Auswertungen

Auszüge aus dem Abschlussbericht

Das Eigene und das Fremde in seiner Bedeutung für die Analyse der massenmedialen Gesellschaften
Kulturelle Identität und Mediennutzung
Moderne und Identitätserfahrung in Russland
Identität und Internet
Das Internet als Kulturmodell
Fallstudien

Beitrag zur Theoriebildung: Das Eigene und das Fremde in seiner Bedeutung für die Analyse der massenmedialen Gesellschaften

Das "Eigene“ und das "Fremde“ existieren nicht als Begriffe oder Erfahrungen an und für sich, sondern sie ergeben sich aus den individuellen und kollektiven Erinnerungen und Erfahrungen, den kulturellen Traditionen und aktuellen Lebenswelten. Die Rede von "dem Fremden“ muss in der Konsequenz, so der Philosoph Bernhard Waldenfels in seinem Buch zur Topographie des Fremden, radikal kontextualisiert werden. Im Rückgriff auf die verschiedenen semantischen Füllungen des Begriffs des "Fremden“ in den unterschiedlichen Nationalsprachen gelangt Waldenfels zu folgender kategorialer Differenzierung: "Es sind [...] die drei Aspekte des Ortes, des Besitzes und der Art, die das Fremde gegenüber dem Eigenen auszeichnen.“ [Waldenfels 1997, 20]. Mit Blick auf die modernen Massenmedien kommt allen drei Hypostasen dieses Fremdheitsbegriffes eine zentrale Rolle zu.

Das Fremde und der Aspekt des Ortes: Es gehört zu den grundlegenden Mythen der elektronischen Medien, dass diese die Distanzen – und damit die Bereiche des Fremden als des ursprünglich Unzugänglichen – schrumpfen lassen. Radikal zu Ende gedacht, mündete die flächendeckende Nutzung des Internet in eine Abschaffung oder Überwindung des Fremden, verstanden als einem unzugänglichen Ort. Diese utopische Vorstellung vom Internet als einer "technologischen Realisierung eines Gemeinortes“ [Waldenfels 1997, 203-204] ist insbesondere in der Frühphase seiner Entwicklung populär gewesen. Sie klingt gleichfalls – bewusst mit einem Fragezeichen versehen – in dem Antragstitel "Virtuelle (Wieder)Vereinigung? Mechanismen der kulturellen Identitätsbildung im russischen Internet“ an. Die Utopie einer medialen Überwindung oder technischen Abschaffung des Fremden ist jedoch in letzter Konsequenz eine Anti-Utopie, die der Kultur das innovative und herausfordernde Element des Fremden nehmen würde. Um die Potenz des Fremden in den heutigen Medienwelten kritisch und produktiv zu bewahren, ist jedoch nicht nur eine "Technik des Fremden“ gefordert, wie Waldenfels folgert [ebd.], sondern eine beständige Reflexion der "Fremdheit der Technik“ selbst, d.h. ihrer (Nicht)Korrespondenz zu den individuellen und gesellschaftlichen Weltbildern.

Das Fremde und der Aspekt des Besitzes: Informationstechnologie ist Herrschaftstechnologie. Verfügungsmacht über die Darstellung und die Kommunikation der Fremd- und der Eigenbilder wird zu einer strategischen Ressource auf den Märkten der kulturellen Kommunikationen. Der Aspekt des materiellen Besitzes oder der Teilhabe an den Produktionsmitteln der medialen Öffentlichkeiten wird damit zu einer zentralen Frage bezüglich der Analyse der Formen der (Selbst)Repräsentation. In den Kulturwissenschaften mit ihrer starken Ausrichtung auf die Betrachtung des kulturellen und symbolischen Kapitals [Bourdieu 1999] wird diese Hypostase des Fremdheitsbegriffes oft eher vernachlässigt. Eine Analyse der materiellen und gesellschaftlich bedingten Eigentumsverhältnisse ist dagegen stärker in der Soziologie verankert. So gehen etwa Negt / Kluge davon aus, dass gegenüber den großen Massenmedien, die nur Teile der Wirklichkeit wiedergeben, selektiv und nach Wertrastern, Kulturkritik nur wirksam ist, wenn sie in Produktform auftritt. "Ideen können nicht gegen materielle Produktion kämpfen, wenn diese die Bilder okkupiert.“ Wirksame Gegenproduktion müsse folglich drei Bedingungen erfüllen: "(1) sie muß in die Stärke des Gegners eingehen; (2) sie muß zusammenhängender sein, weil sie dem Gegner an Kapital zunächst unterlegen sein wird; (3) sie muß dezentral organisiert sein, da die zentralen Vorteile beim Gegner liegen.“ [Kluge 1985, 125]

Vergleichbar der Utopie von der "Ortlosigkeit des Internet“ ist auch die idealisierende Vorstellung von der Schaffung einer "besseren Gesellschaft“ vermittels der globalen Datennetzwerke in die Kritik beziehungsweise durch empirische Untersuchungen unter Druck geraten. Die Verfügungsgewalt über die "eigene“ Repräsentation gegenüber fremdbestimmter medialer Darstellung ist dennoch von zunehmender Relevanz – ungeachtet aller berechtigter Skepsis gegenüber einzelnen Formen ihrer Ausgestaltung. Ihre besondere Bedeutung entfaltet sie im Rahmen der jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ordnungen.

Das Fremde und der Aspekt der "Art“: transterritoriale Zugänglichkeit und materielle Verfügbarkeit von Kommunikationstechnologie alleine sind keine hinreichenden Bedingungen für die produktive Auseinandersetzung mit Fremden. "Neue“ Medien haben in der Geschichte der Menschheit immer Entfremdungsängste hervorgerufen. Das Internet als das – vorläufig – letzte Glied in der Kette spektakulärer medialer Innovation ruft mit seiner scheinbaren Grenzenlosigkeit, seiner "Ubiquität“, seiner entkörperlichten "Telepräsenz“ und hohen Komplexität starke positive oder negative Emotionen hervor.
Als neue und damit zunächst per se "artfremde“ Technik wird das Internet vermittels kultureller Semantisierungen in das eigene Weltbild eingeschrieben. In den privaten und öffentlichen Diskursen werden diese Semantisierungen im Wesentlichen über Metaphern erschlossen und transportiert. Global village oder Daten-Autobahn, Fenster oder Müllhalde, Informationsozean oder Cyberspace – diese Verbildlichungen aktualisieren in jeweils unterschiedlicher Weise die grundlegenden Oppositionen der anthropologisch bedingten Welterfahrung von "offen“ und "geschlossen“, von "belebt“ und "unbelebt“, von "chaotisch“ und "geordnet“. Diese Metaphorisierungen sind dennoch nicht universal, sondern in ihren Ausprägungen abhängig von historischer Erfahrung und kultureller Identität. Vor dem Hintergrund des jeweiligen Weltbildes und der dominanten kulturellen Interpretationsmuster – der kulturellen Identität – wird das Internet in der Konsequenz als "eigen“ oder "(art)fremd“ verstanden.

Im Sinne der geforderten wissenschaftlichen Kontextualisierung sind die von Waldenfels abgeleiteten Hypostasen der Fremdheitsbegriffs – des Ortes, des Besitzes und der Art - zueinander in Bezug zu setzen. Eine solche verknüpfte Betrachtungsweise kann beispielsweise deutlich machen, wie die Akzeptanz der Medien über Metaphorisierungen beeinflusst wird, um konkrete materielle Besitzverhältnisse und Nutzungsweisen zu beeinflussen.

Kulturelle Identität und Mediennutzung

Die wissenschaftliche Essenz und Tragfähigkeit des Begriffs der kulturellen Identität ist stark umstritten. Peter Wagner sieht stellvertretend für die Riege der Skeptiker die Popularität des Begriffs als Symptom einer Krise der Sozial- und Geisteswissenschaften selbst [Wagner 1999]. Jedoch deutet die hartnäckige Resistenz des Terminus gegenüber jeglichen Versuchen seiner Dekonstruktion auch auf seine offensichtliche Verwurzelung in den individuellen und kollektiven Erfahrungswelten hin. Kulturelle Identität ist dennoch keine "Wirklichkeit“, sondern ein Konstrukt, Ergebnis einer "Identitätspolitik“ von "oben“, im offiziellen Diskurs, wie von "unten“, im persönlichen Erleben. Sie ist als Phänomen damit empirisch nicht beweisbar, entfaltet jedoch auf der Ebene der individuellen und gemeinschaftlichen Imaginationen eine real wirksame Kraft.

Unter kultureller Identität verstehen wir den Prozess der Produktion von Sinnzuschreibungen und Erklärungsmustern, die es erlauben einen Bezug mit sich selbst (personale Identität) sowie mit anderen (kollektive Identität) herzustellen. Identität ist kein statisch fixierbarer Zustand, sondern einen prozessualer Akt, der in gleichem Maße in die Vergangenheit wie in die Zukunft gerichtet ist. Dieser Sinnstiftungsprozess ist durch drei Komponenten gekennzeichnet: Konstruktion, Performanz und Kommunikation. Dabei sind personale und kollektive Identität zwar zu unterscheiden, stehen jedoch in einem komplexen - metaphorisch vermittelten - Verhältnis zueinander.

