RUB » Studium » Profil » Investitionen in gute Lehre » Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

Richterin für einen Tag

Jura-Studierende proben im Gerichtslabor den Ernst des Lebens

Schon im Studium als Anwalt oder Richter auftreten können Jura-Studierende im Gerichtslabor, das in der Juristischen Fakultät eingerichtet wurde. Hier finden regelmäßig Prozess-Simulationen statt, in denen die Teilnehmer wertvolles Feedback erhalten.

ProzesssimulationAls Eva Strippel den Raum betritt, erheben sich alle. „Bitte nehmen Sie wieder Platz“, sagt sie und setzt sich. Souverän stellt sie die Anwesenden vor und absolviert die nächsten Schritte: Zeugen belehren und hinausschicken, die Aktenlage zusammenfassen. Sie hat alles im Griff, die Robe und ihr Platz auf dem erhöhten Podest tragen ihr übriges zu ihrer Autorität bei.

Dabei ist Eva Strippel keine Richterin, sondern Jura-Studentin im 6. Semester. Ebenso wie alle anderen Prozessbeteiligten noch lange nicht am Ende ihres Studiums sind. Sie simulieren heute im Gerichtslabor der Juristischen Fakultät einen echten Fall. Die Anwälte schlagen sich redlich. Es geht um 440 Euro Lohn für einen Maler, dessen Azubi eine feuchte Wand gestrichen hat, von der die Farbe kurze Zeit später wieder abblätterte. Hätte der Malerazubi die feuchte Wand gar nicht streichen dürfen? Hat er darauf hingewiesen, dass die Farbe voraussichtlich wieder abblättern wird? Hat die Kundin auf der Ausführung der Arbeiten bestanden, obwohl sie wusste, dass es nicht hält? Oder war sie nicht informiert? Diese Informationen gilt es aus den beiden Zeugen heraus zu kitzeln. Natürlich ohne Suggestivfragen und möglichst so, dass die Aussagen die eigene Position untermauern: das heißt für den einen so, dass deutlich wird, dass der Maler alles richtig gemacht und ein Recht auf seinen Lohn hat, für den anderen so, dass klar wird, dass der Maler wider besseres Wissen die Wand gestrichen hat und die Kundin somit für mangelhafte Leistung auch nicht zahlungspflichtig ist.

Bedeutende Kleinigkeiten

Ob das alles auch so klappt, wie es soll, schauen sich alle Beteiligten nach dem Ende der Sitzung noch einmal an: Jeder wird während der gesamten Zeit aufgezeichnet, so dass später eine Übersicht an die Wand projiziert werden kann. Kläger und Beklagte mit ihren Anwälten, die Zeugen und die Richterin sind nebeneinander zu sehen. Prof. Dr. Peter A. Windel, Koordinator des Gerichtslabors, und Dirk Fettback, stellv. Direktor des Bochumer Amtsgerichts a.D., äußern viel Lob, aber auch konstruktive Kritik. „Ist Ihnen aufgefallen, wie Sie fragen?“, weist Dirk Fettback den Anwalt der Beklagten hin, dargestellt von Lothar Becker, Student im 7. Semester. „Sie stellen sehr lange Fragen, damit nehmen Sie sich selbst etwas weg.“ Beide Anwälte neigen zu Suggestivfragen – aber sie bleiben im akzeptablen Rahmen.

Es stellt sich auch heraus, was im Eifer des Gefechts gar keinem aufgefallen ist: Die Richterin bittet zuerst den Zeugen der Anklage herein und teilt der Anklage damit ganz nebenbei die Beweislast zu. Die hat nämlich üblicherweise, wer zuerst dran kommt, und das ist für diejenige Partei gar nicht gut. „Da hätten Sie als Anwalt eingreifen können“, sagt Dirk Fettback.

Solche Kleinigkeiten, die im Alltag eines Anwalts nicht unwichtig sind, lernt man nicht in der Vorlesung und sie stehen auch nicht in der Zivilprozessordnung. „Man bekommt davon allenfalls im Praktikum etwas mit“, sagt Lothar Becker. Er ist in seine Rolle als Anwalt unversehens hineingeraten – eigentlich wollte er nur zusehen. Jetzt ist er aber hochzufrieden: „Nächstes Mal wäre ich gern Richter!“

Die Richterin Eva Strippel hat vor ihrem heutigen Einsatz auch schon einmal in anderer Funktion an einer Simulation teilgenommen. „Es macht richtig Spaß, mal was anderes zu machen“, sagt sie, „auch wenn es anstrengend war, alles immer im Blick zu behalten und gleichzeitig Notizen zu machen und die nächsten Schritte zu planen.“ Auch war für sie die Vorbereitung aufwändiger als für alle anderen. „Sechs bis acht Stunden habe ich schon gebraucht“, schätzt sie. Die eigentliche Simulation dauerte einen Nachmittag, ein zweiter diente der Vorbereitung.

Spätes Feedback

„Ich würde es jedem empfehlen, mal mitzumachen, der beruflich in diese Richtung gehen will“, sagt Lothar Becker. „Hier kann einem überhaupt nichts passieren – anders als im Referendariat, da gibt es immerhin Noten.“ Im Gerichtslabor gibt es lediglich Feedback, und das ist wertvoll. „Ich habe mein erstes Feedback bekommen, als ich schon über zwei Jahre Richter war“, erzählt Dirk Fettback. In den Genuss kann im Gerichtslabor jeder Jura-Studierende kommen, die Veranstaltungen richten sich an alle Studierenden ab den mittleren Semestern. „Einer war erst im dritten Semester, da kommt nur die Rolle eines Zeugen oder des Klägers oder Beklagten in Frage“, so Prof. Windel. „Für die Richterrolle oder die eines Anwalts muss man schon wenigstens ein klein wenig Vorwissen haben.“ Die Vorbereitung für diese Rollen ist mit wenig Aufwand verbunden. Es gibt nur die Schriftsätze, ein Infoblatt und gegebenenfalls eine Rollenanweisung für Zeugen.

In der stand übrigens auch, dass der Malerazubi mitten in der Verhandlung „umkippt“: Nachdem er zuerst behauptet hatte, er habe die Kunden von sich aus auf die Gefahr hingewiesen, dass die Farbe von der feuchten Wand wieder abblättern könnte, räumte er später ein, dass Einwände nur vom Sohn der Kundin gekommen waren. Wie der Prozess ausging, blieb am Ende offen. md

 

Bild: Monika Schröer (10. Semester) in der Rolle der Beklagten kam selten zu Wort, ihr Anwalt, dargestellt von Lothar Becker, umso häufiger. Richterin Eva Strippel hat alles unter Kontrolle.