
„Ihr Freund ist im OP gestorben“
Das schwierige Gespräch mit dem Simulationspatienten
Cordula Meyer geht durch die Hölle. Seit zwei Stunden sitzt sie im Wartezimmer, hat gebetet, gehofft, gebangt. Auf der Arbeit hat sie erfahren, dass ihr Freund einen Motorradunfall hatte, sie ist sofort ins Krankenhaus gefahren. Man hat ihr bisher nichts sagen können. Sie ist mit den Nerven am Ende. Jetzt, endlich, holt Dr. Andrea Schmitz sie ab. Das ernste Gesicht der Ärztin ist nicht zu deuten.
„Frau Meyer, was wissen Sie bereits?“ fragt sie. Cordula Meyer spricht stockend. Dr. Schmitz hat sichtlich Mühe, zu sagen, was gesagt werden muss. „Wir haben im Ultraschall festgestellt, dass Ihr Freund innere Blutungen hatte. Wir haben diese Blutungen nicht stillen können. Wir konnten Ihrem Freund nicht mehr helfen, Frau Meyer. Er ist im OP gestorben.“ Fassungslosigkeit. Tränen. Verzweiflung.
Eine schreckliche Situation – für die Freundin, aber auch für die Ärztin. Unvorbereitet sollte man da nicht hineinstolpern als Arzt. Deswegen bietet die Medizinische Fakultät Gespräche mit Simulationspatienten an. Dr. Schmitz heißt in Wirklichkeit Kija Hoffmann und ist Medizinstudentin. Cordula Meyer, eigentlich Esther Abou Hamdan, hat zum Glück nicht wirklich ihren Freund verloren. Sie ist eine von zehn Simulationspatienten, die regelmäßig am Seminar mitwirken. „Es ist nur eine Rolle, deswegen ist es für mich nicht schlimm“, sagt sie später und schmunzelt: „Ich hatte schon eine Menge solcher Schicksale.“ Sie braucht jeweils nur ein paar Minuten mit sich allein, um in ihre Rolle zu schlüpfen und später wieder sie selbst zu werden. Simulationspatientin ist sie geworden, nachdem sie sich auf einen Aufruf der Medizinischen Fakultät beworben hatte: Hille Lieverscheidt vom Büro für Studienreform hatte unter anderem Laientheatergruppen in Bochum und Essen angesprochen. In einer Art Casting wurden dann die Simulationspatienten ausgewählt. Auswahlkriterien waren vor allem Freude am Spiel als Simulationspatient, das Alter und Zuverlässigkeit. Für ihren Einsatz wurden sie eigens geschult.
Die Simulationspatienten haben eine Schlüsselrolle im Seminar. „Es ist etwas ganz anderes, ob man ein Rollenspiel mit einem Kommilitonen macht oder einem Fremden gegenübersitzt, der auch noch älter ist als man selbst“, berichtet Julia Hötzel. Als studentische Tutorin des Projekts „Das schwierige Gespräch“, das im Wettbewerb „lehrreich“ ausgezeichnet wurde, wird sie im nächsten Semester wie auch Kija Hoffmann eine vierköpfige Gruppe Studierender anleiten. 24 Studierende nehmen jeweils am zweitägigen Blockseminar teil, erarbeiten die theoretischen Grundlagen und absolvieren die Simulation in Kleingruppen, demnächst auch mit Videoaufzeichnung. „Inzwischen sind wir so weit, dass rund 100 Studierende pro Jahr teilnehmen können“, freut sich Dr. Jan Schildmann, Arzt und Medizinethiker am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin (Leiter: Prof. Dr. Dr. Jochen Vollmann), der das Projekt koordiniert. „Eigentlich sollten das alle machen, und am besten auch durchgehend im Studium, mit steigendem Schwierigkeitsgrad“, ergänzt Hille Lieverscheidt. „Wir fangen hier ja mit dem Schwierigsten an.“
Schwierig ist es allemal. Die Studierenden reagieren sehr unterschiedlich, nicht wenige vergessen vor lauter Aufregung ihr zuvor zurechtgelegtes Drehbuch komplett. Am Ende sind sowohl Patient als auch Arzt völlig aufgelöst. Andere können nicht mehr loslassen, das Gespräch nicht beenden, weil sie emotional so sehr einsteigen. „Zwar gibt es auch das eine oder andere Naturtalent; die größten Schwierigkeiten haben aber diejenigen, die vorher großspurig meinen, das schon hinzukriegen“, erzählt Tim Peters, der als Sprachwissenschaftler an Konzeption und Durchführung des Lehrprojekts beteiligt ist. Nach dem Gespräch, über das sich Arzt und Patient sowie die anderen Mitglieder der Gruppe immer im Anschluss austauschen, fühlen sich die meisten sicherer. Und sie sind sensibilisiert für die Schwierigkeiten solcher Situationen. Ihnen wird nicht passieren, was tagtäglich in Kliniken passiert: Dass während des Gesprächs das Telefon klingelt, der Pieper ruft, dass der Patient ohne Begleitung nach Hause geschickt wird, dass die Nachricht mit der Tür ins Haus fällt.
„Die Theorie hilft ein bisschen – zum Beispiel Stufenkonzepte zur Übermittlung schlechter Nachrichten“, meint Kija Hoffmann. „Aber jeder Mensch ist anders und jedes Gespräch verläuft anders. Da können die theoretischen Modelle nur Orientierungspunkte geben.“ Entsprechend häufig hört Hille Lieverscheidt den Wunsch der Studierenden, solche Simulationen nicht nur einmal, sondern häufiger einzusetzen, auch als Übung, um das Gelernte zu verinnerlichen. „Aber das ist natürlich enorm personalintensiv, das können wir zurzeit nicht anbieten“, sagt Jan Schildmann. „Der „lehrreich“-Gewinn ist mit Blick auf die Ausweitung des Lehrangebots eine echte Unterstützung.“ Das Geld ermöglicht neben der Entwicklung von Prüfungsmethoden unter Einbeziehung von Simulationspatienten vor allem die Ausbildung studentischer Tutoren. In einem so genannten Peergroup-Konzept übernehmen ehemalige Kursteilnehmer nach einer Tutorenschulung die Moderation der Kleingruppendiskussionen. So kann das Kursangebot erweitert werden und die Tutoren erwerben weitere Kompetenzen für „das schwierige Gespräch“. Ein guter Anfang. md
Bild:
Kija Hoffmann als Dr. Schmitz muss Cordula Meyer, gespielt von Esther
Abou Hamdan, die schreckliche Nachricht überbringen.
Foto: Marion Nelle