Der Identitätsbegriff unterliegt zudem einer historischen Wandlung und ist kulturgebunden. Peter Wagner weist in seiner Standortbestimmung daraufhin, dass Identität in unserem heutigen Sinne ein Produkt der Moderne ist. In der Bindung des Begriffs an die Epoche der Moderne wird die Kategorie der Identität radikal relativiert und ihr anthropologischer Grundcharakter in Frage gestellt. Die Empfindung von "Identität“ wird gebunden an eine bestimmte Epoche und einen Kulturkreis (den europäischen) und in einen Wirkungszusammenhang mit den medialen "Revolutionen“ gebracht, wie etwa dem Buchdruck als Manifestation des autonomen Subjekts. Die Medien als menschliche Extensionen - oder Prothesen zur Überbrückung von Zeit und Raum [McLuhan] - eröffnen erweiterte Artikulationsmöglichkeiten für personale und kollektive Identität.

Der Gedanke der "Identität“ verdankt sich innerhalb dieses modernitätstheoretischen Diskurses der Vorstellung von der "Autonomie“ des Subjekts und seiner rationalen Konstitution, hervorgerufen durch die gesellschaftliche Differenzierung. Auf der anderen Seite erweist die Moderne als eine Epoche der Funktionalisierung und der zunehmenden Entfremdung des Menschen von sich selbst sowie von seiner Umgebung (u.a. durch technologische und mediale Einflüsse) einen starken Druck auf Identitäten. In seiner kritischen Lektüre des Begriffs der “kulturellen Identität” regt Wagner zu dessen Operationalisierung die Einführung einer Reihe von Antinomien an, die – dies liegt in der Natur des Begriffes – nicht gelöst werden können, jedoch in ihren beständig sich verändernden Konstellationen analysiert werden müssen [Wagner 1997, 58]:

  "Wahl“ – "Schicksal”,
 

"Autonomie” – "Herrschaft“

 

"Konstruktion“ – "Realität“.

Wahl oder Schicksal: Die Antinomie von "Wahl“ versus "Schicksal“ wird in erster Linie durch die in den Sozialwissenschaften verbreitete Grundopposition von zugeschriebenen (ascribed) und erworbenen (achieved) Merkmalen konstituiert [Wagner 1997, 58]. Scheinbar natürlich gegebene Merkmale der Rasse oder des Geschlechts stehen graduell freier gestuften Merkmalen wie denjenigen der Sprache und der politischen Zugehörigkeit gegenüber. Auch die scheinbar "natürlichen“ Identitäts- und Unterscheidungsmerkmale werden jedoch als solche durch "Zuschreibung“ wirksam. Vor diesem Hintergrund stelle sich nicht zuletzt die Frage nach der "Handlungsfähigkeit“ des Menschen angesichts "vorgeprägter“ personaler und kollektiver Identitätsmuster [ebd.]. Die Identitätsmuster wirken sowohl "handlungsleitend“ als auch "handlungshemmend“, in dem Handlungs- und Reaktionsmuster beachtet werden müssen. "Die Vermutung, ‚Identität’ diene als Zeichen für die Frage nach der (individuellen oder kollektiven) Handlungsfähigkeit des Menschen, liefert das erste Element der Bestimmung des Ortes des Identitätsbegriffs in den Sozialwissenschaften“ [Wagner 1997, 60]. In dieser Argumentation liegt für uns das entscheidende konzeptionelle Bindeglied, das eine kombinierte Analyse von Identitätskonstruktion und Gesellschaftskonzeptionen/Öffentlichkeitskonzepten als sinnvoll erscheinen lässt.

Autonomie oder Herrschaft: die Annahme von der "Autonomie“ des Subjekts und damit der Konstanz der Identität und der daraus folgenden Handlungsfähigkeit ist nach Wagner einer der prinzipiellen Bestandteile des "modernitätstheoretischen“ Diskurses. Er steht damit in einer beständigen Opposition zum Differenz-Diskurs, der die Kehrseite dieser "Autonomie“ fokussiert, indem auf die "Herrschaftspotentiale“ und Ausgrenzungsmechanismen hingewiesen und deutlich gemacht wird, dass "die reklamierte Gewinnung von Autonomie nur durch die Markierung von (asymmetrischer) Differenz und damit durch die Ausgrenzung und Ausschließung des Anderen möglich ist.“ [Wagner 1997, 62]

Konstruktion oder Realität: die genannten Antinomien von "Wahl“ und "Schicksal“ sowie "Autonomie“ und "Herrschaft“ weisen hin auf die von Wagner als dritte Antinomie positionierte Fragen nach der "Realität der Identität“ [Wagner 1997, 63], die je nach Standpunkt als ontologisch gegeben oder gesellschaftlich konstruiert interpretiert wird. Ein "realistisch“ oder "ontologisch“ gefasster Identitätsbegriff wird in den kultur- und sozialwissenschaftlichen Theorien alternativ als ein “essentialistisches” Weltbild bezeichnet: “the notion that what we are is innate and unique”, wie Simon Franklin und Emma Widdis in ihrem Buch National Identity in Russia schreiben [2004, 7]. Die von Franklin und Widdis herausgegebenen Analysen und Fallstudien, beispielsweise des spezifischen Zeit- und Raumverständnisses in der russischen Kultur, formulieren die These, dass diese über die Jahrhunderte in einem hohen Maße durch eine solche essentialistische Weltsicht geprägt ist.


Moderne und Identitätserfahrung in Russland

Von zentraler Bedeutung für die Untersuchung der kulturellen Identität mit Bezug auf Russland ist die von Peter Wagner herausgestellte Verbindung von Identitätsdiskurs und Moderne. Der Modernisierungsprozess verläuft in Russland in anderen Bahnen als in Westeuropa. Die These von seiner "verspäteten Modernisierung“ [Franklin / Widdis 2004, 5], mit Blick auf kulturelle wie technologische Innovation im Sinne der Philosophie der Aufklärung, der Industrialisierung, der Globalisierung, verabsolutiert in ihrer Zuspitzung die westeuropäische Perspektive, doch ist ihre grundsätzliche Relevanz nicht zu bestreiten. In der Konsequenz, so Franklin und Widdis, reproduzieren die russischen Identitätsdiskurse beständig den fremden Blick auf sich selbst: "A great deal of Russian culture is – explicitly or implicitly, to a greater or lesser extent – self-referential, about Russia or indicative of “Russianness’.“ [ebd., 8] Russland entwickele eine spezielle "Kultur der Übernahme ‚fremden’ Gedankengutes“. Die postsowjetischen Identitätsdiskurse spiegeln damit die Reaktionen auf eine dreifache Herausforderung:

  der Inkorporation des Fremden in das Eigene im Rahmen einer Kultur der "negotiation of influence“,
 

der zeitverzögerten gesellschaftlichen und medialen Modernisierungsschübe, die oft mit revolutionären Umbrüchen verbunden sind,

 

der Heterogenität der nationalen und kulturellen Identifikationsmerkmale (territoriale, staatliche, ethnische, sprachliche und kulturelle Merkmale), die zueinander in Widerspruch stehen. Diese Spannung ergibt sich nicht zuletzt aufgrund der Zwitterstellung Russlands zwischen den Positionen eines Nationalstaats und eines Vielvölkerreichs und Imperiums.

Die Beiträge des genannten Sammelbands von Franklin und Widdis illustrieren die daraus resultierenden Spannungen "between visions of chaos and order, conquest and freedom, openness and domestication” [ebd., 8]. Diese Oppositionen von Chaos und Ordnung, von Eroberung und Freiheit, von Offenheit und Herrschaft lassen sich unschwer in Deckung bringen mit den von Wagner allgemeiner formulierten Antinomien "Wahl und Schicksal“, "Autonomie und Herrschaft“ sowie "Realität und Konstruktion“.

Eine historisch bedingte, primär essentialistische Weltsicht wird herausgefordert durch den jüngsten Modernisierungsschock, der mit dem Übergang vom sowjetischen System zur (Post)Perestrojka verbunden war. Der Literaturwissenschaftler Georg Witte spricht in diesem Kontext vom "Trauma der Kontextualisierung“, unter dessen Folgen die russische Gesellschaft bis heute leide. Nach der (erzwungenen) Isolation der Sowjetzeit mit ihrer Apologie des herrschenden Systems und ihrer praktischen Abschottung aus globalen Zusammenhängen, ruft die Infragestellung der eigenen Identität als einer quasi naturgegebenen Essenz starke Gegenreaktionen hervor. Mentale Muster der Sowjet-Zeit, beispielsweise eine Tendenz Risiken an übergeordnete Instanzen zu delegieren, erschweren eine Anpassung an die veränderten Bedingungen noch zusätzlich [vgl. auch Gudkov 2004, 797].

