Schließlich berichtet Nagel noch über den Kampf zum Erhalt des
autonomen Berliner Kulturzentrums Köpi, um vor dem Hintergrund eines
bizarren Grafittos zur drohenden Räumung nahtlos zu Geschichten über
das real existierende Rauchverbot sowie die Schwierigkeiten eines
Grenzübertritts in die Schweiz überzugehen...
Vor 'bombastischem' Werbeschriftzug (Berlin Hbf) setzt Nagel Lee
Hollis' 'Strategy for victory' unplugged um
Doch Kapitulation ist an diesem Abend nicht angesagt, zumal es nun an
Lee Hollis ist, voll durchzustarten mit Auszügen aus seinem brandneuen
Werk Strategy for victory (Ventil 2008): "I've been involved in the
punkrock for a thousand years", beginnt Lee seinen Vortrag mit einem
monumentalen historischen Überblick über nicht nur künstlerisch, sondern
auch real tausendfach zelebrierte Punkrock-Anarchie als Lebensgefühl:
"Everything I tell you tonight is true..." Zunächst gibt er drei
"puke-stories" zum besten, von denen sich die dritte mit der Bewältigung
seiner Vergangenheit als GI ("I was protecting you from communism")
befaßt, um dann wieder als guter alter Hardcore-Punk satirisch mit
minoritätsfeindlicher Unkultur in den Südstaaten der USA nicht zuletzt
auch musikgeschichtlich abzurechnen: "The only sweet thing about Alabama
is leaving it…" Neben obligatorischem Haß auf elterliche Spießigkeit -
"I actively hated my parents" - gehört systematisches Anspucken der sozialen
Umwelt als vermeintliches Zeichen von Wertschätzung zur Strategy for
victory des Protagonisten. Daß dies auf dem schwierigen Terrain
zwischenmenschlicher Beziehungen nicht immer geradlinig zum gewünschten
Erfolg führt, versteht sich von selbst...
Das "beschissene Rauchergesetz" ist für Lee Hollis der Aufhänger zum
letzten Teil eines zunächst musikalisch performten Parts über von Nick
Cave geklaute Sklavenlieder aus Alabama, gefolgt von einem spektakulären
Intermezzo zu Tornados, die über Häuser hüpfen und deren Bewohner verschonen.
In jedem Fall sei es wichtig, sich immer vor Augen zu halten: "Not every
problem is the coming of the apocalypse - so breathe deeply and relax!"
Das Ganze kulminiert schließlich im elementaren anarchischen Imperativ
"Smoke!" sowie in einem Hausverbot für den Protagonisten - das Lee Hollis
im Bahnhof Langendreer jedoch niemals bekommen wird, denn sein wunderbar
relaxter Auftritt wird noch lange in bester Erinnerung bleiben!
Uli Schröder
Infos zu Nagel und Lee Hollis gibt's im Netz unter:
www.ventil-verlag.de
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"StrandSpurenLese"
Gestrandet 21 (22. November 2007)
Alles Treibgut in Reichweite unserer Hände muß als Niederschlag unserer
Wünsche gelten. (André Breton)*
Mit diesen Worten eröffnet und schließt Christoph Villis die zusammen mit
Denise Schynol moderierte 21. Gestrandet-Ausgabe im Uni-KulturCafé, bei
der die ultimative Buchpremiere ins Haus steht: Denn dieses Breton-Zitat ist
auch dem Vorwort der aktuell im Duisburger Universitätsverlag Rhein-Ruhr
erschienenen Anthologie Treibgut. 42 Spuren am Strand vorangestellt, wo
nicht nur (die ersten) fünf Jahre Literaturarbeit auf dem Campus der
Ruhr-Universität dokumentiert sind. Vielmehr enthält die Anthologie vor allem
zahlreiche Texte von insgesamt 42 Autorinnen und Autoren, die während dieses
halben Treibgut-Jahrzehnts 2002 - 2007 auf unserer Wortinsel gestrandet sind.
Auch will der Moderator der StrandSpurenLese den etwa 70 Gästen im
vollbesetzten Café keinen der 42 VerfasserInnennamen vorenthalten. Neben dem
diesjährigen Bachmannpreis-Teilnehmer und Headliner dieses Abends, dem derzeit
in Berlin wohnenden ehemaligen RUB-Studenten Jörg Albrecht sowie Frank Goosen
(Literaturpreisträger Ruhrgebiet 2003) sind dies (in der Reihenfolge ihrer
Beiträge im Buch): Björn Kern, Thomas Tonn, Marcus Jensen, Martin Becker,
Christoph Manfred Müller, Carsten Marc Pfeffer, Karin Krick, Sven Neidig,
Joschka Haltaufderheide, Denise Schynol, Daniel Steinbach, Christoph Villis,
Julia Sandforth, André Dinter, Ben Bosch, Christoph Nitsch, Jonas Jahn, Matthias
Penzel, Linus Volkmann, Karin Bellmann, Oliver Uschmann, Jürgen Wiersch, Thomas
Schlick, Matthias Schamp, Stephan Belka, Anna Zygiel, Kerstin Schneider, Thomas
Schindler, Michael Steffens, Thomas Vieth, Pascal Scheffels, Farhad Ahmadkhan,
Corinna Reuter, Michael Weins, Patricia Vohwinkel, Manfred G. Burgheim, Volker
Wendland, Jan Off, Thorsten Krawinkel und Uli Schröder sowie Nachwort-Verfasser
PD Dr. Ralph Köhnen.
Den künstlerischen Auftakt der StrandSpurenLese markiert der Autor des
letzten literarischen Anthologie-Beitrags mit einem Text, der ähnlich
(überwachungs-)technologiekritische Züge trägt wie sein satirischer "Abschließer"
in den 42 Spuren am Strand: In Anspielung an die Replik "Wir müssen uns die
Schädeldecken aufbrechen und einander die Gedanken aus den Hirnfasern zerren" in
der Eingangsszene von Georg Büchners Dantons Tod entfaltet Uli Schröder in
seiner FirmenKontaktMessenSatire namens "Inaktiva" ein beunruhigendes Szenario
neurobiologischer Hybris und erzählt zugleich eine finstere Weihnachtsgeschichte:
Indem der Protagonist bei der im Atombunker der Ruhrstadt-Akademie stattfindenden
Schlafforschungsmesse als Testperson an den HIRNPORT gekoppelt wird, werden Teile
seines Langzeitgedächtnisses gelöscht - einschließlich sämtlicher
Schlüsselinformationen über das Fest der Liebe...
Die prominentesten Gäste bei Gestrandet 21 werden dann von der
Inspiratorin für das Hauptprogramm der StrandSpurenLese vorgestellt: Denise
Schynol präsentiert das Duo phonofix, alias Jörg Albrecht und seinen
musikalischen Begleiter phon°noir, alias Matthias Grübel, mit ihrem
einstündigen Programm Drei Herzen_Live. Mit seiner "an Leistungssport
grenzenden, atemverschlagenden Performance" schlägt das Duo mit einer "speziellen
Mischung aus Klang und Wort, Musik und Text" vor dem Hintergrund der
Leinwandprojektion einer jahreszeitlich changierenden Landschaft das Publikum in
seinen Bann - nicht ohne jedoch auch diverse Irritationsmomente zu setzen, wenn
Jörg Albrecht etwa ein Megaphon zur Hand nimmt, um unvermittelt das Medium zur
Übermittlung der literarischen Botschaft zu wechseln.
Jeder Film fängt irgendwann an - jeder Film hört irgendwann auf
Am Anfang der multimedialen Performance ist nur das Rattern eines Filmprojektors
zu hören, wie man es von Super-8-Vorführungen aus den 60ern und 70ern kennt. Dann
die Stimme des Autors, gefolgt von eingespielten Elektrobeats. Zurück in den
Katastrophenwinter des Jahres 1978: "78 Stunden Schnee." Synästhetische Eindrücke
und repetitive Soundschleifen werden mit literarisierter Historie angereichert,
was wiederum in der Beschreibung einer familiengeschichtlichen photographischen
Momentaufnahme kurz vor dem Tode der Großmutter des Protagonisten auf den "Neuronen
der Netzhaut" zusammenfließt: "Keine Explosion, keine Detonation - nur ein
elektrischer Blitz […]."
Was bleibt? Umschalten. Umschalten mit der bereitliegenden Fernbedienung zu
einem "zeitlose[n] Sommer, in dem alle Bilder zusammenfallen." Die Synästhesie
geht zugleich mit multimedial inszenierter Synchronie einher; der auf die Leinwand
im Hintergrund projizierte kahle Baum treibt nun Knospen, und die Bühne avanciert
zur Zeitmaschine: Aus dem Winter '78 wird der April '68. Die Geschichte des
Kennenlernens der Eltern des Ich-Erzählers überkreuzt sich mit erlebter Geschichte
am Vorabend des Attentats auf Rudi Dutschke, kombiniert mit einem
photographiehistorischen Querschnitt seit der Entwicklung des Super-8-Formats drei
Jahre zuvor. Möglicher rezeptiver Verstörung wird per Megaphon vorgebeugt: "Keine
Sorge, das ist nur Rückblende, das ist nur erzählt - nicht mehr", wird das Publikum
beruhigt.
Hinter der Linse ist immer noch eine Linse - und was ist darin zu sehen?
Im Anklang an das platonische Höhlengleichnis, das die Condition humaine
in ihrem Bemühen beschreibt, das eigentliche Sein zu erkennen, thematisiert Jörg
Albrecht das Problem der Wahrnehmung und der damit verbundenen Relativierung
jeglicher Erkenntnisgewinnung. Minutenlang fällt kein Wort - nur die wunderbaren
elektrischen Baßgitarrenklänge von Matthias Grübel plätschern über die Wortinsel.
Dann wiederum der Versuch, individuell Erfahrenes literarisch mit erlebter
Geschichte zu korrelieren. Verstörende Details von Dutschkes Verwundung werden mit
physischen wie psychischen Befindlichkeiten des Protagonisten verknüpft, bevor abrupt
umgeschaltet wird ins Jahr 1972. "Bluten" wird immer mehr
zum Leitmotiv. Immer wieder die assoziative Überlappung des Privaten und
Politischen, ein nunmehr beschleunigter ständiger Wechsel zwischen subjektiver Sinneswahrnehmung
und realem Geschehen, unterlegt mit elektronischen Soundeffekten und imitierten
Alltagsgeräuschen.
Irgendwo läuft doch immer eine Kamera.
"Lichtblitze im Blitzkrieg." Und dann: "Einfach durchdrehen." Filmgeschichtlich
wird "das amerikanische Versprechen" als vermeintliches "Verbrechen" entlarvt: "Es
ist so: Erst passiert die ganze Zeit nichts - und dann stirbt jemand." Immer mehr
erzählte Bilder werden immer schneller übereinandergeblendet. Die Sätze beginnen
zu versagen: Ein immer sprunghafteres Zappen in Zeit und Raum überspült die
Wortinsel. Bis zur Grenze des Aufnehmbaren. Bis der Film nach 57 Minuten reißt.
*****
Vor der Pause steht noch einelavender besondere Würdigung eines langjährigen
Weggefährten an: Stellvertretend für die zahlreichen Personen und Institutionen,
die Treibgut unterstützen, erhält Hüseyin Bali, Geschäftsführer des
KulturCafés der Ruhr-Uni, ein signiertes Exemplar der 42 Spuren am Strand.
Die Offene Bühne eröffnet wenig später der Bochumer Autor Thomas Vieth mit
seinem minimalistischen Kurzprosatext Riechenspielen, der die Zuhörer mit
allen Sinnen in eine Essener Nachkriegsjugend samt Abenteuerspielen auf
Trümmergrundstücken zurückversetzt. Danach begeistert die Duisburger Krimi-Autorin
Patricia Vohwinkel mit der - für ihr Schreiben eher untypischen - formal sehr
anspruchsvollen und kunstfertigen Ballade Filia ignis das Publikum, wo
ein gebranntes lyrisches Ich die Narben des Lebens besingt. Darauf folgt eine
dreiteilige Werkcollage von Treibgut-Urgestein Karin Krick, deren klingende
existentialistische Lyrik die Wortinsel wie in den Tagen der
Treibgut-Gründung bereichert. Im Sinne des Schlußverses ihres letzten
Textes wünscht Karin allen Anwesenden, daß sie immer die Kraft haben mögen, an
ihre Träume zu glauben: "Abschied ist, was Anfang gibt."
Abgerundet wird Gestrandet 21 mit zwei wunderbar witzigen, erfrischenden
Beiträgen des Bochumer Künstlers Thorsten Krawinkel: Mit seinem
augenzwinkernd-ironischen metaliterarischen "Gebet eines jungen Schriftstellers
aus der Nähe von Dortmund" sowie seinem über das Winterdunkel mit lässigen Versen
hinwegtröstenden Gedicht "Frühling" sorgt er für einen euphorischen Schlußapplaus
und macht Lust auf mehr davon - vielleicht ja bei Gestrandet 23...
