Jishu zemi – das freie Seminar
Japanologen aus lehrreich-Wettbewerb gefördert
Für Viele ist unbegreiflich, was sich jede Woche im Institut für Ostasienwissenschaften, genauer gesagt, am Lehrstuhl für Geschichte Japans, abspielt: Da treffen sich freiwillig abends 15 bis 20 Studierende und zwei Dozenten und bearbeiten wissenschaftliche Fragen, die sie sich selbst ausgesucht haben. In der Zeit zwischen den Treffen bearbeiten sie ihre Fragen weiter, bereiten sich vor, halten Referate. Es gibt weder Credit Points noch Geld dafür – haben die nichts Besseres zu tun?
Klar hätten sie auch Anderes zu tun, ist die einhellige Meinung,
aber der Gewinn durch die Teilnahme am Jishu zemi, japanisch für „Freies
Seminar“, ist größer, daher nehmen sie sich die Zeit. „Das
ist Freizeit, wie Fußball“, sagt ein Student, „das
macht halt Spaß!“ Wo es keine Punkte gibt, da gibt es auch
keinen Zwang, und da sei die Motivation eine ganz andere.
Dieses Semester steht im Seminar das Thema „langes 19. Jahrhundert“ im
Mittelpunkt. Industrialisierung heißt da das Stichwort, wie in
Europa, so auch in Japan. Vergleiche drängen sich auf, zumal sich
die Jishu zemi-Teilnehmer die Präfektur Fukuoka, eine Region im
Norden der Insel Kyūshū, ausgesucht haben, die eine ganz ähnliche
Entwicklung hinter sich hat wie das Ruhrgebiet. Die Themenbandbreite
ist riesig: Religiosität in der Industrialisierung nimmt sich
einer vor, Polizeigeschichte ein anderer, Textilwirtschaft eine Studentin,
Architektur, Auswanderung, Zeitungsgeschichte … Man trägt
zusammen, was man herausfindet, präsentiert und diskutiert. „Das
geht auch schon mal heftig zur Sache“, sagt Jan Schmidt, neben
Prof. Dr. Regine Mathias einer der Dozenten im Jishu zemi und selbst
Doktorand. „Aber es ist immer wohlwollend. Das Jishu zemi ist
offen für alle Semester, und alle haben die gleichen Rechte. Man
kann sich trauen, auch mal vermeintlich banale Fragen zu stellen, alle
sind auf derselben Hierarchieebene.“
Viel zu selten habe man im Uni-Alltag diese Freiheit, bedauert er, und gerade in Zeiten von Bachelor-Master-Studiengängen, die vollgepackt sind mit Prüfungen und wenig Möglichkeit zur Debatte lassen, schafft das Jishu zemi dafür Raum. „Bevor wir vor vier Semestern angefangen haben, haben wir Dozenten gewettet, ob wir überhaupt Studierende finden würden, die das freiwillig machen“, erzählt er freimütig. Er hat die Wette gewonnen. Allerdings kannte er auch die Vorteile des Jishu zemi selbst schon aus Japan. Dort, wo die Umstellung auf die gestuften Studiengänge schon vor 60 Jahren stattgefunden hat, hat die Veranstaltungsform Tradition. In einem Auslandsjahr kam Jan Schmidt in den Genuss, an ihr teilnehmen zu dürfen, und war begeistert.
Die Begeisterung übertrug sich auf die Anderen, und schließlich auch in den Antrag im Wettbewerb „lehrreich“, zu dessen Gewinnern das Jishu zemi gehört. Drei Hilfskräfte konnten eingestellt werden, die sich um alles kümmern, was so anfällt: Konferenzen vorbereiten, Texte scannen und zum Download ins Internet stellen, die Seminar-eigene Wiki-Seite pflegen. Außerdem fließt Geld aus dem lehrreich-Topf in Videokonferenzen, die das Bochumer Jishu zemi mit einem Partner-Seminar in Japan abhält. Am Ende der Förderzeit, nächstes Sommersemester, ist außerdem eine kleine Tagung geplant, bei der die Teilnehmer ihre Ergebnisse vorstellen und mit renommierten Forschern diskutieren können, die teils schon zugesagt haben. Das Sahnehäubchen auf dem Jishu zemi – ohne lehrreich-Unterstützung finanziert – war eine zweiwöchige Japan-Exkursion im Herbst. Dabei haben sich deutsche und japanische Jishu zemi-Teilnehmer auch im wirklichen Leben einmal kennen lernen können.