Identität und Internet

Vergleichbar der Herausforderung des personalen wie kollektiven Identitätsbegriffs durch die Modernisierung der Gesellschaft, bedingt das Internet dessen zusätzliche Problematisierung. Der Zusammenhang von Internet und Identität ist von Relevanz:

  auf der Ebene der personalen Identität über die Darstellung der eigenen Identität im Netz (Repräsentation), für die eine Entkoppelung der körperlichen Präsenz von ihren zeichenhaften Manifestationen charakteristisch ist (im Gegensatz zu traditionellen Schriftmedien verläuft diese in real-time). Die Interpretation dieser Prozesse der Multiplikation von Identitätsentwürfen schwankt zwischen ihrer Einschätzung als kreativem Spiel oder technik-induzierter Entfremdung.
 

auf der Ebene der kollektiven Identität im Rahmen der erweiterten Kommunikationsfor(m)en und kulturellen "Räume“, für die eine Entkoppelung von Zeit und Raum charakteristisch ist. Hier liegen die Effekte im Bereich der globalen "Bilder- und Symbolkataloge“, des "globalen symbolischen Kapitals“, das Adaptations- wie Ausgrenzungsprozesse forciert bzw. hervorruft (das "Eigene“ und das "Fremde“).

Die mit den beiden Betrachtungsebenen verbundenen Schlagwörter der "Virtualität / virtuellen Identitäten“ und "Globalisierung / Unifizierung der Kulturmuster“ sind positiv wie negativ stark wertend. Während beispielsweise Manuel Castells [1997] eine negative Opposition zwischen Identität und Internet herausstellt, definiert Nils Zurawski den Zusammenhang von Identität und Netzwelt positiv [Zurawski 2000]. In ersterem Falle erscheint die Globalisierung eine Bedrohung für lokale Identitäten, die in einem Umkehr-Schluss kulturelle Anti-Körper bilden um dem medialen Angleichungsdruck zu widerstehen. In letzterem Falle wird Identität als ein Konstrukt begriffen, als eine performative Tätigkeit, die in den Netzwerken große Potential zu ihrer Verwirklichung findet. In jedem Falle scheint die Frage der (kulturellen) Identität sowohl auf der personalen als auch auf der kollektiven Ebene herausgefordert zu sein, wobei diese "Problematik“ positiv oder negativ erfahren werden kann. Mit einem gewissen Grad an Abstraktion lässt sich formulieren: Während eine eher relativistisch angelegte Kultur im Internet einen erweiterten Aktionsraum entdeckt, erfährt eine eher essentialistisch ausgerichtete Kultur einen primär schockhaften Impuls. Mit Blick auf Russland lässt sich damit eine doppelte Reizung des Selbstbildes durch Systemtransformation und medialen Wandel annehmen.

Das Internet als Kulturmodell

Folglich interpretieren wir das Internet nicht primär als ein technisches Kommunikationsmedium, sondern als ein Kulturmodell. Die technologischen Charakteristika des Internet werden in seinen sozialutopischen oder anti-utopischen Aneignungen mit spezifischen Semantisierungen belegt – mit den jeweils entsprechenden positiven oder negativen Konnotationen.

Wahl

Autonomie

Konstruktion

Positive Semantisierung Technische Charakteristika Negative Semantisierung

Schicksal

Herrschaft

Realität

Flache Hierarchien, Gleichberechtigung Dezentralisierte Struktur Autoritätsverlust
Flexibilität Vernetztheit Verlust von Orientierung und Stabilität
Kooperation; Teilhabe; kooperatives Ethos und Ästhetik Interaktivität Kontrollverlust, Qualitätsverlust, Gefahr von Missbrauch
Innovation und Kreativität Kontextualisierung (Hyperlinks) Unordnung, Chaos

In Abhängigkeit vom dominanten Weltbild, der kulturellen Identität, wird das Medium in der Konsequenz als "eigen“ oder als "fremd“ empfunden. Dabei sind innerhalb des Modells die verschiedensten Abstufungen und Merkmalskombinationen möglich.

Die Herausforderung durch das Fremde

Es existiert, wie bereits skizziert, keine objektivierbare Position, an der sich das "Eigene“ vom "Fremden“ scheidet, denn dieser Unterscheidung geht zwangsläufig immer erst eine Selbstdefinition voraus. Hierin liegt das besondere Potenzial des Fremden begründet, seine Provokation, die auch Aggression hervorrufen kann [Waldenfels 1997, 52] So verstanden ist die Erfahrung von Fremdheit infektiös, sie dringt in das Innere einer Kultur ein. Gerade diejenigen Gesellschaften und Gesellschaftsformen, die einem essentialistischen Weltbild anhängen, sehen sich ihn ihrer "wesenhaften“ Identität durch das Fremde in einem höheren Maß provoziert. "Das Bild des Internet wurde nach den gleichen Prinzipien konstruiert, wie das Bild des Fremden in der Gesellschaft, des Ausländers, des Außerirdischen, des Irren“ – dieses Zitat des russischen Internet-Journalisten Sergej Kuznecov illustriert beispielhaft eine solche Konzeptionalisierung des Internet als "artfremd“ im öffentlichen Diskurs.


Zusammenfassende Darstellung der Fallstudien anhand der Leitfragen des Antrags

Die im Antragspapier ausführlich dargelegten Fragestellungen konzentrieren sich auf drei Themenschwerpunkte 1) Internet und gesellschaftliche Kommunikation 2) Internet und regionale / lokale Identität und 3) Internet und transterritoriale Identität, die mit Blick auf den russischen Kontext untersucht werden. Die wichtigsten Ergebnisse sowie die innerhalb des Projekts erstellten zentralen Publikationen werden im Folgenden anhand der im Antragspapier formulierten Leitfragen zusammenfassend vorgestellt:


Weltbilder und Formen ihrer medialen Generierung im russischsprachigen Internet

Personale und kollektive Identitäten manifestieren sich, wie oben skizziert, nicht nur über die verschiedenen medialen Kanäle, sondern gemäß des bis heute produktiven Ansatzes von Marshall McLuhan in ihnen. In der Konsequenz kann unterschieden werden, zwischen den für die Herausbildung und Manifestation von Identitäten prägenden Inhalten, die über die Medien verbreitet werden, und den medialen Funktionsweisen, die auf einer vorgelagerten Ebene deren Produktion und Rezeption bestimmen.

Innerhalb des Forschungsprojektes haben wir beide Ebenen der medialen Generierung und Kommunikation von Fremd- und Eigenbildern untersucht, jedoch mit einer Schwerpunktsetzung auf den medialen Strukturmerkmalen und ihren kulturkonstitutiven Funktionen. Ausgehend von einem gemäßigten technologischen Determinismus analysieren wir die Meta-Ebene der Diskurse über das Internet, dessen technische Strukturmerkmale von den jeweiligen Interessens- und Nutzergruppen semantisiert werden.

Die Implementation der "neuen“, "westlichen“ Kommunikationstechnologien in Russland zu Beginn der 1990er Jahre fällt in eine Phase der gesamtgesellschaftlichen Transformation. Die technischen Funktionsweisen des Internet, seine Komplexität, Vernetztheit und dezentrale Struktur, nehmen vor dem Hintergrund des vertikalen, zentrierten und eindimensionalen System der Sowjet-Ära den Charakter eines alternativen Kulturmodells an. Dieses Kulturmodell, von einigen westlichen wie russischen WissenschaftlerInnen als "postmodern“ klassifiziert [Kratasjuk 2006, Landow 1997], wird in Abhängigkeit vom individuellen Weltbild als "eigen“ oder als "fremd“ erfahren. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass der Erfahrungsraum Internet bis heute erst 20 % der russischen Bevölkerung zugänglich ist. Vor dem Hintergrund dieser Tatsache, dass rund 80 % der russischen Bevölkerung das Internet nur vom "Hören-Sagen“ kennen, kommt den metaphorischen Verbildlichungen desselben eine besondere Bedeutung und Kraft zu.

In diesem Sinne stand im Zentrum unseres Interesses die Analyse der semantischen Aneignungen des Internet in der russischen Gesellschaft, exemplarisch analysiert anhand des offiziellen politischen Diskurses sowie der internen Diskussionen und selbst-reflexiven Positionsbestimmungen der VertreterInnen der russischen Netzkultur selbst. Unter "Diskursen“ verstehen wir dabei nicht nur öffentliche Diskussionen, sondern die Gesamtheit der medialen und gesellschaftlichen Praktiken, einschließlich Preisverleihungen, Feiertagen oder der visuellen Darstellungen im öffentlichen Raum.

Strategien der Einbettung des Internet in das eigene Weltbild

In technischer Hinsicht ist das Internet in Russland ein West-Import. Während seine Popularität innerhalb der zunächst eng begrenzten Nutzerschicht gerade durch seinen “ausländischen”, "exotischen“ Charakter gewährleistet wurde, wurde es im Verlauf der Zeit an die eigenen Traditionen und Bedürfnisse angepasst. Dieser Prozess begann mit der technischen Anpassung der Computercodes und Internetstandards an die Erfordernisse des kyrillischen Alphabets. Während die ersten russischen Internetpublikationen noch in lateinischer Transkription verfasst werden mussten, wurden seit der Mitte der 1990er Jahre über spezielle Kodierungen und Transkriptionsprogramme die Bedingungen für eine uneingeschränkte Nutzung der Internet-Dienste in kyrillischer Schrift geschaffen. Mit der für die Zukunft vorgesehenen Registrierung russischer Domain-Names in kyrillischer Schrift wird dieser Prozess der technischen Russifizierung weitgehend abgeschlossen sein. Auf der Ebene der inhaltlichen Strukturierung entwickelten sich parallel russischsprachige Suchmaschinen, Internetkataloge und Informationsdienste.

