Die Spielregeln verstehen
Lehrreich: Schreibgruppe für Nicht-Muttersprachler
„Deutschland war schon immer mein Traum“, sagt Aloisio
Gluitz. Er ist vor drei Semestern aus Brasilien an die RUB gekommen,
um Germanistik und Philosophie zu studieren. „Ein Land mit Schnee
und vielen Äpfeln …“, davon schwärmt er seit
der Kindheit. Seine Großeltern sind lange vor seiner Geburt aus
Schwaben in die damalige Kolonie ausgewandert, im Dorf und in der Familie
wird noch immer Deutsch gesprochen. Seine Sprachkenntnisse sind daher
gut. Allerdings nicht im Hochdeutschen. „An Vokabeln mangelt
es mir nicht“, sagt er, „aber in Brasilien werden zum Beispiel
Artikel falsch gebraucht und die Deklination ist auch nicht so ganz
richtig. Es wird eine Mundart gesprochen, vergleichbar vielleicht mit
Schwyzerdütsch.“ Schriftlich Deutsch gelernt hat er zu Hause
nicht. Kein Wunder, dass er mit schriftlichen Hausarbeiten im Studium
Schwierigkeiten hat, wie viele an der RUB, die aus dem Ausland kommen.
Für sie hat das Schreibzentrum ein neues Angebot: Die Schreibgruppe
für Nicht-Muttersprachler war einen Preis im Wettbewerb „lehrreich“ wert.
Dr. Ulrike Lange leitet das Projekt. „Ich habe bei meiner Arbeit
als Schreibtrainerin oft gemerkt, dass beim Schreiben in der Fremdsprache
der Bedarf nach kontinuierlicher Unterstützung da ist“,
sagt sie. „Unabhängig vom Herkunftsland geht es darum,
die ‚Spielregeln‘ für Schreiben an der deutschen Universität
zu verstehen. Und dabei geht es um viel mehr als um korrektes Deutsch.“ Das
geht am besten im Vergleich, weswegen die Schreibgruppe für ausländische
Studierende egal welcher Herkunft und für Studierende mit der
Zweitsprache Deutsch offen ist. Aloisio Gluitz gehörte zu den
ersten Teilnehmern, als das Angebot in den Semesterferien startete.
Die anderen kamen aus Osteuropa, Italien, Spanien. „Alle haben
Deutsch lernen müssen, und deswegen kann man die Schwierigkeiten
der anderen gut nachvollziehen“, meint Aloisio Gluitz.
In der Gruppe können die Studierenden sowohl Fragen zu konkreten
Studienarbeiten diskutieren und sich z.B. Feedback auf einen Gliederungsentwurf
einholen als auch gemeinsam Schreibübungen machen. „Wir
haben zum Beispiel gelernt, zehn Minuten am Stück zu schreiben,
ohne bei Fehlern sofort wieder zurückzuspringen und sie zu korrigieren“,
schildert Aloisio. „Wir haben gelernt, die Korrekturen hinterher
zu machen, sonst unterbricht man ständig seinen Gedankenfluss.“ Dieser
und andere strategische Kniffe sind es, die sofort im Studienalltag
helfen. „Die Schreibgruppe soll keine zusätzliche Arbeit
machen, sondern dabei helfen die Arbeit für die Uni zu erledigen!“,
betont Ulrike Lange. Die Teilnehmer wissen das zu schätzen – sie
kommen freiwillig, Credit Points gibt es nicht. Aloisio lobt außerdem
die angenehme und produktive Atmosphäre. Alle sind per du und
man braucht sich nicht zu fürchten, mit Sprachproblemen belächelt
zu werden. Nebenbei ergibt sich ein interessanter Austausch zwischen
den Nationalitäten, Religionen und Studienfächern.
Trotzdem hatte es das Angebot anfangs schwer: Die vollen Stundenpläne
und zusätzliche Verpflichtungen wie Jobs machen es schwer, einen
Gruppentermin während des Semesters zu finden. „Ich versuche
es dieses Semester wieder; eine kleine Gruppe hat sich schon gefunden“,
sagt Ulrike Lange, „aber vielleicht muss ich auch einfach akzeptieren,
dass es nur in den Ferien Sinn hat. Die zeitlichen Kapazitäten
der Studierenden sind eben minimal, auch wenn der Leidensdruck mitunter
hoch ist. Ich experimentiere mit dem Format noch und lerne dazu.“
Um weitere Teilnehmer zu finden, wirbt sie auf der Homepage des Schreibzentrums und mit Plakaten. Viele werden auch per Mundpropaganda auf das Angebot aufmerksam. Wer mitmachen möchte, ist jederzeit willkommen. md

