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Die Emergenz Transnationaler Sozialer RÄume: Das Beispiel der Arbeitswanderung von Puebla/Mexiko nach New York

Projektkurzbeschreibung

Internationale Arbeitsmigration kann theoretisch zu drei verschiedenen Möglichkeiten des Verhältnisses zwischen der Herkunftsregion und dem Ankunftsland führen, wobei die jeweiligen Ausformungen dieser Beziehung sowohl von den aktiven Migranten und ihrem Primärgruppenumfeld selbst, als auch von dem rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozial-kulturellen setting der Herkunfts- und Ankunftsregion beeinflußt werden. Die erste typische Beziehung ist die der "Auswanderung" bzw. "Einwanderung". Hierbei richten sich die Migranten auf Dauer in dem Ankunftsland ein, unterhalten zwar noch Kontakte zur ihrem Herkunftsland, integrieren und assimilieren sich aber schrittweise als Eingewanderte - vielleicht auch erst über mehrere Generationen - in die dortige Gesellschaft. Ein Großteil der europäischen Wanderungen um die Jahrhundertwende in Richtung des amerikanischen Kontinents (von Kanada bis Chile) entsprach diesem Typ von Aus- bzw. Einwanderung. Eine zweite Form der Wanderung besteht in dem zeitlich befristeten Landeswechsel - etwa zum Zwecke des Gelderwerbs - und die Rückkehr in die Heimat nach einer mehr oder weniger ausgedehnten Periode. Der Begriff des "Gastarbeiters" und die dahintersteckende Idee eines "Gastaufenthaltes" entspricht diesem Typus. Die Migranten verlassen in diesem Falle also nur befristete ihr Herkunftsland und kehren dahin auch wieder zurück. Eine dritte Form der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Herkunfts-und Ankunftsregion ist die sogenannte Diaspora oder Herausbildung von ethnischen Minderheiten. In diesem Falle richtet sich der Migrant physisch-räumlich und vielleicht auch wirtschaftlich oder bis zu einem gewissen Grade gar sozial in der Ankunftsgesellschaft ein. Er behält aber starke kulturelle Bindungen zu seiner Herkunftsregion.

Während die Migranten in den Fällen der Aus-/Einwanderung und des Rückkehrens ihre sozial-kulturelle Selbstverortung mit dem geographischen Wohnort - wenn auch erst schrittweise und zeitverzögert - in Übereinstimmung bringen, so zeichnet sich die Diaspora gerade dadurch aus, daß die ihr Angehörenden sich in einer ihnen auf Dauer "fremden" Umgebung ihrer Selbst durch expliziten Bezug auf räumlich entfernte Gemeinschaften vergewissern. Eine Diaspora in diesem Sinne ist auf die Aufrechterhaltung von Differenz zu dem Vergesellschaftsgefüge der Ankunftsregion durch Betonung der Nicht-Differenz zum realen, überlieferten oder imaginierten Herkunftsland gegründet. Seiner Natur nach ist dieser Migrations-Typus nicht ausschließlich, meistens auch nicht vorrangig als Arbeitswanderung anzusehen, weil die ihm typischen Ortsveränderungen häufig durch Flucht, Vertreibung oder Gesinnungsentscheidung verursacht sind. In dem Forschungsprojekt wird ein vierter Typus von Arbeitswanderern empirisch untersucht: Transmigranten und die damit einhergehende Herausbildung von auf Dauer angelegten Transnationalen Sozialen Räumen. Diese sozialen Räume fallen nicht eindeutig mit einheitlichen Flächenräumen zusammen, wie es im Falle der "Auswanderer" und der rückkehrenden "Gastarbeiter" ist. Sie sind auch nicht einfach ein flächenräumlich zerplittertes und verteiltes System von Diasporas, die durch den Rückbezug auf das gemeinsame "gelobte Land" und durch explizite Separation von den jeweiligen Gastländern zusammengehalten werden. Vielmehr wird davon ausgegangen, daß sich diese Transnationalen Sozialen Räume plurilokal und dauerhaft zwischen der Herkunfts- und Ankunftsregion aufspannen. Sie sind deren hybrides Produkt und strahlen gleichzeitig in die Herkunfts- und in die Ankunftsregion aus.

Dieser Migrationstypus soll am Beispiel der Arbeitswanderung aus dem mexikanischen Bundesstaat Puebla in den Großraum von New York auf seine Existenz, Ausbreitung und Spezifika untersucht werden. Hierzu wurden im Rahmen des Forschungsprojekts in einer grundsätzlich zeit- und längsschnittfokussierten Perspektive einerseits eher quantitativ und auf große Erhebungszahlen orientierte Erhebungen von Lebens- und Migrationsverläufen und andererseits qualitative und auf kleinen Fallzahlen basierende (Re-)Konstruktionen von individuellen und Familien-Migrationsbiographien durchgeführt.

FÖrderung

CONACYT / Mexiko

AUSGEWÄHLTE Publikationen

Pries, Ludger, 1996: Transnationale Soziale Räume. Theoretisch-empirische Skizze am Beispiel der Arbeitswanderungen Mexiko-USA. In: Zeitschrift für Soziologie, 25. Jg. S. 437-453
Pries, Ludger, 1997: Neue Migration im transnationalen Raum. In: ders. (Hg.), Transnationale Migration. Sonderband 12 der Zeitschrift SOZIALE WELT. Baden-Baden: Nomos
Pries, Ludger, 1998: "Transmigranten" als ein Typ von Arbeitswanderern in pluri-lokalen sozialen Räumen. Das Beispiel der Arbeitswanderungen zwischen Puebla/Mexiko und New York (im Erscheinen)