Fundierte Englischkenntnisse sind damit nicht länger die notwendige Voraussetzung für die Nutzung des Internet. Mit Blick auf die UserInnen wird dies zu einer weiteren Demokratisierung des Zugangs zum Internet führen, insofern Fremdsprachenkenntnisse nicht mehr ein Ausschlusskriterium für die Partizipation an den weltweiten Netzwerken sein werden. Mit Blick auf die vermittelten Inhalte wird eine solche zunehmende Russifizierung jedoch auch zu einer verstärkten inhaltlichen Abschottung und Segmentierung führen, die zu einer gesteigerten Separation des russischen Internet als einer Art von "Ethnonet“ führt [Goralik 1999], eine Tendenz, die generell für diejenigen Segmente des WWW typisch ist, die nicht das lateinische Alphabet nutzen.

"Nationalisierung“ des Mediums

Auf der diskursiven und selbst-reflexiven Ebene lässt sich eine vergleichbare Tendenz zur Einschreibung in die kulturellen und nationalen Kontexte beobachten. Mit fortschreitender Nutzung wird das Medium auch ideell in den eigenen Kulturraum eingepasst. Idealtypisch lässt sich dies an den Arbeiten des Kulturwissenschaftlers Michail Epštejn illustrieren, der in seinen Publikationen zur Spezifik des russischen Internet das gesamte Spektrum der russischen Geistesgeschichte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als Erklärungsmuster heranzieht. So führt er beispielsweise das religionsphilosophische Konzept der "Sobornost’“ [russ.: von "sobor’“ = Kathedrale, Versammlung], das die Grundopposition von Individuum und Kollektiv in einer neuen Form der gesellschaftlichen Kommunikation überwinde, als einer Urform der heutigen Netzwelten an. Im Internet werde diese als "elektronische Sobornost’“ realisiert. Die vernetzten Strukturen des Internet, die Vermischungen zwischen Privat und Öffentlich, von Individuum und Kollektiv, stimmen, gemäß dieser Interpretation, überein mit dem russischen Kulturmodell als einer organisch geprägten Form der gesellschaftlichen Interaktion. "Polyphonie“, "All-Einheit“, "Kosmismus“, "Noosphäre“, "Sophismus“ – die Reihe der ideengeschichtlichen Konzepte, die Epštejn anführt, weist eklektizistische Züge auf. Seine Argumentation gipfelt in der These, dass nicht nur die russische Kultur eine Affinität zum Internet als Kulturmodell aufweise, sondern dass umgekehrt sogar eine "Substanz des Russischseins“ in den internationalen Netzwerken gegenwärtig sei. Relativierend ist anzumerken, dass die genannten Arbeiten Epštejns in die Zeit der frühen Internet-Euphorie fallen und heute wohlmöglich nüchterner ausfallen würden. Epštejns Versuch der Konzeptualisierung des Internet in Bezug auf die russische Kultur ist dennoch – als Zuspitzung – von Bedeutung:

  Epštejn formuliert eine strukturelle Verwandtschaft des von ihm unter Bezug auf die russische Religionsphilosophie abstrahierten russischen Kulturmodells zum Internet und zur Netzkultur. Aus dieser Affinität leitet er spezifische Nutzungsweisen ab. Das Internet wird zum Bestandteil des eigenen Kulturmodells.
 

Epštejn greift im Gegensatz zu Metaphorisierungen des westlichen Kulturraums wie dem Information Highway oder der Electronic Frontier stark auf organische Metaphern zurück, die traditionell als Verbildlichungen von Gemeinschaftsformen dienen. Die Aspekte der russischen Kultur, die als besonders geeignet für die Adaptation des Mediums ausgewiesen werden, sind: Kollektivismus, Gemeinschaftsbildung, Logozentrismus bzw. Literaturzentrismus, Anti-Copyright, Strukturen des informellen Waren- und Werteaustauschs ("Blat“).

Das Internet wird hier nicht mehr als das exotische Andere interpretiert, sondern im Gegenteil als das quasi natürliche "Eigene“, das nationaler und kultureller Tradition entspricht. Der Reiz des Fremden verblasst, an seine Stelle tritt der Versuch, das zunächst Neue über die Einpassung in bekannte Termini in das eigene Erfahrungsbild einzupassen.

Der offizielle russische Diskurs in Bezug auf das Internet weist einen – auf den ersten Blick - paradoxen Doppelcharakter auf. Er zeichnet sich zum einen durch Monumental-Rhetorik und Einschreibung in die normierte Hochkultur aus. Zum anderen aber ist er geprägt durch die Nutzung von Metaphern der Furcht – der Darstellung des Internet als gefährlichem Spinnen-Netz, als Informationsozean im Besitz der Copyright-Piraten, als Massenvernichtungswaffe in Händen der Terroristen. Diese Furcht erregenden Bilder lassen eine potenzielle Kontrolle nicht nur notwendig, sondern aus der Perspektive der NutzerInnen sogar zwingend notwendig erscheinen.

Zieht man die Müllhalden-Metaphorik hinzu, die in anderen offiziellen Verlautbarungen russischer PolitikerInnen geläufig ist, erweitert sich dieser Merkmal-Katalog noch um einige weitere Charakteristika. Denn hinter der Rede von der Informationsmüllhalde verbirgt sich die Idee einer ungeordneten und chaotischen Datenmasse. Sozusagen als negativer Abdruck sind in diesen Metaphern die Idealvorstellungen des offiziellen Gesellschaftsbildes enthalten: Ordnung, klare Abgrenzungen, eindeutige Interpretationsmuster. Die weit verbreitete Rede von einer "Zivilisierung“ des Internet unterstreicht diese Opposition von "Ordnung“ und "Chaos“, wobei dem Internet (als einem technischen Medium) implizit der Charakter eines – zu zivilisierenden - "Naturphänomens“ zugesprochen wird. Diese als Bedrohung empfundene Technologie und das "fremde“ Kulturmodell werden von der offiziellen Politik praktisch - über technische Kontrollmaßnahmen - und konzeptionell - über symbolische Identifikationsangebote - neutralisiert. Das Internet wird dann als eine Errungenschaft der eigenen Kultur gefeiert: "Unser RuNet“ erscheint aus dieser Perspektive als die (vorläufig) letzte Etappe einer Erfolgsgeschichte der russischen bzw. sowjetischen Kommunikationstechnologie und lässt die politisch bedingte langjährige Rückständigkeit der sowjetischen Computerindustrie vergessen machen.
RuNet Award: Symbol von Monumentalität, Hoher Kunst und Technologie  

Beide der skizzierten Diskurse entsprechen sich, indem sie eine - in unterschiedlichem Maße ausgeprägte - essentialistische Weltsicht reproduzieren, d.h. die kulturellen Spezifika des "Russischseins“ als gegeben und feststehend, als dominant gegenüber der technischen Komponente interpretieren. Im Sinne des Kultursoziologen Pierre Bourdieu kann man hier von der prägenden Macht des Habitus sprechen, dessen unbewusste Denkmuster scheinbar disparate Phänomene zueinander in Bezug setzt [Bourdieu 1999].

Problematisch wird eine solcher Kulturessentialismus insbesondere dann, wenn er mit einer normativen Positionierung verbunden wird und einer politischen Funktionalisierung unterliegt. So wird beispielsweise innerhalb von Teilen der russischen Netzgemeinschaft die Ablehnung des Copyrights im westlichen Sinne als Kampf gegen die Überfremdung der russischen Kultur durch westliche Rechtsvorstellungen gestellt. Oder im offiziellen Diskurs werden die über das Internet vermittelten globalen – sprich: überwiegend englischsprachigen Termini und Kulturprodukte - im Sinne einer Überfremdung der russischen Hochkultur abgelehnt.

Wider eine Ethnisierung der Mediennutzung

Parallel zu den geschilderten Tendenzen einer Einschreibung des Mediums in den nationalen Kontext, die argumentativ weniger auf ökonomischen, (medien)politischen oder gesellschaftlichen Umständen als auf mentalen Konzepten basiert, lässt sich jedoch auch die dezidierte Ablehnung eines "russischen Sonderwegs“ im Internet konstatieren. Das Internet diene in Russland wie weltweit primär der internationalen Kommunikation. Es funktioniere nach den selben Kriterien und werde sich – unter der Voraussetzung vergleichbarer ökonomischer und politischer Rahmenbedingungen – auch nicht anders entwickeln [Iwanow 2004, Losewa in Busse 2005]. Eine "Ethnisierung“ des Mediums unter Rückgriff auf abstrakte kulturelle Traditionen oder Mentalitäten wird als diskriminierend abgelehnt. Eine solche Herangehensweise reproduziere Stereotypen, denen die Akteure nicht zuletzt vermittels der Teilnahme an den Prozessen der kulturellen Globalisierung endlich zu entkommen suchten. Versuche, auch in diesem scheinbar neutralen Bereich der Technik noch nationale Spezifika ausfindig machen zu wollen, werden mit Skepsis und sogar mit Unbehagen beobachtet, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Identitätssuche, die oft skurrile Blüten treibt. Die einzigen Unterscheidungskriterien und Differenzparameter, die hier zugestanden werden, sind technischer, wirtschaftlicher oder politischer Art. Mit Bezug auf die politische Situation sei die Spezifik der Medienlandschaft ausschlaggebend, in der ein staatlich dominiertes Fernsehen und eine hochgradig regulierte Printpresse das Internet als ein besonders attraktives Kommunikations- und Publikationsmedium erscheinen lassen.