* zitiert nach Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde. Hamburg: Edition Nautilus 1990, S. 76
Ulrich Schröder
Infos zu phonofix bzw. Jörg Albrecht und Matthias Grübel gibt's im Netz unter:
www.phonofix.de
www.fotofixautomat.de
www.phononoir.de
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"Schönheit des Scheiterns"
Gestrandet 20 (28. Juni 2007)
Fünf Jahre Treibgut und kein Ende: Das wurde am 28.6. im mit über 60 Gästen
fast bis auf den letzten Platz besetzten Uni-Kulturcafé gebührend gefeiert. Nicht
nur mit dem auch im Punk-Business einschlägig bekannten Literaten Jan Off
(Angsterhaltende Maßnahmen, Ventil Verlag 2006), der für diesen Abend aus
Darmstadt ins Ruhrgebiet pilgerte, sowie der in Berlin lebenden Autorin Kirsten
Fuchs (Die Titanic und Herr Berg, Rowohlt 2005) konnte Christoph Villis als
souveräner Moderator einige Highlights der 20. Gestrandet-Lesung präsentieren:
Auch die Bochumer Autoren Carsten-Marc Pfeffer und Ulrich Schröder wurden vom
enthusiastischen Publikum mit reichlich Applaus belohnt, so daß dieser Abend
alles andere war als ein grandioses Scheitern...
Nach Christoph Villis' vielversprechender Anmoderation dieses facettenreichen
Abends hielt aber zunächst die unermüdliche Organisatorin und
"Traditionsbewahrerin" Denise Schynol Rückschau auf ein halbes Jahrzehnt auf
unserer Wortinsel gestrandeter "Literatur aus dem verschollenen Leben" zwischen
sarkastischem Underground und popliterarischem Mainstream, nicht selten mit
einschlägigem Musikbezug. Dann schlug der "immer exzellenteren" Ruhr-Universität
satirisch die Stunde, als Ulrich Schröder die Bühne enterte und den Abriß der
G-Gebäude und ihre baldige Ersetzung durch einen Golfplatz proklamierte, welcher
jedoch durchaus als Chance zu begreifen sei: Seitens der Betreibergesellschaft
werde sämtlichen Ex-GeisteswissenschaftlerInnen eine dauerhafte Weiterbeschäftigung
in der Golf-Anlage des Exzellenzzentrums auf 1-Euro-Basis bis zum 67. Lebensjahr
in Aussicht gestellt... Somit hätten die RUB-Angestellten beste Chancen, irgendwann
einmal als In die Jahre gekommene Kassenpatienten zu enden - so der Titel
eines brillanten Stücks Literatur des Bochumer Autors Carsten Marc Pfeffer. Die
intensive Ausstrahlung seines Vortrags nimmt wie immer das vielköpfige Publikum
gefangen, das gebannt dem "langen Marsch durch die Institutionen der ewigen
Verdammnis" und der hypochondrischen Tortur seines Ich-Erzählers lauscht: "Nur der
eingebildete Kranke vermeint den Schmerz wirklich zu verstehen..." Auch reflektiert
Pfeffer die - zuweilen mangelnde - Fähigkeit zu lieben sowie die Qualen des
Protagonisten, die nicht nur dem wiederkehrenden Trauma des miterlebten
Unfalltodes der Freundin geschuldet sind, sondern nicht zuletzt auch in der
Lektüre von Thomas Manns Zauberberg bestehen können.
"Ganz groß", sagt Jan Off einfach nur zu Carsten Marc Pfeffers Text, nach
welchem "eigentlich erstmal eine halbe Stunde Pause" sein sollte - doch es müsse
eben weitergehen, getreu dem Motto "Kunst muß wehtun". In seinem zunächst als
Punkrock-Satire daherkommenden Dilettanten unterwegs nach nirgendwo aus der
Reihe Mein größtes Waterloo beschreibt Jan Off die tragisch-komischen
Gehversuche einer Chaos-Kapelle und deren Sex'n'drugs-Bekenntnis beim
dilettierenden Slime-Covering nach der Maxime: "Versuchen wir, die
Erinnerungslücken möglichst groß zu halten..." In rotes Licht getaucht und von
der obligatorischen Kerze auf dem Gestrandet-Lesepult erhellt, berichtet
Off jedoch nicht allein vom Scheitern jener Band, die nicht mal vor der Tür zum
Vorzimmer des Erfolges steht. So wird nicht nur sehr plastisch beschrieben, wo
übertriebener Pilzgenuß [sic!] auf der als "Scheiterhaufen" begriffenen Bühne
hinführen kann, sondern gar die avantgardistische Losung ausgegeben: "Schmiert
Euch Euer Hirn aufs Brot!" Durch die milieusatirische Folie hindurch wird
jedoch eine konturscharfe Avantgarde-Dimension des Textes sichtbar: "Dies war kein
Punk-Konzert. Dies war eine Performance geistig zerrütteter Kunststudenten, die
nichts weniger im Sinn hatten, als die Anwesenden vom zwangsläufigen Scheitern
jedweden Fortschrittsglaubens zu überzeugen..." Jan Offs Werk besitzt jedoch nicht
nur künstlerische, sondern auch politische Tiefenschärfe, die in seinem zweiten
Text, Rekrutenleid, zum Ausdruck kommt, der sich nicht nur mit den Initiationsriten
in der Punkszene beschäftigt, sondern sich assoziativ auch kritisch mit jenen
"Soundtracks zum Untergang" auseinandersetzt, die heutzutage die Irrwege des
Rechtsrocks bereithalten. Erheiternd und erfrischend derb jedenfalls ist Jan
Offs selbsterkorenes "Medley seiner größten Charterfolge" - und das kommt an.
Die Wahlberlinerin Kirsten Fuchs eröffnet ihren Part mit einer "Liebeserklärung
an Kreuzberg", wo sich immer noch Jahr für Jahr das Klischee bewahrheitet:
"Wer keinen Kalender hat, bekommt auf jeden Fall mit, wann der Erste Mai ist..."
Andere Vorurteile, insbesondere hinsichtlich der vermeintlichen Schwierigkeiten
multiethnischen Zusammenlebens, scheinen jedoch jeglichen Fundaments zu entbehren.
So fällt es nicht schwer, am Ende des Textes zu konstatieren: "Ich liebe
Kreuzberg" - was das Bochumer Publikum mit einem enthusiastischen Applaus zu
würdigen weiß. An das Thema "Liebe" anschließend, konfrontiert Fuchs die
ZuhörerInnen daraufhin mit einer satirischen Untersuchung der Garstigkeit des
weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen Geschlecht und jenem
"Garstigkeitskreislauf", der zuweilen auch als "Beziehung" bezeichnet wird...
Mit Betrachtungen über die "Laberstarre" des Mannes werden die Lachmuskeln der
Anwesenden auf eine harte Probe gestellt: "Wenn die Frau lange auf den Mann
einredet, verhärten sich seine Muskeln. Es soll schon Männer gegeben haben, die
sind einfach so vom Sofa gefallen." Abschließend berichtet Kirsten Fuchs in
Gassi gehen wunderbar berlinernd von der Liebe der Protagonistin zu ihrem
Hund - wenngleich sie das Publikum warnt, die ersten zehn Monate nach der
Hundeanschaffung seien schlicht und einfach scheiße... Von Scheitern kann auch im
letzten Text vor der Pause jedenfalls keine Rede sein, und der Abend droht ein
einziger Erfolg zu werden!
Daran hat auch Ulrich Schröder seinen Anteil, der zum Auftakt des zweiten Teils
der Lesung von Christoph Villis eine rührende freundschaftliche Laudatio nicht nur
zu seiner am selben Tag bestandenen Promotionsprüfung, sondern auch zu seiner
geradlinigen Verbindung von "Literatur und Politik mit viel Satire" und seinem
unermüdlichen Engagement erhält. In seinem literarisch-satirischen Beitrag
Terror
der Gewalthasen reflektiert er zum einen die zerstörerischen Gefahren ethisch
fragwürdiger Gen-Experimente; zum anderen skizziert er in seinem ins Jahr 2023,
"234 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille" verlegten Zukunftsszenario die mit der
Schließung der letzten kulturellen Nischen im Ruhrgebiet einhergehenden Reflexe
eines zusammenbrechenden totalitären Regimes, das nach mißglückten genetischen
Manipulationen in die vollständige Anarchie der "Gewalthasen" versinkt - einer
"Tier-Mensch-Maschine", welche die Menschheit zu unterjochen trachtet. Motivisch
gekrönt wird das Geschehen mit dem grotesken Bild einer "Sternbildreform", die den
"Großen Hasen" am Firmament erstrahlen läßt. Das Ganze gipfelt schließlich in
ominösen "Kunstsprengungen", die am Ende gar einen Pariser Kunstexperten in die
Provinz locken. Dagegen hilft nur noch, unverzüglich auf die Kanaren zu fliehen -
oder am Flughafen Dortmund-Wickede tot umzufallen...
Von gescheiterter Flucht ist wenig später auch bei Kirsten Fuchs die Rede, die
bei ihrer Lektüre aus ihren gesammelten Taz-Kolumnen u. a. über "Unterwäsche"
philosophiert und in diesem Kontext konstatiert: "Beziehung ist eben kein Kurztrip
ans Meer". Diese Erkenntnis kulminiert in ihrem Text Nach der Trennung nicht
nur in leitmotivischem Pulsadern-Aufschneiden oder gar imaginierter Autoamputation
von Gliedmaßen, sondern - als großartige Antiklimax - in kulinarischer
Selbstkasteiung der Protagonistin: "Ich geh' nur noch da essen, wo's ungesalzenes
Bio-Essen gibt - drauf geheult ist halb gewürzt."
Jan Off beschließt danach die Lesung mit seinem zweiten Part, den er mit der
durchaus nicht ironiefreien Hommage Heimat, süße Heimat an seinen ehemaligen
Wohnort Braunschweig eröffnet. Folgt man dem Autor, soll ein Benjamin von
Stuckrad-Barre dort bei einer Lesung einst einen schweren Stand gehabt haben - was
von Jan Off an diesem Abend nun wirklich nicht zu behaupten wäre. Auf das Genre
der Milieu-Satire rekurriert wiederum Ahoi, ahoi - nicht traurig sein, wo
der Protagonist seinen öffentlichen Urinierakt in der Straßenbahn mit einer
autosatirischen rhetorischen Frage kommentiert: "Sind wir Punks oder
Versicherungsvertreter?" Eine im ostdeutschen Dessau verortete rechte Hip-Hop-Szene
gerät im letzten Text des Abends, Straight outta Schweinekoben, ins Visier
des Popliteraten. So folgt auf pointiertes "Sido-Bashing" ein politsatirischer
frankophiler Appell, dessen genauen provokanten Wortlaut der/die interessierte
LeserIn ggf. beim Autor erfragen möge... Mit Jan Offs entspanntem popliterarischem
Ausklang ist das Fundament für die Indietronics-Party zum 5-Jahre-Treibgut-Jubiläum
gelegt - wenngleich wir uns zum 10jährigen wünschen würden, daß die Tanzfläche
dann wesentlich voller werden möge...
Ulrich Schröder & Denise Schynol
Infos zu Kirsten Fuchs und Jan Off gibt's im Netz unter:
www.kirsten-fuchs.de
www.jan-off.de
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"AUF-BRUCH-STELLEN - Die Ruhredition. Die Lesung zum Wettbewerb"
Gestrandet 19 (30. November 2006)
Widersprüche, Widerstände, Wendepunkte - politisch wie privat: So lassen
sich jene Koordinaten skizzenhaft beschreiben, zwischen denen sich die Texte unserer Gast- und
Campusautoren/-innen am Abend des 30. November 2006 auf der Treibgut-Bühne bewegen. Mit
dem Dortmunder Autor Mirko Kussin sowie der Bochumerin Anna Zygiel präsentiert Treibgut
zwei der erfolgreichen Teilnehmer/-innen des bundesweiten AUF-BRUCH-STELLEN-
Literaturwettbewerbs auf den Bühnenplanken des mit 40 Gästen besuchten Kulturcafés der
Ruhr-Universität. Für den erkrankten Jan Bojarin aus Essen muß jedoch Treibgut-Autor
Christoph Villis als "Ghostreader" einspringen. So ist der Vertreter der größten
Reviermetropole zumindest virtuell auf den Gestrandet-Planken präsent.(...) Die Texte
aller drei Autoren/-innen sind auch in der zur Preisverleihung im Oktober 2006 erschienenen
Textsammlung enthalten, die wir zur Lesung präsentieren: AUF-BRUCH-STELLEN. Ausgedacht?
