In seinem zunächst als Punkrock-Satire daherkommenden Dilettanten unterwegs nach nirgendwo aus der Reihe Mein größtes Waterloo beschreibt Jan Off die tragisch-komischen Gehversuche einer Chaos-Kapelle und deren Sex'n'drugs-Bekenntnis beim dilettierenden Slime-Covering nach der Maxime: "Versuchen wir, die Erinnerungslücken möglichst groß zu halten..." In rotes Licht getaucht und von der obligatorischen Kerze auf dem Gestrandet-Lesepult erhellt, berichtet Off jedoch nicht allein vom Scheitern jener Band, die nicht mal vor der Tür zum Vorzimmer des Erfolges steht. So wird nicht nur sehr plastisch beschrieben, wo übertriebener Pilzgenuß [sic!] auf der als "Scheiterhaufen" begriffenen Bühne hinführen kann, sondern gar die avantgardistische Losung ausgegeben: "Schmiert Euch Euer Hirn aufs Brot!" Durch die milieusatirische Folie hindurch wird jedoch eine konturscharfe Avantgarde-Dimension des Textes sichtbar: "Dies war kein Punk-Konzert. Dies war eine Performance geistig zerrütteter Kunststudenten, die nichts weniger im Sinn hatten, als die Anwesenden vom zwangsläufigen Scheitern jedweden Fortschrittsglaubens zu überzeugen..." Jan Offs Werk besitzt jedoch nicht nur künstlerische, sondern auch politische Tiefenschärfe, die in seinem zweiten Text, Rekrutenleid, zum Ausdruck kommt, der sich nicht nur mit den Initiationsriten in der Punkszene beschäftigt, sondern sich assoziativ auch kritisch mit jenen "Soundtracks zum Untergang" auseinandersetzt, die heutzutage die Irrwege des Rechtsrocks bereithalten. Erheiternd und erfrischend derb jedenfalls ist Jan Offs selbsterkorenes "Medley seiner größten Charterfolge" - und das kommt an.

Die Wahlberlinerin Kirsten Fuchs eröffnet ihren Part mit einer "Liebeserklärung an Kreuzberg", wo sich immer noch Jahr für Jahr das Klischee bewahrheitet: "Wer keinen Kalender hat, bekommt auf jeden Fall mit, wann der Erste Mai ist..." Andere Vorurteile, insbesondere hinsichtlich der vermeintlichen Schwierigkeiten multiethnischen Zusammenlebens, scheinen jedoch jeglichen Fundaments zu entbehren. So fällt es nicht schwer, am Ende des Textes zu konstatieren: "Ich liebe Kreuzberg" - was das Bochumer Publikum mit einem enthusiastischen Applaus zu würdigen weiß. An das Thema "Liebe" anschließend, konfrontiert Fuchs die ZuhörerInnen daraufhin mit einer satirischen Untersuchung der Garstigkeit des weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen Geschlecht und jenem "Garstigkeitskreislauf", der zuweilen auch als "Beziehung" bezeichnet wird... Mit Betrachtungen über die "Laberstarre" des Mannes werden die Lachmuskeln der Anwesenden auf eine harte Probe gestellt: "Wenn die Frau lange auf den Mann einredet, verhärten sich seine Muskeln. Es soll schon Männer gegeben haben, die sind einfach so vom Sofa gefallen." Abschließend berichtet Kirsten Fuchs in Gassi gehen wunderbar berlinernd von der Liebe der Protagonistin zu ihrem Hund - wenngleich sie das Publikum warnt, die ersten zehn Monate nach der Hundeanschaffung seien schlicht und einfach scheiße... Von Scheitern kann auch im letzten Text vor der Pause jedenfalls keine Rede sein, und der Abend droht ein einziger Erfolg zu werden!

Daran hat auch Ulrich Schröder seinen Anteil, der zum Auftakt des zweiten Teils der Lesung von Christoph Villis eine rührende freundschaftliche Laudatio nicht nur zu seiner am selben Tag bestandenen Promotionsprüfung, sondern auch zu seiner geradlinigen Verbindung von "Literatur und Politik mit viel Satire" und seinem unermüdlichen Engagement erhält. In seinem literarisch-satirischen Beitrag Terror der Gewalthasen reflektiert er zum einen die zerstörerischen Gefahren ethisch fragwürdiger Gen-Experimente; zum anderen skizziert er in seinem ins Jahr 2023, "234 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille" verlegten Zukunftsszenario die mit der Schließung der letzten kulturellen Nischen im Ruhrgebiet einhergehenden Reflexe eines zusammenbrechenden totalitären Regimes, das nach mißglückten genetischen Manipulationen in die vollständige Anarchie der "Gewalthasen" versinkt - einer "Tier-Mensch-Maschine", welche die Menschheit zu unterjochen trachtet. Motivisch gekrönt wird das Geschehen mit dem grotesken Bild einer "Sternbildreform", die den "Großen Hasen" am Firmament erstrahlen läßt. Das Ganze gipfelt schließlich in ominösen "Kunstsprengungen", die am Ende gar einen Pariser Kunstexperten in die Provinz locken. Dagegen hilft nur noch, unverzüglich auf die Kanaren zu fliehen - oder am Flughafen Dortmund-Wickede tot umzufallen...

Von gescheiterter Flucht ist wenig später auch bei Kirsten Fuchs die Rede, die bei ihrer Lektüre aus ihren gesammelten Taz-Kolumnen u. a. über "Unterwäsche" philosophiert und in diesem Kontext konstatiert: "Beziehung ist eben kein Kurztrip ans Meer". Diese Erkenntnis kulminiert in ihrem Text Nach der Trennung nicht nur in leitmotivischem Pulsadern-Aufschneiden oder gar imaginierter Autoamputation von Gliedmaßen, sondern - als großartige Antiklimax - in kulinarischer Selbstkasteiung der Protagonistin: "Ich geh' nur noch da essen, wo's ungesalzenes Bio-Essen gibt - drauf geheult ist halb gewürzt."

Jan Off beschließt danach die Lesung mit seinem zweiten Part, den er mit der durchaus nicht ironiefreien Hommage Heimat, süße Heimat an seinen ehemaligen Wohnort Braunschweig eröffnet. Folgt man dem Autor, soll ein Benjamin von Stuckrad-Barre dort bei einer Lesung einst einen schweren Stand gehabt haben - was von Jan Off an diesem Abend nun wirklich nicht zu behaupten wäre. Auf das Genre der Milieu-Satire rekurriert wiederum Ahoi, ahoi - nicht traurig sein, wo der Protagonist seinen öffentlichen Urinierakt in der Straßenbahn mit einer autosatirischen rhetorischen Frage kommentiert: "Sind wir Punks oder Versicherungsvertreter?" Eine im ostdeutschen Dessau verortete rechte Hip-Hop-Szene gerät im letzten Text des Abends, Straight outta Schweinekoben, ins Visier des Popliteraten. So folgt auf pointiertes "Sido-Bashing" ein politsatirischer frankophiler Appell, dessen genauen provokanten Wortlaut der/die interessierte LeserIn ggf. beim Autor erfragen möge... Mit Jan Offs entspanntem popliterarischem Ausklang ist das Fundament für die Indietronics-Party zum 5-Jahre-Treibgut-Jubiläum gelegt - wenngleich wir uns zum 10jährigen wünschen würden, daß die Tanzfläche dann wesentlich voller werden möge...

Ulrich Schröder & Denise Schynol

Infos zu Kirsten Fuchs und Jan Off gibt's im Netz unter:
www.kirsten-fuchs.de
www.jan-off.de

"AUF-BRUCH-STELLEN - Die Ruhredition. Die Lesung zum Wettbewerb"
Gestrandet 19 (30. November 2006)

Widersprüche, Widerstände, Wendepunkte - politisch wie privat: So lassen sich jene Koordinaten skizzenhaft beschreiben, zwischen denen sich die Texte unserer Gast- und Campusautoren/-innen am Abend des 30. November 2006 auf der Treibgut-Bühne bewegen. Mit dem Dortmunder Autor Mirko Kussin sowie der Bochumerin Anna Zygiel präsentiert Treibgut zwei der erfolgreichen Teilnehmer/-innen des bundesweiten AUF-BRUCH-STELLEN- Literaturwettbewerbs auf den Bühnenplanken des mit 40 Gästen besuchten Kulturcafés der Ruhr-Universität. Für den erkrankten Jan Bojarin aus Essen muß jedoch Treibgut-Autor Christoph Villis als "Ghostreader" einspringen. So ist der Vertreter der größten Reviermetropole zumindest virtuell auf den Gestrandet-Planken präsent.(...) Die Texte aller drei Autoren/-innen sind auch in der zur Preisverleihung im Oktober 2006 erschienenen Textsammlung enthalten, die wir zur Lesung präsentieren: AUF-BRUCH-STELLEN. Ausgedacht? Prosa in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs. Das Buch zum Wettbewerb. Außerdem bereichern mit Corinna Reuter, Daniel Steinbach und Christoph Manfred Müller einmal mehr drei Campus-Autoren/-innen auf der Offenen Bühne mit ihren facettenreichen Texten das von Nils Vollert und Ulrich Schröder gewohnt souverän moderierte Programm.

Wenn der Staat ein Körper ist, und wenn wir die Zellen sind, die diesen Körper vielleicht bilden, wie viele Krebszellen sind dann nötig, damit er sich reformiert?

...heißt es im ersten Text des Abends von Mirko Kussin. Mit "Something is rotten in the state..." zitiert er Shakespeares Hamlet an. Doch diesmal ist nichts faul im Staate Dänemark, sondern in Deutschland. Der Gewinner des ersten Hauptpreises des Wettbewerbs (geteilt mit dem Weimarer Autorenkollektiv Schroeter und Berger) präsentiert mit Hobbes verkrebst zugleich den im Sinne der AUF-BRUCH-STELLEN-Ausschreibung mit Abstand politischsten Beitrag der "Ruhrgebietsedition". Der Titel bezieht sich auf den Staatstheoretiker Thomas Hobbes, der in seinem Hauptwerk die These aufstellt, daß sich der Staat in einem Körper manifestiert und sich dabei aus einzelnen Individuen zusammensetzt. Jedoch kann der Staat erst gebildet werden, wenn alle Individuen ihr Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung einer Person oder Institution übertragen.
Mit eindringlicher Stimme liest Mirko Kussin weiter und hält uns allen den Spiegel vor: Aus "Du bist Deutschland" wird "Du pisst Deutschland ins Gesicht". Doch wer denkt, es handele sich bei dem Text um eine bloße Zitatensammlung, der irrt. Feinsinnig webt der Dortmunder Autor ein Netz aus Songtextzeilen, popliterarischen Aufzählungen und Verfremdungen. Zudem taucht immer wieder der Begriff "Uni" auf… Nicht nur dem Treibgut- Stammpublikum ist der bereits bei der 11. Gestrandet-Ausgabe (Juli 2004) aufgetretene Autor sicherlich kein Unbekannter: Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien gewann der auch beim Dortmunder Literaturprojekt dO!PEN aktive Autor 2004 die Vestische Literatureule Recklinghausen. Kussins assoziativer Prosa-Text umkreist in kurzen, prägnanten Wendungen das Verhältnis zwischen individuellem Mikrokosmos und gesellschaftlichem Makrokosmos und schließt in einer Reihe immer stärker reduzierter offener Fragen:

Wenn der Staat ein Körper ist und wir die Zellen, die diesen Körper bilden, wo bleibe ich in dieser Geschichte? [...] Also einfacher: Wo stehe ich? Also noch einfacher: Stehe ich? Einfach: Ich?