In der Konsequenz ist die "Spezifik“ des russischen Internet nicht allein auf der Ebene seiner praktischen Nutzungsweisen zu verorten, sondern auch auf der Ebene der Prozesse der Identitätsbildung selbst, wie Ekaterina Kratasjuk in aller Deutlichkeit herausstellt:

Why, notwithstanding the fact that the Internet provides an opportunity to create ‘meta-national’ communicative situations, is the Russian-language segment of the Web still persistently referred to as ‘RuNet’ by users and historians, thus becoming an ‘ethnically defined’ virtual community? Does this prove that RuNet is specific and unique, or does this simply mark a post-Soviet identity problem? […] Thus, the question of whether RuNet ‘really’ exists or is a mythologeme cultivated by Russian users and Web researchers to define their ‘otherness’, remains an open one.

Die Bedingtheit der Theoriebildung

Die von Kratasjuk gestellte Frage findet in den Beiträgen der AutorInnen und Projekt-PartnerInnen gänzlich unterschiedliche Antworten. Während Gornyj und Goroshko, aber auch Bowles, Schmidt und Teubener eine prinzipielle Eigenheit des russischen Internet formulieren, vertreten Gorjunova und insbesondere Konradova, Kratasjuk und Ousmanova/Gornych eine Position, die stärker die global wirksamen Faktoren akzentuiert und sich von einer "Nationalisierung“ des Diskurses über das russische Internet dezidiert abgrenzt. Usmanova und Gornych bringen diesen Standpunkt am prägnantesten zum Ausdruck: für sie liegt die Besonderheit des russischen Internet gerade darin, dass es als exzessive Kopie westlicher Standards die Funktionsweisen globaler Technologie und Ideologie sogar besonders deutlich darstellt. Die Kontroverse, die zu lebhaften Diskussionen innerhalb der Projektgruppe führte, trennte nicht nur "Ost“ und "West“, sondern auch die osteuropäischen WissenschaftlerInnen untereinander. Einige der russischen oder ukrainischen KollegInnen weisen darauf hin, dass beispielsweise postmoderne und relativistische Identitätskonzepte in der russischen Wissenschaft über keine nennenswerte Tradition verfügen [Goroshko, Gornyj]. Andere lehnen eine Weiterschreibung der kulturellen Stereotype von der Literaturzentriertheit oder dem inhärenten Kollektivismus der russischen Kultur vehement ab [Kratasjuk, Konradova, Gornykh / Usmanova].

Die konträren Sichtweisen werden in den Publikationen des Projektes nicht auf einen Nenner gebracht, sondern die Differenzen im Gegenteil bewusst akzentuiert. Die Internetforschung als eine noch junge "Transdisziplin“ ist selbst Bestandteil der gesellschaftlich begründeten und bisweilen ideologischen Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Medien und Gesellschaft. Diese Kontroversen sind ein wichtiger Bestandteil des Projektes und veranschaulichen die Bedingtheit der Theoriebildung selbst.

Zentralität und Konzeptualisierungen von Raum

Mit Blick auf die statistischen Daten zur Internet-Nutzung in der Russischen Föderation reproduziert sich das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Gefälle zwischen den Metropolen und den Regionen auch im Internet, allerdings mit abnehmender Tendenz. In den Jahren 2003-2005 stieg der Prozentsatz der Bevölkerung, der Zugang zum Internet hat, im Landesdurchschnitt von 10 auf 20 Prozent. In Moskau hingegen sind im Jahr 2005 über 40 Prozent der Bevölkerung regelmäßig online. Bezüglich der einzelnen Regionen ergibt sich ein differenziertes Bild – die Zahlen schwanken zwischen 5-35 Prozent, in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen und sozialen Struktur der betroffenen Gebiete [vgl. Stiftung für Meinungsforschung FOM, http://www.fom.ru). Für die ländlichen Gebiete liegen unseres Wissens keine detaillierten Daten vor. Es ist davon auszugehen – nicht zuletzt basierend auf den Erfahrungen unserer Projektreisen - , dass sich die Diskrepanz mit Blick auf die kleinen Siedlungen und Dörfer exponential verstärkt. Die regionalen Unterschiede werden zusätzlich verstärkt durch unterschiedliche Zugangsvoraussetzungen für die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen, ausgehend von den Faktoren Alter, Geschlecht, Klasse, Bildung und ethnische Zugehörigkeit, auf die hier jedoch nicht im Detail eingegangen werden kann. Angemerkt werden soll an dieser Stelle lediglich, dass der Anteil der Frauen unter den Internet-NutzerInnen in den Regionen mit Blick auch auf die westlichen Statistiken vergleichsweise hoch ist.

Die faktische Entwicklung des Internet in Hinblick auf die Förderung partizipativer Gesellschaftsstrukturen über eine möglichst breite Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen wird von Soziologen und Medienwissenschaftlern eher kritisch beurteilt. Zu Recht, wie die Daten nicht nur für die Russische Föderation, sondern auch im weltweiten Vergleich zeigen. Die globalen Datennetzwerke, so der Tenor der Kritiker, verstärkten letztlich die materiellen und sozialen Ungleichheiten, indem sie den ökonomischen und politischen Machthabern besonders geeignete Mittel zur Mehrung ihres Einflusses und zur Erweiterung ihrer territorialen Spielräume zur Verfügung stellten. Manuell Castells bringt dies in seiner Studie zur russischen "Netzwerkgesellschaft“ aus dem Jahr 1998 in aller Schärfe zum Ausdruck [Castells 1998]. Er kommt in der gemeinsam mit E. Kiseleva verfassten Studie zu einem ernüchternden Fazit: der gesellschaftliche Raum im zeitgenössischen Russland differenziere sich in eine Reihe von "globalen Knotenpunkten“, in der Regel städtischen Charakters, die an den internationalen Strömen von ökonomischem, kulturellem und symbolischem Kapital gleichberechtigt teilhaben, während sich die von diesen Informationsströmen abgeschnittenen Regionen in ihren marginalen Nischen mit Hilfe lokaler Überlebensstrategien über Wasser halten. Die im Rahmen des Projektes durchgeführte Analyse der Diskurse über das Internet, ergänzt durch Website-Analysen regionaler Internet-Ressourcen und eine Vor-Ort-Fallstudie in einigen Städten Sibiriens entsprechen den Ergebnissen und Thesen Castells in Teilen.

Zwecks exemplarischer Analyse der regionalen Internet-Nutzung wurden im Rahmen einer Fallstudie 14 Websites aus dem sibirischen Gebiet analysiert und Interviews mit 15 RepräsentantInnen lokaler Internet-Portale, LiveJournals, Nachrichtenagenturen etc. vor Ort geführt. Die von uns besuchten sibirischen Monopolen Novosibirsk, Krasnojarsk und Irkutsk reproduzieren dabei das prägende Kulturmuster der Moskauer Metropole, das vom Zentrum zu den Rändern diffundiert. Im Stadtbild sind die neuen Technologien über Hochglanz-Reklame allgegenwärtig, symbolisieren Modernität und Weltoffenheit. Der Qualitätsunterschied gegenüber Moskau ist in der technischen Ausstattung wie in den konkreten Nutzungsweisen in den regionalen Metropolen weniger stark ausgeprägt als erwartet. Der digital divide (re-)produziert offensichtlich weniger regionale Unterschiede, als vielmehr das Bild einer neu entstehenden Klassengesellschaft. Wie insbesondere eine Analyse der Werbung für die neuen Kommunikationstechnologien wird gemeinsam mit den Informationstechnologien das Idealbild einer bürgerlichen Gesellschaftsordnung vermittelt. Tatsächlich wird das russische Internet in seiner sozialen Struktur sowie in seiner Ästhetik von den russischen AutorInnen [Gornykh / Usmanova; Gorjunova] explizit in Begriffen der Klassengesellschaft, eines neuen Bürgertums, behandelt.

 
Die bürgerliche Kleinfamilie als Adressat der Computer-Werbung  

In ihren Internetrepräsentanzen offenbaren die regionalen Medien ein durchaus wahrnehmbares Selbstbewusstsein als Instanzen der gesellschaftlichen und kulturellen Selbstverwaltung. Die von uns interviewten VertreterInnen der regionalen politischen, medialen und kulturellen Eliten erkennen die Chancen der dezentralen Netzwerke und nutzen sie geschickt. "Den Regionen eine Stimme zu verleihen“, ist eines der artikulierten Ziele. Der Blick auf Moskau und auf die Schaltzentralen der Macht dennoch nur eine Facette unter anderen. Ein weiterer wichtiger Impuls ist die Kontrolle über die Selbstdarstellung im Internet, die unabhängig von zentralen Instanzen vorgenommen werden kann. Dies ist im übrigen im gleichen Maße gültig für die offiziellen Strukturen, beispielsweise das Novosibirsker Bürgermeisteramt, wie für kommerzielle Anbieter und gesellschaftliche Initiativen, die sich der offiziellen Politik entgegenstellen.