Prosa in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs. Das Buch zum Wettbewerb. Außerdem bereichern
mit Corinna Reuter, Daniel Steinbach und Christoph Manfred Müller einmal mehr drei
Campus-Autoren/-innen auf der Offenen Bühne mit ihren facettenreichen Texten das von
Nils Vollert und Ulrich Schröder gewohnt souverän moderierte Programm.
Wenn der Staat ein Körper ist, und wenn wir die Zellen sind, die diesen
Körper vielleicht bilden, wie viele Krebszellen sind dann nötig, damit er sich
reformiert?
...heißt es im ersten Text des Abends von Mirko Kussin. Mit "Something is rotten in the
state..." zitiert er Shakespeares Hamlet an. Doch diesmal ist nichts faul im Staate Dänemark,
sondern in Deutschland. Der Gewinner des ersten Hauptpreises des Wettbewerbs (geteilt mit dem
Weimarer Autorenkollektiv Schroeter und Berger) präsentiert mit Hobbes verkrebst zugleich den
im Sinne der AUF-BRUCH-STELLEN-Ausschreibung mit Abstand politischsten Beitrag der
"Ruhrgebietsedition". Der Titel bezieht sich auf den Staatstheoretiker Thomas Hobbes, der in
seinem Hauptwerk die These aufstellt, daß sich der Staat in einem Körper manifestiert und
sich dabei aus einzelnen Individuen zusammensetzt. Jedoch kann der Staat erst gebildet werden,
wenn alle Individuen ihr Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung einer Person oder Institution
übertragen.
Mit eindringlicher Stimme liest Mirko Kussin weiter und hält uns allen den Spiegel vor:
Aus "Du bist Deutschland" wird "Du pisst Deutschland ins Gesicht". Doch wer denkt, es
handele sich bei dem Text um eine bloße Zitatensammlung, der irrt. Feinsinnig webt der
Dortmunder Autor ein Netz aus Songtextzeilen, popliterarischen Aufzählungen und
Verfremdungen. Zudem taucht immer wieder der Begriff "Uni" auf… Nicht nur dem Treibgut-
Stammpublikum ist der bereits bei der 11. Gestrandet-Ausgabe (Juli 2004) aufgetretene
Autor sicherlich kein Unbekannter: Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften
und Anthologien gewann der auch beim Dortmunder Literaturprojekt dO!PEN aktive Autor 2004
die Vestische Literatureule Recklinghausen. Kussins assoziativer Prosa-Text umkreist in
kurzen, prägnanten Wendungen das Verhältnis zwischen individuellem Mikrokosmos und
gesellschaftlichem Makrokosmos und schließt in einer Reihe immer stärker reduzierter
offener Fragen:
Wenn der Staat ein Körper ist und wir die Zellen, die diesen Körper bilden, wo
bleibe ich in dieser Geschichte? [...] Also einfacher: Wo stehe ich? Also noch einfacher:
Stehe ich? Einfach: Ich?
An diese subjektivistische Fragestellung knüpft die Gewinnerin des Bochumer
Sonderpreises, Anna Zygiel, mit ihrer Erzählung nüchtern betrachtet indirekt an, wo die
"Aufbruchstelle" im Leben der Protagonistin im privaten Bereich verortet ist: Nach einer
gescheiterten Beziehung versucht die Ich-Erzählerin, neue Orientierungspunkte in einer
seelischen Trümmerlandschaft zu finden. Ihr Lieblingssong spiegelt dabei ihre Situation:
"I was twenty-one years when I wrote this song and I don't wanna change the world."
Sie reflektiert ihre letzte Beziehung, die rein körperlicher Natur war: "Würde ich dich
meinen Freund nennen, würden wir uns sicherlich nie mehr sehen. Dein Status ist: ‚nicht
mein Freund'." Dieser ist zudem viel zu sehr mit sich selbst und seinem "Stardasein"
beschäftigt, als daß er ihr Gefühl der Heimatlosigkeit nachvollziehen könnte. Auch ihre
Eltern sind zu sehr auf sich fixiert, so daß die Protagonistin auch dort keinen Halt
findet. Dennoch begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Identität und ihren polnischen
Wurzeln, indem sie eine Reise nach Krakau beschließt. So gelangt sie trotz aller
Unsicherheiten zu einer gefestigten Position und konstatiert am Ende mit dem neu gewonnenen
Selbstbewußtsein, "[v]or allem [...] nicht ohnmächtig" zu sein.
Mit ihrem Vortrag kann Anna Zygiel an diesem Treibgut-Abend jedenfalls alte und neue Fans
begeistern. Nicht nur für die Bochumer Literaturszene wäre es eine Bereicherung, vielleicht
schon bald mehr von ihr zu hören und zu lesen!
Den Schlußpunkt des ersten Teils der 19. Gestrandet-Lesung markiert der Text von Ulrich
Schröder, der über die Co-Moderation hinaus auch literarische Akzente setzt: Mit seinem
im Rahmen des gleichnamigen Projekts des Bochumer Schreibhauses entstandenen Text
Literatur.geortet bringt er eine apokalyptische Satire auf die in den vergangenen Jahren
in vielen literarischen Werken grassierende Ausschlachtung des "11.-September-Terrors" ins
Kulturcafé. Mit ironischem Spott skizziert er die Odyssee eines Touristen, der am "day
after" ausgerechnet den schiefen Turm von Pisa aufsucht, um sein mediales Trauma der
einstürzenden Neubauten in Übersee zu kurieren. Mit dem in der Schreibhaus-Anthologie
Feuer im Foyer (2005) veröffentlichten Text wird zudem ein motivischer Bogen gespannt,
den Ulrich Schröder erst am Ende des Abends mit seinem Kurzprosa-Text Oskar schließt, in
dem der Ich-Erzähler von den Trümmern des größten jemals in einer europäischen Innenstadt
gesprengten Hochbaus erschlagen wird...
Brachial geht es auch nach der Pause weiter, als Treibgut-Mitglied Christoph Villis die an
Franz Kafkas In der Strafkolonie gemahnende Groteske Entfleischer des - krankheitsbedingt
abwesenden - Essener Autors Jan Bojarin vorträgt. Mit nüchternem Blick skizziert der
Ich-Erzähler die physische Auflösung des eigenen Subjekts im Namen einer zynischen
Wissenschaftsmaschinerie, die jeglicher Humanität entbehrt. Der Mensch wird einem
virtuellen wissenschaftlichen Fortschritt geopfert, während der Körper des Protagonisten
mit Hilfe einer Horrormaschine, die Kafkas Strafkolonie entsprungen sein könnte,
"entfleischt" wird. Sogar ohne die Anwesenheit des Autors, hat diese kurze Parabel von
Jan Bojaryn es geschafft, zu einem der literarischen Höhepunkte dieser Lesung zu werden!
Abgerundet wird Gestrandet 19 von den wiederum eher im privaten Bereich verankerten
literarischen Aufbruchstellen auf der Offenen Bühne, die sich zunächst in der sensibel
erzählten Kurzerzählung November von Corinna Reuter manifestieren. Und es wird sogleich
für einen Gänsehautfaktor gesorgt. Denn: Die Protagonistin seziert im wahrsten Sinne des
Wortes ihre letzte Liebe. Und zwar mit Worten. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als
ihrer Liebe den Totenschein auszustellen.
Mit Liebe auf den ersten Blick liefert Daniel Steinbach eine olfaktorische und sinnliche
Reise mit der U-Bahn. Der Ich-Erzähler trifft dort eine junge Frau, die er in dem vollen
Zug jedoch nicht sehen, sondern nur den zitronigen Duft ihres Haars und die Sanftheit
ihrer Hand, die ihn berührt, wahrnehmen kann. Allerdings nimmt die Geschichte kein
glückliches Ende, da die Unbekannte plötzlich verschwunden ist.
Christoph Manfred Müllers Protagonist scheint zunächst mehr Glück zu haben, denn er trifft
auf einer Party eine alte Schulfreundin wieder, für die er schon immer geschwärmt hat.
Lena und ich. Ich und sie. Eine Liebesgeschichte ist eine von den wundervollen Erzählungen,
die zunächst mit einer Nebensächlichkeit beginnt, bei der sich aber am Ende der Kreis
schließt. Eine schonungslose und witzige Geschichte, in der beide Geschlechter betrunken
sind: das eine liebestrunken, das andere volltrunken. Für Christoph Manfred Müller ist
dies nicht der erste Auftritt auf den Gestrandet-Planken: Bei der 17. Lesung überzeugte
er mit dem Text Jahreswechsel und arbeitet gerade an dem sechsteiligen Prosazyklus Innere
und äußere Monologe, woraus Lena und ich als Vorgeschmack diente.
Wir hoffen sehr, daß wir von allen Autorinnen und Autoren dieses runden Abends demnächst
noch viel mehr zu hören bekommen werden!
Kerstin Schneider & Ulrich Schröder
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"Ausgeträumt? The Life and Death of Rock’n’Roll & Revolution"
Gestrandet 18 (17. Mai 2006)
Liegt es am guten Wetter, am Campus-Konzert oder ist das
Champions–League-Endspiel schuld? Zu Gestrandet 18 findet
sich nur ein kleiner erlesener Kreis im Kulturcafé zusammen,
um der Lesung von Matthias Penzel und Enno Stahl zu lauschen.
Dabei verspricht der Abend vielschichtig und abwechslungsreich
zu werden.
Zunächst betritt Matthias Penzel die Planken der Gestrandet-
Bühne. Der 1966 geborene Journalist liest aus seinem Roman
TraumHaft – ein Beitrag zum Genre der Rockliteratur - und
erzählt die Geschichte der Rockband ShamPain, die kurz vor
dem großen Durchbruch steht. In Australien konnten sie schon
Erfolge feiern, jetzt sollen die USA erobert werden. Aus Sicht
des Bassisten Niet gewinnen wir einen Einblick in das
Showbusiness. Jedoch macht sich schnell Ernüchterung breit,
denn Niets Rückkehr nach Hause klingt so gar nicht nach
Rockstar. Halbleere Joghurtbecher und vertrockneter Käse.
Symptome eines WG-Alltags. Und kein Briefkasten, der von
Liebesbriefen überquillt und auch kein AB, der voll mit
Einladungen zu hippen Partys ist. Nach monatelanger Abwesenheit
hatte Niet dies erwartet und sich auf sein Zuhause gefreut.
„Niet ist ohne seine Band zurückgeflogen und legt einen
Zwischenstopp in Deutschland ein. Bassisten sind diejenigen,
die immer zuerst einen auf die Nase kriegen“, erklärt
Matthias Penzel. So verläuft das Wiedersehen mit seiner
Mitbewohnerin Carmen gleichwohl desillusionierend. Der
zweite Teller ist nicht für ihn, sondern für Carmens
Freundin gedacht, die noch schläft. Nur mit einem Lächeln
bekleidet. Mit der Band geht es nach New York und LA. Penzel
beschreibt sachlich nüchtern die Unberechenbarkeit des
Musikbusiness: Rechnungen anstatt Revolution. Matthias Penzel
und Enno Stahl sind ein eingespieltes Team. Während Penzel
liest, spielt Stahl zwischen den einzelnen Sequenzen Musik
ein.
Das Intro zur Pause kommt mit satirisch-bissigen Tönen
daher. Treibgut-Autor Christoph Villis zeigt schonungslos
die Reimstruktur des Popsongs Engel fliegen einsam von
Christina Stürmer auf und vergleicht sie mit den Reimen
eines Brecht-Gedichts. Und hat die Lacher auf seiner Seite.
Denn im Popsong heißt es:
Engel fliegen einsam
Du und ich gemeinsam
Niemals mehr allein sein
Christoph stellt am Ende fest: „Schau der Sprache beim
Reimen ins Gesicht und zerdrück die Reime nicht.“ Auch das
Outro zur Pause liefert unser Treibgut-Autor und widmet sich
nun dem Thema Rock. „Rockmusiker rebellieren und zeigen mit
ihrer Musik ihren Ärger auf die. Jedoch sind sie selten
voller Hass.“ Dass in Rocksongs unreine Reime auftauchen,
beweist Christoph anhand von Auszügen des Songs Durch den
Monsun von Tokio Hotel:
Ich muss durch den Monsun, hinter die Welt
Ans Ende der Zeit, bis kein Regen mehr fällt.
„Welt und fällt ist ein unreiner Reim, da kein betonter
Vokal im Reim enthalten ist. Reine Reime sind zum Beispiel
Haus/Maus und Meer/Speer“, sagt Christoph und zieht das
Fazit, dass sich auf Monsun nur Huhn reimt.
