Der medizinethische Forschungsschwerpunkt in Bochum konzentriert sich auf die Probleme, die nicht zuletzt durch demographische Entwicklungen hinsichtlich der sogenannten vierten Lebensphase in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Hierzu gehören Fragen der Generationengerechtigkeit, der Rationierung im Gesundheitswesen und der gesellschaftlichen Prägung des Alters, aber auch die Ethik, Systematische Theologie und Praktische Theologie übergreifende Frage nach der Deutung von Krankheit in irreversiblen Verfallsprozessen.
Neben den klassischen geisteswissenschaftlichen Forschungsmethoden eröffnen sich auf diesem Feld auch Möglichkeiten qualitativ-sozialwissenschaftlicher Arbeit. Die Kombination hermeneutischer und qualitativ-sozialwissenschaftlicher Methoden erlaubt, Aufschlüsse über die Präsenz, den Aufbau und die Erosion ethisch-religiöser Orientierungen zu erhalten.
Forschungsaktivitäten:
I. Deutungen von Krankheit in der postsäkularen Gesellschaft
Forschungsprojekt im Rahmen des nordrhein-westfälischen Förderprogramms für Geistes- und Kulturwissenschaften: "Geisteswissenschaften gestalten Zukunftsperspektiven!"
(gemeinsam mit Prof. Dr. Isolde Karle)
Die erfreuliche dynamische soziokulturelle Entwicklung der sogenannten dritten Lebensphase kann nicht verbergen, dass die Menschen als Betagte oder Hochbetagte in der vierten Lebensphase mit einschränkenden Krankheiten und damit verbundenen Verlusterfahrungen konfrontiert werden. Die Voraussetzung des Projektes ist die elementare Annahme, dass auch im Umfeld eines im weitesten Sinne naturwissenschaftlichen Verständnisses von Krankheit die Deutung der krankheitsbedingten Lebenssituation zu den unveräußerlichen Merkmalen der conditio humana gehört.
Ist krisenhaft erlebte Krankheit nicht deutungserzwingend, aber in hohem Maße deutungsprovozierend, so stellen sich folgende Fragen: Wie deuten Menschen Krankheit im Kontext unumkehrbarer Verfallsprozesse? Wie interpretieren Menschen und ihr Umfeld mit dem Eintritt in die sogenannte vierte Lebensphase, d.h. in Situationen signifikant eingeschränkter Lebensmöglichkeiten, Krankheit und Verfall? Welche Deutungsressourcen stellen die christlich-jüdischen Traditionen bereit? Welche Deutungsoptionen prägen die multireligiöse und postsäkulare Gesellschaft? Welche religiösen Deutungsmuster unterstützen oder hemmen die mit Krankheit und abnehmenden Lebensmöglichkeiten notwendigen Anpassungsleistungen?
Diese Fragen sucht das Forschungsprojekt anhand von drei eng miteinander verzahnten Zugängen zu bearbeiten:
1. Historische und hermeneutisch-konstruktive Analyse der religiösen Deutungsressourcen
Die jüdisch-christlichen Traditionen prägen noch immer weite Teile des öffentlichen Ethos im Umgang mit Lebensabträglichem, Alter und Krankheit. Im Kontext eines evolutionären Weltbildes, einer nachmetaphysischen Situation und eines multireligiösen Umfeldes gilt es die Deutungspotentiale der jüdisch-christlichen Tradition, d.h. ihrer formierenden Texte und ihrer elementaren Praxis, historisch, biblisch-theologisch, praktisch-theologisch und nicht zuletzt im Blick auf die gegenwärtige theologische Verantwortbarkeit auszuloten. Teilprojektleitung: Prof. Dr. Dr. G. Thomas und Prof. Dr. I. Karle
Im Rahmen dieses Teilforschungsbereichs finden vier internationale (mit Kooperationspartnern aus Südafrika und USA) und interdisziplinäre Tagungen statt:
- Surveytagung:
Krankheitsdeutung in der postsäkularen Gesellschaft
Bochum
25.-27. November 2005
- Forschungskolloquium
Deutungen von Krankheit in exegetischer und historischer Perspektive
Dortmund / Bommerholz
13.-15. Juli 2006
Pressemitteilung
- Forschungskolloquium
Deutungen von Krankheit in praktisch-theologischen und systematisch- theologischen Perspektiven
Bochum
14.-16. September 2006
Pressemitteilung
- Forschungskolloquium
Illness in Intercultural Perspective
In Kooperation mit der Protestant Theological University Kampen / The Netherlands
Kampen / NL
12.-14. März 2007
Die Beiträge der Surveytagung liegen als interner Reader vor. Die Vorträge des 2. und des 3. Forschungskolloquiums erscheinen im Jahr 2007 bei Kohlhammer/Stuttgart.