„Die Netzwerke, die so entstehen, bleiben erhalten und können immer wieder hilfreich sein“, unterstreicht Jan Schmidt. „Ob man nun ein Auslandsjahr in Japan plant oder bei irgendeiner Forschungsfrage Hilfe braucht.“ Die ganze Gruppe ist stolz, dass in den letzten Semestern allein fünf Jishu zemi-Teilnehmer ein Auslandsstipendium des DAAD bewilligt bekommen haben. „Die Anträge haben wir hier in der Gruppe diskutiert“, so Schmidt, „teilweise auch heftig kritisiert, aber dadurch haben sie sich verbessert.“ Ein ehemaliger Teilnehmer macht inzwischen in Japan seinen Master – praktischerweise konnte er für die Exkursion gleich die Unterkünfte vor Ort organisieren.
Ebenfalls auf der Haben-Seite der Teilnehmer stehen der Austausch mit
Erfahreneren und das Erleben der eigenen Fähigkeiten. Das vermittelt
Selbstvertrauen. „Ich habe gemerkt, dass viele Teilnehmer sich
in anderen Veranstaltungen mehr zutrauen, und auch mal einfach fragen,
ohne sich Gedanken zu machen, was die anderen vielleicht denken oder
ob die Frage zu einfach ist“, meint Jan Schmidt, der gern bei
dem einen oder anderen auch das Interesse an eigenständiger Forschung
in einer Wissenschaftlerkarriere wecken würde. Das Interesse an
ihrem speziellen Forschungsgebiet, das sie im Jishu zemi bearbeiten,
scheint jedenfalls haltbar: Viele schreiben darüber später
ihre Bachelor- oder Masterarbeiten. md
Bild:: Die Seminarmitglieder bei einem eigens für das Jishu zemi
organisierten Vortrag an der Keiô Daigaku.
Reiseimpressionen – Mittwoch, 9. September 2009
Der erste Tag in Tôkyô. Nachdem wir die lange Reise von Frankfurt
nach Narita (Tôkyô) gut überstanden hatten, startet heute unser
Programm. Nach einem umfangreichen Frühstück in unserem Hotel, geht
es los zur ersten Station, unserer Partneruniversität der Keiô gijuku
daigaku. Es ist warm-schwül und wir müssen zügig zur U-Bahn.
An der Uni angekommen treffen wir auf das Seminar von Prof. Tamai Kiyoshi, welches,
wie wir auch, zu Themen der japanischen Geschichte forscht. Alle verstehen sich
sehr gut und wir diskutieren angeregt über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede
der Seminare. Die Diskussion setzt sich noch bis in die gemeinsame Mittagspause
in der Mensa der „Keiô“ fort und wir werden für den Abend
zu einem Treffen in einer traditionellen japanischen Bar, einem „izakaya“,
eingeladen, welche wir dankend annehmen.
Nach der Mittagspause geht es weiter mit zwei Vorträgen zur japanischen
Wirtschaftsgeschichte. Der Raum in dem wir die Vorträge hören, liegt
in dem alten Gebäudekomplex der Keiô. Dort erinnert alles eher an
eine alte Universität in England. Ein großes Steingebäude, mit
einem Foyer, ausgestattet mit dicken roten Teppichen, dunklem Holz und einer
großen Steintreppe, welche von dem Wappen der Keiô gekrönt ist.
Zwei gekreuzte Federn, denn an der Keiô Universität kämpft man
mit dem Kopf wie wir später erfuhren. Auch hier wird wieder viel gefragt,
zusammen überlegt und diskutiert.
Nach dem Vortrag macht sich langsam der Jetlag bemerkbar. Aber das soll uns nicht davon abhalten, noch unsere zweite Partneruniversität, die Nihon daigaku, zu besuchen und im Anschluss im Tôkyôter Stadtviertel Jinbôchô auf Bücherjagd zu gehen. Die vielen Antiquariate dort bieten das optimale Umfeld für die Suche nach Fachbüchern, sowie auch nach allem anderen, was das Herz begehrt.
Mit müden Beinen kehren wir in das Hotel zurück, um uns kurz frisch zu machen. Am Abend treffen wir uns mit den Studenten der Keiô Universität und neben den durchaus fachbezogenen Gesprächen, lernt man sich noch besser kennen und man hat das Gefühl, dass man sich nicht zum letzten Mal getroffen haben möchte. Merlin Schmidt