„FEUER!!!“, schreit Enno Stahl und eröffnet mit einem
Paukenschlag seinen Beitrag zu Gestrandet 18. Denn so lautet
das erste Wort zu seinem Roman 2Pac Amaru Hector, das noch
minutenlang in den Ohren nachklingt. Der 44-jährige Autor
beschreibt aus verschiedenen Perspektiven eine Geiselnahme
und die dazugehörige Vorbereitung. Neben den Terroristen und
den Geiseln, schildert Enno Stahl die Geschichte auch aus
der Sicht einiger Polizisten und Medienvertretern. Jedoch
wirkt keine dieser Figuren besonders sympathisch. Minutiös
bereitet die zusammen gewürfelte „Rheinische Bewegung Tupac
Amaru“ (RTBA) ihre terroristische Aktion vor. „Eine bunte
Schar, Männer und Frauen, ein paar Jugendliche, sogar zwei
mit Down-Syndrom sind darunter“, liest Enno Stahl. Anführer
Hector rechtfertigt die Aktion damit, dass die Firma
Telematics aus Japan für Entlassungen und Missachtung des
Naturschutzes zu bestrafen ist. Der Clou ist, dass die
gesamte Geiselnahme via Livestream ins Internet übertragen
werden soll. Die Schattenseite der schönen neuen Welt. Enno
Stahl gelingt es, uns in einen Sog aus Thriller und
Mediensatire zu ziehen. Nicht nur weitere Musikeinsprengsel,
sondern auch Geräusche wie Flugzeuge schaltet nun Matthias
Penzel zwischen. Dramatisch der Moment des Übergriffs während
der Weihnachtsfeier von Telematics. Enno Stahl liest mit
sehr viel Tempo, wechselnder Stimmlage und Sinn für Details,
sodass die Anspannung und Panik der Romanfiguren greifbar ist.
Dies alles machte Gestrandet 18 wieder zu einem besonderen
Event.
Kerstin Schneider
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"Zwanzigtausend Zeilen unter dem Meer"
Gestrandet 17 (15. Dezember 2005)
Sinkend, immer tiefer sinkend. Nach Luft schnappend,
20.000 Zeilen unter dem Meer - um vielleicht doch noch durch
eine unverhoffte Strömung an die Oberfläche zu gelangen und
befreit zu atmen. Von dieser existentiellen Spannung
aufgeladen ist Joschka Haltaufderheides Multikunst-Inszenierung,
die das vielköpfige Treibgut-Publikum in ihren Bann zieht. Die
Intensität seiner Texte verstärken atmosphärisch eindringliche
Video-Installationen, die Joschkas Prosa und Lyrik visuelle
Tiefenschärfe verleihen. Mit diesem hochkarätigen künstlerischen
Auftakt des Text:Noten-Nachwuchsautors aus Wetter, der an diesem
Abend auf unseren Planken strandet, beginnt die schillernd-bunte
17. Gestrandet-Lesung, welche die gut 50 Gäste im Kulturcafé so
bald nicht vergessen werden.
Mit dem "Untergrundpoeten" Andre Lohmann betritt zu späterer
Stunde ein weiterer Gast die Treibgut-Bühne, der auf einer
gänzlich anderen Klaviatur spielt, um das Publikum zu
begeistern. Mit alltagssatirischem Biß und erfrischender
Skurrilität präsentiert der Wahl-Berliner dem Publikum
einen satirischen Zerrspiegel, in dem sich so mancher
verdutzt wiedererkennen dürfte: als Opfer sadistischer
Pädagogen, aufdringlicher Mitreisender in Fernzügen oder
nerviger Mitpisser auf öffentlichen Toiletten. Ein
lachmuskelstrapazierendes Intermezzo, das kurzweilige
"good vibrations" auf die Bühnenplanken bringt!
Umrahmt von den surreal-melancholischen Glanzlichtern aus
Joschka Haltaufderheides multimedialem Projekt "Beobachtungsposten"
sowie Andre Lohmanns literarischen Satiren aus dem poetischen
Untergrund bereichern drei Treibgut-Autorinnen und Autoren
das Programm. Einen feinfühligen Ton trifft Julia Sandforth
mit einer Kurzgeschichte aus der Perspektive einer jugendlichen
Protagonistin über die Loslösung vom Elternhaus. Die Zersplitterung
zwischenmenschlicher Beziehungen in einer von Egoismen und
Karrierestreben zerrissenen Gesellschaft macht Kerstin
Schneider zum Thema einer Erzählung über das Ende einer
Partnerschaft. Christoph Villis schließlich schlägt mit einer
filmisch von "Ocean's Eleven" inspirierten Farce wieder eher
augenzwinkernd-humoristische Töne an. Auch die diesmal ins
Gesamtprogramm integrierte Offene Bühne hat an diesem 17.
Gestrandet-Abend mit vielversprechenden Beiträgen von
Christoph Manfred Müller, Sengül Bayrakli und - last but
not least - Dustin Saßenroth einiges zu bieten und macht
Lust auf noch viel mehr als die "20 000 Zeilen" dieses Abends...
Ulrich Schröder
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Treibgut feiert dreijähriges Bestehen
Doppellesung im Kulturcafé und dem Foyer des Tropenhauses der
Ruhr-Uni Bochum im Botanischer Garten
"Ruhrpiranhas II - Klimawandel"
Gestrandet 16 (14. Juli 2005), Tropenhausfoyer des Botanischen
Gartens der Ruhr-Uni
DIE RÜCKKEHR DER RUHRPIRANHAS
Wir schreiben den 14.7.2005. Es ist Hochsommer. Wie zähflüssige
Lava erfüllt bewegungslose, drückend heiße Luft die Betonschluchten
der Ruhr-Universität. Selbst vor den Absperrungen des Botanischen
Gartens macht die glühende Hitze nicht halt. Das Tropenhausfoyer kocht.
Schweißtriefend dreht der unieigene Megaphonmann gegen 18 Uhr seine
Runde im umliegenden Grün: "Der Garten wird geschlossen - der
Gaaarten wird geschlossen", hallt sein blechernes Echo durch die
Botanik. Einige Unverdrossene jedoch halten auch über die offizielle
Schließzeit hinaus die Stellung. Rund 40 weitgehend hitzeresistente
Literaturfanatiker harren dehydrierend im Tropenhaus aus, denn bei
der 16. Gestrandet-Lesung - Untertitel: Ruhrpiranhas II - wird dem
Motto-Thema des physikalischen und sozialen Klimawandels in den
Texten von Matthias Schamp, Volker Wendland und Uli Schröder nicht
nur künstlerisch die Piranhazähne gezeigt; auch leiblich bekommt das
Publikum den naturwissenschaftlichen Aspekt dieses Phänomens wahrhaft
zu spüren...
Da der 14. Juli, Jahrestag des "Sturms auf die Bastille", in
Zeiten des Sozialkahlschlags zugleich zum Protesttag gegen
Studiengebühren umfunktioniert worden ist, eröffnet Treibgut-Autor
Uli Schröder die Lesung passenderweise mit geballter Campussatire:
Einmal mehr treibt der "Kontenhändler" sein Unwesen auf dem
Uni-Campus, wo er mit gefälschten Zertifikaten für gebührenfreie
Semester dealt, als schachere er auf globalem Parkett mit
Emissionslizenzen. Beide Diskurse werden gekonnt zur satirischen
Groteske verschmolzen und bringen das hitzegeplagte Publikum zum
schweißperlentriefenden Schmunzeln. Den unmittelbaren Bezug zum
physikalischen Klimawandel stellt anschließend Uli Schröders
mottogebende satirische Erzählung Ruhrpiranhas her, die eine
Weiterentwicklung seines bereits im Januar 2004 bei Gestrandet IX
auf die Kulturcafé-Planken gebrachten gleichnamigen Textes darstellt.
Künstlerische Botschaften gegen den Mainstream-Strudel
Eine ähnliche Spur verfolgt der Bochumer Autor Matthias Schamp nicht
nur in seinem Roman Hirntreiben (edition selene 2000), sondern auch
in anderen epischen und lyrischen Texten - so etwa in dem zu Beginn
seines Auftritts vorgetragenen Gedicht "Deutscher Wald", der bei
Schamp in einer "Zeit nach der Natur" aus Plastikbäumen besteht. In
seinem Kurzgeschichtenband 26 Verlierer von A bis Z, der in einer
späteren Phase seines Schaffens entstand, sucht man dagegen vergebens
nach - vergleichsweise plakativen - literarischen Botschaften wie in
jenem Gedicht: Hier, so Schamp, gehe es eher darum, künstlerische
Gegenbotschaften zu formulieren, wovon der Autor eine Kostprobe zu
geben nicht schuldig bleibt. Eine vorläufige Klimax erfährt dieses
kontrapunktische Kunstwollen in Matthias Schamps 2003 erschienenem
Kurzgeschichtenband Zärtliche Massaker - neue Geschichten aus dem
Ruhrgebiet, wo der Verfasser u. a. mit gängigen (literarischen)
Ruhrpott-Klischees aufzuräumen sucht. Mit der hieraus gelesenen
Geschichte Die Würmer stellt er nicht nur die Hitzeresistenz, sondern
auch die Fähigkeit des Publikums auf die Probe, von den eigenen
regionalen kulturellen Stereotypen abstrahieren zu können. Passend
zur Lokalität der Lesung ist die Story zudem mit einem bizarren Plot
über den todbringenden Kompostierungswahn eines "ruhrdeutschen"
Familienvaters ausgestattet...
Eine eigenwillige Interpretation des Themas Klimawandel liefert dann
der dritte im Bunde, Volker Wendland, der an diesem Abend weniger als
Mitglied der Wattenscheider Kultband Die Kassierer zugegen ist,
sondern in erster Linie als Mensch: Als solcher präsentiert er
zusammen mit seiner Partnerin Susanna Kaye "Neue Musik und Prosa
gegen soziale Kälte". Den verstörenden Auftakt hierzu bildet ein
selbstkomponierter Kurzkrimi mit dem Titel "Hilfe", in welchem den
Verantwortlichen für die Verbrechen am sozialen und physikalischen
Klima satirisch die Rote Karte gezeigt werden soll... Im weiteren
Programm der beiden Musikartisten wird hauptsächlich der menschliche
Aspekt eines radikalen Klimawandels im Mikrokosmos bürgerlicher
Paarbeziehungen akzentuiert: "Du brauchst gar nicht so zu grinsen - es
ist Schluß", kommt der Refrain des nächsten Songs lakonisch daher,
während sich das darauffolgende Lied in absurder Manier mit dem stets
aktuellen Thema Eifersucht auseinandersetzt, dessen Leitfrage "How
does it feel, only to be the brother of Captain Kirk?" lautet. Zum
Abschluß konfrontiert Wendland das Publikum ironisch gebrochen mit
seinen mutmaßlichen sexuellen Vorlieben: "Älterer Herr - fall über
mich her..."
In der Pause wird dann anläßlich des dritten Treibgut-Jubiläums das
wohlverdiente Wasser im Tropenhaus-Foyer zu Dumping-Preisen veräußert,
während auch das angrenzende Savannen- und Wüstenhaus für neugierige
Besucher geöffnet bleibt und somit einen für die Besucher konkret
erfahrbaren Vorgeschmack auf zu erwartende Klimazonenverschiebungen
in den nächsten Jahrzehnten liefert. Auf ein groteskes Szenario, das
einen zukünftigen Klimawandel antizipiert, gründet sich auch der Plot
der Prosafassung von Uli Schröders "Kanonteich", 2004 erschienen im
2. Band der Anthologie der Autoren des Verlags Frohberger & Herbig,
womit der Treibgut-Autor den zweiten Teil der Lesung einleitet: Ein
städtischer Angestellter, der sich nicht mit der Absurdität des Baus
einer selbst im klimagewandelten Dauerfrühling noch winterliche
Verhältnisse herbeizaubernden Schneekanone in einem Naturschutzgebiet
abfinden kann, wird vom Dienst suspendiert und sprengt genau an jener
Stelle, wo der Bevorratungsteich für die Kanone entstehen soll, ein
riesiges Loch in den Wald... Auch Uli Schröders letzter Textbeitrag
"Gestrandet", Fortsetzung seiner mottogebenden Geschichte
"Ruhrpiranhas", befaßt sich wiederum in drastischen Bildern mit den
Folgen des physikalischen Klimawandels: Der Protagonist, ein
geklonter Nachfahre Joschka Fischers in der siebten Generation,
schlägt sich nach dem globalen genetischen Supergau durch eine im
Zuge dieses Größten anzunehmenden Unfalls reanimierte
erdmittelalterliche Flora und Fauna, die nunmehr das ehemalige Areal
des Botanischen Gartens der in Trümmern liegenden Ruhr-Uni erobert
hat. Zuflucht vor der Unbill dieser archaischen Landschaft "strandet"
er schließlich im ehemaligen Atombunker der Universität, wo er sich
daranmacht, anhand der dort lagernden Bibliotheksbestände die letzten
Jahrzehnte der Geschichte einer technologisch deformierten Spezies
Mensch literarisch nachzuzeichnen.