An diese subjektivistische Fragestellung knüpft die Gewinnerin des Bochumer Sonderpreises, Anna Zygiel, mit ihrer Erzählung nüchtern betrachtet indirekt an, wo die "Aufbruchstelle" im Leben der Protagonistin im privaten Bereich verortet ist: Nach einer gescheiterten Beziehung versucht die Ich-Erzählerin, neue Orientierungspunkte in einer seelischen Trümmerlandschaft zu finden. Ihr Lieblingssong spiegelt dabei ihre Situation: "I was twenty-one years when I wrote this song and I don't wanna change the world."
Sie reflektiert ihre letzte Beziehung, die rein körperlicher Natur war: "Würde ich dich meinen Freund nennen, würden wir uns sicherlich nie mehr sehen. Dein Status ist: ‚nicht mein Freund'." Dieser ist zudem viel zu sehr mit sich selbst und seinem "Stardasein" beschäftigt, als daß er ihr Gefühl der Heimatlosigkeit nachvollziehen könnte. Auch ihre Eltern sind zu sehr auf sich fixiert, so daß die Protagonistin auch dort keinen Halt findet. Dennoch begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Identität und ihren polnischen Wurzeln, indem sie eine Reise nach Krakau beschließt. So gelangt sie trotz aller Unsicherheiten zu einer gefestigten Position und konstatiert am Ende mit dem neu gewonnenen Selbstbewußtsein, "[v]or allem [...] nicht ohnmächtig" zu sein.
Mit ihrem Vortrag kann Anna Zygiel an diesem Treibgut-Abend jedenfalls alte und neue Fans begeistern. Nicht nur für die Bochumer Literaturszene wäre es eine Bereicherung, vielleicht schon bald mehr von ihr zu hören und zu lesen!
Den Schlußpunkt des ersten Teils der 19. Gestrandet-Lesung markiert der Text von Ulrich Schröder, der über die Co-Moderation hinaus auch literarische Akzente setzt: Mit seinem im Rahmen des gleichnamigen Projekts des Bochumer Schreibhauses entstandenen Text Literatur.geortet bringt er eine apokalyptische Satire auf die in den vergangenen Jahren in vielen literarischen Werken grassierende Ausschlachtung des "11.-September-Terrors" ins Kulturcafé. Mit ironischem Spott skizziert er die Odyssee eines Touristen, der am "day after" ausgerechnet den schiefen Turm von Pisa aufsucht, um sein mediales Trauma der einstürzenden Neubauten in Übersee zu kurieren. Mit dem in der Schreibhaus-Anthologie Feuer im Foyer (2005) veröffentlichten Text wird zudem ein motivischer Bogen gespannt, den Ulrich Schröder erst am Ende des Abends mit seinem Kurzprosa-Text Oskar schließt, in dem der Ich-Erzähler von den Trümmern des größten jemals in einer europäischen Innenstadt gesprengten Hochbaus erschlagen wird...
Brachial geht es auch nach der Pause weiter, als Treibgut-Mitglied Christoph Villis die an Franz Kafkas In der Strafkolonie gemahnende Groteske Entfleischer des - krankheitsbedingt abwesenden - Essener Autors Jan Bojarin vorträgt. Mit nüchternem Blick skizziert der Ich-Erzähler die physische Auflösung des eigenen Subjekts im Namen einer zynischen Wissenschaftsmaschinerie, die jeglicher Humanität entbehrt. Der Mensch wird einem virtuellen wissenschaftlichen Fortschritt geopfert, während der Körper des Protagonisten mit Hilfe einer Horrormaschine, die Kafkas Strafkolonie entsprungen sein könnte, "entfleischt" wird. Sogar ohne die Anwesenheit des Autors, hat diese kurze Parabel von Jan Bojaryn es geschafft, zu einem der literarischen Höhepunkte dieser Lesung zu werden!
Abgerundet wird Gestrandet 19 von den wiederum eher im privaten Bereich verankerten literarischen Aufbruchstellen auf der Offenen Bühne, die sich zunächst in der sensibel erzählten Kurzerzählung November von Corinna Reuter manifestieren. Und es wird sogleich für einen Gänsehautfaktor gesorgt. Denn: Die Protagonistin seziert im wahrsten Sinne des Wortes ihre letzte Liebe. Und zwar mit Worten. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihrer Liebe den Totenschein auszustellen.
Mit Liebe auf den ersten Blick liefert Daniel Steinbach eine olfaktorische und sinnliche Reise mit der U-Bahn. Der Ich-Erzähler trifft dort eine junge Frau, die er in dem vollen Zug jedoch nicht sehen, sondern nur den zitronigen Duft ihres Haars und die Sanftheit ihrer Hand, die ihn berührt, wahrnehmen kann. Allerdings nimmt die Geschichte kein glückliches Ende, da die Unbekannte plötzlich verschwunden ist.
Christoph Manfred Müllers Protagonist scheint zunächst mehr Glück zu haben, denn er trifft auf einer Party eine alte Schulfreundin wieder, für die er schon immer geschwärmt hat. Lena und ich. Ich und sie. Eine Liebesgeschichte ist eine von den wundervollen Erzählungen, die zunächst mit einer Nebensächlichkeit beginnt, bei der sich aber am Ende der Kreis schließt. Eine schonungslose und witzige Geschichte, in der beide Geschlechter betrunken sind: das eine liebestrunken, das andere volltrunken. Für Christoph Manfred Müller ist dies nicht der erste Auftritt auf den Gestrandet-Planken: Bei der 17. Lesung überzeugte er mit dem Text Jahreswechsel und arbeitet gerade an dem sechsteiligen Prosazyklus Innere und äußere Monologe, woraus Lena und ich als Vorgeschmack diente.
Wir hoffen sehr, daß wir von allen Autorinnen und Autoren dieses runden Abends demnächst noch viel mehr zu hören bekommen werden!

Kerstin Schneider & Ulrich Schröder

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"Ausgeträumt? The Life and Death of Rock’n’Roll & Revolution"
Gestrandet 18 (17. Mai 2006)

Liegt es am guten Wetter, am Campus-Konzert oder ist das Champions–League-Endspiel schuld? Zu Gestrandet 18 findet sich nur ein kleiner erlesener Kreis im Kulturcafé zusammen, um der Lesung von Matthias Penzel und Enno Stahl zu lauschen. Dabei verspricht der Abend vielschichtig und abwechslungsreich zu werden.

Zunächst betritt Matthias Penzel die Planken der Gestrandet- Bühne. Der 1966 geborene Journalist liest aus seinem Roman TraumHaft – ein Beitrag zum Genre der Rockliteratur - und erzählt die Geschichte der Rockband ShamPain, die kurz vor dem großen Durchbruch steht. In Australien konnten sie schon Erfolge feiern, jetzt sollen die USA erobert werden. Aus Sicht des Bassisten Niet gewinnen wir einen Einblick in das Showbusiness. Jedoch macht sich schnell Ernüchterung breit, denn Niets Rückkehr nach Hause klingt so gar nicht nach Rockstar. Halbleere Joghurtbecher und vertrockneter Käse. Symptome eines WG-Alltags. Und kein Briefkasten, der von Liebesbriefen überquillt und auch kein AB, der voll mit Einladungen zu hippen Partys ist. Nach monatelanger Abwesenheit hatte Niet dies erwartet und sich auf sein Zuhause gefreut. „Niet ist ohne seine Band zurückgeflogen und legt einen Zwischenstopp in Deutschland ein. Bassisten sind diejenigen, die immer zuerst einen auf die Nase kriegen“, erklärt Matthias Penzel. So verläuft das Wiedersehen mit seiner Mitbewohnerin Carmen gleichwohl desillusionierend. Der zweite Teller ist nicht für ihn, sondern für Carmens Freundin gedacht, die noch schläft. Nur mit einem Lächeln bekleidet. Mit der Band geht es nach New York und LA. Penzel beschreibt sachlich nüchtern die Unberechenbarkeit des Musikbusiness: Rechnungen anstatt Revolution. Matthias Penzel und Enno Stahl sind ein eingespieltes Team. Während Penzel liest, spielt Stahl zwischen den einzelnen Sequenzen Musik ein.

Das Intro zur Pause kommt mit satirisch-bissigen Tönen daher. Treibgut-Autor Christoph Villis zeigt schonungslos die Reimstruktur des Popsongs Engel fliegen einsam von Christina Stürmer auf und vergleicht sie mit den Reimen eines Brecht-Gedichts. Und hat die Lacher auf seiner Seite. Denn im Popsong heißt es:

Engel fliegen einsam
Du und ich gemeinsam
Niemals mehr allein sein

Christoph stellt am Ende fest: „Schau der Sprache beim Reimen ins Gesicht und zerdrück die Reime nicht.“ Auch das Outro zur Pause liefert unser Treibgut-Autor und widmet sich nun dem Thema Rock. „Rockmusiker rebellieren und zeigen mit ihrer Musik ihren Ärger auf die. Jedoch sind sie selten voller Hass.“ Dass in Rocksongs unreine Reime auftauchen, beweist Christoph anhand von Auszügen des Songs Durch den Monsun von Tokio Hotel:

Ich muss durch den Monsun, hinter die Welt
Ans Ende der Zeit, bis kein Regen mehr fällt.

„Welt und fällt ist ein unreiner Reim, da kein betonter Vokal im Reim enthalten ist. Reine Reime sind zum Beispiel Haus/Maus und Meer/Speer“, sagt Christoph und zieht das Fazit, dass sich auf Monsun nur Huhn reimt.

