Europäische Montanregionen im Zeitalter der Industrialisierung im Vergleich

Die nationalstaatliche Analyse der europäischen Industrialisierung ist überholt. Die These von Sidney Pollard, dass die Industrialisierung regionalhistorisch und nicht in nationalstaatlichen Zusammenhangen zu analysieren ist, hat sich in der Forschung heute allgemein durchgesetzt. Fast 40 Jahre nach dem Aufkommen erster Konzepte zur regionalen Industrialisierung fehlt es immer noch an empirischen Studien über den Verlauf und die wirtschaftlichen Zusammenhange innerhalb und zwischen den Regionen für den Zeitraum der Industrialisierung. Das gilt auch für die im 19. Jahrhundert besonders wichtigen Montanregionen, von denen einige als „Führungsregionen“ der europäischen Industrialisierung angesehen werden. Mit Ausnahme einiger weniger bisher veröffentlichter Arbeiten über das oft als Idealtypus einer „Führungsregion“ stilisierte Ruhrgebiet und zur Saarregion fehlt es an aufbereitetem Datenmaterial für weitere Regionen und somit auch für einen Regionenvergleich. Diese Forschungslücke soll mit Blick auf einige im europäischen Maßstab bedeutende und weniger bedeutende Montanregionen durch das beantragte Projekt ein Stuck weit geschlossen werden.
Ausgehend von einem an das „Führungssektor“-Konzept von Walt W. Rostow angelehnten „Führungsregionen“-Konzept soll in zwei Teilprojekten die wirtschaftliche Entwicklung ausgewählter europäischer Montanregionen untersucht werden. Dabei steht im Teilprojekt 1 die Frage nach den Faktoren für die Herausbildung von Führungsregionen am Beispiel des Black Country in Großbritannien und dem Borinage in Belgien im Mittelpunkt. Demgegenüber befasst sich das Teilprojekt 2 mit dem konzeptionellen Gegenstuck, indem es danach fragt, welche Faktoren den Aufstieg eines Montanreviers zur Führungsregion verhinderten. In diesem Rahmen erfolgt die Analyse von drei deutschen Montanrevieren, die in der wirtschaftshistorischen Forschung bisher wenig beachtet wurden und in vielen Statistiken zur deutschen Kohleproduktion unter „andere Reviere“ zusammengefasst werden: das Inde-Wurm Revier bei Aachen, das Waldenburg-Neuroder Revier in Niederschlesien und die Zwickauer und Lugau-Oelsnitzer Reviere in Westsachsen. Keines dieser Reviere gilt in der wirtschaftshistorischen Forschung als montanindustrielle „Führungsregion“.
Mit dem Black Country und dem Borinage wurden zwei Regionen ausgewählt, deren Industrialisierung relativ früh begann und deren Aufstieg zu europäischen Führungsregionen sich sehr schnell vollzog. Beiden Regionen ist allerdings auch gemeinsam, dass sie ihre Position bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder einbüßten und hinter andere Regionen zurückfielen. Der Untersuchungszeitraum liegt deswegen für eine Industrialisierungsstudie vergleichsweise früh, indem er sich vom dritten Viertel des 18. bis zum dritten Viertel des 19. Jahrhunderts erstreckt.
Die drei untersuchten deutschen Montanregionen besaßen zwar alle eine teilweise bis ins Mittelalter zurückreichende bergbauliche Tradition. Dennoch erfolgte der Übergang zum industriell betrieben Abbau später als in den durch Teilprojekt 1 untersuchten Regionen. Entsprechend später setzt deshalb auch der Untersuchungszeitraum von Teilprojekt 2 ein. Untersucht wird die Entwicklung dieser Regionen für den Zeitraum seit der Beendigung der Napoleonischen Kriege und der territorialen Neuordnung Deutschlands bis zum Abschluss des wirtschaftlichen Konzentrationsprozesses im Steinkohlenbergbau in den jeweiligen Revieren zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Durch die Auswahl der Regionen bewegt sich das Projekt entlang des nordwest- und mitteleuropäischen Kohlenbandes in einem europäischen Rahmen und bietet somit die Möglichkeit eines länderübergreifenden Vergleichs von Montanregionen wahrend der Industrialisierung. Unter besonderer Berücksichtigung der Ungleichzeitigkeit und Ungleichgewichtigkeit der Entwicklung und ihrer Bedeutung für die Entwicklungsverlaufe werden die ausgewählten Regionen analysiert und verglichen. Hierfür scheinen die fünf ausgewählten Regionen besonders geeignet, da sie vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten zu Vergleichen sowohl innerhalb der Teilprojekte als auch übergreifend zwischen den Teilprojekten bieten. Die Aachener Region kann sogar als eine Art Verbindungsglied zwischen den beiden Teilprojekten angesehen werden. Aufgrund des derzeitigen Befundes war sie im 19. Jahrhundert durchaus bedeutender als Niederschlesien und Westsachsen, trotzdem kann sie jedoch vermutlich nicht der Gruppe der montanindustriellen „Führungsregionen“ zugerechnet werden (was natürlich im Einzelnen zu untersuchen sein wird). Ferner ermöglicht die Grenzlage des Borinage (Teilprojekt 1) und der Regionen aus Teilprojekt 2 einen interregionalen Vergleich des Einflusses der politischen Rahmenbedingungen auf die wirtschaftliche Entwicklung. Dasselbe gilt für die unterschiedlichen Ausprägungen der Verfugungsrechte durch die zum Teil sehr verschiedenartigen bergrechtlichen Rahmenbedingungen in der Frühzeit des industriell betriebenen Bergbaus.
Die Operationalisierung des Führungsregionen-Konzepts und die empirische Forschung sind aufgrund der schlechten Verfügbarkeit von Daten schwierig, aber nicht unmöglich. So hat Ralf Banken am Beispiel der Saarregion gezeigt, dass es möglich ist, Daten auf kleinster administrativer Ebene zu sammeln und durch das Zusammenfügen dieser Datensatze Informationen für eine nicht mit einer Verwaltungseinheit identischen Wirtschaftsregion zu gewinnen. Während der Projektarbeit wird immer auch darauf geachtet werden, möglichst vergleichbare Daten zu den einzelnen Regionen zu finden und aufzubereiten. So leistet das Projekt nicht nur einen Beitrag zur Industrialisierungsforschung durch die Erstellung der Entwicklungsverläufe der einzelnen Regionen, sondern auch durch die Förderung und Durchführung interregionaler Vergleiche von Montanregionen.