"Knast ist die Endlichkeit zweier Parallelen, die sich nichtmal in
der Unendlichkeit schneiden." (Matthias Schamp)
Ebenfalls in einer Zeit lange nach Menschheitsende spielt Matthias
Schamps Geschichte "Das letzte der großen Gefühle", deren Held namens
Knast mittels künstlicher neuronaler Netzwerke eine groteske Irrfahrt
durch die Ikonographie einer längst erloschenen Menschheit durchlebt.
Von der Kantschen Kategorienlehre über gnadenlose Terrorattacken bis
eben zum letzten der großen Gefühle durchlebt Knast die wahnwitzigen
endzeitzivilisatorischen Phänomene des Planeten Terra: ein unglaublich
packender rhetorischer Showdown, dessen Wortgeschosse posthum
zielsicher in die Eingeweide einer aus dem Ruder laufenden Welt
einschlagen.
Einen versöhnlichen Schlußakzent setzen schließlich Volker Wendland
und Susanna Kaye mit einem ironischen Abgesang auf Udo Jürgens sowie
einem satirischen Kinderlied: "Nimm mich mit auf Dein Schiffchen,
kleiner Klaus". Dennoch kann Volker in einem Song mit dem Refrain
"Du hast geguckt" dem Publikum nicht vorenthalten, daß in jener
Jugendzeit, die er in seinem Heimatviertel Bochum-Gerthe verbrachte,
kein Tag verging, an dem er nicht eins auf die Glocke bekam...
Am Ende besingt Susanna Kaye mit bezaubernder Stimme die von Volker
Wendland dramatisch beschworenen Toten dieser Welt, worauf der
Kassierer-Schlagzeuger mit der akustischen Gitarre noch eins
draufsetzt und die alkoholbedingte Steigerung seines Gehirnvolumens
besingt...
Ulrich Schröder
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"Der Rest, die Welt und wir"
Gestrandet 15 (7. Juli 2005)
Im Sommersemester 2002 nahm alles seinen Anfang: Eine Handvoll
literaturbegeisterter Studierender entschloß sich, im Betonmeer der
Ruhr-Uni eine "Wortinsel" zu errichten, auf der seitdem etwa fünfmal
im Jahr Campusliteraten stranden, die auf den Bühnenplanken der
Initiative Treibgut - junge Literatur in Bochum ihre Texte präsentieren.
Mit Besucherzahlen zwischen 50 und 300 Gästen haben die Veranstaltungen
aus der Lesereihe Gestrandet inzwischen ihren festen Platz im studentischen
Kulturprogramm.
Am 7. Juli 2005 war es bereits das 15. Mal, daß Treibgut zu Literatur
und mehr im Kulturcafé eingeladen hatte. Der dreijährige Geburtstag sollte
mit einer Doppellesung gebührend gefeiert werden, und den Auftakt machten
Oliver Uschmann, Tom Tonk und Kelvin, die Musikpolizei.
Unter dem Motto "Der Rest, die Welt und wir" las Uschmann, Gründungs-
mitglied von Treibgut und rasant aufsteigender Jung-Autor, aus seinem
Debütroman "Hartmut und ich", der im Juni beim Fischer-Verlag erschienen
ist. Uschmanns Geschichten über jene durch diverse Gastspiele bei Treibgut-
Lesungen bereits bekannte liebenswert-chaotische "Hartmut-WG" aus Bochum-
Wiemelhausen fanden wie immer großen Zuspruch. Ein weiteres Mal bewies der
Autor sein Talent, absurde Alltags-Skurrilitäten in wahnsinnig amüsanter
Weise darzustellen. Tom Tonk, der u.a. bekannt ist durch seine Kolumnen
für das Ox-Fanzine, überraschte das Publikum mit seinem Roman "Raketen
in Rock", in dem er auf sehr unterhaltsame Weise seine persönlichen
musikalischen Höhe- und Tiefpunkte beschreibt. Die interessanten und
witzigen Enthüllungen über Musikgrößen wie Vicky Leandros und Peter
Maffay hinterließen ihren Eindruck und machten so manchen Zuhörer zum
begeisterten Tom Tonk-Fan. Musikalischer Höhepunkt der Veranstaltung
war Kelvin, die Musikpolizei, der uns davon berichtete, daß hinter
jedem Pophit ein Verbrechen steckt. Aktiv mitwirkend in der "Sonderkommission
der Abteilung für musikalischen Samenraub", gewann der sympathische junge
Mann hinter dem Keyboard in kürzester Zeit die Herzen der Anwesenden und
sorgte für kriminell gute Stimmung.
Denise Schynol
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"Existenzfluten"
Gestrandet 14 (13. Januar 2005)
Junge Talente und alte Hasen
Der von langer Hand geplante Lesungstitel bekam erst nachträglich seine tragische Tiefe.
Doch statt den Titel aus „falscher Pietät“ kurzfristig zu ändern, wurde er beibehalten und lud zum Nachdenken ein:
zum Beispiel über die Einordnung der eigenen Existenz in den globalen Kontext bis hin zum spontanen Entschluß, die
gesamten Einnahmen des Abends an ein von der Flut in Südasien betroffenes Regenwaldprojekt auf Sumatra zu spenden.
Dank zusätzlicher finanzieller Hilfe der Autoren und Treibgut-Mitglieder konnten insgesamt 160 Euro gesammelt
werden.
Rund hundert Existenzen kamen ins Kulturcafé. So verschieden sie waren und so verschieden ihre Biographien
auch sind, hatten sie an diesem Abend gemein, daß sie die Texte von acht lesenden Literaten und die Geschichten ihrer
Figuren hörten. Mustafa Ayaz eröffnete den Abend mit seinem orientalisch-europäischen Erstling
Reise ins Schokoladenland.
Erzählt wird die Geschichte der Familie Ayvaz, die mit den alltäglichen Problemen
kultureller Konflikte zwischen türkischer Tradition und Mentalität sowie deutscher
Lebensweise zu kämpfen hat. Mustafa berichtet in einem schlichten und anschaulichen
Stil, wie die beiden Protagonisten getrennt in zwei unterschiedlichen Kulturen
aufwachsen und trotz unüberbrückbar scheinender
Differenzen letztlich zueinander zurückfinden. Gebannt lauschte das
Publikum der sanften Stimme Mustafas, dessen Text sich leicht zwischen
nachdenklicher Stimmung und Heiterkeit bewegte.
Das zweite Debüt des Abends gab das Treibgut-Mitglied Carsten Marc Pfeffer.
Mit einer zum Teil etwas provokanten Metaphorik schilderte er die Vergeblichkeit
der prometheischen Liebe eines einsamen Wanderers zu einer „Felswand“. Wer seiner
Darstellung der unerträglichen Verzweiflung und seiner
überwältigenden Bildlichkeit nicht mehr standzuhalten vermochte,
konnte sich aus der inhaltlichen Sprachlichkeit seiner Prosa fallen lassen in eine
indifferente Klarheit, wo nur noch Rhythmus und Klang sind. Eine subtile und
eigentliche Zärtlichkeit hinter den Worten; wie ein Gefühl, das immer mehr ist,
als seine Sprache. Bei seinem zweiten Auftritt präsentierte Carsten Marc die
Geschichte Kosaken weinen nicht, in welcher der
Ich-Erzähler von der gespannten Relation zu einem russischen Freund namens Boris
berichtet. Es ist nicht nur die gemeinsame Geliebte, welche die beiden verbindet:
Zu zweit streifen sie durch Berlin, jeder versorgt mit genügend
Minderwertigkeitskomplexen, auf der Suche nach einem guten Milchshake, der dann
doch den falschen Geschmack hat: Vanille.
Denn dies ist der Duft der unerreichbaren Frau. Der Milchshake läßt das
Nervengerüst zusammenbrechen, und als Boris sich
über seinen in Tränen ausbrechenden Freund wundert, heißt es nur: „Ich weine immer
bei Burger King.“ Es ist die gescheiterte Kommunikation in ihrer tragischen Komik.
Eine Männerfreundschaft, die auf Rivalität und Haßliebe basiert.
Besonders markant war der Auftritt von Guido Jähnke, dessen Text musikalisch von
Rolf Bischoff unterstützt wurde. Jähnkes expressive Vortragsweise und Bischoffs zartes Spiel auf
seiner Viola da Gamba verbanden sich zu einem verstörenden Klangerlebnis.
Der Text mit dem Titel Ein feuchter Zucker wurde nicht einfach gelesen, sondern gefaucht,
gebrüllt, durch die Zähne geraunt oder verzweifelt geflüstert. Den Gegensatz zu der oft krassen und ungewöhnlichen
Prosa von Guido Jähnke bildete die sanft-filigrane, fast fremdartig anmutende musikalische
Untermalung durch Rolf Bischoff, dessen traurig-schöne Melodien das
Publikum in einer trügerischen Harmonie wiegten.
Eine gänzlich andere Art musikalischer Darbietung wurde von Pepe & Minz
präsentiert, die Wayne und Garth des Hip Hop, Wayne´s World zum mitnicken. Niemand
konnte dem Charisma dieser beiden ‚Chaoten‘ entgehen. Es kommt selten vor, daß
Musik vom Band so sehr vom Vortrag der Künstler lebt, wenn zum Beispiel der
Kampf mit dem streikenden CD-Spieler und die souverän-dadaistische Improvisation
zum stotternden Beat fast das eigentliche Stück in den Schatten stellt. Ihr
Material war so neu, daß es eigentlich noch gar nicht als abgeschlossen
bezeichnet werden konnte. Ein spontaner Free-Style-Beitrag aus dem Publikum brachte
den Saal dann endgültig zum Grölen. Die Grenzen zwischen Künstler und Publikum,
Geplantem und Improvisiertem waren aufgehoben; das “anything goes“
in unterhaltsamster Form.
Mit „Leeren Koffern“ betrat der ‚alte Treibgut-Hase‘ Ulrich Schröder die Bühne.
Natürlich hatte er kein ungefülltes Reisegepäck dabei, sondern den Bericht über
eine spektakuläre Odyssee nach Skandinavien. Der Pavlowsche Mensch auf der Flucht
vor zugedröhnten Mallorca-Touristen, hinein ins Ungewisse. Die Reise des Mannes
endet nach Zwischenstopps in Dänemark und Schweden im finnischen „Paradies“. Die
leeren Koffer hingegen haben ihren großen Auftritt als mögliches Gefahrengut auf
dem Kopenhagener Bahnhof, wo der listige Weltentflieher sie – einen Streich
ersinnend – hatte stehen lassen. Mit einem großen Knall endet die Reise des unnötig
gewordenen Gepäcks, wodurch die Welt sich von einem möglichen Terroranschlag
gerettet sieht und sich der ins finnische Exil geflohene Protagonist zu einem
zufriedenen Lächeln hinreißen läßt.
Nach langer Zeit durften wir Treibgut-Gründungsmitglied Karin Krick wieder
einmal auf unseren Planken begrüßen. Die Wirkung ihres experimentierfreudigen
Schreibens liegt vor allem in den fragmentarischen, repititiven Sequenzen, in denen
sich Grautöne zwischen das Schwarz-Weiß mischen und nicht nur die Grenzen von Lyrik
und Prosa aufweichen. „Sei deine Möglichkeit!“ fordert die junge Autorin das
Publikum auf. Der Rhythmus ihrer Worte wird zum eigenen Köperrhythmus; das Sprechen
wirkt wie feiner Gesang. Es scheint fast, als würde Karin Krick in ihre Worte
hineinkriechen, in ein Mantra aus Wort- und Bewußtseins-strom eines verlorenen
Individuums. So erschien der steigende Geräuschpegel der Zuhörer als Komplettierung
ihres Werks; als eben die Wand, gegen die sie ihre Klage richtete.
Neben den vielen Jungautoren, die ihre Texte zum ersten Mal auf einer Bühne
vorstellen konnten, durfte man auch den bereits bekannten Jonas Jahn und seine
Texte bestaunen. Jahn bildet eine Hälfte des Comedy-Duos
Volxbegehren und ist aktiv in der Düsseldorfer
Literaturinitiative Großalarm. Er ließ uns teilhaben
an einem „Ausflug mit Ulli“, der durch seinen „Gerstenwanst“ und Totenkopftattoos
auffällt und unweigerlich ein Liebling des Publikums wurde. Getreu seinem Motto
„Ohne Pathos geht die Welt zugrunde“ wandte Jahn sich in seinen Texten eindringlich
an die Menschheit: „Retten Sie das Gute. Bitte!“ Das Publikum hörte erheitert
zu, ließ sich von Stan, der Spinne, berichten, und erfuhr nebenbei, daß Gott eben
nicht würfelt. Ohne Pathos geht kein Abend mit Jonas Jahn zu Ende, und so sprach
er zum Abschluß seines Auftritts: „Danke Menschen. Danke Bochum.“
Lange hat es keine Offene Bühne mehr gegeben, doch das sollte sich an diesem
Abend endlich wieder ändern. Zwei noch unbekannte Talente überzeugten mit dem
Vortrag ihrer Texte. Zum einen feierte Thomas Schlick sein Debüt mit einer Ode
an „Anne“ und poetischen Worten über das letzte Licht im Herbst. Zum anderen
stellte Julia Sandforth zwei Prosatexte vor, die von einer Dreiecksgeschichte
zwischen Ich-Erzählerin, ihrer Mutter und der Freundin Maleen sowie von
Begegnungen in der U-Bahn und ihrem jähen Ende erzählen. Das Ende eines
abwechslungsreichen Abends. Es gab Neues und Interessantes zu entdecken und eine
große Zahl von Namen vielversprechender junger Nachwuchsliteraten zu merken. Wir
sind gespannt, was wir in Zukunft noch alles vom ‚Nachwuchs‘ erwarten können!