2. Ethnographische, qualitativ-sozialwissenschaftliche Erforschung der kulturellen Deutungspraxis
Über die aktuelle Deutungspraxis primär Betroffener, ihres familiären und ihres professionellen Umfeldes gibt es nur wenig gesichertes Wissen. Im Zusammenhang der Herausbildung der europäischen nachsäkularen Gesellschaften (im Unterschied zur US-amerikanischen) ist von besonderem Interesse, welches breite Spektrum an nichtreligiös-weisheitlichen, d.h. säkularen (i), allgemein spirituellen (ii) und deutlich religiösen Deutungen (iii) sich beobachten und systematisch erfassen lässt. Um die aktuelle Deutungspraxis zu erforschen, werden in kooperierenden Kliniken mit Patientinnen und Patienten ca. 50 minütige leitfadengestützte Interviews durchgeführt. Ein weiteres Set an Interviews wird mit Pflegenden und Ärzten organisiert, um deren Deutungsmuster der Krankheit in der Dauerkonfrontation mit Lebensabträglichem zu erfassen.
Der Interviewleitfaden kann am LS Thomas angefordert werden.
Zielperspektive ist die Befragung von 50 Patientinnen und Patienten, ca. 15 Pflegenden und Ärzten und 5-10 Angehörigen.
3. Religionspsychologische Untersuchung der Implikationen der Deutungspraxis
Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklungen und Erfordernisse einer optimalen Betreuung kranker Menschen ist es wichtig zu erforschen, welche Typen der Orientierung und welche Muster der religiösen Deutung Anpassungsleistungen im Kontext eingeschränkter Lebensmöglichkeiten befördern und welche diese eher hemmen.
Dieses Teilprojekt nimmt darum gemeinsam mit dem Bielefelder Kooperationspartner die Implikationen der religiösen Krankheitsdeutung in den Blick und geht der primären Frage nach einem Zusammenhang zwischen religiösen Motivstrukturen und psychischer Erkrankung nach, wobei insbesondere die Frage einer prognostischen Bedeutung hinsichtlich des Krankheits- bzw. Genesungsverlaufs im Focus der Untersuchung steht.
In einer prospektiven Längsschnittuntersuchung werden hierzu 60 an einer Depression erkrankte Patientinnen und Patienten der Gerontopsychiatrie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld unter Anwendung von religionspsychologischen und psychiatrischen Skalen zu drei Zeitpunkten während der Behandlung und nach Entlassung untersucht.
Im Bereich III mussten zunächst für den deutschen Kontext älterer depressiver Menschen geeignete Messinstrumente gefunden werden, die den Einfluss der Religiosität mit hinreichender Komplexität abbilden. Hier konnte das Münchner Motivationspsychologische Inventar (Grom 1996) gefunden werden, das uns nun in seiner neuesten 3. Version zur Verfügung gestellt wurde. Darüber hinaus kommt das Brief Multidimensio-nal Measurement of Religiousness/Spirituality (National Institute on Aging Working Group) (BMMRS) zur Anwendung mit dem Schwerpunkt auf positive und negative Auswirkungen religiöser Copingstrategien und religiös motivierter sozialer Unterstützung. Schließlich kommt der WHO-QuL-Bref zur Erfassung der Lebensqualität zum Einsatz. Psychiatrisch-psychologische Selbst- und Fremdratingsinstrumente erfassen die Symptomatik und Schwere der Depression und anderer psychopathologischer Symptome einschließlich Suizidalität (MADRS, BDI, SCL-K-9, BPRS, GAF, CGI). Mit Hilfe dieser Messinstrumente werden innerhalb der ersten 10 Tage des stationären Aufenthaltes, zum Zeitpunkt der Entlassung und etwa 8 Wochen nach der Entlassung Daten unter psychologischer/ärztlicher Anleitung erhoben.
In der Abteilung für Gerontopsychiatrie werden derzeit auf zwei spezialisierten Stationen zunächst insgesamt 60 ältere, depressive Patienten in stationärer oder teilstationärer Behandlung untersucht, eine Erweiterung auf andere psychiatrische Krankheitsbilder ist geplant.
Kooperationspartner für die Durchführung dieses Teilprojektes:
Prof. Dr. Martin Driessen
Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin Bethel / Evangelisches Krankenhauses Bielefeld
Remterweg 69/71
33617 Bielefeld
Tel.: 0521/144-20 31 Fax: 0521/144-38 41
Email: martin.driessen@evkb.de
4. Krankheit, Heilung und Heilungsgottesdienste
Projektdurchführung: Heike Ernsting / Projektbetreuung: Prof. I. Karle
Ein im Verlauf des obigen Projektes entstandenes Teilprojekt untersucht den systematischen Zusammenhang zwischen Heil und Heilung, wie er im Kontext der sogenannten Heilungsgottesdienste unterstellt und kommuniziert wird.
Lehrveranstaltungen bezogen auf dieses Forschungsfeld:
- regelmäßiges Forschungskolloquium
- Vorlesung: Medizinische Ethik
Dieses Forschungsfeld ist Bestandteil des Forschungsschwerpunktes Biomedical Ethics and Public Health der Research-School der RUB:
http://dbs-lin.ruhr-uni-bochum.de/research-school/cms/index.php?id=21
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