Systeme Industrieller Beziehungen im wirtschaftlich-politischen TransformationsprozeSS Lateinamerikas: Brasilien, Kolumbien und Mexiko in vergleichender Perspektive
Zusammenfassung
In allen lateinamerikanischen Ländern dominierte über fast ein halbes Jahrhundert lang in Theorie und Praxis das Entwicklungsmodell importsubstituierender Industrialisierung, das dem Staat und seiner protektionistischen Politik eine zentrale Rolle in der Strukturierung des wirtschaftlichindustriellen Prozesses zuwies. Teil und soziale Stütze dieses Entwicklungsmodells bildeten die institutionellen Systeme Industrieller Beziehungen. Über die paternalistische, d.h. vor allem autoritärfürsorgliche Regulierung von Arbeitsbeziehungen und Arbeitsmarkt suchte der Staat seine Entwicklungsstrategien sozial und ökonomisch abzusichern: Er setzte Mindestnormen für individuelle Beschäftigungsverhältnisse fest und förderte, freilich in kollektivrechtlich eng definierten Grenzen und unter autoritärer administrativer Kontrolle, die Institutionalisierung von Gewerkschaften und von Tarifverhandlungen, mit einem starken Gewicht des 'political bargaining' gegenüber dem 'collective bargaining'. Nach einigen Jahrzehnten raschen und stetigen Wachstums machten in den 80er Jahren mannigfache ökonomische und soziale Probleme in fast allen Ländern des Kontinents die tiefe Krise dieses Modells manifest und führten zu einer Neuformulierung des Konzepts wirtschaftlichindustrieller Entwicklung und zumal des Verhältnisses von staatlicher und marktförmiger Regulierung: Die Internationalisierung der Ökonomien d.h. ihre Öffnung und Integration in den Weltmarkt, und die Privatisierung vormals öffentlicher Unternehmen, sind zwei allen lateinamerikanischen Ländern gemeinsame Tendenzen, die einen tiefgreifenden Wandel der Wirtschaftsordnung anzeigen. Dieser realisiert sich vor allem in Betrieben und Unternehmen auf verschiedenen Ebenen, von denen (neben Marktstrategien und Produktstrukturen, Produktionstechniken und Arbeitsorganisation) die unternehmerische Arbeitspolitik von zentraler Bedeutung ist. Die aktuelle ordnungspolitische Wende setzt nicht zuletzt auch das traditionelle paternalistische Grundmuster Industrieller Beziehungen unter starken Veränderungsdruck: Die Machtbeziehungen zwischen den drei Hauptakteuren im System Industrieller Beziehungen, Staat, Kapital und Arbeit, werden restrukturiert und die etablierten Kompromißformeln und -strukturen infrage gestellt.
Jüngste Erfahrungen zeigen, daß die Ergebnisse und konkrete Richtung des wirtschaftlichpolitischen Transformationsprozesses auch davon abhängen werden, inwieweit dieser neue, gesellschaftlich konsensfähige Arrangements mit dem System Industrieller Beziehungen hervorbringt. Wird in der Zukunft ein 'neoliberaler Weg der offensiven Zurückdrängung der Gewerkschaften auf allen Ebenen (angelsächsische Lösung)', ein 'neopaternalistischer Weg der indirekten Ausgrenzung und Funktions-aus-dünnung der Gewerkschaften als Institutionen (japanische Lösung)', ein 'neues korporativistisches Modernisierungsarrangement (populistische Lösung)' oder eine 'Erneuerung des Systems Industrieller Beziehungen in Richtung eines collective bargaining (europäische Lösung)' in Lateinamerika dominieren? Oder werden sich nationalspezifisch sehr unterschiedliche Arrangements entwickeln? Welche Implikationen lassen die verschiedenen Entwicklungspfade für den Erfolg und die konkrete Ausgestaltung der globalen politisch-wirtschaftlichen Transformation erwarten? Das geplante Forschungsvorhaben, das in einem interdisziplinären Ansatz zentrale industrie- und entwicklungssoziologische Fragestellungen verbindet, will die gegenwärtigen Veränderungsprozesse (Herausforderungen, Konflikte und Veränderungstendenzen) der Industriellen Beziehungen vor dem Hintergrund des globalen politisch-ökonomischen Transformationsprozesses (vor allem der Internationalisierung und Privatisierung) in Lateinamerika vergleichend untersuchen. Dabei wird davon ausgegangen, daß der Betrieb ein entscheidendes 'Scharnier' zwischen ordnungspolitischer Wende und dem System Industrieller Beziehungen ist: Auf dieser Mikroebene stoßen unternehmerische Strategien, vor allem neue unternehmerische Arbeitspolitiken, die