Denise Schynol und Mariusz Kuczynski
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"Elchtod"
Gestrandet 13 (25. November 2004)
Musikpolizei und Elchtod im Novembernebel
Von seiner skandinavischen Seite, jedoch mit drei Gästen aus dem Ruhrgebiet,
präsentierte sich die Treibgut-Initiative bei ihrer nunmehr 13. Gestrandet-Lesung
mit dem Untertitel „Elchtod“ im Kulturcafé der Ruhr-Universität am 25.11. Mit
der Duisburgerin Patricia Vohwinkel und Mischa Bach aus Essen standen zwei
Krimiautorinnen der „düsteren Seite“ auf dem Programm - kabarettistisch abgerundet
wurde der Abend vom Gewinner des Bochumer Kleinkunstpreises 2004, Kelvin,
Deckname: Die Musikpolizei. Den
stimmungsvoll-satirischen Abend moderierte vor
rund dreißig Besuchern Uli Schröder.
Das Programm verdiente sich vollends das Attribut skandinavisch - das heißt
mystisch, dunkel und stimmungsvoll, nebelumwabert und oftmals kalt, niemals aber
herzlos... Skandinavisch, das bedeutet außerdem Håkan Nesser, das bedeutet Henning
Mankell: Spannende und populäre Kriminalromane - das ist allgemein bekannt - kommen
heute von der skandinavischen Halbinsel. So war es auch kein Zufall, dass die
Krimiroman-Trilogie Elchtod von Patricia Vohwinkel
immer wieder das „nordische Blut“ aufwallen ließ. Der Protagonist der drei Romane,
Jakob de Vries, ist von Beruf Pathologe und leidenschaftlicher Fan skandinavischer
Metal-Bands. Leitmotivisch ließ die Autorin die musikalischen Vorlieben ihres
Krimi-Helden wiederholt in die Lesung einfließen, indem einzelne Stücke jener
Bands - ganz nach dem Geschmack de Vries’ - eingespielt wurden. Der Mord an seinem
Bruder stellt den Mediziner dann vor eine außergewöhnliche Situation, die noch
dazu durch einen dilettantisch ermittelnden Dorfpolizisten erschwert wird. Mit den
unabgeschlossenen Geschichten seiner Vergangenheit konfrontiert, begibt sich Jakob
in ein Abenteuer, in dem es nicht allein um die Aufklärung eines Mordes geht – es
ist immer auch ein Stück weit Identitätssuche im Spiel: „Ich werde herausfinden,
wer Lukas umgebracht hat“, stammelt Jakob am Grab seines Bruders den verhassten
Eltern entgegen, als diese ihm seine augenscheinliche Gefühlskälte zum Vorwurf
machen.
Rastlos und suchend zeigte sich die Erzählerin der Krimi-Novelle
Der Tod ist ein langer, trüber Fluss von Mischa Bach.
In Auszügen schilderte sie eine „unerhörte Begebenheit“ und malte das bleierne
Bild einer Ophelia, die sich - von den Stimmen eines aus dem Rhein gezogenen
Verstorbenen gänzlich vereinnahmt - auf die Suche nach ihrem Hamlet begibt.
Atmosphärisch sehr eindringlich entfaltete Mischa Bach einen kriminalistischen
Plot, der die üblichen natürlichen und zumeist (scheinbar) logischen
kriminologischen Handlungsmuster mystisch überhöht.
Von einer amüsanten, humorvollen Seite zeigte sich schließlich der aus
Göttingen stammende, derzeit in Essen lebende Musiksatiriker Kelvin. Als
Mitarbeiter der Musikpolizei - Abteilung Samenraub, der sich weniger für Human
Rights denn für Copy Rights interessiert, versuchte er unter anderem zu beweisen,
dass der erste erfolgreiche Britney-Spears-Hit einer homosexuellen, sibirischen
Band aus dem Underground St. Petersburgs entstammt: Hit me
baby one more time. Auch dem letzten noch so von der Ernsthaftigkeit der
vorangegangenen Krimi-Erzählungen eingenommenen Zuhörer trieb es spätestens bei
Kelvins Variationen des U2-Hits I still haven’t found what
I’m looking for die Lachtränen in die Augen. Das Zwerchfell erhielt kaum
noch eine Pause, als Kelvin ohne Pardon, streng nach Dienstvorschrift, Nick Cave,
Konstantin Wecker, Bob Dylan, Moses P. und weitere Größen und Ungrößen der
Musikindustrie grandios parodierte - keinem von ihnen gelang es, durch das
engmaschige Netz der Musikpolizei zu schlüpfen. Aber was rede ich hier: Kelvin
muss man einfach live erlebt haben. Hingehen, anhören, Tränen lachen!
Insgesamt stellte sich die 13. Treibgut-Lesung
den Zuhörern unter dem Titel Elchtod also im skandinavischen Gewand dar. Im Zuge
der Geldeinsparungen verhallen die nordischen Töne auf dem Bochumer Uni-Campus
allerdings mehr und mehr. Die Lichter in der einzigen Skandinavistik im Ruhrgebiet
sollen Ende 2005 endgültig ausgehen, und so beginnt in einer Zeit, in der sich
skandinavische Literatur und Kultur größter Beliebtheit erfreuen, tief im Westen
die Hoffnung auf ein Nordlicht, das den Weg aus dem Winterdunkel weist... Doch,
wie konstatierte Uli Schröder kämpferisch: Totgesagte leben länger!
Nils Vollert
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"Strandspötter"
Gestrandet 12 (23. September 2004)
Drei Schelme und ein Haifisch
Côte d'Azur, acht Uhr abends. Ein Autorennen durch die
Straßen von St. Tropez in einem geklauten Citroën CT. Das
Glas Gelndronach lässig in der Linken, den Scheck von Papa
soeben eingelöst und später dann im Studentenlook Filmstars
anquatschen. Wir sind Strandgut. Wir werden es bleiben. - - -
Das Riff ist weit. Ich lass mir Zeit. Alle Boutiquen haben
noch auf. Hörst du mein Herz klopfen? Mit Isabelle Huppert
betrunken Preise vergleichen, Luft-Küsse versuchen und über
den Strand spotten. Die Luft riecht nach Vanille, während
wir Sandburgen umwerfen, auf französisch Nietzsche zitieren
und uns eingestehen, daß wir eigentlich lieber alleine bleiben
wollen. Jeder für sich. Laissez-faire, mon amour, c'est la
vie. - Es tut gleichmäßig weh, später, als wir die
Telefonnummern tauschen…
Wer jetzt noch nicht die letzte Ausfahrt Bochum genommen
hat, wird sie verpassen, die 12. Treibgut-Lesung im Riff.
Als Uli Schröder die Discokugel anschmeißt und mit den
übrigen Treibgutmitgliedern die Bühne zum Abschlußlied mit
den Autoren stürmt, ist einigen etwas entgangen. Mag sein,
daß es die Semesterferien waren, die so viele davon
abhielten, zahlreich zu erscheinen. Mag sein, es waren
Nietzsche und das Wetter. Das Publikum jedenfalls darf sich
beschert fühlen: Zwei Autoren aus Berlin und Bochum werden
heute Abend eindringliche Akzente setzen, eingebettet in
ein musikalisch-satirisches Rahmenprogramm mit Lokalmatador
Christian Hirdes. Die Zusammenarbeit mit der
Literaturzeitschrift Macondo ermöglicht den Gastauftritt
des Berliner Autors Marcus Jensen, präsentiert von Frank
Schorneck. Außerdem erwarten wir mit André Dinter einen
Bochumer Künstler, der sowohl literarisch als auch
schauspielerisch auftrumpfen kann.
Der Mitgründer des Impro-Theaters Hottenlotten präsentiert
im ersten Teil der Lesung humorvoll-nachdenkliche Lyrik und
Prosa, die sich vielfach mit dem Phänomen "Zeit"
auseinandersetzt. Mit seinen knappen Alltagsskizzen versetzt
er uns zurück in Zeiten, als man sich mangels semiprofessioneller
Ausstattung noch als "Handspieler" beim Tischtennisduell
durchschlagen mußte… Gekonnt macht André Dinter selbst jene
lästigen Beschränkungen der "Lesezeit" im Handumdrehen
vergessen, die das "Event-Management" eines solchen Abends
zwangsläufig mit sich bringen. Auch subtile politische
Akzente werden gesetzt, als die Tragweite des schlichten
Füllworts "Tja" für so etwas wie eine "deutsche Mentalität"
reflektiert wird… Ein solches literarisch karikiertes,
kärgliches Temperament wird jedoch zwischen den Zeilen
immer wieder durch schauspielerische Anklänge des
Impro-Akteurs konterkariert. André verkörpert somit
förmlich den Prototyp eines Künstlers zwischen Literatur
und anderen Darstellungsformen, die sich regelmäßig auf
der Treibgut-Insel versammeln.
Es folgt Marcus Jensen mit einer halbstündigen Passage aus
seinem Roman Oberland. Jensens Protagonist ist bereits tot
und blickt aus dem Jenseits zurück auf sein verkorkstes
Leben. Das Urteil lautet: lebenslänglich und darüber hinaus.
Jensens Vortrag ist zurückhaltend und souverän zugleich.
Sein Inhalt hinterläßt eine Ahnung von diesem zärtlichen
Verbrechen, das man an sich selbst begeht. Dieses
Zurückhalten der eigenen Dringlichkeit aus einer Ahnungs-
oder Hoffnungslosigkeit, die jedes Feuer löscht und uns
zaghaft verzweifeln läßt an der Attraktivität dieser Welt.
Und selbst die Friedhofsluft ist voller Pheromone… Nachdem
Marcus Jensen gelesen hat, setzt er sich auf die
Autorencouch und zwickt den aufblasbaren Gummihai aufmunternd
in die Flosse, als wolle er fragen: "Na, frißt du mich
jetzt auf, oder habe ich dir gefallen?" Und er muß
schmunzeln. Sicherlich, weil er weiß, daß beides gut
möglich ist.
Einen unvergeßlichen Comedy-Akzent auf der Riff-Bühne setzt
schließlich Christian Hirdes: Seine brillante Melange aus
literarischem Kabarett und Musiksatire heizt noch einmal die
Stimmung an und macht Lust auf ein Wiedersehen auf den
Treibgut-Planken. Die Hirdes-Fans wissen insbesondere sein
virtuoses Sprachspiel zu schätzen, das auch vor den
gewagtesten Zungenbrechern nicht zurückschreckt: Gekonnt
jongliert der Wortkünstler mit Vokalen und Konsonanten, als
er von den Abenteuern von "Lisa und ihren vier chinesischen
Freundinnen Li, Si, Tsi und Tsu" erzählt. Musikalisch setzt
der Comedy-Barde dann ein absolutes Glanzlicht, als er den
Megahit "Zombie" der Cranberries covert und mit einem
prägnanten Leitmotiv pointiert: Erst lesbische Liebe kann
die Orgasmusprobleme der weiblichen "Protagonistin" des
Songs lösen. Selbst wenn's auf der Bühne etwas delikater
wird, kommt Christan mit seiner unschuldigen Nonchalance
sehr angenehm rüber. Ein bißchen erinnert er ja schon an
Heinz Erhard…
Die Discokugel ist längst erloschen, und wir rollen vom
Kopfsteinpflaster-Parkplatz, kurbeln die Seitenfenster auf
im Bochumer Herbst, jeder für sich. Laissez-faire, mon
amour, c'est la vie. Wir blicken zurück auf einen runden
Abend am Treibgut-Strand, fernab der Côte d'Azur. Die
Riffbühne jedenfalls hat sich als ideal erwiesen für die
drei Künstler und den musikalischen Rahmen, auch wenn viele
Plätze leer blieben. Es wird kühl im Wagen, rasch kurbeln
wir die Fenster wieder hoch. Gerne würden wir zurückkehren
an diesen Ort - vielleicht aber zu einer anderen, wärmeren
Jahreszeit.