Das Internet in Sibirien ist, bündelt man die Aussagen und Aktivitäten der Befragten in verallgemeinernder Form, weniger ein globales als ein dezidiert regionales und lokales Medium. Es ist gekennzeichnet durch eine starke inhaltliche Ausrichtung auf die Region, eine Vernetzung der regionalen Medien, die weniger auf Konkurrenz als auf Kooperation setzt. Englischsprachige Angebote finden sich unter den analysierten Seiten eher selten. Die intendierte Zielgruppe ist in der Regel die vor Ort ansässige Bevölkerung. Interessant ist die bisweilen starke Verknüpfung mit der Emigration. Dies belegen sowohl die Analysen der Websites als auch die programmatischen Aussagen der befragten Ressourcenbetreiber und NutzerInnen. Insofern lässt sich unsere Hypothese von der Herausbildung alternativer Kultur- und Kommunikationsräume im virtuellen Raum belegen.

Unter Rückgriff auf die in der theoretischen Standortbestimmung angeführte Triade des Fremdheitsbegriffes (Ort, Besitz, Art) wird jedoch auch deutlich, dass Zugänglichkeit und Besitz wichtige, aber keinesfalls alleingültige Faktoren sind. Die "Fremdartigkeit“ des Mediums in Hinblick auf das dominante Kulturmodell macht deutlich, dass für eine Nutzung des partizipativen Potentials des Internet nicht zuletzt die normativen Instanzen ausschlaggebend sind. Die Analyse des offiziellen russischen Diskurses über das Internet, wie weiter oben skizziert, verdeutlicht, dass dieser ein im wesentlichen hierarchisch ausgerichtetes Welt- und Gesellschaftsmodell reproduziert. Besonders anschaulich macht dies die Selbstdarstellung des Föderalen Programms "Elektronisches Russland“ (http://www.e-rus.ru), das programmatisch die Förderung der Mediennutzung in den Regionen zum Ziel hat. Das Logo der staatlich finanzierten Initiative, eine visuelle Kondensation der Förderphilosophie, verbildlicht eine nach wie vor stark zentralistische Sichtweise, die das Land in seiner räumlichen Dimension als tabula rasa darstellt.

 
Logo des staatlichen Förderprogramms „Elektronisches Russland“ 2004: das Internet – eine zentrale Vision.  

Die offizielle Sichtweise spiegelt sich jedoch auch in den Regionen selbst, wenn beispielsweise vor Ort ansässige Journalisten und Medienmacher, die sich in ihrer praktischen Arbeit der zentralistischen Mediendominanz entgegenstellen, gleichzeitig eine Kontrolle der Medien durch dieselben Machtinstanzen befürworten. Geprägt durch die immer noch wirksamen Strukturen einer sowjetischen Medienpolitik und irritiert durch die Überforderungen der plötzlichen Modernisierung werden Entscheidungsbefugnisse, unter anderem die Kontrolle über die Medien, nach wie vor an übergeordnete Instanzen delegiert.

Die Analysen der AutorInnen des im Projektverlauf entstandenen Sammelbandes machen deutlich, dass ein zentralistisch strukturiertes Weltbild und hierarchische Gesellschaftsstrukturen in einem komplexen Zusammenhang zueinander stehen. Roman Lejbov verdeutlich dies am Beispiel des russischen Wissenschaftssystems und der "Institution“ des Experten. Seine Analyse der wissenschaftlichen Experten-Netzwerke im russischen Internet verdeutlicht, wie stark hier die Traditionen eines monologischen und eines dialogischen Wissenschaftsprinzips aufeinander stoßen und welches Potential das Internet vor diesem Hintergrund für die Weiterentwicklung der russischen Wissenschaftslandschaft haben könnte. Es sei angemerkt, dass die Durchführung von internationalen Distance Learning Seminaren während des gesamten Projektzeitraums eine beständige Konkretisierung der Ergebnisse und Überprüfung der Hypothesen über die Spezifik interkultureller Kommunikation ermöglichte.


Identitätsbildung in kulturellen Grenzgebieten und ihre virtuelle Repräsentation

Basierend auf unseren Website-Analysen erfährt der Begriff der Grenze im Internet, ungeachtet des Mythos von seiner Grenzenlosigkeit, eine deutliche Aktualisierung. Die Provokation und die Produktivität der Grenzstellung – sei sie erzwungener oder freiwilliger Art – wird in einer Vielzahl von Ressourcen zum Ausdruck gebracht, nicht zuletzt solchen, die auch territorial in den Randgebieten des ehemaligen sowjetischen Imperiums angesiedelt sind. Dies manifestiert sich in erster Linie in den räumlichen Metaphern und Bildern, die zu diesem Zweck gewählt werden: "Orbita" [russ. Umlaufbahn], "Kreshatik" [russ. / ukrain.: Kreuzung], "Geopoetischer Server", "Geokulturelle Navigation" sind nur einige Beispiele für eine solche Akzentuierung des Raum- und des Grenzbegriffs. Tatsächlich begreifen sich die an den territorialen Grenzen angesiedelten Ressourcen auch in ästhetischer Hinsicht als profiliert: die Randstellung wird produktiv gewendet wird. "Naive Peripherie" und "doppelte Optik" sind Stichworte dieser Auseinandersetzung.

Der programmatische Slogan des Kulturportals Gif.ru, vermittels des Internet einen "Sieg der Kultur über die Geographie" zu erzielen, hat sich ungeachtet des praktischen Erfolgs dieses konkreten Projektes, als irrelevant erwiesen. Es verhält sich eher umgekehrt, das Potential des Lokalen wird im nur scheinbar ortlosen Internet in besonders hohem Maße realisiert. Die überwiegende Anzahl der von uns analysierten Ressourcen akzentuiert in ihrem Informationsdesign und in ihrer visuellen und symbolischen Ausgestaltung einen starken Bezug auf regionale und lokale Elemente – und zwar sowohl über die Nennung konkreter Orte als auch über abstrakte Raummetaphern. Das Internet erscheint in diesem Sinne als ein globales Medium von primär lokaler Relevanz. Es ist kein ortloser Raum, sondern ein raumloser Ort, der symbolische Nähe gewährt, wo diese räumlich und physisch nicht möglich ist. Dabei bleibt das Gefühl abgegrenzter Territorien dennoch intakt.

Die russischsprachigen Websites aus dem Baltikum, der Ukraine oder Kyrgistan bringen die der russischen Identität selbst inhärente Spannung zum Ausdruck, die, wie Widdis und Franklin deutlich machen, in der Überlagerung territorialer, ethnischer oder kultureller Parameter zur Bestimmung der Substanz "des Russischseins" liegen. Gleichzeitig, oder vielleicht gerade aus diesem Grunde, behält der Mythos von der Grenzenlosigkeit seine Anziehungskraft, nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer in diversen Emigrationswellen gespaltenen Kultur. Während die mit dem Internet verbundenen Sozialutopien zur Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen in Russland, nicht zuletzt aufgrund der Skepsis gegenüber den "großen gesellschaftlichen Erzählungen" im Sinne Francois Lyotards, auf keine große Resonanz stoßen, bleibt die Utopie des einheitlichen Kulturraums eine der wenigen noch wirksamen projektiven Ideen.

Monumentale Reklame für Kommunikationstechnologie der Mobilfunk Firma MTC: „Gemeinsam müssen wir Russland einig und stark machen“ V.V. Putin

Die Bedeutung der Medien für die kulturelle Identität in der Emigration/Diaspora

Die Analyse ausgewählter Webressourcen der russischen Diaspora zeigt, dass drei zentrale Funktionen der diasporischen Aktivität im Internet unterschieden werden können: regionale Vernetzung vor Ort, transnationale Kommunikation mit diasporischen Gemeinschaften weltweit sowie mit der "Heimat“ und schließlich Repräsentation innerhalb der neuen "Umgebungskultur“. Die analysierten Ressourcen weisen eine jeweils unterschiedliche Mischung dieser Funktionen und Strukturmerkmale auf, wobei sich ein Schwerpunkt im Bereich der transnationalen Kommunikation ausmachen lässt. Dies erklärt sich u.a. durch die im Projekt programmatisch vorgenommene Konzentration auf die Themenbereiche der Kultur und Literatur, die eine hohe Gebundenheit an die russische Sprache als einem der grundlegenden Merkmale nationaler oder kultureller Gruppenzugehörigkeit erwartungsgemäß als dominant erscheinen lässt.

Die Zugehörigkeit einer bestimmten Ressource zur Diaspora wird dabei unterschiedlich stark markiert. Auf der Grundlage unserer Analysen lässt sich jedoch festhalten, dass die Markierung des aktuellen Lebensortes gegenüber einer "neutralen“, nicht örtlich oder lokal konnotierten Präsentation überwiegt. Das Internet wird – wie bereits die Betrachtung regionaler Ressourcen deutlich machte - weniger als ein neutrales, übergeordnetes abstraktes Medium erfahren, denn vielmehr als ein multi-lokales, dass die jeweiligen örtlichen Kontexte widerspiegelt und sogar besonders stark akzentuiert.

