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Nix für Mädchen

lehrreich-prämiertes Seminar mit Unterrichtsbeobachtung in Schulen

Mathe ist doch nichts für Mädchen – die können besser Sprachen. Dieses Vorurteil hat vielleicht der einen oder anderen schon die richtige Studien- und Berufswahl vereitelt. Mädchen in MINT-Fächern – also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – standen daher im Mittelpunkt des im Wettbewerb „lehrreich“ prämierten Seminars, das Heike Hunneshagen, Julia Lorke und Kathrin Vogler entwickelt haben.

Mädchenhand an der Tafel15 Teilnehmerinnen und – Überraschung: auch Teilnehmer meldeten sich an. Im theoretischen Teil des Seminars befassten sich die Bachelor-Studierenden eingehend mit Studien, die das Thema Gender und Schule behandelten. Julia Lorke, Heike Hunneshagen und Adrian Russek, an der RUB alle mit Schüler/innen-Projekten befasst, leiteten sie dabei an, als Gäste hatten sie außerdem Prof. Dr. Katrin Sommer, Didaktik der Chemie, Manfred Rotermund vom Zentrum für Lehrerbildung, Ruth Kersting, Didaktik der Geographie sowie Prof. Dr. Ingelore Mammes (Paderborn) und Dr. Markus Prechtl (Siegen) eingeladen, bekannte Spezialisten auf dem Gebiet Unterrichtsforschung und Bildungsgerechtigkeit.

In den Semesterferien ging es dann in die Praxis. Je zu zweit oder zu dritt starteten die Studierenden ins Schulpraktikum, ausgestattet mit Beobachtungsbögen für den Unterricht, die sie zusammen entwickelt hatten: Sechs Wochen à 15 Stunden verbrachten sie in Schulen, die sie selbst wählen konnten. Alle Schulformen waren dabei, von der Grundschule über Gesamt- und Realschule, Gymnasien bis hin zur Rudolf-Steiner-Schule, einer privaten Waldorfschule.

Letztere stellte die Beobachter durch ihr Unterrichtskonzept vor die Herausforderung, Mathe- und Naturwissenschaftsunterricht überhaupt als solchen zu definieren. „In der Waldorf-Schule werden diese Fächer gemeinsam mit Sprache unterrichtet, da sind die Grenzen fließend“, berichtet Holger. Letztlich konnten er und sein Kompagnon Philipp aber feststellen: Jungs melden sich tatsächlich mehr. Was aber vielleicht gar nicht damit zu tun hat, dass sie besser sind: Sie sind einfach lauter. „Mädchen leiden unter der Unruhe in der Klasse“, meinen die beiden.

Stören buttert Mädchen unter

Ähnliches haben auch andere festgestellt, etwa Marcel, Jennifer und Jacqueline, die eine Realschule in Wattenscheid-Höntrop besucht haben. „Stören buttert Mädchen unter“, lautet ihre Bilanz. Sie haben zusätzlich zur Unterrichtsbeobachtung auch Schülerinnen und Schüler selbst befragt und deren Angaben mit denen der Lehrer und den Noten abgeglichen. „Die Noten sind bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich“, haben sie festgestellt, „aber Jungen werten ihre eigenen Leistungen in der Befragung eher auf und Mädchen ihre ab.“

Trauen sich Mädchen also einfach weniger zu? Hinweise darauf gibt es. So haben Tatjana und Maximilian bei ihrem Besuch des Gladbecker Heisenberg-Gymnasiums festgestellt, dass sich Jungen im Naturwissenschaftsunterricht zwar wesentlich häufiger melden, Mädchen aber mehr richtige Antworten geben. „Die Jungs denken sich wahrscheinlich: einfach mal versuchen, und Mädchen melden sich nur, wenn sie sich ihrer Antwort sicher sind“, schätzen die Beobachter. In den abiturrelevanten Oberstufenklassen nimmt dieser Effekt anscheinend sogar noch zu.

Jede Menge hängt auf alle Fälle von der Lehrperson ab. Hat er oder sie die Klasse im Griff, wird nicht so viel gestört. Nimmt er oder sie auch mal die dran, die sich nicht melden, und achtet dabei auf eine gleichmäßige Geschlechterverteilung, kommen Mädchen und Jungen gleichermaßen zu Wort. „Den meisten Lehrern ist das auch durchaus bewusst und sie versuchen, der Ungleichverteilung entgegenzuwirken“, meint Marcel.

Allerdings gab es auch Negativ-Beispiele. Sibel und Simone können sich bei ihrem Bericht über ihre leidvollen Erfahrungen an ihrer Schule nur in den Galgenhumor retten. Während es bei einem Lehrer drunter und drüber ging, man nicht davon reden konnte, dass sich überhaupt jemand meldete und ein hinten sitzender Beobachter darüber hinaus nichts sehen konnte, weil die Schüler ständig standen, führte eine andere Lehrerin ein so strenges Regime, dass sich immer alle meldeten, weil sie garantiert denjenigen aufrief, der es nicht tat. „Da kann man schon von Angst reden“, meint Simone. „Solche Erfahrungen sind aber auch nicht schlecht – die schlechten Beispiele bleiben nämlich hängen, und dann weiß man schon mal, wie man es später besser nicht macht“, sagt Betreuerin Kathrin Vogler.

Forscherträume

Und was kam heraus unterm Strich? Ein Gender-Effekt ist schon feststellbar, aber er ist nicht besonders stark ausgeprägt und kann durch den Lehrer oder die Lehrerin ausgeglichen werden. Und außerdem provozierte das Projekt wie so viele vor allem neue Fragen. „Man müsste viel größere Stichproben beobachten“, sagen die einen. „Man müsste die Schüler über viel längere Zeit beobachten …“, träumen andere – und stimmen damit in den Chor der Forscher ein, die ein Lied davon singen können, wie das Ergebnis der einen Studie praktisch schon die nächste unumgänglich macht.

Erste Forschungserfahrungen waren also inklusive. Und erste Praxiserfahrungen auch: Viele haben im Praktikum das erste Mal selbst unterrichtet und konnten ihren Berufswunsch auf die Probe stellen. So fällt die Bilanz bei allen positiv aus, übrigens auch bei den männlichen Teilnehmern: „Ich hatte zwar am Anfang Vorbehalte, aber es war ein richtig gutes Seminar“, sagt Marcel, der Geschichte und Germanistik studiert. „Man gewinnt einen neuen Blick auf die Thematik. Und ich habe das erste Mal vor einer Klasse gestanden – das war richtig gut. Lehrer werden will ich immer noch.“ md


Mathe ist wohl was für Mädchen. Foto: Dieter Schütz, pixelio.de