Carsten Pfeffer & Uli Schröder
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"Sommernachtskultur mit Treibgut und dO!PEN"
Gestrandet 11 (16. Juni 2004)
Ein stimmungsvolles und abwechslungsreiches Programm boten auf der 11.
Treibgut-Lesung, am 16. Juni 2004 im Rahmen der studentischen Sommernachtskultur,
die Autoren der Dortmunder Literaturzeitschrift dO!PEN. Abgerundet wurde der
gelungene Abend vom Duo Reizverschluss, das wieder mit "literarischem Hip-Hop"
aufwartete. Durchs Programm führte Treibgut-Erfinderin Denise Schynol.
Gleich mit seiner ersten Erzählung sog Michael Steffens die Zuhörer in seinen
Bann. Die chaotische Reise eines egozentrischen Protagonisten, der eine an ihm
vorbei rauschende Umwelt, kulturelle Eigenarten und eigenartige Bekanntschaften
assoziativ bis in kleinste Details aufzunehmen versuchte, ließ den perplexen Hörern
kaum Zeit zum Luftholen. Der Bewusstseinsstrom des Erzählers, die nahtlos und oft
ohne erkennbaren Zusammenhang aneinander gereihten Informationen, die immer wieder
zwischen erlebter Welt und den Gedanken des Protagonisten eine zynische Kluft
spürbar machten, erinnerte in vielen Bezügen an einen James Joyce auf stilistischer,
an einen Christian Kracht auf inhaltlicher Ebene. Auf ganz andere Art präsentierte
sich Mirko Kussin, der gleichermaßen schreibt, um zu verstehen und um verstanden zu
werden und bereits auf zahlreiche Lesungen im Ruhrgebiet zurückblicken kann. Seine
Hommage an Benjamin von Stuckrad Barre, die Geschichte eines wehleidigen, unter der
Stupidität seiner Mitmenschen leidenden Erzählers, führte den Zuhörern die
unerträgliche Banalität des Alltags vor Augen.
Einen humorvollen Schlußpunkt schließlich setzte Thomas Tonn, verantwortlicher
Herausgeber der Zeitschrift do!PEN. Er wartete mit einigen Anekdoten über einen
legendären Wissenschaftler auf und sorgte dabei für einigesGelächter.
Die Literaturzeitschrift gründete sich im November 2000 und hat seitdem in
privater Finanzierung elf Magazine veröffentlicht. Sie ist fester Bestandteil der
hiesigen Literaturszene geworden und vereinigt zahlreiche junge wie gestandene,
ambitionierte Autoren in ihren Publikationen. Nach dem furiosen Goosen-Jubiläum
wurde die nunmehr elfte Treibgut-Lesung also einmal mehr zur Plattform nicht ganz
so renommierter Nachwuchsautoren, die gleichwohl für einen gelungenen, literarisch
anspruchsvollen Abend sorgten.
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"Goosen kommt."
Gestrandet 10 (27. Mai 2004)
Goosen las und alle kamen
Riesenerfolg bei Treibgut-Jubiläum an der Ruhr-Uni
Auf heimischem Parkett noch brillanter als ohnehin
gewohnt - die personifizierte Literatur-Performance Frank
Goosen präsentierte sich am Donnerstag bei der 10.
Gestrandet-Lesung der Literaturinitiative Treibgut auf den
Planken des Kulturcafés der Ruhr-Universität in absoluter
Top-Form: Mit einer raffinierten Mischung aus fabelhaft
inszenierten Passagen seines aktuellen Erzählbands Mein Ich
und sein Leben sowie seines jüngsten Romans begeisterte
Goosen über 250 Gäste vor ausverkauftem Haus. Auch die
Treibgut-Autoren Oliver Uschmann und Ulrich Schröder hatten
wieder einiges zu bieten und trumpften mit geballter
Campus-Satire auf.
Gleich eine doppelte Portion Lokalkolorit tischten Frank
Goosen & Co. dem vielköpfigen Treibgut-Publikum auf: Nicht
nur schilderte der leidenschaftliche Bochumer seine
Heimatstadt einmal mehr liebevoll-ungeschminkt, sondern
zeigte in zahlreichen Textpassagen und kreativen
Überleitungen auch seine beinahe zärtliche Verbundenheit
mit dem Betoncharme des Campus der Ruhr-Uni, wo er 1992
Examen machte. Ein Höhepunkt war sein unnachahmbar
lebendiger Vortrag einer längeren Sequenz aus dem zum Teil
im Uni-Milieu spielenden Künstlerroman Pokorny lacht (2003),
dessen gleichnamiger Komiker-Held sein glückloses Debüt als
Entertainer bei einer Wahlauszählungsveranstaltung zum
Studierendenparlament gibt. Bei dieser bierseligen
Veranstaltung prallen Frank Sinatras zeitloser Erfolgssong
I did it my way - als leitendes Motiv dem Romanhelden
zugeordnet - auf Auszüge der von hochschulpolitischen
Aktivisten intonierten Internationalen schonungslos
aufeinander. Dem bei weitem nicht nur studentischen
Publikum trieb es die Lachtränen in die Augen - herrlich!
Mit einer Rahmenerzählung namens Campus wartete das
Treibgut-Duo Oliver Uschmann und Ulrich Schröder auf und
führte dem Publikum plastisch vor Augen, was los sein
könnte, wenn ein Uni-Streik wirklich mal richtig
funktioniert: In dem bestreikten Campus-Kosmos gedeihen
bis zu einer massiven militärischen Intervention absurdeste
Phänomene und entfalten sich verschiedenste Charaktere...
Moderiert wurde das Ganze von Treibgut-Erfinderin Denise
Schynol.
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"Ruhrpiranhas"
Gestrandet 9 (22. Januar 2004)
RUHR - PIRANHAS BISSEN ZU!
Es sind bemerkenswerte Szenen, die sich am Abend des 22.
Januar im Kulturcafé der Ruhr-Uni-Bochum abspielen. Da steht
jemand auf der Bühne und skandiert ohne Mikro "Friss die
Südkurve! Friss den Feuerlöscher! Friss die, die dich
fressen wollen!" und das Publikum antwortet auf Fingerzeig
"Ole, Ole, Ole, Ole!" Da sitzt ein Mann mit verschmitztem
Blick hinter seiner Gitarre, singt von einer an feinste
Indiepop-Stimmen erinnernden "Assistentin" begleitet Songs
über sexuelle Vorlieben oder das gepflegte Schlägertum und
beginnt auf seiner Gitarre trommelnd halbgebückt über die
Bühne zu stampfen, weil er "eine alte afrikanische Weise"
zitiert. Und schließlich verdreht ein zungengewandter
Dichter den Anwesenden mit lyrischen Wortspielkaskaden so
sehr den Kopf, dass man bald nicht mehr weiß, wo hinten und
vorne ist.
Die Rede ist von Matthias Schamp (Titanic-Photograph und
Vorkämpfer abseitiger und absurd-realistischer
Ruhrgebietsprosa), Volker Wendland (Drummer der Bochumer
Punkhelden Die Kassierer, Jazzgitarrist und grandioser
Lausbub) und Jürgen "Kalle" Wiersch (Poetry Slam-Vorreiter
und Performance-Künstler). Es sind in der Tat bissig-böse
"Ruhr Piranhas", welche die Gruppe Treibgut hier zur neunten
Lesung der "Gestrandet"-Reihe zusammenriefen - fast die
geballte Essenz dessen, was das Ruhrgebiet an spitzzüngigen
Wort- und Tonkünstlern zu bieten hat.
Schamps bitterböse Cyberpunk-Posse Hirntreiben schlug
dann auch den Bogen zur titelgebenden Geschichte aus der
Feder Ulrich Schröders, der seine Charaktere nach dem
Exitus des gesamten Menschheitswissens beim Crash des
"World Wide Wet Web" (Schröders Variante der Matrix) durch
ein zerstörtes Ruhr-Sumpfgebiet paddeln lässt und auch
seinen neurotischen Arbeitslosen Egon K. wieder auf
Einstellungstest schickt. Oliver Uschmann widmete sich in
neuen Anekdoten aus seiner literarischen WG mit Hartmut
derweil der Frage, was mit Menschen passiert, wenn sie ihr
Selbstbild als progressive Musikhörer allzu ernst nehmen -
hysterisch-treffsichere "Popliteratur" im besten Sinne.
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"Dunkle Poeten"
Gestrandet 8 (20. November 2003)
Auch bei der 8. Gestrandet-Lesung machte die Initiative Treibgut das Kulturcafé
der Ruhr-Universität wieder zum Literatur-Eldorado: Gut 80 Besucher ließen sich
eine geballte Portion existentialistisch-expressive Prosa und Lyrik unter der
Rubrik Dunkle Poeten nicht entgehen. Einen ersten Paukenschlag gab es schon zum
Auftakt: Martin Becker, literarisches Multitalent und Student am Deutschen
Literaturinstitut Leipzig, stellte gleich bei der Begrüßung die Werte einer
krisengeschüttelten Gegenwartsgesellschaft in Frage, in der es selbst immer
schwerer zu fallen scheint, einander glaubhaft einen "Guten Abend" zu wünschen.
Wirklich ins Mark ging dann seine Kurzerzählung Jugendhotel, mit der Becker
kürzlich den Berliner Jugendliteraturwettbewerb 2003 gewinnen konnte. Der junge
Autor setzt sich in diesem "Text von schlichter Wahrhaftigkeit", so die
renommierte Kritikerin Antje Strubel, mit dem heiklen Thema sexuellen Mißbrauchs
Jugendlicher auseinander.
Zwischenmenschliche Abgründe lotete ebenfalls die Leipziger Autorin Susanne
Heinrich (* 1985) aus, die trotz ihrer jungen Jahre schon eine beachtliche Liste
von Literaturpreisen aufzuweisen hat, darunter der Hattinger Förderpreis 2002
sowie der in der Regel wesentlich älteren Literaten vorbehaltene Limburg-Preis
2003 (2. Platz). In einer "sehr langen Kurzgeschichte" versucht sie, Licht in
ein äußerst realistisch gezeichnetes dekadentes Künstlerdasein in
'Dunkeldeutschland' zu bringen: "Erstaunlich zielsicher entwirft sie Figuren und
Szenerie und hat trotz aller Knappheit den Mut zu einer ungewöhnlichen,
überraschenden Bildsprache." (Antje Strubel)
Mystischere Fiktionen brachte die Iserlohner Autorin Marion Kranz auf die
Planken von Treibgut, die den Literaturpreis der Stadt Hemer 2000 erhielt. Unter
den Dunklen Poeten zeichnete sie sich insbesondere durch eine sehr intensive Art
des Vortrags ihrer teils mit lyrischen Passagen durchsetzten Prosa aus. Außerdem
debütierte der iranische Lyriker Farhad Ahmadkhan auf der Wortinsel im Betonmeer
der Ruhr-Universität: Mit zurückgenommenem Pathos las er 14 Gedichte aus seinem
Lyrik-Zyklus Feuer Zarathustras, einer poetischen Reise zwischen der persischen
und deutschen Kultur. Auf strenge lyrische Formen, Reim und Metrum wird verzichtet,
nicht dagegen auf Alliteration und Assonanz, die Ahmadkhans Gedichte zwischen
subjektiver Wahrnehmung und politisch-religiöser Auseinandersetzung mit der
iranischen Gegenwartsgesellschaft prägen.
Auch eine Musik-Premiere gab es im Kulturcafé, wo Pepe & Minz als Duo
Reizverschluß in den Pausen das Haus rockten und im Zeichen von Milan Kunderas
unerträglicher Leichtigkeit des Seins einen heiter-melancholischen Kontrapunkt
setzten. Viel los war diesmal auch auf der Open Stage, wo neben einer Politsatire
von Christoph Nitsch Lyrik von Stephan Belka, Thomas Ullm und Sven Neidig, Prosa
von Micha Ostermann sowie beide Gattungen verbindende Texte von Petra Forbrig und
Sabine Meixner zu hören waren. Alles in allem ein spannender Literaturmarathon,
den Ulrich Schröder mit kreativen Moderationen und satirisch-bissiger Prosa
begleitete.
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"Wir kommen, um uns zu beschweren"
Gestrandet 7 (3. Juli 2003)
Am 3. Juli gab es zum einjährigen Bestehen von Treibgut einen neuen
Besucherrekord. Der erweiterte Saal des Kulturcafés war mit etwa 150 Gästen
sehr gut gefüllt, die den kurzen, ironischen Zeilen der Hamburger Schule
lauschten, vertreten durch Sven Amtsberg und Thorsten Passfeld. Thorsten suchte
dabei den fehlenden Thees Uhlmann, Autor der Tocotronic-Tourtagebücher und
Sänger von Tomte zu ersetzen - und er vertrat ihn würdig: Neben markanten
Geschichten bot er auf seiner Gitarre mit augenzwinkender Stimme Songs vom
Scheitern, die mit treffsicheren Pointen den Weg in Ohr und Zwerchfell fanden.