„FEUER!!!“, schreit Enno Stahl und eröffnet mit einem Paukenschlag seinen Beitrag zu Gestrandet 18. Denn so lautet das erste Wort zu seinem Roman 2Pac Amaru Hector, das noch minutenlang in den Ohren nachklingt. Der 44-jährige Autor beschreibt aus verschiedenen Perspektiven eine Geiselnahme und die dazugehörige Vorbereitung. Neben den Terroristen und den Geiseln, schildert Enno Stahl die Geschichte auch aus der Sicht einiger Polizisten und Medienvertretern. Jedoch wirkt keine dieser Figuren besonders sympathisch. Minutiös bereitet die zusammen gewürfelte „Rheinische Bewegung Tupac Amaru“ (RTBA) ihre terroristische Aktion vor. „Eine bunte Schar, Männer und Frauen, ein paar Jugendliche, sogar zwei mit Down-Syndrom sind darunter“, liest Enno Stahl. Anführer Hector rechtfertigt die Aktion damit, dass die Firma Telematics aus Japan für Entlassungen und Missachtung des Naturschutzes zu bestrafen ist. Der Clou ist, dass die gesamte Geiselnahme via Livestream ins Internet übertragen werden soll. Die Schattenseite der schönen neuen Welt. Enno Stahl gelingt es, uns in einen Sog aus Thriller und Mediensatire zu ziehen. Nicht nur weitere Musikeinsprengsel, sondern auch Geräusche wie Flugzeuge schaltet nun Matthias Penzel zwischen. Dramatisch der Moment des Übergriffs während der Weihnachtsfeier von Telematics. Enno Stahl liest mit sehr viel Tempo, wechselnder Stimmlage und Sinn für Details, sodass die Anspannung und Panik der Romanfiguren greifbar ist. Dies alles machte Gestrandet 18 wieder zu einem besonderen Event.

Kerstin Schneider

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"Zwanzigtausend Zeilen unter dem Meer"
Gestrandet 17 (15. Dezember 2005)

Sinkend, immer tiefer sinkend. Nach Luft schnappend, 20.000 Zeilen unter dem Meer - um vielleicht doch noch durch eine unverhoffte Strömung an die Oberfläche zu gelangen und befreit zu atmen. Von dieser existentiellen Spannung aufgeladen ist Joschka Haltaufderheides Multikunst-Inszenierung, die das vielköpfige Treibgut-Publikum in ihren Bann zieht. Die Intensität seiner Texte verstärken atmosphärisch eindringliche Video-Installationen, die Joschkas Prosa und Lyrik visuelle Tiefenschärfe verleihen. Mit diesem hochkarätigen künstlerischen Auftakt des Text:Noten-Nachwuchsautors aus Wetter, der an diesem Abend auf unseren Planken strandet, beginnt die schillernd-bunte 17. Gestrandet-Lesung, welche die gut 50 Gäste im Kulturcafé so bald nicht vergessen werden.

Mit dem "Untergrundpoeten" Andre Lohmann betritt zu späterer Stunde ein weiterer Gast die Treibgut-Bühne, der auf einer gänzlich anderen Klaviatur spielt, um das Publikum zu begeistern. Mit alltagssatirischem Biß und erfrischender Skurrilität präsentiert der Wahl-Berliner dem Publikum einen satirischen Zerrspiegel, in dem sich so mancher verdutzt wiedererkennen dürfte: als Opfer sadistischer Pädagogen, aufdringlicher Mitreisender in Fernzügen oder nerviger Mitpisser auf öffentlichen Toiletten. Ein lachmuskelstrapazierendes Intermezzo, das kurzweilige "good vibrations" auf die Bühnenplanken bringt!

Umrahmt von den surreal-melancholischen Glanzlichtern aus Joschka Haltaufderheides multimedialem Projekt "Beobachtungsposten" sowie Andre Lohmanns literarischen Satiren aus dem poetischen Untergrund bereichern drei Treibgut-Autorinnen und Autoren das Programm. Einen feinfühligen Ton trifft Julia Sandforth mit einer Kurzgeschichte aus der Perspektive einer jugendlichen Protagonistin über die Loslösung vom Elternhaus. Die Zersplitterung zwischenmenschlicher Beziehungen in einer von Egoismen und Karrierestreben zerrissenen Gesellschaft macht Kerstin Schneider zum Thema einer Erzählung über das Ende einer Partnerschaft. Christoph Villis schließlich schlägt mit einer filmisch von "Ocean's Eleven" inspirierten Farce wieder eher augenzwinkernd-humoristische Töne an. Auch die diesmal ins Gesamtprogramm integrierte Offene Bühne hat an diesem 17. Gestrandet-Abend mit vielversprechenden Beiträgen von Christoph Manfred Müller, Sengül Bayrakli und - last but not least - Dustin Saßenroth einiges zu bieten und macht Lust auf noch viel mehr als die "20 000 Zeilen" dieses Abends...

Ulrich Schröder

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Treibgut feiert dreijähriges Bestehen

Doppellesung im Kulturcafé und dem Foyer des Tropenhauses der Ruhr-Uni Bochum im Botanischer Garten

"Ruhrpiranhas II - Klimawandel"
Gestrandet 16 (14. Juli 2005), Tropenhausfoyer des Botanischen Gartens der Ruhr-Uni

DIE RÜCKKEHR DER RUHRPIRANHAS

Wir schreiben den 14.7.2005. Es ist Hochsommer. Wie zähflüssige Lava erfüllt bewegungslose, drückend heiße Luft die Betonschluchten der Ruhr-Universität. Selbst vor den Absperrungen des Botanischen Gartens macht die glühende Hitze nicht halt. Das Tropenhausfoyer kocht. Schweißtriefend dreht der unieigene Megaphonmann gegen 18 Uhr seine Runde im umliegenden Grün: "Der Garten wird geschlossen - der Gaaarten wird geschlossen", hallt sein blechernes Echo durch die Botanik. Einige Unverdrossene jedoch halten auch über die offizielle Schließzeit hinaus die Stellung. Rund 40 weitgehend hitzeresistente Literaturfanatiker harren dehydrierend im Tropenhaus aus, denn bei der 16. Gestrandet-Lesung - Untertitel: Ruhrpiranhas II - wird dem Motto-Thema des physikalischen und sozialen Klimawandels in den Texten von Matthias Schamp, Volker Wendland und Uli Schröder nicht nur künstlerisch die Piranhazähne gezeigt; auch leiblich bekommt das Publikum den naturwissenschaftlichen Aspekt dieses Phänomens wahrhaft zu spüren...

Da der 14. Juli, Jahrestag des "Sturms auf die Bastille", in Zeiten des Sozialkahlschlags zugleich zum Protesttag gegen Studiengebühren umfunktioniert worden ist, eröffnet Treibgut-Autor Uli Schröder die Lesung passenderweise mit geballter Campussatire: Einmal mehr treibt der "Kontenhändler" sein Unwesen auf dem Uni-Campus, wo er mit gefälschten Zertifikaten für gebührenfreie Semester dealt, als schachere er auf globalem Parkett mit Emissionslizenzen. Beide Diskurse werden gekonnt zur satirischen Groteske verschmolzen und bringen das hitzegeplagte Publikum zum schweißperlentriefenden Schmunzeln. Den unmittelbaren Bezug zum physikalischen Klimawandel stellt anschließend Uli Schröders mottogebende satirische Erzählung Ruhrpiranhas her, die eine Weiterentwicklung seines bereits im Januar 2004 bei Gestrandet IX auf die Kulturcafé-Planken gebrachten gleichnamigen Textes darstellt.

Künstlerische Botschaften gegen den Mainstream-Strudel

Eine ähnliche Spur verfolgt der Bochumer Autor Matthias Schamp nicht nur in seinem Roman Hirntreiben (edition selene 2000), sondern auch in anderen epischen und lyrischen Texten - so etwa in dem zu Beginn seines Auftritts vorgetragenen Gedicht "Deutscher Wald", der bei Schamp in einer "Zeit nach der Natur" aus Plastikbäumen besteht. In seinem Kurzgeschichtenband 26 Verlierer von A bis Z, der in einer späteren Phase seines Schaffens entstand, sucht man dagegen vergebens nach - vergleichsweise plakativen - literarischen Botschaften wie in jenem Gedicht: Hier, so Schamp, gehe es eher darum, künstlerische Gegenbotschaften zu formulieren, wovon der Autor eine Kostprobe zu geben nicht schuldig bleibt. Eine vorläufige Klimax erfährt dieses kontrapunktische Kunstwollen in Matthias Schamps 2003 erschienenem Kurzgeschichtenband Zärtliche Massaker - neue Geschichten aus dem Ruhrgebiet, wo der Verfasser u. a. mit gängigen (literarischen) Ruhrpott-Klischees aufzuräumen sucht. Mit der hieraus gelesenen Geschichte Die Würmer stellt er nicht nur die Hitzeresistenz, sondern auch die Fähigkeit des Publikums auf die Probe, von den eigenen regionalen kulturellen Stereotypen abstrahieren zu können. Passend zur Lokalität der Lesung ist die Story zudem mit einem bizarren Plot über den todbringenden Kompostierungswahn eines "ruhrdeutschen" Familienvaters ausgestattet...

Eine eigenwillige Interpretation des Themas Klimawandel liefert dann der dritte im Bunde, Volker Wendland, der an diesem Abend weniger als Mitglied der Wattenscheider Kultband Die Kassierer zugegen ist, sondern in erster Linie als Mensch: Als solcher präsentiert er zusammen mit seiner Partnerin Susanna Kaye "Neue Musik und Prosa gegen soziale Kälte". Den verstörenden Auftakt hierzu bildet ein selbstkomponierter Kurzkrimi mit dem Titel "Hilfe", in welchem den Verantwortlichen für die Verbrechen am sozialen und physikalischen Klima satirisch die Rote Karte gezeigt werden soll... Im weiteren Programm der beiden Musikartisten wird hauptsächlich der menschliche Aspekt eines radikalen Klimawandels im Mikrokosmos bürgerlicher Paarbeziehungen akzentuiert: "Du brauchst gar nicht so zu grinsen - es ist Schluß", kommt der Refrain des nächsten Songs lakonisch daher, während sich das darauffolgende Lied in absurder Manier mit dem stets aktuellen Thema Eifersucht auseinandersetzt, dessen Leitfrage "How does it feel, only to be the brother of Captain Kirk?" lautet. Zum Abschluß konfrontiert Wendland das Publikum ironisch gebrochen mit seinen mutmaßlichen sexuellen Vorlieben: "Älterer Herr - fall über mich her..."