auf den ordnungspolitischen Wandel reagieren, auf die herkömmliche Praxis der Regulierung von Arbeits- und Beschäftigungsbeziehungen, die wiederum in das jeweilige nationale System Industrieller Beziehungen eingewoben ist. Industrielle Beziehungen werden somit sowohl auf nationaler wie betrieblicher Ebene als Filter und Bestandteil der ordnungspolitischen Wende konzeptioniert. Arbeitspolitische Strategien der Betriebe müssen einerseits mit den eingeübten Praktiken Industrieller Beziehungen - d.h. mit den Normen und Institutionen, welche das betrieblich realisierte Kapital-Arbeit-verhältnis regeln und als betriebliche Ausgestaltungen der gesellschaftlichen Basisinstitutionen national spezifischer Systeme Industrieller Beziehungen gelten können kompatibel gemacht werden und wirken andererseits verändernd auf betriebliche Praktiken Industrieller Beziehungen ein und über diese auf das allgemeine Norm- und Institutionsgefüge nationaler Industrieller Beziehungen zurück. Thematisch beschränkt sich das Forschungsvorhaben auf den Zusammenhang jeweils ausgewählte Aspekte unternehmerischer Arbeitspolitiken, betrieblicher Praktiken Industrieller Beziehungen und der nationalen Systeme Industrieller Beziehungen. Als zentrale Aktionsfelder unternehmerischer Arbeitspolitiken, die in Lateinamerika im Zuge von Internationalisierung und Privatisierung von besonderer Bedeutung sind und von denen angenommen wird, daß sie mehr oder weniger direkt die betrieblichen Praktiken Industrieller Beziehungen tangieren, werden angesehen: die Verringerung der Fertigungstiefe und Ausweitung von Zuliefer- und Subkontraktbeziehungen, die Minderung des Niveaus von Löhnen und Sozialleistungen im Zuge betrieblicher Kosteneinsparungen, die Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse und der Arbeit selbst im Zusammenhang etwa technisch-arbeitsorganisatorischer Veränderungen- und neuer Kommunikations- und Partizipationsformen sowie neue Rekrutierungsformen und neue Linien der Belegschaftsdifferenzierung. Hinsichtlich der betrieblichen Praktiken und der nationalen Systeme Industrieller Beziehungen konzentriert sich das Forschungsvorhaben thematisch auf die Wandlungsdynamik der kollektiven Akteursgruppen und ihrer Machtressourcen, der Themen- und Konfliktbereiche sowie der Partizipations- und Kompromißprozeduren. Methodisch zielt das Forschungsvorhaben darauf ab, betriebliche Fallstudien über die empirisch beobachtbare Wechselbeziehung von unternehmerischen Transformationsstrategien (als Antwort auf die neuen ordnungspolitischen Herausforderungen) und betrieblichen Praktiken Industrieller Beziehungen (als Filter und Gegenstand der Wandlungsdynamik) gleichsam als Meßsonde zu benutzen, um ergänzt durch auf zentrale landesspezifische Aspekte bezogene Expertisen Trendaussagen über den Wandel der nationalen Systeme Industrieller Beziehungen im Kontext der ordnungspolitischen Wende machen zu können. Die Definition und getrennte Berücksichtigung der drei Vergleichsebenen Länder, Branchen und Betriebe ermöglicht dabei, die wichtigsten (national-, produktions- sowie betriebsspezifischen) Einflußfaktoren zu kontrollieren. Als Untersuchungsländer werden Brasilien, Mexiko und Kolumbien ausgewählt, die sich einerseits durch verschiedenartige Traditionen und Systeme Industrieller Beziehungen auszeichnen und andererseits in den 80er Jahren die Ablösung des bislang herrschenden Modells der importsubstituierenden Industrialisierung begonnen haben. Kriterium für die Auswahl der Branchen ist, daß sie von den Politiken der Internationalisierung und Privatisierung besonders betroffen sind und die vorfindlichen betrieblichen Praktiken Industrieller- Beziehungen zugleich als 'normbildend' oder 'Schrittmacher' in den nationalen Systemen gelten können. Die Automobilindustrie und Textilindustrie sind zwei (produktions-technisch sehr unterschiedliche) Branchen, die sich im Schutze der Importsubstitution entfaltet haben, wobei erstere von Multinationalen Unternehmen und letztere von nationalen Unternehmen bestimmt ist. Der Wirtschaftszweig der Telekomunikation schließlich ist eine traditionell staatliche Monopolbranche, die in allen Ländern unter einen sehr starken Privatisierungsdruck geraten ist.
