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Harvey

Hilfe für Harvey und Sam

Mediziner eröffnen Skills Labs

Alle Blicke ruhen auf Harvey. Der blauäugige Mann mit dem mittelblonden Haar auf der Untersuchungsliege atmet ruhig, deutlich fühlbar schlägt sein Herz. Dominique Ostojic legt ihm das Stethoskop an die Brust. Auffällige Herztöne hört nicht nur sie, sondern auch alle Studierenden ihrer Übungsgruppe, die mit ihren Stethoskopen an Harvey angeschlossen sind. Harvey, der Herr ohne Unterleib, kann 65 Herzkrankheiten simulieren. Dominique Ostojic ist Tutorin im Skills Lab, das am 23. Juni offiziell von der Medizinischen Fakultät der RUB eröffnet wurde.

24 studentische Mitarbeiter hat das Skills Labor – oder vielmehr die Skills Labore, denn neben dem größten mit über 320 Quadratmetern im Marienhospital Herne gibt es auch welche in anderen RUB-Universitätskliniken und auf dem Campus. Abseits vom Klinik-Alltag können Studierende hier Fertigkeiten üben, die sie später brauchen werden. Hier finden Kurse aus dem normalen Curriculum statt, z.B. Blutabnehmen am Plastikarm, Gips- und Nahtkurse, Reanimationstraining, dazu Tutorien zu Untersuchungstechniken und freie Übungszeiten mit Anleitung durch Tutoren.

Dr. Thomas Reimer leitet das Reanimationstraining, das an einer lebensechten Puppe stattfindet, die ihre neue Heimat im Skills Lab in Herne hat. „Das ist eine ganz schöne Stressbelastung für die Teilnehmer“, sagt er. Per Fernbedienung kann er einstellen, woran der Mann aus Gummi leidet. Die Studierenden schlüpfen dann in die Rolle des Notarztes. Sie müssen nicht nur die Entscheidung treffen, welche Behandlung angebracht ist und diese fachgerecht durchführen, sondern sich auch mit den alltäglichen kleinen Tücken herumschlagen. „Das EKG zum Beispiel so hinstellen, dass man es auch selber sieht – das ist nicht selbstverständlich“, erklärt Dr. Reimer. „Oder die Infusionsnadel am Arm festkleben, sonst rutscht sie auch mal einfach wieder raus.“ Natürlich reagiert der „Patient“ auch auf die richtige Behandlung. Das EKG kann sich dann z.B. ferngesteuert stabilisieren.

Jeder legt Hand an

Während das Reanimationstraining zum normalen Studienprogramm gehört, bieten die studentischen Tutoren freiwillige Zusatzkurse für Studierende ab dem 6. Semester an. Darin geht es um die Ultraschalldiagnostik und Untersuchungstechniken des Bewegungsapparats, der Atmungsorgane, des Herzens und des Bauchraums. Besonders wichtig ist auch hier, dass jeder selbst Hand anlegt. Beim Ultraschall auf den vier Liegen untersuchen sich die Studierenden gegenseitig. „Ein Platz ist mit einem großen Monitor an der Wand verbunden, so dass alle sehen, was im Ultraschallbild erscheint, auch derjenige, der gerade untersucht wird“, erklärt Ultraschalltutorin Cindy Richter. Niere, Leber, Gallenblase, für Cindy Richter glasklar erkennbar. Laien und Anfänger müssen sich erst mal „warm schauen“.

Bei den Untersuchungstechniken für Herz und Atmungsorgane kommt Harvey zum Einsatz, aber auch sein Kollege Sam (Student Auscultation Mannequin), bei dem man auch den Bauchraum untersuchen kann. Auch er erlaubt den Anschluss von mehreren Stethoskopen über Funk, so dass alle Gruppenteilnehmer hören können, was der Untersucher gerade hört.

Lästige Studenten

Dieses „Selbermachendürfen“ ist es, was die Initiatoren der Skills Labs am meisten freut. „Zu meiner Zeit fand das Reanimationstraining mit 80 Leuten statt, die zweite Reihe konnte schon nichts mehr sehen“, erzählt Prof. Dr. Ludger Pientka, Inhaber des Lehrstuhls für Altersmedizin und Ärztlicher Direktor des Marienhospitals. „Wir waren als Studenten noch eher lästig.“ Dieses Gefühl soll kein Bochumer Medizinstudent mehr haben – schließlich geht es nicht nur darum, zuverlässige und gute Ärzte auszubilden, sondern diese auch noch im Ruhrgebiet zu halten. Attraktive Lehrangebote sind da ein Muss und sie werden gut angenommen. Die 99 Plätze in den studentischen Tutorien waren nach drei Tagen ausgebucht. 350.000 Euro flossen in die Einrichtung, 300.000 Euro jährlich sind für den Betrieb nötig. Finanziert werden vor allem die Mitarbeiter, d.h. neben den Tutoren auch Arzthelferinnen, Lehrärzte und Koordinatorinnen vor Ort.

md/Fotos: Nelle