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Gestrandet 27: Einstürzende
Leuchttürme
Trotz Rudelguckens (public viewing) im Außenbereich des KulturCafés hatten sich am Mittwoch, den 16.6.2010, immerhin knapp 40 Literaturfreundinnen und Literaturfreunde im KulturCafé eingefunden, um einen bunten Abend mit der studentischen Initiative Treibgut – Junge Literatur in Bochum zu erleben. Das Programm erstreckte sich auf gut zwei Stunden mit einer kleinen freiwilligen Stoffwechsel-und-Frische-Luft-Pause zwischendurch – klingt doch gleich viel besser als „Pinkelpause“ und „Raucherpause“, oder? Die Lesung wurde von den beiden Treibgut-Autoren Johannes Opfermann und Philipp Dorok organisiert und gestaltet. Getreu seinem Credo „Ich bin kein Moderator für einen Abend.“ eröffnete Philipp Dorok die Veranstaltung mit einer herzlichen Begrüßung, bei der er zeitgleich liebevoll den Lesetisch mit maritimen Kleinodien dekorierte, darunter auch zwei Leuchttürme – einsturzgefährdet? Wer weiß? Als moderater Moderator begleitete Leuchtturmwärter Philipp die Künstlerinnen und Künstler und ihr geschätztes Publikum (ungefähr 35 Leute) sicher durch den Abend. Treibgut-Autor Johannes Opfermann eröffnete die 27. Folge der erfolgreichen Treibgut-Lesereihe unter anderem mit einer utopischen Satire zum Kulturhauptstadtjahr RUHR 2010 und den sogenannten Leuchtturm-Projekten – ein grandioser Brückenschlag zum Titel der Lesereihe: „Einstürzende Leuchttürme“. Bei seiner „Einführungsauslese“ nahm Johannes schließlich den alltäglichen Wahnsinn auf dem Campus auf die Schüppe und rechnete satirisch mit dem bürokratischen Wust, mit Credit Points und Anwesenheitslisten ab. Danach stieg
Treibgut-Autor Philipp Dorok von seinem imaginären Leuchtturm aus auf die
Planken, die die Welt bedeuten, dichtete, las und machte. Mit „Die Läuterung
der Kuckucks“, einem Langgedicht über das bedenkenlose Vögeln unter Vögeln
und die Aufzucht der Küken und Kükinnen, schoss sich Philipp ein und
sicherte sich die Sympathien des Publikums, um mit der Kurzgeschichte
„Heißes Begehren“ über einen kleinen liebestollen Eiswürfel noch einen
draufzusetzen. Auf der Offenen
Bühne begrüßte Treibgut im Anschluss Cornelia Chudzinski, Mitglied des
Wittener Autorentreffs, die mit ihren nachdenklichen lyrischen Texten, unter
anderem über den technischen Fortschritt, das Publikum verzauberte. Als
nächstes betrat Julia Piel die Offene Bühne und präsentierte Romantisches,
Ironisches und Sarkastisches aus ihrem Repertoire und erntete für ihre
Darbietung viel Applaus. Man kann nur gespannt sein, was Julia als Nächstes
textet. Johannes heizte nach der kurzen Pause dem Publikum mit seiner selbstmitgebrachten Gitarre mächtig ein. Es gab einen schmissigen Song über Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu hören, dessen satirischer Unterton bei den Zuhörerinnen und Zuhörern bestens ankam und für viele Lacher sorgte. Danach ließ Johannes noch eine gesungene Warnung vor der Benutzung von PowerPoint auf Englisch vom Stapel, die durch Wortwitz und Entlarvungen bestach. Die Kür absolvierte Johannes mit seiner Kurzgeschichte „Regenbogen“, die einen kurzen Einblick in die Weltsicht einer Möwe gibt und in einer öligen Bruchlandung endet. Als Nächstes holte Moderator Philipp die junge und sehr talentierte Elena Haag auf die Offene Bühne, die erst seit einem halben Jahr mit großer Begeisterung eigene Texte schreibt und sich keineswegs vor den alten Hasen zu verstecken braucht. Elena war kurz vor der Lesung ein wenig nervös, fackelte aber, sobald sie auf der Bühne war, problemlos ein literarisches Feuerwerk ab. Nachdem alle anderen auf der Offenen Bühne so hervorragend vorgelegt hatten, kam Vera Seidl an den Lesetisch und knüpfte ohne Probleme mit ihren unbeschwerten, intelligenten und witzigen Texten, die sie am ehesten im Bereich Slam Poetry verorten würde, an das durchgängig hohe Niveau auf der Offenen Bühne an. Vera erntete viele Lacher für ihre kreative Lobeshymne auf die Verdauung, die sie lockerleicht und mit charmantem Witz vortrug. Ein fliegender
Wechsel auf der Bühne und Philipp Dorok läutete die letzte Runde des Abends
ein. Es gab keine Pause für die Zwerchfelle des Publikums, denn Philipps
mitreißender Katastrophenbericht „Geflügelte Worte“, der von der Zubereitung
eines Truthahns in einer Studenten-WG handelt, hatte es wirklich in sich,
was die Lachfaltenbildung angeht. Da Lachfaltenbildung auch eine Bildung
ist, ging es lustig weiter mit Philipps Lieblingstext „Schlanker Staat“, der
die Politlandschaft auf kulinarische Weise herrlich auf den Arm nimmt. Um
den Abend locker ausklingen zu lassen und das Publikum wieder ein wenig aus
dem Prusten und Lachen herauszubekommen, folgte das nachdenkliche Gedicht
„Weimar“, das den himmelweiten Unterschied zwischen Repräsentationsgebäuden
und Seitenstraßen in der Schiller-und-Goethe-Stadt unter der Perspektive
„Auffälligkeit vs. Baufälligkeit“ aufs Korn nimmt. Herzlichen Dank an alle Lesekünstlerinnen und Lesekünstler und an unser hervorragendes Publikum. Ihr habt diesen Abend unvergesslich gemacht.
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