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Auswertungen | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Auszüge
aus dem Beitrag zur Theoriebildung: Das Eigene und das Fremde in seiner Bedeutung für die Analyse der massenmedialen Gesellschaften Das "Eigene“ und das "Fremde“ existieren nicht
als Begriffe oder Erfahrungen an und für sich, sondern sie ergeben
sich aus den individuellen und kollektiven Erinnerungen und Erfahrungen,
den kulturellen Traditionen und aktuellen Lebenswelten. Die Rede von
"dem Fremden“ muss in der Konsequenz, so der Philosoph Bernhard
Waldenfels in seinem Buch zur Topographie des Fremden, radikal kontextualisiert
werden. Im Rückgriff auf die verschiedenen semantischen Füllungen
des Begriffs des "Fremden“ in den unterschiedlichen Nationalsprachen
gelangt Waldenfels zu folgender kategorialer Differenzierung: "Es
sind [...] die drei Aspekte des Ortes, des Besitzes und der Art, die
das Fremde gegenüber dem Eigenen auszeichnen.“ [Waldenfels
1997, 20]. Mit Blick auf die modernen Massenmedien kommt allen drei
Hypostasen dieses Fremdheitsbegriffes eine zentrale Rolle zu. Das Fremde und der Aspekt des Besitzes: Informationstechnologie ist Herrschaftstechnologie. Verfügungsmacht über die Darstellung und die Kommunikation der Fremd- und der Eigenbilder wird zu einer strategischen Ressource auf den Märkten der kulturellen Kommunikationen. Der Aspekt des materiellen Besitzes oder der Teilhabe an den Produktionsmitteln der medialen Öffentlichkeiten wird damit zu einer zentralen Frage bezüglich der Analyse der Formen der (Selbst)Repräsentation. In den Kulturwissenschaften mit ihrer starken Ausrichtung auf die Betrachtung des kulturellen und symbolischen Kapitals [Bourdieu 1999] wird diese Hypostase des Fremdheitsbegriffes oft eher vernachlässigt. Eine Analyse der materiellen und gesellschaftlich bedingten Eigentumsverhältnisse ist dagegen stärker in der Soziologie verankert. So gehen etwa Negt / Kluge davon aus, dass gegenüber den großen Massenmedien, die nur Teile der Wirklichkeit wiedergeben, selektiv und nach Wertrastern, Kulturkritik nur wirksam ist, wenn sie in Produktform auftritt. "Ideen können nicht gegen materielle Produktion kämpfen, wenn diese die Bilder okkupiert.“ Wirksame Gegenproduktion müsse folglich drei Bedingungen erfüllen: "(1) sie muß in die Stärke des Gegners eingehen; (2) sie muß zusammenhängender sein, weil sie dem Gegner an Kapital zunächst unterlegen sein wird; (3) sie muß dezentral organisiert sein, da die zentralen Vorteile beim Gegner liegen.“ [Kluge 1985, 125] Vergleichbar der Utopie von der "Ortlosigkeit des Internet“ ist auch die idealisierende Vorstellung von der Schaffung einer "besseren Gesellschaft“ vermittels der globalen Datennetzwerke in die Kritik beziehungsweise durch empirische Untersuchungen unter Druck geraten. Die Verfügungsgewalt über die "eigene“ Repräsentation gegenüber fremdbestimmter medialer Darstellung ist dennoch von zunehmender Relevanz – ungeachtet aller berechtigter Skepsis gegenüber einzelnen Formen ihrer Ausgestaltung. Ihre besondere Bedeutung entfaltet sie im Rahmen der jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ordnungen. Das Fremde und der Aspekt der "Art“: transterritoriale
Zugänglichkeit und materielle Verfügbarkeit von Kommunikationstechnologie
alleine sind keine hinreichenden Bedingungen für die produktive
Auseinandersetzung mit Fremden. "Neue“ Medien haben in der
Geschichte der Menschheit immer Entfremdungsängste hervorgerufen.
Das Internet als das – vorläufig – letzte Glied in
der Kette spektakulärer medialer Innovation ruft mit seiner scheinbaren
Grenzenlosigkeit, seiner "Ubiquität“, seiner entkörperlichten
"Telepräsenz“ und hohen Komplexität starke positive
oder negative Emotionen hervor. Im Sinne der geforderten wissenschaftlichen Kontextualisierung sind die von Waldenfels abgeleiteten Hypostasen der Fremdheitsbegriffs – des Ortes, des Besitzes und der Art - zueinander in Bezug zu setzen. Eine solche verknüpfte Betrachtungsweise kann beispielsweise deutlich machen, wie die Akzeptanz der Medien über Metaphorisierungen beeinflusst wird, um konkrete materielle Besitzverhältnisse und Nutzungsweisen zu beeinflussen. Kulturelle Identität und Mediennutzung Die wissenschaftliche Essenz und Tragfähigkeit des Begriffs der kulturellen Identität ist stark umstritten. Peter Wagner sieht stellvertretend für die Riege der Skeptiker die Popularität des Begriffs als Symptom einer Krise der Sozial- und Geisteswissenschaften selbst [Wagner 1999]. Jedoch deutet die hartnäckige Resistenz des Terminus gegenüber jeglichen Versuchen seiner Dekonstruktion auch auf seine offensichtliche Verwurzelung in den individuellen und kollektiven Erfahrungswelten hin. Kulturelle Identität ist dennoch keine "Wirklichkeit“, sondern ein Konstrukt, Ergebnis einer "Identitätspolitik“ von "oben“, im offiziellen Diskurs, wie von "unten“, im persönlichen Erleben. Sie ist als Phänomen damit empirisch nicht beweisbar, entfaltet jedoch auf der Ebene der individuellen und gemeinschaftlichen Imaginationen eine real wirksame Kraft. Unter kultureller Identität verstehen wir den Prozess der Produktion von Sinnzuschreibungen und Erklärungsmustern, die es erlauben einen Bezug mit sich selbst (personale Identität) sowie mit anderen (kollektive Identität) herzustellen. Identität ist kein statisch fixierbarer Zustand, sondern einen prozessualer Akt, der in gleichem Maße in die Vergangenheit wie in die Zukunft gerichtet ist. Dieser Sinnstiftungsprozess ist durch drei Komponenten gekennzeichnet: Konstruktion, Performanz und Kommunikation. Dabei sind personale und kollektive Identität zwar zu unterscheiden, stehen jedoch in einem komplexen - metaphorisch vermittelten - Verhältnis zueinander. Der Identitätsbegriff unterliegt zudem einer historischen Wandlung
und ist kulturgebunden. Peter Wagner weist in seiner Standortbestimmung
daraufhin, dass Identität in unserem heutigen Sinne ein Produkt
der Moderne ist. In der Bindung des Begriffs an die Epoche der Moderne
wird die Kategorie der Identität radikal relativiert und ihr anthropologischer
Grundcharakter in Frage gestellt. Die Empfindung von "Identität“
wird gebunden an eine bestimmte Epoche und einen Kulturkreis (den europäischen)
und in einen Wirkungszusammenhang mit den medialen "Revolutionen“
gebracht, wie etwa dem Buchdruck als Manifestation des autonomen Subjekts.