Sven Amtsberg las derweil aus seinem Rowohlt-Debüt Mädchenbuch, in dem er seine
Sprache noch mehr als je zuvor zur maximalen Verdichtung geführt hat. Eine
lakonische, zuweilen fast zynische, vermeintlich kalte und dabei doch so warme
Literatur über das menschliche Miteinander, die einem das Lachen, das sie
hervorruft, im Halse stecken lässt. Schriftstellerisch geschult durch die
Reduktionslehren des Hamburger Dogma - das er miterfand - und vortragstechnisch
geübt durch die erfolgreichen Lesungen des Macht e.V. in Hamburg, ist Amtsberg
allemal ein Vorleser von starker Präsenz, der als "Opener" dafür sorgte, dass
die Zuschauer trotz des Fehlens von Uhlmann gerne und mit Spannung blieben. Wie
für Amtsberg war es auch für Intro-Chef und Autor Linus Volkmann der zweite
Besuch auf den Planken von Treibgut. Der Schöpfer des "Vorzeige-Slackers" Super
Lupo gab eine Erzählung seines neuen Helden King Cobr zum besten - ein
Linksautonomer, den es zur "Sozialstrafe" auf den Ponyhof verschlägt - und übte
sich mit Sven Amtsberg im szenischen Lesen. Zudem zelebrierte er wieder seine
unverwechselbare improvisatorische Stärke: zehn Minuten seines Auftritts ohne
ein Wort vorgelesenen Text zu vollbringen und dennoch prächtig zu unterhalten.
Abgerundet wurde der Abend von den Treibgut-Autoren selbst. Ulrich Schröder
vollendete seine Erzählung vom Abschließer (die sich gegen Ende zur
technik-kritischen Cyberpunk-Vision umbiegt), bot einen kafkaesken "Bericht" über
die Schmähung eines Beamten, der bei der Planung einer künstlichen Skipiste den
"Bevorratungsteich für Beschneiungsanlagen" kurzerhand "Kanonenteich" zu nennen
sich erdreistet und rundete seinen Auftritt mit einer intensiv-verstörenden
Portion Neo-Dada samt Zwölfton-Musik ab. Oliver Uschmann las zwei neue Geschichten
aus seiner Reihe Hartmut und ich, absurd-komische Erzählungen aus einer fiktiven
Zweier-WG, die ihm mittlerweile den Short Story Preis Leverkusen 2003 eingebracht
hat - was Linus Volkmann bei seinem Auftritt die selbstironische Klage anstimmen
ließ, sich "zwischen all diesen Preisträgern" gleich seiner Loser-Figuren ganz
winzig und klein vorzukommen. Als letztes betrat dann die Gründerin von Treibgut
und Moderatorin der Lesung - Denise Schynol - die Bühne und beschloss den Abend
mittels einer eindringlichen und motivisch präzisen Erzählung mit einem
nachdenklichen Akzent.
In den Pausen gab es den Sound der musikalischen Hamburger Schule von
Tocotronic bis Tomte. Ein dichter, schneller Abend, der nicht nur Freunden der
jüngsten deutschen Literatur zwischen Social Beat, "Slackertum", Pop und Ironie
gefallen haben dürfte. Lachen mit einer Träne im Knopfloch. Zwerchfellmassage
und Schlag in den Magen. Anspielungsnetzwerk und Lehrstück in Sachen Reduktion
der Literatur auf das Wesentliche. Präzise Essenz. Sarkastische Melancholie,
wenn es so etwas gibt. Manche nennen das "Lebensgefühl". Viele Zuschauer konnten
es teilen.
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"Anders Sehen"
Gestrandet 6 (8. Mai 2003)
Ein rundes Programm mit viel Lokalkolorit bot unsre Kulturcafé-Lesung am
8. Mai 2003: Mit Thorsten Krawinkel präsentierte ein Bochumer Autor und
Standup-Kabarettist seine satirischen Kurztexte aus dem Programm Gott im
Alltag, die ihre Wirkung z. T. durch ausgeprägte regionale Bezüge entfalten.
Ein Höhepunkt bestand in (neu-)dadaistisch vorgetragener Kritik an der
'Ersatzreligion Wissenschaft', die eine angeblich vernunftorientierte Gesellschaft
nicht selten auf Abwege führt... Mit ironischer Prosa über das absurde Leben
bereicherte die Düsseldorfer Wortakrobatin Katinka Buddenkotte das Programm
dieses Abends. Ihre witzig-melancholischen Texte begeisterten das Publikum und
gaben zugleich so manchen Denkanstoß mit auf den Weg, die eigene Biographie mal
gründlich zu überdenken... Abgerundet wurde das Ganze einmal mehr durch Kurzprosa
von Ulrich Schröder (Der Abschließer, Teil I) und Oliver Uschmann, dessen
Moderation durch eine Lichtbild-Campusführung unter dem Motto des Abends - Anders
Sehen - ergänzt wurde. Somit wurde so manchem Besucher durch Wort und Bild ein
bislang unbekannter Blick nicht nur auf das Campus-Leben.
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"Die Erfindung der Langsamkeit"
Special: Die Manifest-Maschine
Gestrandet 5 (23. Januar 2003)
Sehr gut besucht war die diesmal avantgardistischer als sonst gehaltene
Treibgut-Veranstaltung am 23. Januar 2003, wie gewohnt im Bochumer Kulturcafé:
Zum Auftakt trug der persische Architekturstudent Soheil Seyedahmadi vor dem
Hintergrund meta-poetischer Overhead-Projektionen aus seinem lyrischen Werk vor.
Die an die Leinwand geworfenen labyrinthartigen schwarzen Linien korrespondierten
mit der experimentellen Note seiner Texte.
Seinen zweiten Treibgut-Auftritt feierte Thomas Vieth, der eine vom Thema Folter
und Mord geprägte Kurzgeschichte las. Den Höhepunkt des Abends markierte Otto
Normal, alias Christian Hirdes, dessen satirische, musikalisch-melancholische Texte
auch starke humoristische Akzente setzten: "Seine frechen, häufig nicht ganz
jugendfreien Reime waren komisch-schräg und ironisch-zuckersüß; seine Wortspiele
waren erfrischend originell": "Man spürte, wie Literatur mitten im Leben stehen
kann". (Yingchun Ding: Studenten-Café, Autorenlesung, Treibgut... In: Punkt.DE,
Kultur, März 2003.) Wenn das die Situationisten in den 60ern geahnt hätten...
Komplettiert wurde die Lesung durch überzeugende Auftritte der Treibgut-Autoren,
Live-Jazz sowie ein "kammersymphoni-sches Werk für Sprache" des Kölner
Wortkünstlers Holger Wiese. Die Moderation - zugleich eine improvisierte
Literaten-fete am Runden Tisch - übernahm diesmal ein vierköpfiges
Treibgut-Kollektiv (Ulli, Olli, Tim und Pepe). Den Abschluss bildete eine
szenische Lesung der neodadaistischen Manifestmaschine (Oliver Uschmann, Ulrich
Schröder, Pepe Wallpollege Don), deren experimentelle Note allerdings auf eher
zurückhaltende Publikumsresonanz stieß.
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"Traum"
Gestrandet 4 (21. November 2002)
Einen erfolgreichen Newcomer durfte das Treibgut-Team am 21. November 2002 im
Bochumer Kulturcafé begrüßen: Björn Kern las aus seinem 2001 beim dtv verlegten
Roman KippPunkt. Nach einer kurzen Live-Lesung in der Sendung Kultimativ
beim Campus-Sender der Ruhr-Uni Bochum, c. t. - das Radio, stellte der
24jährige Tübinger seinen erfrischenden, auf unterhaltsame Weise sozialkritischen
Text ausführlich auf unserer Wortinsel vor: Durch eine traumatisierende
Schwerstpflegetätigkeit im Zivildienst aus der Bahn geworfen, durchlebt der
Protagonist des Romans mehrere Krisen, die seine Biographie allmählich "kippen"
lassen. Nach dem Tod der Freundin wird sein "Wuttraum", eine Art Anschlag zu
begehen, um den ihn umgebenden hektischen Alltag "anzuhalten", schließlich
bittere Realität.
Das Motiv Traum war zugleich das leitende Motto dieser Veranstaltung, in deren
Rahmenprogramm als zweiter Leser Thomas Fillinger zu hören war, der 2001 den
Literaturpreis der Stadt Leverkusen gewann. Mit surrealer Prosa inklusive
punktueller Schockeffekte wurde das Publikum mal zum Lachen, mal zum Gruseln
gebracht. Zum Gelingen der Veranstaltung trugen auch wieder die inzwischen schon
zum "Treibgut-Inventar" zählenden Autoren Oliver Uschmann (u. a. Moderation),
Karin Krick (Intro), Ulrich Schröder und Pepe Wallpollege Don bei - letzterer mit
einer Bochumer Neubelebung dadaistischer Textelemente. Auf der Offenen Bühne
debütierte diesmal Michael Massberg, für entspannte Jazz-Pausen sorgten wieder
Pepe, Tim und Christian. Den Bühnenhintergrund prägte einmal mehr ein Gemälde von
Thorsten Mette.
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"Literatur aus dem verschollenen Leben"
Gestrandet 3 (24. Oktober 2002)
Bei der dritten Strandung auf unserer Wortinsel am 24. Oktober 2002 gab es den
bisherigen Besucherrekord der Treibgutler: Abermals im Kulturcafé der Ruhr-Uni
Bochum versammelten sich rund 100 Literaturbegeisterte und lauschten zunächst der
erstmaligen Lesung aus dem zweiten Roman des Bochumer Autors Thomas Vieth. Nach der
Publikation seines Erstlings Restleben präsentierte er einen noch
unveröffentlichten Text mit dem Titel Weltbar.
Sein Treibgut-Debüt feierte der Bochumer Skandinavist und Autor Ulrich Schröder
mit expressiven und satirisch-surrealen Gedichten und Kurzgeschichten. Mit
experimentellen, freien Rhythmen setzte Karin Krick wieder einen starken lyrischen
Akzent auf unserer Wortinsel.
Besonders begeistert zeigte sich das Publikum von dem Vortrag der Debütantin
Esther Laufer, die aus ihrem ersten, zwischen Liebeseuphorie und Schwermut
oszillierenden Roman Hasenmilch las. Avantgardistische Highlights der Popliteratur
boten einmal mehr Oliver Uschmann und Pepe Wallpollege Don. Für kurzweilige
Live-Jazz-Unterbrechungen sorgten Pepe, Tim und Christian. Den Bühnenhintergrund
schmückten an diesem Abend drei Gemälde von Thorsten Mette.
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"Literatur und Pop aus dem verschollenen Leben"
Gestrandet 1 & 2 (6. und 13. Juni 2002)
Am 6. Juni 2002 strandeten zum ersten Mal drei junge und innovative Autoren
der Popliteratur im Kulturcafé der Ruhr-Universität Bochum und stellten ihre Texte
einem faszinierten Publikum vor - die Initiative Treibgut feierte mit diesem Abend
den überaus erfolgreichen Start der Reihe Getrandet - Literatur aus dem
verschollenen Leben. Sven Amtsberg und Michael Weins, zwei Autoren der lebendigen
Hamburger Literaturszene, sowie der Kölner Autor Linus Volkmann begeisterten die
interessierten Zuhörer. Sven Amtsberg warf dabei mit seinen surrealen
Kurzgeschichten präzise Schlaglichter auf ein tragisch-komisches modernes Leben.
Beeinflusst vom Hamburger Dogma ist auch Michael Weins, der mit seinem Debütroman
Goldener Reiter überzeugte. Der Kölner Autor Linus Volkmann reizte die Lachmuskeln
der Anwesenden mit seinen überzeichneten Geschichten über den sympathischen
Verlierer Super-Lupo. Für entspannte Atmosphäre sorgten DJane Alex und DJ Martini,
bekannt durch den "Teppichtanz" im Dortmunder Club Cosmotopia, mit locker-leichtem
Sound.
Getragen von den Wellen der positiven Resonanz, die der erste Treibgut-Abend
ausgelöst hatte, kamen zur zweiten Veranstaltung aus der Reihe
Gestrandet - Literatur aus dem verschollenen Leben am 13. Juni 2002 abermals
viele Wortbegeisterte ins Kulturcafé der Ruhr-Uni Bochum. An diesem Abend lasen
M. G. Burgheim, Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses, sowie Andre Dinter,
Mitglied des Bochumer Improvisationstheaters Die Hottenlotten, aus ihren aktuellen
Werken. Anschließend hatten alle unentdeckten Talente die Möglichkeit, auf die
Planken der Offenen Bühne zu treten und ihre Werke zu präsentieren.
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