Neue Räume entdecken
„lehrreich“-prämiertes Seminar tourte auf dem Campus
Die Entfernung zwischen Physik und Philosophie ist ein Katzensprung.
Diese Überzeugung brachte Pascal Scheffels auf die Idee, ein übergreifendes
Seminar anzubieten, offen für alle Fächer und gestaltet von
Dozenten verschiedener Fakultäten. Da in der RUB die räumliche
Entfernung zwischen allen Fächern genauso klein ist, wurde der
Plan schnell konkret. Da er auch Anklang bei der Jury im Wettbewerb „lehrreich“ fand,
konnte das Seminar im Wintersemester 2009/10 starten.
„Die Dozenten waren begeistert von der Idee und wollten das schon immer
mal machen, hatten nur keine Zeit für die Organisation. Da habe ich offene
Türen eingerannt“, erzählt Pascal Scheffels. Fünf Fachvertreter
gewann er für das Projekt, aus der Physik, der Mathematik, der Philosophie,
der evangelischen und der katholischen Theologie. Als Thema wählten sie „Raum
und Zeit“. Konsequenterweise sollte das Seminar auch immer in verschiedenen
Räumen stattfinden. „Diese wechselnden Orte waren nicht ganz so
einfach zu bewerkstelligen“, berichtet Mareike Josting, die als studentische
Hilfskraft das Projekt unterstützte, „vor allem, weil wir oft recht
kurzfristig Räume buchen mussten.“
Leidenschaftliche Debatte
Geklappt es trotzdem, und erhellend war es auch. Die Themen, die behandelt
wurden, reichten von „Was ist eigentlich ein sakraler Raum?“ über „Erdraumvermessung
der Erde – Ortsmessung mittels GPS“ bis hin zu „Welche
Raumauffassung erscheint am plausibelsten, um die Anwendung der Mathematik
auf den Raum zu erklären“. Jeder Dozent hielt zunächst
einen Impulsvortrag, später hielten die Studierenden Referate
zum selben Themengebiet.
„Es war schon sehr interessant, was sich da für Diskussionen ergeben
haben“, erzählt Mareike Josting. „Zum Beispiel unterscheiden
sich die Positionen der evangelischen und der katholischen Theologie teilweise
sehr, da ging wurde schon leidenschaftlich debattiert.“ Die naturwissenschaftlichen
Dozenten mussten sich auf ihr Publikum ganz neu einstellen – bei Studierenden
der Geisteswissenschaft kann man eben nicht voraussetzen, dass sie sämtliche
mathematischen Grundlagen kennen. Und da das Seminar im Optionalbereich angeboten
wurde, waren sie deutlich in der Überzahl. „Die Naturwissenschaftler
studieren häufiger im Ein-Fach-Bachelor, da muss man nur wenige Kurse
im Optionalbereich belegen“, erklärt sich Mareike Josting dieses
Phänomen. Nur zwei der rund zwanzig Teilnehmer kamen aus den Naturwissenschaften,
alle anderen waren Geisteswissenschaftler.
Siegel gespiegelt
Alle bescheinigen dem Format großes Potential. „Es sind
genug Fragen da, die Fächergrenzen überschreiten, und Hinterfragen
und Reflexion muss im Studium sein“, sagt Pascal Scheffels. „Nicht
zuletzt spiegelt sich dieser Gedanke und Wunsch nach dem Austausch
der Wissenschaften im Siegel mit dem Brüderpaar Prometheus und
Epimetheus im Siegel der RUB wider.“ Als vorteilhaft stellte
sich auch die Art der Leistungserbringung heraus: Durch die Essays
musste sich jeder einzelne auch mit den unbekannten Disziplinen auseinander
setzten und konnte sich so weit wie möglich einarbeiten. Die Referate
ließen einen lockereren Umgang mit den „fremden“ Themen
zu, als es durch eine Klausur möglich gewesen wäre. Kritisiert
wurde die Anzahl der vertretenen Fachbereiche: Das Thema hätte
noch weitere Fachrichtungen wie Geographie, Informatik und Linguistik
zugelassen. Einige waren auch der Ansicht, vier Semesterwochenstunden
wären besser gewesen als zwei.
Da sich der Mittelaufwand in Grenzen hält, ist das Konzept leicht übertragbar.
Als Abschluss des „lehrreich“-Seminars soll es noch eine
Veröffentlichung der zu Hausarbeiten ausgearbeiteten studentischen
Referate geben, außerdem gibt es einen Film, so dass jeder Interessierte
hinein schnuppern und „Neue Räume entdecken“ kann. md