In der Pause wird dann anläßlich des dritten Treibgut-Jubiläums das wohlverdiente Wasser im Tropenhaus-Foyer zu Dumping-Preisen veräußert, während auch das angrenzende Savannen- und Wüstenhaus für neugierige Besucher geöffnet bleibt und somit einen für die Besucher konkret erfahrbaren Vorgeschmack auf zu erwartende Klimazonenverschiebungen in den nächsten Jahrzehnten liefert. Auf ein groteskes Szenario, das einen zukünftigen Klimawandel antizipiert, gründet sich auch der Plot der Prosafassung von Uli Schröders "Kanonteich", 2004 erschienen im 2. Band der Anthologie der Autoren des Verlags Frohberger & Herbig, womit der Treibgut-Autor den zweiten Teil der Lesung einleitet: Ein städtischer Angestellter, der sich nicht mit der Absurdität des Baus einer selbst im klimagewandelten Dauerfrühling noch winterliche Verhältnisse herbeizaubernden Schneekanone in einem Naturschutzgebiet abfinden kann, wird vom Dienst suspendiert und sprengt genau an jener Stelle, wo der Bevorratungsteich für die Kanone entstehen soll, ein riesiges Loch in den Wald... Auch Uli Schröders letzter Textbeitrag "Gestrandet", Fortsetzung seiner mottogebenden Geschichte "Ruhrpiranhas", befaßt sich wiederum in drastischen Bildern mit den Folgen des physikalischen Klimawandels: Der Protagonist, ein geklonter Nachfahre Joschka Fischers in der siebten Generation, schlägt sich nach dem globalen genetischen Supergau durch eine im Zuge dieses Größten anzunehmenden Unfalls reanimierte erdmittelalterliche Flora und Fauna, die nunmehr das ehemalige Areal des Botanischen Gartens der in Trümmern liegenden Ruhr-Uni erobert hat. Zuflucht vor der Unbill dieser archaischen Landschaft "strandet" er schließlich im ehemaligen Atombunker der Universität, wo er sich daranmacht, anhand der dort lagernden Bibliotheksbestände die letzten Jahrzehnte der Geschichte einer technologisch deformierten Spezies Mensch literarisch nachzuzeichnen.

"Knast ist die Endlichkeit zweier Parallelen, die sich nichtmal in der Unendlichkeit schneiden." (Matthias Schamp)

Ebenfalls in einer Zeit lange nach Menschheitsende spielt Matthias Schamps Geschichte "Das letzte der großen Gefühle", deren Held namens Knast mittels künstlicher neuronaler Netzwerke eine groteske Irrfahrt durch die Ikonographie einer längst erloschenen Menschheit durchlebt. Von der Kantschen Kategorienlehre über gnadenlose Terrorattacken bis eben zum letzten der großen Gefühle durchlebt Knast die wahnwitzigen endzeitzivilisatorischen Phänomene des Planeten Terra: ein unglaublich packender rhetorischer Showdown, dessen Wortgeschosse posthum zielsicher in die Eingeweide einer aus dem Ruder laufenden Welt einschlagen.

Einen versöhnlichen Schlußakzent setzen schließlich Volker Wendland und Susanna Kaye mit einem ironischen Abgesang auf Udo Jürgens sowie einem satirischen Kinderlied: "Nimm mich mit auf Dein Schiffchen, kleiner Klaus". Dennoch kann Volker in einem Song mit dem Refrain "Du hast geguckt" dem Publikum nicht vorenthalten, daß in jener Jugendzeit, die er in seinem Heimatviertel Bochum-Gerthe verbrachte, kein Tag verging, an dem er nicht eins auf die Glocke bekam... Am Ende besingt Susanna Kaye mit bezaubernder Stimme die von Volker Wendland dramatisch beschworenen Toten dieser Welt, worauf der Kassierer-Schlagzeuger mit der akustischen Gitarre noch eins draufsetzt und die alkoholbedingte Steigerung seines Gehirnvolumens besingt...

Ulrich Schröder

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"Der Rest, die Welt und wir"
Gestrandet 15 (7. Juli 2005)

Im Sommersemester 2002 nahm alles seinen Anfang: Eine Handvoll literaturbegeisterter Studierender entschloß sich, im Betonmeer der Ruhr-Uni eine "Wortinsel" zu errichten, auf der seitdem etwa fünfmal im Jahr Campusliteraten stranden, die auf den Bühnenplanken der Initiative Treibgut - junge Literatur in Bochum ihre Texte präsentieren. Mit Besucherzahlen zwischen 50 und 300 Gästen haben die Veranstaltungen aus der Lesereihe Gestrandet inzwischen ihren festen Platz im studentischen Kulturprogramm.

Am 7. Juli 2005 war es bereits das 15. Mal, daß Treibgut zu Literatur und mehr im Kulturcafé eingeladen hatte. Der dreijährige Geburtstag sollte mit einer Doppellesung gebührend gefeiert werden, und den Auftakt machten Oliver Uschmann, Tom Tonk und Kelvin, die Musikpolizei.

Unter dem Motto "Der Rest, die Welt und wir" las Uschmann, Gründungs- mitglied von Treibgut und rasant aufsteigender Jung-Autor, aus seinem Debütroman "Hartmut und ich", der im Juni beim Fischer-Verlag erschienen ist. Uschmanns Geschichten über jene durch diverse Gastspiele bei Treibgut- Lesungen bereits bekannte liebenswert-chaotische "Hartmut-WG" aus Bochum- Wiemelhausen fanden wie immer großen Zuspruch. Ein weiteres Mal bewies der Autor sein Talent, absurde Alltags-Skurrilitäten in wahnsinnig amüsanter Weise darzustellen. Tom Tonk, der u.a. bekannt ist durch seine Kolumnen für das Ox-Fanzine, überraschte das Publikum mit seinem Roman "Raketen in Rock", in dem er auf sehr unterhaltsame Weise seine persönlichen musikalischen Höhe- und Tiefpunkte beschreibt. Die interessanten und witzigen Enthüllungen über Musikgrößen wie Vicky Leandros und Peter Maffay hinterließen ihren Eindruck und machten so manchen Zuhörer zum begeisterten Tom Tonk-Fan. Musikalischer Höhepunkt der Veranstaltung war Kelvin, die Musikpolizei, der uns davon berichtete, daß hinter jedem Pophit ein Verbrechen steckt. Aktiv mitwirkend in der "Sonderkommission der Abteilung für musikalischen Samenraub", gewann der sympathische junge Mann hinter dem Keyboard in kürzester Zeit die Herzen der Anwesenden und sorgte für kriminell gute Stimmung.

Denise Schynol

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"Existenzfluten"
Gestrandet 14 (13. Januar 2005)

Junge Talente und alte Hasen

Der von langer Hand geplante Lesungstitel bekam erst nachträglich seine tragische Tiefe. Doch statt den Titel aus „falscher Pietät“ kurzfristig zu ändern, wurde er beibehalten und lud zum Nachdenken ein: zum Beispiel über die Einordnung der eigenen Existenz in den globalen Kontext bis hin zum spontanen Entschluß, die gesamten Einnahmen des Abends an ein von der Flut in Südasien betroffenes Regenwaldprojekt auf Sumatra zu spenden. Dank zusätzlicher finanzieller Hilfe der Autoren und Treibgut-Mitglieder konnten insgesamt 160 Euro gesammelt werden.

Rund hundert Existenzen kamen ins Kulturcafé. So verschieden sie waren und so verschieden ihre Biographien auch sind, hatten sie an diesem Abend gemein, daß sie die Texte von acht lesenden Literaten und die Geschichten ihrer Figuren hörten. Mustafa Ayaz eröffnete den Abend mit seinem orientalisch-europäischen Erstling Reise ins Schokoladenland. Erzählt wird die Geschichte der Familie Ayvaz, die mit den alltäglichen Problemen kultureller Konflikte zwischen türkischer Tradition und Mentalität sowie deutscher Lebensweise zu kämpfen hat. Mustafa berichtet in einem schlichten und anschaulichen Stil, wie die beiden Protagonisten getrennt in zwei unterschiedlichen Kulturen aufwachsen und trotz unüberbrückbar scheinender Differenzen letztlich zueinander zurückfinden. Gebannt lauschte das Publikum der sanften Stimme Mustafas, dessen Text sich leicht zwischen nachdenklicher Stimmung und Heiterkeit bewegte.

Das zweite Debüt des Abends gab das Treibgut-Mitglied Carsten Marc Pfeffer. Mit einer zum Teil etwas provokanten Metaphorik schilderte er die Vergeblichkeit der prometheischen Liebe eines einsamen Wanderers zu einer „Felswand“. Wer seiner Darstellung der unerträglichen Verzweiflung und seiner überwältigenden Bildlichkeit nicht mehr standzuhalten vermochte, konnte sich aus der inhaltlichen Sprachlichkeit seiner Prosa fallen lassen in eine indifferente Klarheit, wo nur noch Rhythmus und Klang sind. Eine subtile und eigentliche Zärtlichkeit hinter den Worten; wie ein Gefühl, das immer mehr ist, als seine Sprache. Bei seinem zweiten Auftritt präsentierte Carsten Marc die Geschichte Kosaken weinen nicht, in welcher der Ich-Erzähler von der gespannten Relation zu einem russischen Freund namens Boris berichtet. Es ist nicht nur die gemeinsame Geliebte, welche die beiden verbindet: Zu zweit streifen sie durch Berlin, jeder versorgt mit genügend Minderwertigkeitskomplexen, auf der Suche nach einem guten Milchshake, der dann doch den falschen Geschmack hat: Vanille. Denn dies ist der Duft der unerreichbaren Frau. Der Milchshake läßt das Nervengerüst zusammenbrechen, und als Boris sich über seinen in Tränen ausbrechenden Freund wundert, heißt es nur: „Ich weine immer bei Burger King.“ Es ist die gescheiterte Kommunikation in ihrer tragischen Komik. Eine Männerfreundschaft, die auf Rivalität und Haßliebe basiert.