Die Intensität der Kommunikationen zwischen den diasporischen Gemeinschaften selbst sowie mit Russland hat zweifelsohne in alle Richtungen und in einem rasanten Maße zugenommen, begleitet und unterstützt durch eine Zunahme der Reisetätigkeit. Die technisch generierte Nähe und Zugänglichkeit führt dabei keinesfalls automatisch zu einer Homogenisierung, wie beispielhaft die Analysen von Natal'ja Konradova und Peter Kovalenko zur Nutzung der elektronischen Publikations- und Kommunikationsforen durch russische EmigrantInnen deutlich machen. Vielmehr beeinflussen die örtlichen Lebenserfahrungen die Kommunikationsmuster in einem hohen Maße und führen in den Foren immer wieder zu einer Konfrontation zwischen EmigrantInnen und Residenten, die gelegentlich sogar zu einer Separierung in unterschiedlichen Kommunikations“räumen“ führt. Dieser Differenzierungsprozess ist um so größer, je stärker der Aktualitätsbezug der Ressource ist. Während sich Gedächtnisräume, die primär auf die Bewahrung von Erinnerung ausgerichtet sind, vergleichsweise homogen gestalten, brechen sich in den auf aktive politische Teilnahme ausgerichteten Foren und Portalen offene Konflikte Bahn. Angesichts der sich wandelnden gesellschaftlichen Situation in Russland selbst, die seit dem Amtsantritt des Präsidenten Vladimir Putin durch eine erhöhte Kontrolle der Medien gekennzeichnet ist, erhalten die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen, an denen auch die literarischen communities in einem hohen Maße beteiligt sind, zwischen im Ausland und im Inland lebenden RussInnen eine gesteigerte politische Brisanz. Einige der wichtigsten russischen Internet-Medien werden zudem von EmigrantInnen aus dem Ausland finanziert.

Dabei ist das Image des Emigranten als dem potentiellen Feind und Verräter, dem "nahen" Fremden oder "inneren Feind", noch nicht gänzlich überwunden, wie die Aussage eines der populärsten russischen Internet-Aktivisten der frühen 1990er Jahre deutlich macht, der nach einem mehrjährigen Studienaufenthalt in den U.S.A. nach Russland zurückkehrte:

We had a paper in one of our first magazines […] about this phenomenon - Russians living abroad and creating the content of Russian Internet. And the person who has written and published it [by] using a nickname blamed us and said that it’s time for Russians to make Russian Internet and kick out those guys living abroad and influencing our culture. That paper had a great response but we were not really ready to see this response of Russians living in Russia to our invasion with basically foreign values which were really not Russian values at that time and perhaps not today either. Here [in Russia] we have a long tradition of treating those abroad as spies or future spies. So if someone left Russia that means that he was an enemy. Even for me, I still have this somewhere deep in my soul. For those who were living here that was really a strong feeling about us. (Leonid Delicyn)

Auf der anderen Seite veranschaulicht eine exemplarische Inhaltsanalyse von Diskussionsbeiträgen (der Website Zagranica) die bisweilen paradoxe Züge tragende Selbstidentifikation der EmigrantInnen:

The authors live in different countries, and for the most part their experience of life in a new homeland is, in one way or another, contrasted with the memories of the old homeland. Even the most integrated emigrants tend to employ a very traditional ideologeme expressed by the opposition of 'barbaric/civilized' and 'spiritually mature/fat'. […] These persistent ideologemes reflect reality (life standards, social services etc.) only partially, but they are very much in line with the mythological stereotype that has historically been used to contrast "Russian character" and mentality with Western culture. […] The divergence between the positions of the Zagranica authors along this line of evaluation does not depend directly on whether life abroad is meeting their needs and expectations. The same person can voice both types of opinion within the same work. (Natal’ja Konradova)

Die kulturelle Aktivität der russischen Diaspora im Internet illustriert die vielfältigen Identitätsbildungsprozesse, von denen die russische Kultur nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ergriffen wurde, die sie jedoch in ihrer "Kernidentität“ negiert. Die Schwierigkeiten der Klassifikation der Webressourcen bringen diese Brüche und hybriden Identitäten ans Tageslicht: oft erweist sich die Zuordnung einer diasporischen Ressource zu einem oder sogar zu mehreren Kulturkreisen schlicht als unmöglich. Dabei wird auch deutlich, dass die Sprache zwar eines der grundlegenden Identifikationsmerkmale ist, jedoch keineswegs das alleinige oder auch nur das ausschlaggebende, wie der in Deutschland lebende russische Schriftsteller Sergej Bolmat im Interview deutlich macht.

Identität ist für mich ganz sicher eine Last, die ich mein ganzes Leben lang mitschleppen muss. Deswegen denke ich ganz selten daran: ich weiß, dass ich sie nie verliere. Sie liegt tiefer als Sprache, das ist ein sehr resistenter Teil eines kulturellen Feldes, der sich kaum eliminieren lässt.

So vertreten beispielsweise Teile der russischsprachigen Schriftsteller in Israel eine dezidierte Abgrenzung zur russischen Literatur im Lande selbst, die sie als wesensfremd entgegenstellen. Die virtuelle Begegnung, vergleichbar der "realen", provoziert Wertkonflikte, die nicht alleine mit der Hilfe von globalen Erklärungsmustern interpretiert werden könne, da Facetten der kulturellen und ethnischen Identität, der (Re)Präsentation und der Machtverhältnisse mit den historisch verwurzelten Konzepten und Interpretationen von Emigration und Diaspora untrennbar verbunden sind. Auch hier zeigt sich, dass das Prinzip der Ubiquität keinesfalls das ausschlaggebende Kriterium für eine erfolgreiche transnationale Kommunikation ist.

Bisweilen wird die kulturelle Randstellung auch konzeptionell reflektiert und, wie im Falle der regionalen Ressourcen, in ein ästhetisches Prinzip verwandelt. Die Emigrationserfahrung wird dann im Sinne einer produktiven Entfremdung erfahren, die den Blick für das Wesentliche schärft und ein produktives Potential aufweist. Tatsächlich kann der verfremdende, distanzierte Blick des ‚inneren Fremden’ einen wertvollen Beitrag zur selbstreflexiven Gestaltung leisten. Oder wie es der Schriftsteller Sergej Bolmat ausdrückt:

Ich glaube, dass die heutige Geschichte [...] sehr stark und sehr negativ an diese nationalen Identitäten gebunden ist. Migrationsliteratur entsteht in diesem Umfeld und sie alleine kann die beiden Seiten der Grenze adäquat repräsentieren.

Das russische Internet, das sich angesichts seiner vergleichbar kurzen Entwicklungsgeschichte durch eine hohe Dichte der Kommunikationskanäle sowie durch eine beeindruckende inhaltliche Vielfalt auszeichnet, verdankt seine Erfolge nicht zuletzt dem kommunikativen Stimulus und dem Engagement der Emigration und der Diaspora. Ungeachtet der praktischen Aktualisierungen und sogar Verschärfungen des Begriffes der Grenze behält das Internet seine mythische Ausstrahlung in diesem Kontext bei: Es ist sein potentielles Versprechen Einheit zu gewähren, wo deren Mangel – oft in schmerzlicher Art und Weise – empfunden wird.


Die kulturkonstitutive Bedeutung der Formen und Genres der elektronischen Kommunikation

Die Mediennutzung ist bei der überwiegenden Anzahl der von uns analysierten Ressourcen eher traditionell. Rubrizierung, Informationsdesign und Struktur der Sites reproduzieren konventionelle Raumvorstellungen und Ordnungsmuster. Hypertext und Multi-Medialität werden zielgerichtet und in der Regel wenig kreativ eingesetzt. Der Schwerpunkt liegt angesichts des skizzierten besonders akuten Kommunikationsbedarfes (fehlende Öffentlichkeit, räumlich desintegriertes Staatsgebiet, diasporische Kultur) auf der Ebene der Inhalte und weniger der medialen Strukturen und Funktionen. Ungeachtet seiner praktischen Popularität und pragmatischen Bedeutsamkeit enthalten die Aussagen von MedienmacherInnen und NutzerInnen bezüglich der Bedeutung des Internet oft eine aggressive Skepsis angesichts seiner (angeblich) kommerziellen und kulturnivellierenden Aspekte.

Letzteres wird bezogen sowohl auf den Einfluss der westlichen Kulturmuster und Inhalte als auch auf die im Internet weit verbreitete Laien-Kultur, die als qualitativ minderwertiger "Müll“ eingestuft wird. Hier bricht sich eine bis heute wirksame Ausrichtung auf die "Hochkultur“ Bahn, die ihre Urgründe in der sowjetischen Kulturpolitik hat. Paradoxerweise bedingt jedoch gerade diese traditionelle Mediennutzung den besonderen Reichtum des russischen Internet: die hohe Anzahl der Inhalte (beispielsweise in den reich bestückten Internet-Bibliotheken und Zeitschriften) sowie die Dichte seiner Kommunikationen verdankt sich damit den oben angeführten Defiziten der kulturellen Infrastruktur.

In diesem Sinne nehmen die kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einen massiven Einfluss auf die technischen Formate selbst, wie Evgenij Gornyjs Studie der russischen LiveJournal Community, Olga Gorjunovas Analyse des subkulturellen Publikationsforums Udaff.com oder Natalja Konradovas Arbeiten zu graphomanischen Literaturforen deutlich machen.

