Filmreihe: "FSK - Ficken, Stechen, Koitieren"

FSK - das ist gemeinhin die Abkürzung für die "freiwillige Selbstkontrolle" der Spitzen-organisation der Filmwirtschaft in Deutschland (SPIO). Dahinter verbirgt sich die Funktion, einer staatlichen Nachzensur zuvorzukommen, indem verfassungswidriges, gewaltverherrlichendes oder pornographisches Material kontrolliert wird und sittliche bzw. juristische Normen bei der Herstellung, Vermittlung und Ausstrahlung filmischer Erzeugnisse Beachtung finden. Es ist vor allem die explizite oder ausschließliche Darstellung sexueller Akte, deren Zugang beispielsweise durch die Ausgabe einer Altersbeschränkung wegen vermeintlich jugendgefährdenden Materials erschwert wird. Die FSK hat natürlich seine Pendants in anderen Staaten, und dieser Umstand ebenso wie die Tatsache, dass es unterschiedliche Zensurpraxen gibt, verweist auf den gesellschafts- und zeitabhängigen Charakter der (FSK-)Zensur. Daraus resultieren folgende Fragen: Was wird wo und wann als Pornographie bezeichnet? Und warum wird diese mit welchen Mitteln zensiert?

Der Versuch, Pornographie definitorisch zu fixieren, ist noch an keiner Stelle verbindlich geglückt, daher verzichten wir gleich darauf. Es sei aber daran erinnert, dass der Ausdruck aus dem Griechischen stammt und aus den Wörtern für Hure und Schrift zusammengesetzt ist. Pornographie wäre demnach - so weit dies auch zu dehnen sein mag - die Darstellung des Hurendienstes, besser: der Prostitution. Umgekehrt kann es nicht die bloße Audiovisualisierung von Sexualität oder gar Nacktheit allein sein, die zum Gegenstand der Filmzensur wird, sondern erst ihr Kontext oder ihre Art machen sie zur zensierbaren(-würdigen?) Pornographie.

Hieraus resultiert nun der leicht provokative Titel unserer Filmreihe: Fasst die FSK (nur noch) beim Ficken, Stechen und Koitieren im Film, oder gibt es andere Kriterien? Gerade in jüngster Zeit gibt es aktuelle Anlässe, sich mit der Zensurpraxis und dem Wesen der Pornographie zu beschäftigen: Ist die Darstellung expliziter sexueller Akte immer automatisch Opfer der Sittlichkeitsschere? Unter welchen Umständen erhält sie nicht das Etikett "jugendgefährdend", sondern ganz im Gegenteil die Beurteilung "besonders wertvoll"? Zur abschließenden Klärung dieser Fragen wäre ein weitreichenderer Blick in die Geschichte der Pornographie notwendig, als er von uns innerhalb einer Semesterreihe geleistet werden kann. Doch es ist angebracht, einige filmische Schlaglichter anzubieten, anhand derer die Praxis der Zensur bzw. die Weitung gesellschaftlicher Akzeptanz diskutiert werden kann.

Unsere Filmauswahl beginnt nicht bei Pontius und Pilatus; Nackheit war im Deutschland der fünfziger Jahre noch zensurwürdig, heute ist ihre Darstellung Mainstreamstandard. Interessanter wird es da schon bei dem erigierten Celluloidpenis, dessen Steigungsgrad lange Zeit der Maßstab für die Schere war. Wie sieht es da erst mit dem unverholenen Blick auf die Penetration und die gehäufte Darstellung vom Beischlaf aus? Eine erste Attacke gegen die herrschenden Normen ritt Warhols Factory mit dem Film BLUE MOVIE. Er zeigte erstmals in typisch undramatischer Warhol-Manier den sexuellen Akt in einem herkömmlichen Kino, also diesseits der Grenze zur juristischen und filmischen Grauzone. Die gesellschaftlichen Veränderungender 1970er Jahre brachte eine heute fast vergessene Akzeptanz des pornographischen Films. In diesem Klima entstand der Meilenstein des Pornofilms, DEEP THROAT, der ein wahres Massenpublikum zog, weil er auf der narrativen und visuellen Höhe seiner Zeit stand. Danach folgten nur wenige, die sein Niveau hielten; die späten siebziger und achtziger Jahre sahen den Pornofilm im filmischen Einerlei untergehen (mit einigen ästhetizistischen Ausnahmen). Wie Pornographie einer Regisseurin (und ehemaligen Pornodarstellerin) jener Zeit aussieht, zeigt dann BODY LUST.

Das Ende der 1990er Jahre brachte eine erneute Wendung. Während der eigentliche, also indizierte Porno in den Videotheken versteckt wird (und entgegen der Absicht der Zensur dennoch floriert), entdeckt das Mainstreamkino die (erotische?) Darstellung von Sexualität. Mittlerweile häufen sich europäische Filme, die den bislang zensierten Penetrationsakt zeigen. POLA X soll den erotischsten Sex seit WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN präsentieren, ohne allerdings Wesentliches zu verdunkeln. ROMANCE thematisiert schon nichts anderes mehr als die (weibliche?) Sexualität - auf eine Art und Weise, die die Frage, ob dies Pornographie sei, nahelegt. Und schließlich richtet auch der ‚Dogmatiker' Lars von Trier seinen und unseren Blick auf eine Sexorgie seiner IDIOTEN - was umso interessanter ist, als v. Triers Film, dessen Firma ‚Pussy Power' übrigens Pornofilme für Frauen produzieren will, bereits ab dem Alter von 16 Jahren freigegeben ist. Beobachter vermuten angesichts dieser Filmbeispiele wohl nicht zu unrecht, daß sich das Mainstreamkino durch die Lockerung gesellschaftlicher Normen allmählich der Pornographie annähert - ohne als solche behandelt zu werden. Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir den “final shot” - die Ejakulation außerhalb der Vagina - von Brad Pitt besichtigen können?

Allemal wird es mal wieder Zeit, sich über das Wesen der Pornographie und den Sinn ihrer Ächtung Gedanken zu machen. Dazu trägt der SKF nicht nur mit der Reihe bei, sondern auch durch die Präsentation eines Vortrags der Filmdozentin Dr. Eva Hohenberger und eines Readers mit aktuellen Texten zur Filmpornographie. Achtet auf unsere Aushänge!

Diese Filmreihe soll dem kürzlich verstorbenen Filmschaffenden Hellmuth Costard gewidmet werden, nicht nur, weil ihn eine ungewöhnliche Geschichte mit dem SKF verbindet, sondern vor allem, weil auch er sich kritisch mit herrschenden gesellschaftlichen Normen auseinandergesetzt hat. Wir zeigen daher seinen bekanntesten Kurzfilm BESONDERS WERTVOLL im Vorprogramm von BLUE MOVIE. KS

In dieser Reihe laufen:

Pola X
Romance
Blue Movie
Body Lust
Deep Throat
Idioten