Besonders markant war der Auftritt von Guido Jähnke, dessen Text musikalisch von Rolf Bischoff unterstützt wurde. Jähnkes expressive Vortragsweise und Bischoffs zartes Spiel auf seiner Viola da Gamba verbanden sich zu einem verstörenden Klangerlebnis. Der Text mit dem Titel Ein feuchter Zucker wurde nicht einfach gelesen, sondern gefaucht, gebrüllt, durch die Zähne geraunt oder verzweifelt geflüstert. Den Gegensatz zu der oft krassen und ungewöhnlichen Prosa von Guido Jähnke bildete die sanft-filigrane, fast fremdartig anmutende musikalische Untermalung durch Rolf Bischoff, dessen traurig-schöne Melodien das Publikum in einer trügerischen Harmonie wiegten.

Eine gänzlich andere Art musikalischer Darbietung wurde von Pepe & Minz präsentiert, die Wayne und Garth des Hip Hop, Wayne´s World zum mitnicken. Niemand konnte dem Charisma dieser beiden ‚Chaoten‘ entgehen. Es kommt selten vor, daß Musik vom Band so sehr vom Vortrag der Künstler lebt, wenn zum Beispiel der Kampf mit dem streikenden CD-Spieler und die souverän-dadaistische Improvisation zum stotternden Beat fast das eigentliche Stück in den Schatten stellt. Ihr Material war so neu, daß es eigentlich noch gar nicht als abgeschlossen bezeichnet werden konnte. Ein spontaner Free-Style-Beitrag aus dem Publikum brachte den Saal dann endgültig zum Grölen. Die Grenzen zwischen Künstler und Publikum, Geplantem und Improvisiertem waren aufgehoben; das “anything goes“ in unterhaltsamster Form.

Mit „Leeren Koffern“ betrat der ‚alte Treibgut-Hase‘ Ulrich Schröder die Bühne. Natürlich hatte er kein ungefülltes Reisegepäck dabei, sondern den Bericht über eine spektakuläre Odyssee nach Skandinavien. Der Pavlowsche Mensch auf der Flucht vor zugedröhnten Mallorca-Touristen, hinein ins Ungewisse. Die Reise des Mannes endet nach Zwischenstopps in Dänemark und Schweden im finnischen „Paradies“. Die leeren Koffer hingegen haben ihren großen Auftritt als mögliches Gefahrengut auf dem Kopenhagener Bahnhof, wo der listige Weltentflieher sie – einen Streich ersinnend – hatte stehen lassen. Mit einem großen Knall endet die Reise des unnötig gewordenen Gepäcks, wodurch die Welt sich von einem möglichen Terroranschlag gerettet sieht und sich der ins finnische Exil geflohene Protagonist zu einem zufriedenen Lächeln hinreißen läßt.

Nach langer Zeit durften wir Treibgut-Gründungsmitglied Karin Krick wieder einmal auf unseren Planken begrüßen. Die Wirkung ihres experimentierfreudigen Schreibens liegt vor allem in den fragmentarischen, repititiven Sequenzen, in denen sich Grautöne zwischen das Schwarz-Weiß mischen und nicht nur die Grenzen von Lyrik und Prosa aufweichen. „Sei deine Möglichkeit!“ fordert die junge Autorin das Publikum auf. Der Rhythmus ihrer Worte wird zum eigenen Köperrhythmus; das Sprechen wirkt wie feiner Gesang. Es scheint fast, als würde Karin Krick in ihre Worte hineinkriechen, in ein Mantra aus Wort- und Bewußtseins-strom eines verlorenen Individuums. So erschien der steigende Geräuschpegel der Zuhörer als Komplettierung ihres Werks; als eben die Wand, gegen die sie ihre Klage richtete.

Neben den vielen Jungautoren, die ihre Texte zum ersten Mal auf einer Bühne vorstellen konnten, durfte man auch den bereits bekannten Jonas Jahn und seine Texte bestaunen. Jahn bildet eine Hälfte des Comedy-Duos Volxbegehren und ist aktiv in der Düsseldorfer Literaturinitiative Großalarm. Er ließ uns teilhaben an einem „Ausflug mit Ulli“, der durch seinen „Gerstenwanst“ und Totenkopftattoos auffällt und unweigerlich ein Liebling des Publikums wurde. Getreu seinem Motto „Ohne Pathos geht die Welt zugrunde“ wandte Jahn sich in seinen Texten eindringlich an die Menschheit: „Retten Sie das Gute. Bitte!“ Das Publikum hörte erheitert zu, ließ sich von Stan, der Spinne, berichten, und erfuhr nebenbei, daß Gott eben nicht würfelt. Ohne Pathos geht kein Abend mit Jonas Jahn zu Ende, und so sprach er zum Abschluß seines Auftritts: „Danke Menschen. Danke Bochum.“

Lange hat es keine Offene Bühne mehr gegeben, doch das sollte sich an diesem Abend endlich wieder ändern. Zwei noch unbekannte Talente überzeugten mit dem Vortrag ihrer Texte. Zum einen feierte Thomas Schlick sein Debüt mit einer Ode an „Anne“ und poetischen Worten über das letzte Licht im Herbst. Zum anderen stellte Julia Sandforth zwei Prosatexte vor, die von einer Dreiecksgeschichte zwischen Ich-Erzählerin, ihrer Mutter und der Freundin Maleen sowie von Begegnungen in der U-Bahn und ihrem jähen Ende erzählen. Das Ende eines abwechslungsreichen Abends. Es gab Neues und Interessantes zu entdecken und eine große Zahl von Namen vielversprechender junger Nachwuchsliteraten zu merken. Wir sind gespannt, was wir in Zukunft noch alles vom ‚Nachwuchs‘ erwarten können!

Denise Schynol und Mariusz Kuczynski

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"Elchtod"
Gestrandet 13 (25. November 2004)

Musikpolizei und Elchtod im Novembernebel

Von seiner skandinavischen Seite, jedoch mit drei Gästen aus dem Ruhrgebiet, präsentierte sich die Treibgut-Initiative bei ihrer nunmehr 13. Gestrandet-Lesung mit dem Untertitel „Elchtod“ im Kulturcafé der Ruhr-Universität am 25.11. Mit der Duisburgerin Patricia Vohwinkel und Mischa Bach aus Essen standen zwei Krimiautorinnen der „düsteren Seite“ auf dem Programm - kabarettistisch abgerundet wurde der Abend vom Gewinner des Bochumer Kleinkunstpreises 2004, Kelvin, Deckname: Die Musikpolizei. Den stimmungsvoll-satirischen Abend moderierte vor rund dreißig Besuchern Uli Schröder.

Das Programm verdiente sich vollends das Attribut skandinavisch - das heißt mystisch, dunkel und stimmungsvoll, nebelumwabert und oftmals kalt, niemals aber herzlos... Skandinavisch, das bedeutet außerdem Håkan Nesser, das bedeutet Henning Mankell: Spannende und populäre Kriminalromane - das ist allgemein bekannt - kommen heute von der skandinavischen Halbinsel. So war es auch kein Zufall, dass die Krimiroman-Trilogie Elchtod von Patricia Vohwinkel immer wieder das „nordische Blut“ aufwallen ließ. Der Protagonist der drei Romane, Jakob de Vries, ist von Beruf Pathologe und leidenschaftlicher Fan skandinavischer Metal-Bands. Leitmotivisch ließ die Autorin die musikalischen Vorlieben ihres Krimi-Helden wiederholt in die Lesung einfließen, indem einzelne Stücke jener Bands - ganz nach dem Geschmack de Vries’ - eingespielt wurden. Der Mord an seinem Bruder stellt den Mediziner dann vor eine außergewöhnliche Situation, die noch dazu durch einen dilettantisch ermittelnden Dorfpolizisten erschwert wird. Mit den unabgeschlossenen Geschichten seiner Vergangenheit konfrontiert, begibt sich Jakob in ein Abenteuer, in dem es nicht allein um die Aufklärung eines Mordes geht – es ist immer auch ein Stück weit Identitätssuche im Spiel: „Ich werde herausfinden, wer Lukas umgebracht hat“, stammelt Jakob am Grab seines Bruders den verhassten Eltern entgegen, als diese ihm seine augenscheinliche Gefühlskälte zum Vorwurf machen.

Rastlos und suchend zeigte sich die Erzählerin der Krimi-Novelle Der Tod ist ein langer, trüber Fluss von Mischa Bach. In Auszügen schilderte sie eine „unerhörte Begebenheit“ und malte das bleierne Bild einer Ophelia, die sich - von den Stimmen eines aus dem Rhein gezogenen Verstorbenen gänzlich vereinnahmt - auf die Suche nach ihrem Hamlet begibt. Atmosphärisch sehr eindringlich entfaltete Mischa Bach einen kriminalistischen Plot, der die üblichen natürlichen und zumeist (scheinbar) logischen kriminologischen Handlungsmuster mystisch überhöht.

Von einer amüsanten, humorvollen Seite zeigte sich schließlich der aus Göttingen stammende, derzeit in Essen lebende Musiksatiriker Kelvin. Als Mitarbeiter der Musikpolizei - Abteilung Samenraub, der sich weniger für Human Rights denn für Copy Rights interessiert, versuchte er unter anderem zu beweisen, dass der erste erfolgreiche Britney-Spears-Hit einer homosexuellen, sibirischen Band aus dem Underground St. Petersburgs entstammt: Hit me baby one more time. Auch dem letzten noch so von der Ernsthaftigkeit der vorangegangenen Krimi-Erzählungen eingenommenen Zuhörer trieb es spätestens bei Kelvins Variationen des U2-Hits I still haven’t found what I’m looking for die Lachtränen in die Augen. Das Zwerchfell erhielt kaum noch eine Pause, als Kelvin ohne Pardon, streng nach Dienstvorschrift, Nick Cave, Konstantin Wecker, Bob Dylan, Moses P. und weitere Größen und Ungrößen der Musikindustrie grandios parodierte - keinem von ihnen gelang es, durch das engmaschige Netz der Musikpolizei zu schlüpfen. Aber was rede ich hier: Kelvin muss man einfach live erlebt haben. Hingehen, anhören, Tränen lachen!

Insgesamt stellte sich die 13. Treibgut-Lesung den Zuhörern unter dem Titel Elchtod also im skandinavischen Gewand dar. Im Zuge der Geldeinsparungen verhallen die nordischen Töne auf dem Bochumer Uni-Campus allerdings mehr und mehr. Die Lichter in der einzigen Skandinavistik im Ruhrgebiet sollen Ende 2005 endgültig ausgehen, und so beginnt in einer Zeit, in der sich skandinavische Literatur und Kultur größter Beliebtheit erfreuen, tief im Westen die Hoffnung auf ein Nordlicht, das den Weg aus dem Winterdunkel weist... Doch, wie konstatierte Uli Schröder kämpferisch: Totgesagte leben länger!

