Filmreihe: "Wie inszeniert ist ein Dokumentarfilm?"
Dokumentarfilmwoche zum Aktionstag des Bundesverbandes kommunale Filmarbeit (BKF)
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Als Dokumentarfilm definiert ein Standardwerk der Filmliteratur einen nichtfiktionalen Film, der sich der Aufzeichnung von Außenrealität widmet. Dabei nutzen Dokumentarfilme verschiedene spezifische Erzählprinzipien, die Glaubwürdigkeit und einen Realismuseindruck vermitteln sollen. Einfach gesagt nimmt die Kamera als beobachtende und registrierende Instanz nichtinszenierte Bilder von realen Ereignissen auf, die anschließend vom Dokumentaristen sinnvoll geordnet und miteinander verbunden werden. Die Inszenierung eines Geschehens vor der Kamera, die beim Spielfilm selbstverständlich scheint, ist aber auch häufig im Dokumentarfilm zu finden. Klassische, frühe Dokumentarfilme von Robert Flaherty (NANUK DER ESKIMO, USA 1922) waren bis ins letzte Detail inszeniert, vor der Kamera arrangiert und nach Erzählprinzipien des fiktionalen Films aufgebaut. Berühmte Filme der britischen Dokumentarfilmschule von John Grierson (SONG OF CEYLON), auf den übrigens die Verwendung des Begriffs „dokumentarisch“ („documentary“) zurückgeht, waren ebenfalls ganz oder in wesentlichen Teilen inszeniert. Viele heutige Dokumentarfilme sind hingegen geprägt von zwei Entwicklungen der 60er Jahre. Das 1960 im US-Fernsehen entstandene „Direct Cinema“ gab als Grundregel aus, daß sich der Filmemacher nicht in das Geschehen vor der Kamera einmischen darf und wohlformulierte Kommentare der Vergangenheit angehören. Das zeitgleich in Frankreich begründete „Cinéma Vérité“ unterschied sich dadurch von dem amerikanischen Stil, dass der Einfluss der anwesenden Kamera auf die Realität zugegeben wurde und man direkt darauf einging. Doch wurde hier vornehmlich das Interview als Technik betont, so dass bereits das klassische Beispiel CHRONIK EINES SOMMERS (1960) von Jean Rouch und Edgar Morin so sehr unter seiner demonstrativen Anlage litt, als dass es inhaltlich überzeugen konnte. Beide Stile hoben sich aber vorteilhaft von dem traditionellen, oft halbfiktionalen Stil ab und verschoben zu ihrer Zeit die Grenzen des im Film Erlaubten erheblich. Zudem hatten sie einen überproportional großen Einfluß, wenn man die tatsächliche Zahl der mit diesen Stilen verbundenen Filmen und deren Qualitäten bedenkt. Bei aller Wertlegung auf Zufälligkeit, allem Streben nach Authentizität und Wahrhaftigkeit, stellte sich aber immer wieder die Frage, was an einem Dokumentarfilm letztlich doch inszeniert ist und wo eine Inszenierung beginnt. Dieser Frage wollen wir in unserer Aktionswoche zum Dokumentarfilm mit vier Filmen, Gästen, Einführungen und Diskussionen nachgehen. Die Anlage von Samir Nasrs NACHTTANKE erinnert an den Klassiker des „Cinéma Vérité“. In CHRONIK EINES SOMMERS beantwortet im Sommer 1960 in Paris eine Gruppe von Menschen vor der Kamera Fragen nach ihrem Leben. In NACHTTANKE kommen Kunden einer Tankstelle in Ludwigshafen im Sommer 1998 zu Wort. Die porträtierten Menschen kommen zufällig vor die Kamera, und aus dem Material mehrerer Nächte musste eine Auswahl getroffen werden. Doch welches Bild einer Realität wird dem Zuschauer präsentiert, wenn ein Filmemacher nach seinem Gestus diese Auswahl trifft und die Bilder montiert? Die Präsenz der Kamera als Auge der Öffentlichkeit ist das Problem bei Barbara Kopples WILD MAN BLUES, einer Chronik der Europatournee von Woody Allen und seiner Jazzband. Dabei hat der Zuschauer den Eindruck, daß die Anwesenheit einer Kamera Woody Allen in seinem Handeln beeinflusst, indem er nämlich das Bild von sich präsentiert, das er gerne hätte und das seinem Image zuträglich ist. Aber wofür braucht man dann eine andere Regie als die von Woody Allen? Regisseur Peter Jackson (HEAVENLY CREATURES, MEET THE FEEBLES) porträtiert in FORGOTTEN SILVER den neuseeländischen Filmpionier Colin McKenzie und stellt zu diesem Zwecke Ereignisse aus der Zeit um 1900 nach. Wie echt ist dann erst das nach Jahrzehnten gefundene Material von McKenzies Meisterwerk SALOME? Unser einziges klassische Beispiel soll schließlich einen Augenmerk auf die Bedeutung und möglicherweise manipulative Funktion eines Kommentars legen. In DER GEWÖHNLICHE FASCHISMUS setzt Regisseur Michail Romm ganz bewußt einen persönlichen Kommentar ein, um seinem Angriff auf die Entstehung und die Erscheinungsformen von Faschismus stärkeren Ausdruck zu verleihen. ST In dieser Reihe laufen: Nachttanke |