Die Medien als menschliche Extensionen - oder Prothesen zur Überbrückung
von Zeit und Raum [McLuhan] - eröffnen erweiterte Artikulationsmöglichkeiten
für personale und kollektive Identität.
Wahl oder Schicksal: Die Antinomie von "Wahl“ versus "Schicksal“ wird in erster Linie durch die in den Sozialwissenschaften verbreitete Grundopposition von zugeschriebenen (ascribed) und erworbenen (achieved) Merkmalen konstituiert [Wagner 1997, 58]. Scheinbar natürlich gegebene Merkmale der Rasse oder des Geschlechts stehen graduell freier gestuften Merkmalen wie denjenigen der Sprache und der politischen Zugehörigkeit gegenüber. Auch die scheinbar "natürlichen“ Identitäts- und Unterscheidungsmerkmale werden jedoch als solche durch "Zuschreibung“ wirksam. Vor diesem Hintergrund stelle sich nicht zuletzt die Frage nach der "Handlungsfähigkeit“ des Menschen angesichts "vorgeprägter“ personaler und kollektiver Identitätsmuster [ebd.]. Die Identitätsmuster wirken sowohl "handlungsleitend“ als auch "handlungshemmend“, in dem Handlungs- und Reaktionsmuster beachtet werden müssen. "Die Vermutung, ‚Identität’ diene als Zeichen für die Frage nach der (individuellen oder kollektiven) Handlungsfähigkeit des Menschen, liefert das erste Element der Bestimmung des Ortes des Identitätsbegriffs in den Sozialwissenschaften“ [Wagner 1997, 60]. In dieser Argumentation liegt für uns das entscheidende konzeptionelle Bindeglied, das eine kombinierte Analyse von Identitätskonstruktion und Gesellschaftskonzeptionen/Öffentlichkeitskonzepten als sinnvoll erscheinen lässt. Autonomie oder Herrschaft: die Annahme von der "Autonomie“ des Subjekts und damit der Konstanz der Identität und der daraus folgenden Handlungsfähigkeit ist nach Wagner einer der prinzipiellen Bestandteile des "modernitätstheoretischen“ Diskurses. Er steht damit in einer beständigen Opposition zum Differenz-Diskurs, der die Kehrseite dieser "Autonomie“ fokussiert, indem auf die "Herrschaftspotentiale“ und Ausgrenzungsmechanismen hingewiesen und deutlich gemacht wird, dass "die reklamierte Gewinnung von Autonomie nur durch die Markierung von (asymmetrischer) Differenz und damit durch die Ausgrenzung und Ausschließung des Anderen möglich ist.“ [Wagner 1997, 62] Konstruktion oder Realität: die genannten Antinomien von "Wahl“ und "Schicksal“ sowie "Autonomie“ und "Herrschaft“ weisen hin auf die von Wagner als dritte Antinomie positionierte Fragen nach der "Realität der Identität“ [Wagner 1997, 63], die je nach Standpunkt als ontologisch gegeben oder gesellschaftlich konstruiert interpretiert wird. Ein "realistisch“ oder "ontologisch“ gefasster Identitätsbegriff wird in den kultur- und sozialwissenschaftlichen Theorien alternativ als ein “essentialistisches” Weltbild bezeichnet: “the notion that what we are is innate and unique”, wie Simon Franklin und Emma Widdis in ihrem Buch National Identity in Russia schreiben [2004, 7]. Die von Franklin und Widdis herausgegebenen Analysen und Fallstudien, beispielsweise des spezifischen Zeit- und Raumverständnisses in der russischen Kultur, formulieren die These, dass diese über die Jahrhunderte in einem hohen Maße durch eine solche essentialistische Weltsicht geprägt ist.