Gornyjs Studie illustriert, wie die spezifischen Kommunikationsbedürfnisse der russischen Blogger-Community ein für den amerikanischen Markt entwickeltes Produkt modifizieren. Diese Spezifik besteht nach Gornyj in einem stark ausgeprägten Kollektivismus und einer dementsprechend stärker auf Gemeinschaftsbildung abzielenden Nutzung der Webtagebücher. Im Gegensatz zu Gornyj begründen Konradova und Gorjunova die Besonderheiten der kulturellen Produktion im russischen Internet weniger anhand eines wie auch immer definierten "nationalen Charakters“, sondern aus den gesellschaftlichen Bedingungen. Als Erklärungsansätze für spezifische Ausprägungsformen weist Konradova auf das Fehlen gesellschaftlicher Kommunikationsforen und Öffentlichkeitsstrukturen hin, während Gorjunova in den von ihr analysierten gegenkulturellen Praktiken nicht zuletzt eine Reaktion auf das Eindringen kapitalistischer Wirtschaftsformen nach Russland sieht.

Anhand der Analyse so unterschiedlicher Erscheinungsformen wie der subkulturellen Protestkultur und den graphomanischen Literaturforen kommen die Autorinnen zu parallelen Einsichten. Die Internet-Portale stimulieren die Produktion einer eigenen, nur im Internet denkbaren Kultur. Sie definieren durch ihre technischen und strukturellen Vorgaben das Genre der Texte. Rubrizierung, Textformat, technische Umsetzung, Kommentar- und Selektionsmechanismen beeinflussen die Erscheinungsform der Werke, die im Offline nicht publikationsfähig sind. Im Falle des von Olga Gorjunova analysierten subkulturellen Forums "Udaff.com", das massiv nationalistische, sexistische, rassistische und homophobe Texte hervorbringt, ist eine Integration in die Offline-Kontexte aufgrund normativer Verletzungen der political correctness ausgeschlossen. Im Falle der von Natalja Konradova untersuchten literarischen Foren werden die normativen Vorgaben und gesellschaftlichen Wertsetzungen zwar strikt beachtet, doch entsprechen die Werke nicht den von den kulturellen Institutionen festgelegten Qualitätskriterien und werden als dilettantisch und graphomanisch aus dem legitimierten Textkorpus ausgeschieden. Ungeachtet der praktizierten Normverletzungen (im Bereich der political correctness, der gesellschaftlichen oder der ästhetischen Werte) spiegeln diese Formen kultureller Aktivität immer auch Trends des gesellschaftlichen Mainstreams wider, die jedoch aus den verschiedensten Gründen aus dem offiziellen kulturellen Bewusstsein verdrängt werden.

Schmidt / Teubener betonen in einer Fortführung der Ansätze des Soziologen Oskar Negt sowie des Medienproduzenten Alexander Kluge den Wert dieser virtuellen Laien-Kultur, die sich – bewusst oder unbewusst - außerhalb des kapitalistischen Verwertungsprozesses stellt und damit der Spezifik des Mediums Internet in besonders hohem Maße entgegenkommt. Als Bestandteil eines weit gefassten Widerstandsbegriffs, der die scheinbar unspektakulären Artikulationen und eigensinnigen Manifestationen von individueller Erfahrung mit einschließt, stellen diese eine Herausforderung für die funktionierenden Kommunikations- und Informationsmärkte – mit samt ihren kulturellen Eliten – dar.

Innerhalb dieses Sektors der eigenproduzierten Webressourcen lässt sich für den untersuchten Zeitraum 2003-2005 und den Kontext des russischen Internet eine signifikante Tendenz festhalten, die von der Erstellung privater Homepages zur Teilnahme an professionell gemanagten Kommunikationsplattformen führt [vgl. auch Gornych/Usmanova]. Die Analyse von 80 Websites in der Regel privaten, in fast allen Fällen nicht-kommerziellen Profils zeugt von einem ausgeprägten Ressourcen-Sterben. Nach einer Phase des euphorischen Aufbruchs erlahmen die Aktivitäten der in der Regel aus reinem Enthusiasmus betriebenen Projekte mit den wachsenden organisatorischen und finanziellen Belastungen. In dieser Hinsicht hat das Internet die in es gesetzten Hoffnungen einer alternativen, weil vergleichsweise günstigen und leicht zu handhabenden Publikationsmöglichkeit enttäuscht. Es wird deutlich, dass ohne eine wie auch immer geartete institutionelle Anbindung, verbunden mit einer organisatorischen oder finanziellen Förderung, individuelle Internetprojekte kaum über einen längeren Zeitraum am Leben erhalten werden können. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung lässt sich eine Tendenz konstatieren, die wegführt von den in zeitlicher und finanzieller Hinsicht aufwendigen individuellen Projekten und Homepages hin zur Nutzung von professionellen, kostenfreien oder kommerziellen Kommunikationsservices wie etwa den virtuellen Tagebüchern (Blogs) oder professionell betriebenen Selbstpublikationsforen. Diese Tendenz ist unseres Erachtens allerdings kein Merkmal einer spezifischen russischen Netzkultur, sondern von allgemeiner Relevanz. Vor diesem Hintergrund ist die Analyse der strukturellen Besonderheiten dieser Portale, die aus der Anwenderperspektive oft unbemerkt bleiben, von besonderer Bedeutung, wie die Analysen von Natalja Konradova zu den literarischen Foren, von Olga Gorjunova zu den subkulturellen Netzpraktiken und von Evgenij Gornyj zum Webtagebuch-Service des LiveJournal unterstreichen.

Dass "Authentizität" im Sinne eigenproduzierter Medieninhalte auch für kommerzielle Anbieter und politischen Auftraggeber von Internet-Dienstleistungen einen hohen Wert darstellt, macht die exemplarische Analyse von Internet-Projekten deutlich, die der Erinnerung an den zweiten Weltkrieg in Deutschland und Russland gewidmet sind. In den Projekten zu den 60-Jahr-Feiern anlässlich des Kriegsendes ist länderübergreifend eine starke Ausrichtung auf Interaktivität und damit Authentizität spürbar. Diese Konzeption zielt ab auf eine Verankerung des Kriegs im persönlichen Erleben des Einzelnen sowie in der kollektiven Wahrnehmung, insbesondere der nachfolgenden Generationen. In diesem Sinne zeichnet alle diese Projekte neben dem Ziel der Information dasjenige eines Archivs persönlicher Lebenserfahrungen aus, das damit zum medial dokumentierten kollektiven Gedächtnis wird. Das Internet übernimmt hier die Funktionen von Datenbank, Archiv, Kommunikationsraum und Denkmal.

Im Zuge der Professionalisierung des Internet und der zunehmenden Medienkonvergenz werden die großen Internet-Projekte und Mega-Portale immer mächtiger und verdrängen mit ihrer Meinungsmacht die kleinen Projekte von Enthusiasten und Laien. Nicht zufällig werden die populärsten Internet-Projekte zum Jahrestag des Kriegsendes von Fernsehsendern, Nachrichtenagenturen, kommerziellen Internetanbietern konzipiert und finanziert. Die Auswirkungen der Professionalisierung des Internet für die "Produktion authentischer Erfahrung" sind subtil und damit von besonderer Bedeutung für die Analyse. Die Authentizität des Informationsangebotes wird durch die redaktionelle Bearbeitung oder die technische Ausgestaltung der Formate (Genre der Texte, Länge, Rubrizierung) eine sekundäre. Die großen russischen und deutschen Portale zum Thema 60 Jahre Kriegsende / Tag des Sieges greifen die Besonderheit des Mediums – seine Authentizität – über die Gewährleistung von Interaktivität und Partizipation formal auf, und zwar zwecks, überspitzt ausgedrückt, der Simulation von authentischer Erfahrung. Über den Appell an die "kleine" Geschichte und das persönlich Erleben werden die "großen" Erzählungen der Nation in Szene gesetzt. Dabei sollten die glatten Oberflächen des professionellen Designs nicht über die subtilen Wirkungsmechanismen der Multi-Media-Plattformen hinwegtäuschen, die Kommunikation sozusagen "mit unsichtbarer Hand" straff strukturieren. Hier wird erneut deutlich, dass die Verknüpfung der von Waldenfels genannten Hypostasen des Fremdheitsbegriffes in Bezug auf den "Besitz“ und die "Art“ von herausragender Bedeutung sind.

Die überwiegende Anzahl der vorgelegten Fallstudien macht zudem deutlich, dass die Tätigkeit im Internet selbst über ein hohes Identifikationspotential verfügt. Neben der allgemeinen Zugehörigkeit zur Gruppe der "UserInnen“, die in Russland bis heute sowohl zahlenmäßig als auch von Einkommen und Bildungsstand her als eine Elite angesehen werden kann, eröffnen sowohl private Homepages als auch größere Gruppenportale eigene Identifikationsangebote. Parallel zu den jeweiligen verhandelten Inhalten – Emigrationserfahrung; Transformationsschock; politische Kritik – wird die Teilnahme an einer bestimmten Gruppe oder community zu einem Identifikationsfaktor an und für sich. In dem Maße, wie die Ressourcen als territoriale Einheiten empfunden werden, verringert sich der Aktionsradius. Es werden individuelle Nutzungspfade angelegt, die in der Regel nur ungern verlassen werden. Die Prozesse dieser Vereinnahmung der amorphen Informationslandschaften verdeutlicht Irina Kaspé in ihrer Analyse der Metapher des "Hauses“, vermittels derer sich die zahlreichen Homepage-BetreiberInnen das "fremde" Medium zu eigen machen.