Forschung

Prof. Dr. Sandra Maß


Kinder und Migration im 19. Jahrhundert

Aktuell stellen Heranwachsende unter 18 Jahren weltweit über 50% der verschiedenen Flüchtlingsgruppen und erhalten aus diesem Grund ein erhebliches Maß gesellschaftlicher und politischer Aufmerksamkeit. Die historische Betrachtung von Migrantenkindern erfährt, vielleicht auch deshalb, in den letzten Jahren vermehrte Aufmerksamkeit: Kinder als Arbeits-, Kolonial- und Missionsmigranten wurden jedoch bislang vor allem im britischen und US-amerikanischen Kontext untersucht. Das Projekt richtet den Blick auf den deutschsprachigen Raum im langen 19. Jahrhundert und fragt: Wie wurden Kinder unterschiedlicher Schichten und Altersgruppen von Mig­rationsregimen erfasst? Wie erfuhren – im doppelten Bedeutungssinn des Wortes – Heranwachsende die Welt? Wie lernten sie über die Welt und wie nahmen sie die Welt wahr? Wie ist das Spannungsverhältnis zwischen der Emotionalisierung und Verhäuslichung von Kind­heit einerseits und der physischen Mobilisierung andererseits zu analysieren? Welche Rolle spiel­ten Kinder und der Schutz von Kindheit in Diskursen über Migration?

Lisa Gerlach M.A.


Projekt: Kulturgeschichte der Empfehlung im Spiegel deutsch-jüdischer Netzwerke im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Das Dissertationsprojekt untersucht Empfehlungsschreiben in sozialen Netzwerken deutschsprachiger Juden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das seit der Vormoderne bestehende Phänomen der Empfehlung verliert auch in der Moderne nicht an Bedeutung. Vielmehr erweist es sich als resiliente Praxis, die gesellschaftlich wirkmächtig ist. Es enthält zu dieser Zeit sowohl Hinweise auf familiäre und freundschaftliche Beziehungen, wie auch auf Karrierewege und Ausbildungsinhalte.

Die Variabilität und das Transformationsvermögen von Empfehlungsschreiben zeigen sich besonders in der Geschichte deutscher Juden. Für sie dienten Empfehlungsschreiben zu Beginn des Jahrhunderts dazu, sozialen Aufstieg zu gewährleisten und zunehmend international agierenden Institutionen Angestellte und Geschäftspartner zu vermitteln. Während des Nationalsozialismus wurden Empfehlungen dann zu einem wichtigen Mittel, um die Existenz, die Emigration und damit vielfach das schiere Überleben zu sichern.

Das Dissertationsvorhaben fragt danach, inwieweit persönliche Empfehlungen als kulturelles und soziales Kapital genutzt wurden, wie sie soziale Beziehungen in privaten wie in geschäftlichen und gesellschaftlichen Bereichen mitgestalteten, und in welcher Weise die jeweiligen historischen Bedingungen Einfluss auf Form, Inhalt und Stil der Textform hatten. Die Untersuchung basiert auf Quellen aus Universitäten und Bankhäusern in Deutschland, Amerika und Israel. Eingebettet wird diese Perspektive in die Untersuchung der seit einigen Jahren von der Geschichtswissenschaft stärker beachteten Bereiche Familie, Verwandtschaft, Freundschaft, Vertrauen und Rationalität.

Kontakt

Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Geschichtswissenschaft
Transnationale Geschichte des 19. Jahrhunderts
GA 6/51
Universitätsstr. 150
44801 Bochum
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