Nils Vollert

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"Strandspötter"
Gestrandet 12 (23. September 2004)

Drei Schelme und ein Haifisch

Côte d'Azur, acht Uhr abends. Ein Autorennen durch die Straßen von St. Tropez in einem geklauten Citroën CT. Das Glas Gelndronach lässig in der Linken, den Scheck von Papa soeben eingelöst und später dann im Studentenlook Filmstars anquatschen. Wir sind Strandgut. Wir werden es bleiben. - - - Das Riff ist weit. Ich lass mir Zeit. Alle Boutiquen haben noch auf. Hörst du mein Herz klopfen? Mit Isabelle Huppert betrunken Preise vergleichen, Luft-Küsse versuchen und über den Strand spotten. Die Luft riecht nach Vanille, während wir Sandburgen umwerfen, auf französisch Nietzsche zitieren und uns eingestehen, daß wir eigentlich lieber alleine bleiben wollen. Jeder für sich. Laissez-faire, mon amour, c'est la vie. - Es tut gleichmäßig weh, später, als wir die Telefonnummern tauschen…

Wer jetzt noch nicht die letzte Ausfahrt Bochum genommen hat, wird sie verpassen, die 12. Treibgut-Lesung im Riff. Als Uli Schröder die Discokugel anschmeißt und mit den übrigen Treibgutmitgliedern die Bühne zum Abschlußlied mit den Autoren stürmt, ist einigen etwas entgangen. Mag sein, daß es die Semesterferien waren, die so viele davon abhielten, zahlreich zu erscheinen. Mag sein, es waren Nietzsche und das Wetter. Das Publikum jedenfalls darf sich beschert fühlen: Zwei Autoren aus Berlin und Bochum werden heute Abend eindringliche Akzente setzen, eingebettet in ein musikalisch-satirisches Rahmenprogramm mit Lokalmatador Christian Hirdes. Die Zusammenarbeit mit der Literaturzeitschrift Macondo ermöglicht den Gastauftritt des Berliner Autors Marcus Jensen, präsentiert von Frank Schorneck. Außerdem erwarten wir mit André Dinter einen Bochumer Künstler, der sowohl literarisch als auch schauspielerisch auftrumpfen kann.

Der Mitgründer des Impro-Theaters Hottenlotten präsentiert im ersten Teil der Lesung humorvoll-nachdenkliche Lyrik und Prosa, die sich vielfach mit dem Phänomen "Zeit" auseinandersetzt. Mit seinen knappen Alltagsskizzen versetzt er uns zurück in Zeiten, als man sich mangels semiprofessioneller Ausstattung noch als "Handspieler" beim Tischtennisduell durchschlagen mußte… Gekonnt macht André Dinter selbst jene lästigen Beschränkungen der "Lesezeit" im Handumdrehen vergessen, die das "Event-Management" eines solchen Abends zwangsläufig mit sich bringen. Auch subtile politische Akzente werden gesetzt, als die Tragweite des schlichten Füllworts "Tja" für so etwas wie eine "deutsche Mentalität" reflektiert wird… Ein solches literarisch karikiertes, kärgliches Temperament wird jedoch zwischen den Zeilen immer wieder durch schauspielerische Anklänge des Impro-Akteurs konterkariert. André verkörpert somit förmlich den Prototyp eines Künstlers zwischen Literatur und anderen Darstellungsformen, die sich regelmäßig auf der Treibgut-Insel versammeln.

Es folgt Marcus Jensen mit einer halbstündigen Passage aus seinem Roman Oberland. Jensens Protagonist ist bereits tot und blickt aus dem Jenseits zurück auf sein verkorkstes Leben. Das Urteil lautet: lebenslänglich und darüber hinaus. Jensens Vortrag ist zurückhaltend und souverän zugleich. Sein Inhalt hinterläßt eine Ahnung von diesem zärtlichen Verbrechen, das man an sich selbst begeht. Dieses Zurückhalten der eigenen Dringlichkeit aus einer Ahnungs- oder Hoffnungslosigkeit, die jedes Feuer löscht und uns zaghaft verzweifeln läßt an der Attraktivität dieser Welt. Und selbst die Friedhofsluft ist voller Pheromone… Nachdem Marcus Jensen gelesen hat, setzt er sich auf die Autorencouch und zwickt den aufblasbaren Gummihai aufmunternd in die Flosse, als wolle er fragen: "Na, frißt du mich jetzt auf, oder habe ich dir gefallen?" Und er muß schmunzeln. Sicherlich, weil er weiß, daß beides gut möglich ist.

Einen unvergeßlichen Comedy-Akzent auf der Riff-Bühne setzt schließlich Christian Hirdes: Seine brillante Melange aus literarischem Kabarett und Musiksatire heizt noch einmal die Stimmung an und macht Lust auf ein Wiedersehen auf den Treibgut-Planken. Die Hirdes-Fans wissen insbesondere sein virtuoses Sprachspiel zu schätzen, das auch vor den gewagtesten Zungenbrechern nicht zurückschreckt: Gekonnt jongliert der Wortkünstler mit Vokalen und Konsonanten, als er von den Abenteuern von "Lisa und ihren vier chinesischen Freundinnen Li, Si, Tsi und Tsu" erzählt. Musikalisch setzt der Comedy-Barde dann ein absolutes Glanzlicht, als er den Megahit "Zombie" der Cranberries covert und mit einem prägnanten Leitmotiv pointiert: Erst lesbische Liebe kann die Orgasmusprobleme der weiblichen "Protagonistin" des Songs lösen. Selbst wenn's auf der Bühne etwas delikater wird, kommt Christan mit seiner unschuldigen Nonchalance sehr angenehm rüber. Ein bißchen erinnert er ja schon an Heinz Erhard…

Die Discokugel ist längst erloschen, und wir rollen vom Kopfsteinpflaster-Parkplatz, kurbeln die Seitenfenster auf im Bochumer Herbst, jeder für sich. Laissez-faire, mon amour, c'est la vie. Wir blicken zurück auf einen runden Abend am Treibgut-Strand, fernab der Côte d'Azur. Die Riffbühne jedenfalls hat sich als ideal erwiesen für die drei Künstler und den musikalischen Rahmen, auch wenn viele Plätze leer blieben. Es wird kühl im Wagen, rasch kurbeln wir die Fenster wieder hoch. Gerne würden wir zurückkehren an diesen Ort - vielleicht aber zu einer anderen, wärmeren Jahreszeit.

Carsten Pfeffer & Uli Schröder

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"Sommernachtskultur mit Treibgut und dO!PEN"
Gestrandet 11 (16. Juni 2004)

Ein stimmungsvolles und abwechslungsreiches Programm boten auf der 11. Treibgut-Lesung, am 16. Juni 2004 im Rahmen der studentischen Sommernachtskultur, die Autoren der Dortmunder Literaturzeitschrift dO!PEN. Abgerundet wurde der gelungene Abend vom Duo Reizverschluss, das wieder mit "literarischem Hip-Hop" aufwartete. Durchs Programm führte Treibgut-Erfinderin Denise Schynol.

Gleich mit seiner ersten Erzählung sog Michael Steffens die Zuhörer in seinen Bann. Die chaotische Reise eines egozentrischen Protagonisten, der eine an ihm vorbei rauschende Umwelt, kulturelle Eigenarten und eigenartige Bekanntschaften assoziativ bis in kleinste Details aufzunehmen versuchte, ließ den perplexen Hörern kaum Zeit zum Luftholen. Der Bewusstseinsstrom des Erzählers, die nahtlos und oft ohne erkennbaren Zusammenhang aneinander gereihten Informationen, die immer wieder zwischen erlebter Welt und den Gedanken des Protagonisten eine zynische Kluft spürbar machten, erinnerte in vielen Bezügen an einen James Joyce auf stilistischer, an einen Christian Kracht auf inhaltlicher Ebene. Auf ganz andere Art präsentierte sich Mirko Kussin, der gleichermaßen schreibt, um zu verstehen und um verstanden zu werden und bereits auf zahlreiche Lesungen im Ruhrgebiet zurückblicken kann. Seine Hommage an Benjamin von Stuckrad Barre, die Geschichte eines wehleidigen, unter der Stupidität seiner Mitmenschen leidenden Erzählers, führte den Zuhörern die unerträgliche Banalität des Alltags vor Augen.

Einen humorvollen Schlußpunkt schließlich setzte Thomas Tonn, verantwortlicher Herausgeber der Zeitschrift do!PEN. Er wartete mit einigen Anekdoten über einen legendären Wissenschaftler auf und sorgte dabei für einigesGelächter.

Die Literaturzeitschrift gründete sich im November 2000 und hat seitdem in privater Finanzierung elf Magazine veröffentlicht. Sie ist fester Bestandteil der hiesigen Literaturszene geworden und vereinigt zahlreiche junge wie gestandene, ambitionierte Autoren in ihren Publikationen. Nach dem furiosen Goosen-Jubiläum wurde die nunmehr elfte Treibgut-Lesung also einmal mehr zur Plattform nicht ganz so renommierter Nachwuchsautoren, die gleichwohl für einen gelungenen, literarisch anspruchsvollen Abend sorgten.

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"Goosen kommt."
Gestrandet 10 (27. Mai 2004)

Goosen las und alle kamen
Riesenerfolg bei Treibgut-Jubiläum an der Ruhr-Uni

Auf heimischem Parkett noch brillanter als ohnehin gewohnt - die personifizierte Literatur-Performance Frank Goosen präsentierte sich am Donnerstag bei der 10. Gestrandet-Lesung der Literaturinitiative Treibgut auf den Planken des Kulturcafés der Ruhr-Universität in absoluter Top-Form: Mit einer raffinierten Mischung aus fabelhaft inszenierten Passagen seines aktuellen Erzählbands Mein Ich und sein Leben sowie seines jüngsten Romans begeisterte Goosen über 250 Gäste vor ausverkauftem Haus. Auch die Treibgut-Autoren Oliver Uschmann und Ulrich Schröder hatten wieder einiges zu bieten und trumpften mit geballter Campus-Satire auf.