Die Fallstudien in den ausgewählten Branchen werden durch eine systematische Kontrolle national-, branchen- und betriebsspezifischer Einflußfaktoren und die zusätzliche Vergabe entsprechender Expertisen für die vergleichende Analyse gesamtgesellschaftlicher Wand-lungsprozesse nutzbar gemacht. An dem auf zwei Jahre angelegten Forschungsvorhaben, das in Lateinamerika konzeptionell und methodisch Neuland betritt, sollen Wissenschaftler aus den drei Untersuchungsländern als Mitglieder in einem 'multinationalen' Projektteam, als Auftragnehmer für Expertisen oder als übrige assoziierte Wissenschaftler beteiligt werden und jeweils phasenweise direkt zusammenarbeiten. Es sollen damit nicht nur die besonderen Kenntnisse und Erfahrungen der lateinamerikanischen Kollegen genutzt, sondern auch eine Form der länderübergreifenden lateinamerikanischen Kooperation geschaffen werden, welche die Diffusion und Vermittlung von Forschungskonzepten, -methoden und -ergebnissen in die je nationalen Diskussionskontexte sichert. Schließlich sollen den strategischen Akteuren (staatlichen Behörden, Arbeitnehmern und Unternehmen sowie deren Verbänden) verallgemeinerte Schlußfolgerungen hinsichtlich der Resultate der zentralen Forschungsfragestellungen zugänglich gemacht werden, die es erlauben, das Spektrum staatlicher, unternehmerischer und gewerkschaftlicher arbeitspolitischer Handlungsoptionen genauer zu bestimmen.
FÖrderung
VW-Stiftung
AusgewÄhlte Publikationen
Dombois, R./Pries, L. (Ed.), 1993: Modernización empresarial: tendencias en América Latina y Europa (Betriebliche Modernisierung: Tendenzen in Lateinamerika und Europa). Caracas: Nueva Sociedad (245 Seiten)
Dombois, R./Pries, L. (Ed.), 1993: Trabajo industrial en la transición: Experiencias de América Latina y Europa (Industrielle Arbeit im Übergang: Erfahrungen aus Lateinamerika und Europa). Caracas: Nueva Sociedad (211 Seiten)
Dombois, R./Pries, L., 1994: Arbeits-soziologie in Lateinamerika und (West)Europa: Auf dem Wege zum wechselseitigen Lernen und "angepaßter Theorie"? In: Soziale Welt, 45. Jg., Heft 4, Seiten 411-429
Dombois, R./Pries, L., 1995: Entwicklungstendenzen der Industriellen Beziehungen im Strukturwandel Lateinamerikas. Eine methodologisch-konzeptionelle Skizze. In: Industrielle Beziehungen (Mering), 2. Jg., Seiten 251-273
Pries, L., 1997: Industrielle Beziehungen und wirtschaftlicher Transformationsprozeß: Brasilien, Kolumbien und Mexiko im Vergleich. In: Dombois, Rainer/ Imbusch, Peter/ Lauth, Hans-Joachim/ Thiery, Peter (Hrsg.), Neoliberalismus und Arbeitsbeziehungen in Lateinamerika. Frankfurt/M.: Vervuert, S. 321-336
de la Garza, Enrique/García, Carlos/Pries, Ludger (comp.), 1998: Globalización y el futuro de las Relaciones Industriales en México. Mexico: Porrúa/UAM/Fundación Ebert