Von zentraler Bedeutung für die Untersuchung der kulturellen Identität mit Bezug auf Russland ist die von Peter Wagner herausgestellte Verbindung von Identitätsdiskurs und Moderne. Der Modernisierungsprozess verläuft in Russland in anderen Bahnen als in Westeuropa. Die These von seiner "verspäteten Modernisierung“ [Franklin / Widdis 2004, 5], mit Blick auf kulturelle wie technologische Innovation im Sinne der Philosophie der Aufklärung, der Industrialisierung, der Globalisierung, verabsolutiert in ihrer Zuspitzung die westeuropäische Perspektive, doch ist ihre grundsätzliche Relevanz nicht zu bestreiten. In der Konsequenz, so Franklin und Widdis, reproduzieren die russischen Identitätsdiskurse beständig den fremden Blick auf sich selbst: "A great deal of Russian culture is – explicitly or implicitly, to a greater or lesser extent – self-referential, about Russia or indicative of “Russianness’.“ [ebd., 8] Russland entwickele eine spezielle "Kultur der Übernahme ‚fremden’ Gedankengutes“. Die postsowjetischen Identitätsdiskurse spiegeln damit die Reaktionen auf eine dreifache Herausforderung:
Die Beiträge des genannten Sammelbands von Franklin und Widdis
illustrieren die daraus resultierenden Spannungen "between visions
of chaos and order, conquest and freedom, openness and domestication”
[ebd., 8]. Diese Oppositionen von Chaos und Ordnung, von Eroberung und
Freiheit, von Offenheit und Herrschaft lassen sich unschwer in Deckung
bringen mit den von Wagner allgemeiner formulierten Antinomien "Wahl
und Schicksal“, "Autonomie und Herrschaft“ sowie "Realität
und Konstruktion“. Vergleichbar der Herausforderung des personalen wie kollektiven Identitätsbegriffs durch die Modernisierung der Gesellschaft, bedingt das Internet dessen zusätzliche Problematisierung. Der Zusammenhang von Internet und Identität ist von Relevanz:
Die mit den beiden Betrachtungsebenen verbundenen Schlagwörter der "Virtualität / virtuellen Identitäten“ und "Globalisierung / Unifizierung der Kulturmuster“ sind positiv wie negativ stark wertend. Während beispielsweise Manuel Castells [1997] eine negative Opposition zwischen Identität und Internet herausstellt, definiert Nils Zurawski den Zusammenhang von Identität und Netzwelt positiv [Zurawski 2000]. In ersterem Falle erscheint die Globalisierung eine Bedrohung für lokale Identitäten, die in einem Umkehr-Schluss kulturelle Anti-Körper bilden um dem medialen Angleichungsdruck zu widerstehen. In letzterem Falle wird Identität als ein Konstrukt begriffen, als eine performative Tätigkeit, die in den Netzwerken große Potential zu ihrer Verwirklichung findet. In jedem Falle scheint die Frage der (kulturellen) Identität sowohl auf der personalen als auch auf der kollektiven Ebene herausgefordert zu sein, wobei diese "Problematik“ positiv oder negativ erfahren werden kann. Mit einem gewissen Grad an Abstraktion lässt sich formulieren: Während eine eher relativistisch angelegte Kultur im Internet einen erweiterten Aktionsraum entdeckt, erfährt eine eher essentialistisch ausgerichtete Kultur einen primär schockhaften Impuls. Mit Blick auf Russland lässt sich damit eine doppelte Reizung des Selbstbildes durch Systemtransformation und medialen Wandel annehmen. Folglich interpretieren wir das Internet nicht primär als ein technisches Kommunikationsmedium, sondern als ein Kulturmodell. Die technologischen Charakteristika des Internet werden in seinen sozialutopischen oder anti-utopischen Aneignungen mit spezifischen Semantisierungen belegt – mit den jeweils entsprechenden positiven oder negativen Konnotationen.
In Abhängigkeit vom dominanten Weltbild, der kulturellen Identität, wird das Medium in der Konsequenz als "eigen“ oder als "fremd“ empfunden. Dabei sind innerhalb des Modells die verschiedensten Abstufungen und Merkmalskombinationen möglich. Die Herausforderung durch das Fremde Es existiert, wie bereits skizziert, keine objektivierbare Position, an der sich das "Eigene“ vom "Fremden“ scheidet, denn dieser Unterscheidung geht zwangsläufig immer erst eine Selbstdefinition voraus. Hierin liegt das besondere Potenzial des Fremden begründet, seine Provokation, die auch Aggression hervorrufen kann [Waldenfels 1997, 52] So verstanden ist die Erfahrung von Fremdheit infektiös, sie dringt in das Innere einer Kultur ein. Gerade diejenigen Gesellschaften und Gesellschaftsformen, die einem essentialistischen Weltbild anhängen, sehen sich ihn ihrer "wesenhaften“ Identität durch das Fremde in einem höheren Maß provoziert. "Das Bild des Internet wurde nach den gleichen Prinzipien konstruiert, wie das Bild des Fremden in der Gesellschaft, des Ausländers, des Außerirdischen, des Irren“ – dieses Zitat des russischen Internet-Journalisten Sergej Kuznecov illustriert beispielhaft eine solche Konzeptionalisierung des Internet als "artfremd“ im öffentlichen Diskurs.
Die im Antragspapier ausführlich dargelegten Fragestellungen konzentrieren sich auf drei Themenschwerpunkte 1) Internet und gesellschaftliche Kommunikation 2) Internet und regionale / lokale Identität und 3) Internet und transterritoriale Identität, die mit Blick auf den russischen Kontext untersucht werden. Die wichtigsten Ergebnisse sowie die innerhalb des Projekts erstellten zentralen Publikationen werden im Folgenden anhand der im Antragspapier formulierten Leitfragen zusammenfassend vorgestellt:
Personale und kollektive Identitäten manifestieren sich, wie oben
skizziert, nicht nur über die verschiedenen medialen Kanäle,
sondern gemäß des bis heute produktiven Ansatzes von Marshall
McLuhan in ihnen. In der Konsequenz kann unterschieden werden, zwischen
den für die Herausbildung und Manifestation von Identitäten
prägenden Inhalten, die über die Medien verbreitet werden,
und den medialen Funktionsweisen, die auf einer vorgelagerten Ebene
deren Produktion und Rezeption bestimmen. Die Implementation der "neuen“, "westlichen“
Kommunikationstechnologien in Russland zu Beginn der 1990er Jahre fällt
in eine Phase der gesamtgesellschaftlichen Transformation. Die technischen
Funktionsweisen des Internet, seine Komplexität, Vernetztheit und
dezentrale Struktur, nehmen vor dem Hintergrund des vertikalen, zentrierten
und eindimensionalen System der Sowjet-Ära den Charakter eines
alternativen Kulturmodells an. Dieses Kulturmodell, von einigen westlichen
wie russischen WissenschaftlerInnen als "postmodern“ klassifiziert
[Kratasjuk 2006, Landow 1997], wird in Abhängigkeit vom individuellen
Weltbild als "eigen“ oder als "fremd“ erfahren.
Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass der Erfahrungsraum Internet bis
heute erst 20 % der russischen Bevölkerung zugänglich ist.
Vor dem Hintergrund dieser Tatsache, dass rund 80 % der russischen Bevölkerung
das Internet nur vom "Hören-Sagen“ kennen, kommt den
metaphorischen Verbildlichungen desselben eine besondere Bedeutung und
Kraft zu. Strategien der Einbettung des Internet in das eigene Weltbild In technischer Hinsicht ist das Internet in Russland ein West-Import.
Während seine Popularität innerhalb der zunächst eng
begrenzten Nutzerschicht gerade durch seinen “ausländischen”,
"exotischen“ Charakter gewährleistet wurde, wurde es
im Verlauf der Zeit an die eigenen Traditionen und Bedürfnisse
angepasst. Dieser Prozess begann mit der technischen Anpassung der Computercodes
und Internetstandards an die Erfordernisse des kyrillischen Alphabets.
Während die ersten russischen Internetpublikationen noch in lateinischer
Transkription verfasst werden mussten, wurden seit der Mitte der 1990er
Jahre über spezielle Kodierungen und Transkriptionsprogramme die
Bedingungen für eine uneingeschränkte Nutzung der Internet-Dienste
in kyrillischer Schrift geschaffen. Mit der für die Zukunft vorgesehenen
Registrierung russischer Domain-Names in kyrillischer Schrift wird dieser
Prozess der technischen Russifizierung weitgehend abgeschlossen sein.
Auf der Ebene der inhaltlichen Strukturierung entwickelten sich parallel
russischsprachige Suchmaschinen, Internetkataloge und Informationsdienste. "Nationalisierung“ des Mediums Auf der diskursiven und selbst-reflexiven Ebene lässt sich eine vergleichbare Tendenz zur Einschreibung in die kulturellen und nationalen Kontexte beobachten. Mit fortschreitender Nutzung wird das Medium auch ideell in den eigenen Kulturraum eingepasst. Idealtypisch lässt sich dies an den Arbeiten des Kulturwissenschaftlers Michail Epštejn illustrieren, der in seinen Publikationen zur Spezifik des russischen Internet das gesamte Spektrum der russischen Geistesgeschichte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als Erklärungsmuster heranzieht. So führt er beispielsweise das religionsphilosophische Konzept der "Sobornost’“ [russ.: von "sobor’“ = Kathedrale, Versammlung], das die Grundopposition von Individuum und Kollektiv in einer neuen Form der gesellschaftlichen Kommunikation überwinde, als einer Urform der heutigen Netzwelten an. Im Internet werde diese als "elektronische Sobornost’“ realisiert. Die vernetzten Strukturen des Internet, die Vermischungen zwischen Privat und Öffentlich, von Individuum und Kollektiv, stimmen, gemäß dieser Interpretation, überein mit dem russischen Kulturmodell als einer organisch geprägten Form der gesellschaftlichen Interaktion. "Polyphonie“, "All-Einheit“, "Kosmismus“, "Noosphäre“, "Sophismus“ – die Reihe der ideengeschichtlichen Konzepte, die Epštejn anführt, weist eklektizistische Züge auf. Seine Argumentation gipfelt in der These, dass nicht nur die russische Kultur eine Affinität zum Internet als Kulturmodell aufweise, sondern dass umgekehrt sogar eine "Substanz des Russischseins“ in den internationalen Netzwerken gegenwärtig sei. Relativierend ist anzumerken, dass die genannten Arbeiten Epštejns in die Zeit der frühen Internet-Euphorie fallen und heute wohlmöglich nüchterner ausfallen würden. Epštejns Versuch der Konzeptualisierung des Internet in Bezug auf die russische Kultur ist dennoch – als Zuspitzung – von Bedeutung:
Das Internet wird hier nicht mehr als das exotische Andere interpretiert, sondern im Gegenteil als das quasi natürliche "Eigene“, das nationaler und kultureller Tradition entspricht. Der Reiz des Fremden verblasst, an seine Stelle tritt der Versuch, das zunächst Neue über die Einpassung in bekannte Termini in das eigene Erfahrungsbild einzupassen. Der offizielle russische Diskurs in Bezug auf das Internet weist einen – auf den ersten Blick - paradoxen Doppelcharakter auf. Er zeichnet sich zum einen durch Monumental-Rhetorik und Einschreibung in die normierte Hochkultur aus. Zum anderen aber ist er geprägt durch die Nutzung von Metaphern der Furcht – der Darstellung des Internet als gefährlichem Spinnen-Netz, als Informationsozean im Besitz der Copyright-Piraten, als Massenvernichtungswaffe in Händen der Terroristen. Diese Furcht erregenden Bilder lassen eine potenzielle Kontrolle nicht nur notwendig, sondern aus der Perspektive der NutzerInnen sogar zwingend notwendig erscheinen.