Gleich eine doppelte Portion Lokalkolorit tischten Frank Goosen & Co. dem vielköpfigen Treibgut-Publikum auf: Nicht nur schilderte der leidenschaftliche Bochumer seine Heimatstadt einmal mehr liebevoll-ungeschminkt, sondern zeigte in zahlreichen Textpassagen und kreativen Überleitungen auch seine beinahe zärtliche Verbundenheit mit dem Betoncharme des Campus der Ruhr-Uni, wo er 1992 Examen machte. Ein Höhepunkt war sein unnachahmbar lebendiger Vortrag einer längeren Sequenz aus dem zum Teil im Uni-Milieu spielenden Künstlerroman Pokorny lacht (2003), dessen gleichnamiger Komiker-Held sein glückloses Debüt als Entertainer bei einer Wahlauszählungsveranstaltung zum Studierendenparlament gibt. Bei dieser bierseligen Veranstaltung prallen Frank Sinatras zeitloser Erfolgssong I did it my way - als leitendes Motiv dem Romanhelden zugeordnet - auf Auszüge der von hochschulpolitischen Aktivisten intonierten Internationalen schonungslos aufeinander. Dem bei weitem nicht nur studentischen Publikum trieb es die Lachtränen in die Augen - herrlich!

Mit einer Rahmenerzählung namens Campus wartete das Treibgut-Duo Oliver Uschmann und Ulrich Schröder auf und führte dem Publikum plastisch vor Augen, was los sein könnte, wenn ein Uni-Streik wirklich mal richtig funktioniert: In dem bestreikten Campus-Kosmos gedeihen bis zu einer massiven militärischen Intervention absurdeste Phänomene und entfalten sich verschiedenste Charaktere...
Moderiert wurde das Ganze von Treibgut-Erfinderin Denise Schynol.

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"Ruhrpiranhas"
Gestrandet 9 (22. Januar 2004)

RUHR - PIRANHAS BISSEN ZU!

Es sind bemerkenswerte Szenen, die sich am Abend des 22. Januar im Kulturcafé der Ruhr-Uni-Bochum abspielen. Da steht jemand auf der Bühne und skandiert ohne Mikro "Friss die Südkurve! Friss den Feuerlöscher! Friss die, die dich fressen wollen!" und das Publikum antwortet auf Fingerzeig "Ole, Ole, Ole, Ole!" Da sitzt ein Mann mit verschmitztem Blick hinter seiner Gitarre, singt von einer an feinste Indiepop-Stimmen erinnernden "Assistentin" begleitet Songs über sexuelle Vorlieben oder das gepflegte Schlägertum und beginnt auf seiner Gitarre trommelnd halbgebückt über die Bühne zu stampfen, weil er "eine alte afrikanische Weise" zitiert. Und schließlich verdreht ein zungengewandter Dichter den Anwesenden mit lyrischen Wortspielkaskaden so sehr den Kopf, dass man bald nicht mehr weiß, wo hinten und vorne ist.

Die Rede ist von Matthias Schamp (Titanic-Photograph und Vorkämpfer abseitiger und absurd-realistischer Ruhrgebietsprosa), Volker Wendland (Drummer der Bochumer Punkhelden Die Kassierer, Jazzgitarrist und grandioser Lausbub) und Jürgen "Kalle" Wiersch (Poetry Slam-Vorreiter und Performance-Künstler). Es sind in der Tat bissig-böse "Ruhr Piranhas", welche die Gruppe Treibgut hier zur neunten Lesung der "Gestrandet"-Reihe zusammenriefen - fast die geballte Essenz dessen, was das Ruhrgebiet an spitzzüngigen Wort- und Tonkünstlern zu bieten hat.

Schamps bitterböse Cyberpunk-Posse Hirntreiben schlug dann auch den Bogen zur titelgebenden Geschichte aus der Feder Ulrich Schröders, der seine Charaktere nach dem Exitus des gesamten Menschheitswissens beim Crash des "World Wide Wet Web" (Schröders Variante der Matrix) durch ein zerstörtes Ruhr-Sumpfgebiet paddeln lässt und auch seinen neurotischen Arbeitslosen Egon K. wieder auf Einstellungstest schickt. Oliver Uschmann widmete sich in neuen Anekdoten aus seiner literarischen WG mit Hartmut derweil der Frage, was mit Menschen passiert, wenn sie ihr Selbstbild als progressive Musikhörer allzu ernst nehmen - hysterisch-treffsichere "Popliteratur" im besten Sinne.

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"Dunkle Poeten"
Gestrandet 8 (20. November 2003)

Auch bei der 8. Gestrandet-Lesung machte die Initiative Treibgut das Kulturcafé der Ruhr-Universität wieder zum Literatur-Eldorado: Gut 80 Besucher ließen sich eine geballte Portion existentialistisch-expressive Prosa und Lyrik unter der Rubrik Dunkle Poeten nicht entgehen. Einen ersten Paukenschlag gab es schon zum Auftakt: Martin Becker, literarisches Multitalent und Student am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, stellte gleich bei der Begrüßung die Werte einer krisengeschüttelten Gegenwartsgesellschaft in Frage, in der es selbst immer schwerer zu fallen scheint, einander glaubhaft einen "Guten Abend" zu wünschen. Wirklich ins Mark ging dann seine Kurzerzählung Jugendhotel, mit der Becker kürzlich den Berliner Jugendliteraturwettbewerb 2003 gewinnen konnte. Der junge Autor setzt sich in diesem "Text von schlichter Wahrhaftigkeit", so die renommierte Kritikerin Antje Strubel, mit dem heiklen Thema sexuellen Mißbrauchs Jugendlicher auseinander.

Zwischenmenschliche Abgründe lotete ebenfalls die Leipziger Autorin Susanne Heinrich (* 1985) aus, die trotz ihrer jungen Jahre schon eine beachtliche Liste von Literaturpreisen aufzuweisen hat, darunter der Hattinger Förderpreis 2002 sowie der in der Regel wesentlich älteren Literaten vorbehaltene Limburg-Preis 2003 (2. Platz). In einer "sehr langen Kurzgeschichte" versucht sie, Licht in ein äußerst realistisch gezeichnetes dekadentes Künstlerdasein in 'Dunkeldeutschland' zu bringen: "Erstaunlich zielsicher entwirft sie Figuren und Szenerie und hat trotz aller Knappheit den Mut zu einer ungewöhnlichen, überraschenden Bildsprache." (Antje Strubel)

Mystischere Fiktionen brachte die Iserlohner Autorin Marion Kranz auf die Planken von Treibgut, die den Literaturpreis der Stadt Hemer 2000 erhielt. Unter den Dunklen Poeten zeichnete sie sich insbesondere durch eine sehr intensive Art des Vortrags ihrer teils mit lyrischen Passagen durchsetzten Prosa aus. Außerdem debütierte der iranische Lyriker Farhad Ahmadkhan auf der Wortinsel im Betonmeer der Ruhr-Universität: Mit zurückgenommenem Pathos las er 14 Gedichte aus seinem Lyrik-Zyklus Feuer Zarathustras, einer poetischen Reise zwischen der persischen und deutschen Kultur. Auf strenge lyrische Formen, Reim und Metrum wird verzichtet, nicht dagegen auf Alliteration und Assonanz, die Ahmadkhans Gedichte zwischen subjektiver Wahrnehmung und politisch-religiöser Auseinandersetzung mit der iranischen Gegenwartsgesellschaft prägen.

Auch eine Musik-Premiere gab es im Kulturcafé, wo Pepe & Minz als Duo Reizverschluß in den Pausen das Haus rockten und im Zeichen von Milan Kunderas unerträglicher Leichtigkeit des Seins einen heiter-melancholischen Kontrapunkt setzten. Viel los war diesmal auch auf der Open Stage, wo neben einer Politsatire von Christoph Nitsch Lyrik von Stephan Belka, Thomas Ullm und Sven Neidig, Prosa von Micha Ostermann sowie beide Gattungen verbindende Texte von Petra Forbrig und Sabine Meixner zu hören waren. Alles in allem ein spannender Literaturmarathon, den Ulrich Schröder mit kreativen Moderationen und satirisch-bissiger Prosa begleitete.

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"Wir kommen, um uns zu beschweren"
Gestrandet 7 (3. Juli 2003)

Am 3. Juli gab es zum einjährigen Bestehen von Treibgut einen neuen Besucherrekord. Der erweiterte Saal des Kulturcafés war mit etwa 150 Gästen sehr gut gefüllt, die den kurzen, ironischen Zeilen der Hamburger Schule lauschten, vertreten durch Sven Amtsberg und Thorsten Passfeld. Thorsten suchte dabei den fehlenden Thees Uhlmann, Autor der Tocotronic-Tourtagebücher und Sänger von Tomte zu ersetzen - und er vertrat ihn würdig: Neben markanten Geschichten bot er auf seiner Gitarre mit augenzwinkender Stimme Songs vom Scheitern, die mit treffsicheren Pointen den Weg in Ohr und Zwerchfell fanden. Sven Amtsberg las derweil aus seinem Rowohlt-Debüt Mädchenbuch, in dem er seine Sprache noch mehr als je zuvor zur maximalen Verdichtung geführt hat. Eine lakonische, zuweilen fast zynische, vermeintlich kalte und dabei doch so warme Literatur über das menschliche Miteinander, die einem das Lachen, das sie hervorruft, im Halse stecken lässt. Schriftstellerisch geschult durch die Reduktionslehren des Hamburger Dogma - das er miterfand - und vortragstechnisch geübt durch die erfolgreichen Lesungen des Macht e.V. in Hamburg, ist Amtsberg allemal ein Vorleser von starker Präsenz, der als "Opener" dafür sorgte, dass die Zuschauer trotz des Fehlens von Uhlmann gerne und mit Spannung blieben. Wie für Amtsberg war es auch für Intro-Chef und Autor Linus Volkmann der zweite Besuch auf den Planken von Treibgut. Der Schöpfer des "Vorzeige-Slackers" Super Lupo gab eine Erzählung seines neuen Helden King Cobr zum besten - ein Linksautonomer, den es zur "Sozialstrafe" auf den Ponyhof verschlägt - und übte sich mit Sven Amtsberg im szenischen Lesen. Zudem zelebrierte er wieder seine unverwechselbare improvisatorische Stärke: zehn Minuten seines Auftritts ohne ein Wort vorgelesenen Text zu vollbringen und dennoch prächtig zu unterhalten.

