| In
der chemischen Industrie sowie in der Energie- und der Verfahrenstechnik
werden eine Vielzahl von Arbeitsstoffen eingesetzt. Die Kenntnis
der thermodynamischen Eigenschaften dieser Stoffe ist dabei
unabdingbar für eine effiziente Auslegung der entsprechenden
Anlagen und Apparate. Genügend verlässliche Messdaten der
thermodynamischen Zustandsgrößen liegen aber nur für relativ
wenige Stoffe vor, um eine stoffspezifische Referenz-Zustandsgleichung
auf der Grundlage dieser Daten zu entwickeln. Dennoch gibt
es auch für diese Stoffe einen großen Bedarf an verlässlichen
Werten der Zustandsgrößen. Um solche Werte zur Verfügung stellen
zu können, haben wir ein Verfahren zur simultanen Optimierung
von Zustandsgleichungen entwickelt [105].
Die Idee
In
der simultanen Optimierung werden Datensätze mehrerer Stoffe
berücksichtigt, um eine Gleichungsstruktur zu entwickeln, die
diese im Mittel am besten wiedergibt. Sind die berücksichtigten
Stoffe charakteristisch für eine Gruppe physikalisch ähnlicher
Substanzen, lässt sich die so entwickelte Gleichungsstruktur
durch Anpassen der Koeffizienten auch auf andere Fluide
derselben Gruppe übertragen.
Der
Grundgedanke dabei ist zum einen, dass sich mit ein und
derselben Gleichungsstruktur das Zustandsverhalten mehrerer
Stoffe beschreiben lässt, wenn eine gewisse physikalische Ähnlichkeit
zwischen diesen Stoffen besteht, und zum anderen, dass durch
die simultane Berücksichtigung der Daten für verschiedene
Stoffe verhindert wird, dass die Gleichung fehlerhaften Verläufen
einzelner Datensätze in schlecht vermessenen Bereichen folgt.
Natürlich werden die Koeffizienten der Gleichungen jeweils für
die einzelnen Stoffe individuell angepasst, so dass am Ende
Gleichungen mit derselben Struktur aber stoffspezifischen
Koeffizientensätzen stehen.
Eine
stark vereinfachte Skizze des Ablaufs der stoffspezifischen
und der simultanen Optimierung ist im folgenden Bild dargestellt.
Die simultane Optimierung wurde sowohl zur Entwicklung „kurzer”
Gleichungen für technische Anwendungen eingesetzt als auch
zur Entwicklung von Zustandsgleichungen mittlerer Länge, die
durchaus Referenz-Charakter haben sollen.
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Vergleich des Ablaufschemas der
stoffspezifischen und der simultanen Optimierung
(hier beispielhaft für nur zwei Stoffe) einer Gleichungsstruktur. |
Simultan optimierte
„kurze” Gleichungen für technische Anwendungen
Mit
diesen kurzen, etwa 12 Terme umfassenden Gleichungen sollte
eine neue Klasse von Zustandsgleichungen für technische Anwendungen
etabliert werden. Bisher sind Zustandsgleichungen, die übliche
technische Genauigkeitsanforderungen erfüllen, deutlich länger
(z.B. die „Bender-Gleichung” mit 19 Termen). Werden
solche Gleichungen an eingeschränkte Datensätze von weniger
gut vermessenen Stoffen angepasst, ergeben sich häufig Interkorrelationen
zwischen den einzelnen Termen, wodurch zum Beispiel die Berechnung
kalorischer Zustandsgrößen sehr unzuverlässig wird. Auch thermische
Zustandsgrößen werden mit solchen Gleichungen nicht mehr verlässlich
berechnet, wenn sie außerhalb des unmittelbaren Anpassungsbereiches
liegen („Extrapolation”).
Hier
zeigen sich die Vorteile der simultanen Optimierung. Die Entwicklung
der Gleichungsstruktur unter Berücksichtigung von Daten für
verschiedene Stoffe und die geringe Anzahl an Termen bewirken
eine deutlich höhere numerische Stabilität der neuen Gleichungen.
Es werden sowohl thermische als auch kalorische Messdaten
im gesamten betrachteten Zustandsgebiet berücksichtigt, auch
wenn diese für den einzelnen Stoff nur in bestimmten Bereichen
vorliegen. Die so entwickelten Gleichungen liefern auch für
Stoffe mit sehr beschränkten Datensätzen zuverlässige Werte
sowohl für thermische als auch für kalorische Zustandsgrößen.
Auch in Bezug auf das Extrapolationsverhalten konnte gezeigt
werden, dass die kurzen simultan optimierten Gleichungen den
bisher gebräuchlichen technischen Gleichungen klar überlegen
sind. Näheres dazu findet sich in [138].
Solche
kurzen simultan optimierten Zustandsgleichungen wurden zunächst
für zwei Gruppen von Stoffen entwickelt, und zwar für „polare”
und „unpolare” Stoffe. In der folgenden Tabelle
sind die Stoffe, die für die Entwicklung der beiden Gleichungsformen
benutzt wurden, zusammengestellt. Die Gleichungen und Koeffizienten
sind in [139]
(unpolare Stoffe) und [140]
(polare Stoffe) angegeben.
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Simultan
optimierte „kurze” Gleichungen existieren
für die aufgelisteten Stoffe. |
In der Zwischenzeit sind die Koeffizienten der beiden Gleichungsformen
für eine größere Anzahl von Stoffen ermittelt worden; siehe
z.B. die Stoffe
im Programmmodul FLUIDCAL, die auf den Gleichungen von Lemmon
und Span sowie Bonsen et al. beruhen.
Simultan optimierte
Zustandsgleichungen als Referenz-Gleichungen
Auch
bei der Entwicklung von längeren, genaueren Gleichungen mit
Referenz-Charakter kann die simultane Optimierung eine sinnvolle
Alternative zur stoffspezifischen Optimierung sein. Als Beispiel
seien die leichten Kohlenwasserstoffe der Alkanreihe, insbesondere
Iso- und n-Butan, genannt. Für beide Stoffe gibt es zum Teil
sehr genaue Messdaten, allerdings existieren für beide
Stoffe auch Zustandsbereiche, in denen keine oder nur wenige
verlässliche Daten vorliegen. Da beiden Stoffen aber eine
große industrielle Bedeutung zukommt und dementsprechend großes
Interesse an genauen Zustandsgleichungen besteht, sind mit
dem Verfahren der simultanen Optimierung Zustandsgleichungen
für die Butane entwickelt worden [157].
Dabei wurden nicht nur die Datensätze beider Stoffe berücksichtigt,
sondern auch die wesentlich umfangreicheren und in sehr hoher
Genauigkeit vorliegenden Datensätze für Ethan und Propan,
welche ebenfalls zu den leichten Alkanen gehören. Ziel dieses
Projektes war es, die zum Teil sehr guten Messdaten für die
Butane möglichst innerhalb ihrer Unsicherheit wiederzugeben,
während in den schlecht vermessenen Bereichen ein sinnvoller
und ebenfalls möglichst genauer Verlauf der berechneten Zustandsgrößen
sichergestellt werden sollte. Mit 25 Termen liegen diese Gleichungen
bezüglich ihrer Länge zwischen den kurzen simultan optimierten
und den stoffspezifisch optimierten Referenz-Zustandsgleichungen.
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