Beide der skizzierten Diskurse entsprechen sich, indem sie eine - in unterschiedlichem Maße ausgeprägte - essentialistische Weltsicht reproduzieren, d.h. die kulturellen Spezifika des "Russischseins“ als gegeben und feststehend, als dominant gegenüber der technischen Komponente interpretieren. Im Sinne des Kultursoziologen Pierre Bourdieu kann man hier von der prägenden Macht des Habitus sprechen, dessen unbewusste Denkmuster scheinbar disparate Phänomene zueinander in Bezug setzt [Bourdieu 1999]. Problematisch wird eine solcher Kulturessentialismus insbesondere dann, wenn er mit einer normativen Positionierung verbunden wird und einer politischen Funktionalisierung unterliegt. So wird beispielsweise innerhalb von Teilen der russischen Netzgemeinschaft die Ablehnung des Copyrights im westlichen Sinne als Kampf gegen die Überfremdung der russischen Kultur durch westliche Rechtsvorstellungen gestellt. Oder im offiziellen Diskurs werden die über das Internet vermittelten globalen – sprich: überwiegend englischsprachigen Termini und Kulturprodukte - im Sinne einer Überfremdung der russischen Hochkultur abgelehnt. Wider eine Ethnisierung der Mediennutzung Parallel zu den geschilderten Tendenzen einer Einschreibung des Mediums in den nationalen Kontext, die argumentativ weniger auf ökonomischen, (medien)politischen oder gesellschaftlichen Umständen als auf mentalen Konzepten basiert, lässt sich jedoch auch die dezidierte Ablehnung eines "russischen Sonderwegs“ im Internet konstatieren. Das Internet diene in Russland wie weltweit primär der internationalen Kommunikation. Es funktioniere nach den selben Kriterien und werde sich – unter der Voraussetzung vergleichbarer ökonomischer und politischer Rahmenbedingungen – auch nicht anders entwickeln [Iwanow 2004, Losewa in Busse 2005]. Eine "Ethnisierung“ des Mediums unter Rückgriff auf abstrakte kulturelle Traditionen oder Mentalitäten wird als diskriminierend abgelehnt. Eine solche Herangehensweise reproduziere Stereotypen, denen die Akteure nicht zuletzt vermittels der Teilnahme an den Prozessen der kulturellen Globalisierung endlich zu entkommen suchten. Versuche, auch in diesem scheinbar neutralen Bereich der Technik noch nationale Spezifika ausfindig machen zu wollen, werden mit Skepsis und sogar mit Unbehagen beobachtet, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Identitätssuche, die oft skurrile Blüten treibt. Die einzigen Unterscheidungskriterien und Differenzparameter, die hier zugestanden werden, sind technischer, wirtschaftlicher oder politischer Art. Mit Bezug auf die politische Situation sei die Spezifik der Medienlandschaft ausschlaggebend, in der ein staatlich dominiertes Fernsehen und eine hochgradig regulierte Printpresse das Internet als ein besonders attraktives Kommunikations- und Publikationsmedium erscheinen lassen. In der Konsequenz ist die "Spezifik“ des russischen Internet nicht allein auf der Ebene seiner praktischen Nutzungsweisen zu verorten, sondern auch auf der Ebene der Prozesse der Identitätsbildung selbst, wie Ekaterina Kratasjuk in aller Deutlichkeit herausstellt:
Die Bedingtheit der Theoriebildung Die von Kratasjuk gestellte Frage findet in den Beiträgen der AutorInnen und Projekt-PartnerInnen gänzlich unterschiedliche Antworten. Während Gornyj und Goroshko, aber auch Bowles, Schmidt und Teubener eine prinzipielle Eigenheit des russischen Internet formulieren, vertreten Gorjunova und insbesondere Konradova, Kratasjuk und Ousmanova/Gornych eine Position, die stärker die global wirksamen Faktoren akzentuiert und sich von einer "Nationalisierung“ des Diskurses über das russische Internet dezidiert abgrenzt. Usmanova und Gornych bringen diesen Standpunkt am prägnantesten zum Ausdruck: für sie liegt die Besonderheit des russischen Internet gerade darin, dass es als exzessive Kopie westlicher Standards die Funktionsweisen globaler Technologie und Ideologie sogar besonders deutlich darstellt. Die Kontroverse, die zu lebhaften Diskussionen innerhalb der Projektgruppe führte, trennte nicht nur "Ost“ und "West“, sondern auch die osteuropäischen WissenschaftlerInnen untereinander. Einige der russischen oder ukrainischen KollegInnen weisen darauf hin, dass beispielsweise postmoderne und relativistische Identitätskonzepte in der russischen Wissenschaft über keine nennenswerte Tradition verfügen [Goroshko, Gornyj]. Andere lehnen eine Weiterschreibung der kulturellen Stereotype von der Literaturzentriertheit oder dem inhärenten Kollektivismus der russischen Kultur vehement ab [Kratasjuk, Konradova, Gornykh / Usmanova]. Die konträren Sichtweisen werden in den Publikationen des Projektes nicht auf einen Nenner gebracht, sondern die Differenzen im Gegenteil bewusst akzentuiert. Die Internetforschung als eine noch junge "Transdisziplin“ ist selbst Bestandteil der gesellschaftlich begründeten und bisweilen ideologischen Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Medien und Gesellschaft. Diese Kontroversen sind ein wichtiger Bestandteil des Projektes und veranschaulichen die Bedingtheit der Theoriebildung selbst. Zentralität und Konzeptualisierungen von Raum Mit Blick auf die statistischen Daten zur Internet-Nutzung in der Russischen
Föderation reproduziert sich das wirtschaftliche, gesellschaftliche
und kulturelle Gefälle zwischen den Metropolen und den Regionen
auch im Internet, allerdings mit abnehmender Tendenz. In den Jahren
2003-2005 stieg der Prozentsatz der Bevölkerung, der Zugang zum
Internet hat, im Landesdurchschnitt von 10 auf 20 Prozent. In Moskau
hingegen sind im Jahr 2005 über 40 Prozent der Bevölkerung
regelmäßig online. Bezüglich der einzelnen Regionen
ergibt sich ein differenziertes Bild – die Zahlen schwanken zwischen
5-35 Prozent, in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen und sozialen
Struktur der betroffenen Gebiete [vgl. Stiftung für Meinungsforschung
FOM, Die faktische Entwicklung des Internet in Hinblick auf die Förderung partizipativer Gesellschaftsstrukturen über eine möglichst breite Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen wird von Soziologen und Medienwissenschaftlern eher kritisch beurteilt. Zu Recht, wie die Daten nicht nur für die Russische Föderation, sondern auch im weltweiten Vergleich zeigen. Die globalen Datennetzwerke, so der Tenor der Kritiker, verstärkten letztlich die materiellen und sozialen Ungleichheiten, indem sie den ökonomischen und politischen Machthabern besonders geeignete Mittel zur Mehrung ihres Einflusses und zur Erweiterung ihrer territorialen Spielräume zur Verfügung stellten. Manuell Castells bringt dies in seiner Studie zur russischen "Netzwerkgesellschaft“ aus dem Jahr 1998 in aller Schärfe zum Ausdruck [Castells 1998]. Er kommt in der gemeinsam mit E. Kiseleva verfassten Studie zu einem ernüchternden Fazit: der gesellschaftliche Raum im zeitgenössischen Russland differenziere sich in eine Reihe von "globalen Knotenpunkten“, in der Regel städtischen Charakters, die an den internationalen Strömen von ökonomischem, kulturellem und symbolischem Kapital gleichberechtigt teilhaben, während sich die von diesen Informationsströmen abgeschnittenen Regionen in ihren marginalen Nischen mit Hilfe lokaler Überlebensstrategien über Wasser halten. Die im Rahmen des Projektes durchgeführte Analyse der Diskurse über das Internet, ergänzt durch Website-Analysen regionaler Internet-Ressourcen und eine Vor-Ort-Fallstudie in einigen Städten Sibiriens entsprechen den Ergebnissen und Thesen Castells in Teilen. Zwecks exemplarischer Analyse der regionalen Internet-Nutzung wurden
im Rahmen einer Fallstudie 14 Websites aus dem sibirischen Gebiet analysiert
und Interviews mit 15 RepräsentantInnen lokaler Internet-Portale,
LiveJournals, Nachrichtenagenturen etc.