Abgerundet wurde der Abend von den Treibgut-Autoren selbst. Ulrich Schröder vollendete seine Erzählung vom Abschließer (die sich gegen Ende zur technik-kritischen Cyberpunk-Vision umbiegt), bot einen kafkaesken "Bericht" über die Schmähung eines Beamten, der bei der Planung einer künstlichen Skipiste den "Bevorratungsteich für Beschneiungsanlagen" kurzerhand "Kanonenteich" zu nennen sich erdreistet und rundete seinen Auftritt mit einer intensiv-verstörenden Portion Neo-Dada samt Zwölfton-Musik ab. Oliver Uschmann las zwei neue Geschichten aus seiner Reihe Hartmut und ich, absurd-komische Erzählungen aus einer fiktiven Zweier-WG, die ihm mittlerweile den Short Story Preis Leverkusen 2003 eingebracht hat - was Linus Volkmann bei seinem Auftritt die selbstironische Klage anstimmen ließ, sich "zwischen all diesen Preisträgern" gleich seiner Loser-Figuren ganz winzig und klein vorzukommen. Als letztes betrat dann die Gründerin von Treibgut und Moderatorin der Lesung - Denise Schynol - die Bühne und beschloss den Abend mittels einer eindringlichen und motivisch präzisen Erzählung mit einem nachdenklichen Akzent.

In den Pausen gab es den Sound der musikalischen Hamburger Schule von Tocotronic bis Tomte. Ein dichter, schneller Abend, der nicht nur Freunden der jüngsten deutschen Literatur zwischen Social Beat, "Slackertum", Pop und Ironie gefallen haben dürfte. Lachen mit einer Träne im Knopfloch. Zwerchfellmassage und Schlag in den Magen. Anspielungsnetzwerk und Lehrstück in Sachen Reduktion der Literatur auf das Wesentliche. Präzise Essenz. Sarkastische Melancholie, wenn es so etwas gibt. Manche nennen das "Lebensgefühl". Viele Zuschauer konnten es teilen.

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"Anders Sehen"
Gestrandet 6 (8. Mai 2003)

Ein rundes Programm mit viel Lokalkolorit bot unsre Kulturcafé-Lesung am 8. Mai 2003: Mit Thorsten Krawinkel präsentierte ein Bochumer Autor und Standup-Kabarettist seine satirischen Kurztexte aus dem Programm Gott im Alltag, die ihre Wirkung z. T. durch ausgeprägte regionale Bezüge entfalten. Ein Höhepunkt bestand in (neu-)dadaistisch vorgetragener Kritik an der 'Ersatzreligion Wissenschaft', die eine angeblich vernunftorientierte Gesellschaft nicht selten auf Abwege führt... Mit ironischer Prosa über das absurde Leben bereicherte die Düsseldorfer Wortakrobatin Katinka Buddenkotte das Programm dieses Abends. Ihre witzig-melancholischen Texte begeisterten das Publikum und gaben zugleich so manchen Denkanstoß mit auf den Weg, die eigene Biographie mal gründlich zu überdenken... Abgerundet wurde das Ganze einmal mehr durch Kurzprosa von Ulrich Schröder (Der Abschließer, Teil I) und Oliver Uschmann, dessen Moderation durch eine Lichtbild-Campusführung unter dem Motto des Abends - Anders Sehen - ergänzt wurde. Somit wurde so manchem Besucher durch Wort und Bild ein bislang unbekannter Blick nicht nur auf das Campus-Leben.

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"Die Erfindung der Langsamkeit"
Special: Die Manifest-Maschine
Gestrandet 5 (23. Januar 2003)

Sehr gut besucht war die diesmal avantgardistischer als sonst gehaltene Treibgut-Veranstaltung am 23. Januar 2003, wie gewohnt im Bochumer Kulturcafé: Zum Auftakt trug der persische Architekturstudent Soheil Seyedahmadi vor dem Hintergrund meta-poetischer Overhead-Projektionen aus seinem lyrischen Werk vor. Die an die Leinwand geworfenen labyrinthartigen schwarzen Linien korrespondierten mit der experimentellen Note seiner Texte.

Seinen zweiten Treibgut-Auftritt feierte Thomas Vieth, der eine vom Thema Folter und Mord geprägte Kurzgeschichte las. Den Höhepunkt des Abends markierte Otto Normal, alias Christian Hirdes, dessen satirische, musikalisch-melancholische Texte auch starke humoristische Akzente setzten: "Seine frechen, häufig nicht ganz jugendfreien Reime waren komisch-schräg und ironisch-zuckersüß; seine Wortspiele waren erfrischend originell": "Man spürte, wie Literatur mitten im Leben stehen kann". (Yingchun Ding: Studenten-Café, Autorenlesung, Treibgut... In: Punkt.DE, Kultur, März 2003.) Wenn das die Situationisten in den 60ern geahnt hätten...

Komplettiert wurde die Lesung durch überzeugende Auftritte der Treibgut-Autoren, Live-Jazz sowie ein "kammersymphoni-sches Werk für Sprache" des Kölner Wortkünstlers Holger Wiese. Die Moderation - zugleich eine improvisierte Literaten-fete am Runden Tisch - übernahm diesmal ein vierköpfiges Treibgut-Kollektiv (Ulli, Olli, Tim und Pepe). Den Abschluss bildete eine szenische Lesung der neodadaistischen Manifestmaschine (Oliver Uschmann, Ulrich Schröder, Pepe Wallpollege Don), deren experimentelle Note allerdings auf eher zurückhaltende Publikumsresonanz stieß.

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"Traum"
Gestrandet 4 (21. November 2002)

Einen erfolgreichen Newcomer durfte das Treibgut-Team am 21. November 2002 im Bochumer Kulturcafé begrüßen: Björn Kern las aus seinem 2001 beim dtv verlegten Roman KippPunkt. Nach einer kurzen Live-Lesung in der Sendung Kultimativ beim Campus-Sender der Ruhr-Uni Bochum, c. t. - das Radio, stellte der 24jährige Tübinger seinen erfrischenden, auf unterhaltsame Weise sozialkritischen Text ausführlich auf unserer Wortinsel vor: Durch eine traumatisierende Schwerstpflegetätigkeit im Zivildienst aus der Bahn geworfen, durchlebt der Protagonist des Romans mehrere Krisen, die seine Biographie allmählich "kippen" lassen. Nach dem Tod der Freundin wird sein "Wuttraum", eine Art Anschlag zu begehen, um den ihn umgebenden hektischen Alltag "anzuhalten", schließlich bittere Realität.

Das Motiv Traum war zugleich das leitende Motto dieser Veranstaltung, in deren Rahmenprogramm als zweiter Leser Thomas Fillinger zu hören war, der 2001 den Literaturpreis der Stadt Leverkusen gewann. Mit surrealer Prosa inklusive punktueller Schockeffekte wurde das Publikum mal zum Lachen, mal zum Gruseln gebracht. Zum Gelingen der Veranstaltung trugen auch wieder die inzwischen schon zum "Treibgut-Inventar" zählenden Autoren Oliver Uschmann (u. a. Moderation), Karin Krick (Intro), Ulrich Schröder und Pepe Wallpollege Don bei - letzterer mit einer Bochumer Neubelebung dadaistischer Textelemente. Auf der Offenen Bühne debütierte diesmal Michael Massberg, für entspannte Jazz-Pausen sorgten wieder Pepe, Tim und Christian. Den Bühnenhintergrund prägte einmal mehr ein Gemälde von Thorsten Mette.

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"Literatur aus dem verschollenen Leben"
Gestrandet 3 (24. Oktober 2002)

Bei der dritten Strandung auf unserer Wortinsel am 24. Oktober 2002 gab es den bisherigen Besucherrekord der Treibgutler: Abermals im Kulturcafé der Ruhr-Uni Bochum versammelten sich rund 100 Literaturbegeisterte und lauschten zunächst der erstmaligen Lesung aus dem zweiten Roman des Bochumer Autors Thomas Vieth. Nach der Publikation seines Erstlings Restleben präsentierte er einen noch unveröffentlichten Text mit dem Titel Weltbar.

Sein Treibgut-Debüt feierte der Bochumer Skandinavist und Autor Ulrich Schröder mit expressiven und satirisch-surrealen Gedichten und Kurzgeschichten. Mit experimentellen, freien Rhythmen setzte Karin Krick wieder einen starken lyrischen Akzent auf unserer Wortinsel.

Besonders begeistert zeigte sich das Publikum von dem Vortrag der Debütantin Esther Laufer, die aus ihrem ersten, zwischen Liebeseuphorie und Schwermut oszillierenden Roman Hasenmilch las. Avantgardistische Highlights der Popliteratur boten einmal mehr Oliver Uschmann und Pepe Wallpollege Don. Für kurzweilige Live-Jazz-Unterbrechungen sorgten Pepe, Tim und Christian. Den Bühnenhintergrund schmückten an diesem Abend drei Gemälde von Thorsten Mette.

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"Literatur und Pop aus dem verschollenen Leben"
Gestrandet 1 & 2 (6. und 13. Juni 2002)

Am 6. Juni 2002 strandeten zum ersten Mal drei junge und innovative Autoren der Popliteratur im Kulturcafé der Ruhr-Universität Bochum und stellten ihre Texte einem faszinierten Publikum vor - die Initiative Treibgut feierte mit diesem Abend den überaus erfolgreichen Start der Reihe Getrandet - Literatur aus dem verschollenen Leben. Sven Amtsberg und Michael Weins, zwei Autoren der lebendigen Hamburger Literaturszene, sowie der Kölner Autor Linus Volkmann begeisterten die interessierten Zuhörer. Sven Amtsberg warf dabei mit seinen surrealen Kurzgeschichten präzise Schlaglichter auf ein tragisch-komisches modernes Leben. Beeinflusst vom Hamburger Dogma ist auch Michael Weins, der mit seinem Debütroman Goldener Reiter überzeugte. Der Kölner Autor Linus Volkmann reizte die Lachmuskeln der Anwesenden mit seinen überzeichneten Geschichten über den sympathischen Verlierer Super-Lupo. Für entspannte Atmosphäre sorgten DJane Alex und DJ Martini, bekannt durch den "Teppichtanz" im Dortmunder Club Cosmotopia, mit locker-leichtem Sound.

Getragen von den Wellen der positiven Resonanz, die der erste Treibgut-Abend ausgelöst hatte, kamen zur zweiten Veranstaltung aus der Reihe Gestrandet - Literatur aus dem verschollenen Leben am 13. Juni 2002 abermals viele Wortbegeisterte ins Kulturcafé der Ruhr-Uni Bochum. An diesem Abend lasen M. G. Burgheim, Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses, sowie Andre Dinter, Mitglied des Bochumer Improvisationstheaters Die Hottenlotten, aus ihren aktuellen Werken. Anschließend hatten alle unentdeckten Talente die Möglichkeit, auf die Planken der Offenen Bühne zu treten und ihre Werke zu präsentieren.

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Publikum
 
   

 

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