In ihren Internetrepräsentanzen offenbaren die regionalen Medien ein durchaus wahrnehmbares Selbstbewusstsein als Instanzen der gesellschaftlichen und kulturellen Selbstverwaltung. Die von uns interviewten VertreterInnen der regionalen politischen, medialen und kulturellen Eliten erkennen die Chancen der dezentralen Netzwerke und nutzen sie geschickt. "Den Regionen eine Stimme zu verleihen“, ist eines der artikulierten Ziele. Der Blick auf Moskau und auf die Schaltzentralen der Macht dennoch nur eine Facette unter anderen. Ein weiterer wichtiger Impuls ist die Kontrolle über die Selbstdarstellung im Internet, die unabhängig von zentralen Instanzen vorgenommen werden kann. Dies ist im übrigen im gleichen Maße gültig für die offiziellen Strukturen, beispielsweise das Novosibirsker Bürgermeisteramt, wie für kommerzielle Anbieter und gesellschaftliche Initiativen, die sich der offiziellen Politik entgegenstellen. Das Internet in Sibirien ist, bündelt man die Aussagen und Aktivitäten der Befragten in verallgemeinernder Form, weniger ein globales als ein dezidiert regionales und lokales Medium. Es ist gekennzeichnet durch eine starke inhaltliche Ausrichtung auf die Region, eine Vernetzung der regionalen Medien, die weniger auf Konkurrenz als auf Kooperation setzt. Englischsprachige Angebote finden sich unter den analysierten Seiten eher selten. Die intendierte Zielgruppe ist in der Regel die vor Ort ansässige Bevölkerung. Interessant ist die bisweilen starke Verknüpfung mit der Emigration. Dies belegen sowohl die Analysen der Websites als auch die programmatischen Aussagen der befragten Ressourcenbetreiber und NutzerInnen. Insofern lässt sich unsere Hypothese von der Herausbildung alternativer Kultur- und Kommunikationsräume im virtuellen Raum belegen. Unter Rückgriff auf die in der theoretischen Standortbestimmung angeführte Triade des Fremdheitsbegriffes (Ort, Besitz, Art) wird jedoch auch deutlich, dass Zugänglichkeit und Besitz wichtige, aber keinesfalls alleingültige Faktoren sind. Die "Fremdartigkeit“ des Mediums in Hinblick auf das dominante Kulturmodell macht deutlich, dass für eine Nutzung des partizipativen Potentials des Internet nicht zuletzt die normativen Instanzen ausschlaggebend sind. Die Analyse des offiziellen russischen Diskurses über das Internet, wie weiter oben skizziert, verdeutlicht, dass dieser ein im wesentlichen hierarchisch ausgerichtetes Welt- und Gesellschaftsmodell reproduziert. Besonders anschaulich macht dies die Selbstdarstellung des Föderalen Programms "Elektronisches Russland“ (http://www.e-rus.ru), das programmatisch die Förderung der Mediennutzung in den Regionen zum Ziel hat. Das Logo der staatlich finanzierten Initiative, eine visuelle Kondensation der Förderphilosophie, verbildlicht eine nach wie vor stark zentralistische Sichtweise, die das Land in seiner räumlichen Dimension als tabula rasa darstellt.
Die offizielle Sichtweise spiegelt sich jedoch auch in den Regionen
selbst, wenn beispielsweise vor Ort ansässige Journalisten und
Medienmacher, die sich in ihrer praktischen Arbeit der zentralistischen
Mediendominanz entgegenstellen, gleichzeitig eine Kontrolle der Medien
durch dieselben Machtinstanzen befürworten. Geprägt durch
die immer noch wirksamen Strukturen einer sowjetischen Medienpolitik
und irritiert durch die Überforderungen der plötzlichen Modernisierung
werden Entscheidungsbefugnisse, unter anderem die Kontrolle über
die Medien, nach wie vor an übergeordnete Instanzen delegiert. Basierend auf unseren Website-Analysen erfährt der Begriff der
Grenze im Internet, ungeachtet des Mythos von seiner Grenzenlosigkeit,
eine deutliche Aktualisierung. Die Provokation und die Produktivität
der Grenzstellung – sei sie erzwungener oder freiwilliger Art
– wird in einer Vielzahl von Ressourcen zum Ausdruck gebracht,
nicht zuletzt solchen, die auch territorial in den Randgebieten des
ehemaligen sowjetischen Imperiums angesiedelt sind. Dies manifestiert
sich in erster Linie in den räumlichen Metaphern und Bildern, die
zu diesem Zweck gewählt werden: "Orbita" [russ. Umlaufbahn],
"Kreshatik" [russ. / ukrain.: Kreuzung], "Geopoetischer
Server", "Geokulturelle Navigation" sind nur einige
Beispiele für eine solche Akzentuierung des Raum- und des Grenzbegriffs.
Tatsächlich begreifen sich die an den territorialen Grenzen angesiedelten
Ressourcen auch in ästhetischer Hinsicht als profiliert: die Randstellung
wird produktiv gewendet wird. "Naive Peripherie" und "doppelte
Optik" sind Stichworte dieser Auseinandersetzung. Die russischsprachigen Websites aus dem Baltikum, der Ukraine oder
Kyrgistan bringen die der russischen Identität selbst inhärente
Spannung zum Ausdruck, die, wie Widdis und Franklin deutlich machen,
in der Überlagerung territorialer, ethnischer oder kultureller
Parameter zur Bestimmung der Substanz "des Russischseins"
liegen. Gleichzeitig, oder vielleicht gerade aus diesem Grunde, behält
der Mythos von der Grenzenlosigkeit seine Anziehungskraft, nicht zuletzt
vor dem Hintergrund einer in diversen Emigrationswellen gespaltenen
Kultur. Während die mit dem Internet verbundenen Sozialutopien
zur Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen in Russland,
nicht zuletzt aufgrund der Skepsis gegenüber den "großen
gesellschaftlichen Erzählungen" im Sinne Francois Lyotards,
auf keine große Resonanz stoßen, bleibt die Utopie des einheitlichen
Kulturraums eine der wenigen noch wirksamen projektiven Ideen.
Die Bedeutung der Medien für die kulturelle Identität in der Emigration/Diaspora Die Analyse ausgewählter Webressourcen der russischen Diaspora
zeigt, dass drei zentrale Funktionen der diasporischen Aktivität
im Internet unterschieden werden können: regionale Vernetzung vor
Ort, transnationale Kommunikation mit diasporischen Gemeinschaften weltweit
sowie mit der "Heimat“ und schließlich Repräsentation
innerhalb der neuen "Umgebungskultur“. Die analysierten
Ressourcen weisen eine jeweils unterschiedliche Mischung dieser Funktionen
und Strukturmerkmale auf, wobei sich ein Schwerpunkt im Bereich der
transnationalen Kommunikation ausmachen lässt. Dies erklärt
sich u.a. durch die im Projekt programmatisch vorgenommene Konzentration
auf die Themenbereiche der Kultur und Literatur, die eine hohe Gebundenheit
an die russische Sprache als einem der grundlegenden Merkmale nationaler
oder kultureller Gruppenzugehörigkeit erwartungsgemäß
als dominant erscheinen lässt. Die Intensität der Kommunikationen zwischen den diasporischen
Gemeinschaften selbst sowie mit Russland hat zweifelsohne in alle Richtungen
und in einem rasanten Maße zugenommen, begleitet und unterstützt
durch eine Zunahme der Reisetätigkeit. Die technisch generierte
Nähe und Zugänglichkeit führt dabei keinesfalls automatisch
zu einer Homogenisierung, wie beispielhaft die Analysen von Natal'ja
Konradova und Peter Kovalenko zur Nutzung der elektronischen Publikations-
und Kommunikationsforen durch russische EmigrantInnen deutlich machen.
Vielmehr beeinflussen die örtlichen Lebenserfahrungen die Kommunikationsmuster
in einem hohen Maße und führen in den Foren immer wieder
zu einer Konfrontation zwischen EmigrantInnen und Residenten, die gelegentlich
sogar zu einer Separierung in unterschiedlichen Kommunikations“räumen“
führt. Dieser Differenzierungsprozess ist um so größer,
je stärker der Aktualitätsbezug der Ressource ist. Während
sich Gedächtnisräume, die primär auf die Bewahrung von
Erinnerung ausgerichtet sind, vergleichsweise homogen gestalten, brechen
sich in den auf aktive politische Teilnahme ausgerichteten Foren und
Portalen offene Konflikte Bahn. Angesichts der sich wandelnden gesellschaftlichen
Situation in Russland selbst, die seit dem Amtsantritt des Präsidenten
Vladimir Putin durch eine erhöhte Kontrolle der Medien gekennzeichnet
ist, erhalten die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen,
an denen auch die literarischen communities in einem hohen Maße
beteiligt sind, zwischen im Ausland und im Inland lebenden RussInnen
eine gesteigerte politische Brisanz. Einige der wichtigsten russischen
Internet-Medien werden zudem von EmigrantInnen aus dem Ausland finanziert.
Auf der anderen Seite veranschaulicht eine exemplarische Inhaltsanalyse von Diskussionsbeiträgen (der Website Zagranica) die bisweilen paradoxe Züge tragende Selbstidentifikation der EmigrantInnen:
Die kulturelle Aktivität der russischen Diaspora im Internet illustriert die vielfältigen Identitätsbildungsprozesse, von denen die russische Kultur nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ergriffen wurde, die sie jedoch in ihrer "Kernidentität“ negiert. Die Schwierigkeiten der Klassifikation der Webressourcen bringen diese Brüche und hybriden Identitäten ans Tageslicht: oft erweist sich die Zuordnung einer diasporischen Ressource zu einem oder sogar zu mehreren Kulturkreisen schlicht als unmöglich. Dabei wird auch deutlich, dass die Sprache zwar eines der grundlegenden Identifikationsmerkmale ist, jedoch keineswegs das alleinige oder auch nur das ausschlaggebende, wie der in Deutschland lebende russische Schriftsteller Sergej Bolmat im Interview deutlich macht.
So vertreten beispielsweise Teile der russischsprachigen Schriftsteller
in Israel eine dezidierte Abgrenzung zur russischen Literatur im Lande
selbst, die sie als wesensfremd entgegenstellen. Die virtuelle Begegnung,
vergleichbar der "realen", provoziert Wertkonflikte, die
nicht alleine mit der Hilfe von globalen Erklärungsmustern interpretiert
werden könne, da Facetten der kulturellen und ethnischen Identität,
der (Re)Präsentation und der Machtverhältnisse mit den historisch
verwurzelten Konzepten und Interpretationen von Emigration und Diaspora
untrennbar verbunden sind. Auch hier zeigt sich, dass das Prinzip der
Ubiquität keinesfalls das ausschlaggebende Kriterium für eine
erfolgreiche transnationale Kommunikation ist.
Das russische Internet, das sich angesichts seiner vergleichbar kurzen Entwicklungsgeschichte durch eine hohe Dichte der Kommunikationskanäle sowie durch eine beeindruckende inhaltliche Vielfalt auszeichnet, verdankt seine Erfolge nicht zuletzt dem kommunikativen Stimulus und dem Engagement der Emigration und der Diaspora. Ungeachtet der praktischen Aktualisierungen und sogar Verschärfungen des Begriffes der Grenze behält das Internet seine mythische Ausstrahlung in diesem Kontext bei: Es ist sein potentielles Versprechen Einheit zu gewähren, wo deren Mangel – oft in schmerzlicher Art und Weise – empfunden wird.
Die Mediennutzung ist bei der überwiegenden Anzahl der von uns
analysierten Ressourcen eher traditionell. Rubrizierung, Informationsdesign
und Struktur der Sites reproduzieren konventionelle Raumvorstellungen
und Ordnungsmuster. Hypertext und Multi-Medialität werden zielgerichtet
und in der Regel wenig kreativ eingesetzt. Der Schwerpunkt liegt angesichts
des skizzierten besonders akuten Kommunikationsbedarfes (fehlende Öffentlichkeit,
räumlich desintegriertes Staatsgebiet, diasporische Kultur) auf
der Ebene der Inhalte und weniger der medialen Strukturen und Funktionen.
Ungeachtet seiner praktischen Popularität und pragmatischen Bedeutsamkeit
enthalten die Aussagen von MedienmacherInnen und NutzerInnen bezüglich
der Bedeutung des Internet oft eine aggressive Skepsis angesichts seiner
(angeblich) kommerziellen und kulturnivellierenden Aspekte. In diesem Sinne nehmen die kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
einen massiven Einfluss auf die technischen Formate selbst, wie Evgenij
Gornyjs Studie der russischen LiveJournal Community, Olga Gorjunovas
Analyse des subkulturellen Publikationsforums Udaff.com oder Natalja
Konradovas Arbeiten zu graphomanischen Literaturforen deutlich machen.
Schmidt / Teubener betonen in einer Fortführung der Ansätze
des Soziologen Oskar Negt sowie des Medienproduzenten Alexander Kluge
den Wert dieser virtuellen Laien-Kultur, die sich – bewusst oder
unbewusst - außerhalb des kapitalistischen Verwertungsprozesses
stellt und damit der Spezifik des Mediums Internet in besonders hohem
Maße entgegenkommt. Als Bestandteil eines weit gefassten Widerstandsbegriffs,
der die scheinbar unspektakulären Artikulationen und eigensinnigen
Manifestationen von individueller Erfahrung mit einschließt, stellen
diese eine Herausforderung für die funktionierenden Kommunikations-
und Informationsmärkte – mit samt ihren kulturellen Eliten
– dar. Dass "Authentizität" im Sinne eigenproduzierter Medieninhalte
auch für kommerzielle Anbieter und politischen Auftraggeber von
Internet-Dienstleistungen einen hohen Wert darstellt, macht die exemplarische
Analyse von Internet-Projekten deutlich, die der Erinnerung an den zweiten
Weltkrieg in Deutschland und Russland gewidmet sind. In den Projekten
zu den 60-Jahr-Feiern anlässlich des Kriegsendes ist länderübergreifend
eine starke Ausrichtung auf Interaktivität und damit Authentizität
spürbar. Diese Konzeption zielt ab auf eine Verankerung des Kriegs
im persönlichen Erleben des Einzelnen sowie in der kollektiven
Wahrnehmung, insbesondere der nachfolgenden Generationen. In diesem
Sinne zeichnet alle diese Projekte neben dem Ziel der Information dasjenige
eines Archivs persönlicher Lebenserfahrungen aus, das damit zum
medial dokumentierten kollektiven Gedächtnis wird. Das Internet
übernimmt hier die Funktionen von Datenbank, Archiv, Kommunikationsraum
und Denkmal. Die überwiegende Anzahl der vorgelegten Fallstudien macht zudem deutlich, dass die Tätigkeit im Internet selbst über ein hohes Identifikationspotential verfügt. Neben der allgemeinen Zugehörigkeit zur Gruppe der "UserInnen“, die in Russland bis heute sowohl zahlenmäßig als auch von Einkommen und Bildungsstand her als eine Elite angesehen werden kann, eröffnen sowohl private Homepages als auch größere Gruppenportale eigene Identifikationsangebote. Parallel zu den jeweiligen verhandelten Inhalten – Emigrationserfahrung; Transformationsschock; politische Kritik – wird die Teilnahme an einer bestimmten Gruppe oder community zu einem Identifikationsfaktor an und für sich. In dem Maße, wie die Ressourcen als territoriale Einheiten empfunden werden, verringert sich der Aktionsradius. Es werden individuelle Nutzungspfade angelegt, die in der Regel nur ungern verlassen werden. Die Prozesse dieser Vereinnahmung der amorphen Informationslandschaften verdeutlicht Irina Kaspé in ihrer Analyse der Metapher des "Hauses“, vermittels derer sich die zahlreichen Homepage-BetreiberInnen das "fremde" Medium zu eigen machen.
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