Das Russische
Internet. Oder: Von Zensur, die sich nicht lohnt und Freiheit, die nichts
ändert. Interview mit Dmitri Iwanow (NetHistory.ru), Moskau –
WWW, März – November 2004
Die Übersetzung des Interviews aus dem Russischen
stellt eine für das deutsche Lese-Publikum redaktionell überarbeitete
Variante der Original-Aufzeichnungen dar. In Teilen können der
deutsche und der
russische Text daher voneinander abweichen.
Die Übersetzung des Texts stammt von Martin Proppé.
Russian-cyberspace.org: Im
Jahre 1994 wurde die Domäne .ru registriert. Wie würden Sie
heute, zehn Jahre später, die Situation des Internet in Russland,
seine Entwicklung und seine Zukunftsaussichten beschreiben?
Dmitri Iwanow: Das
Internet ist auf der einen Seite die Technologie, auf der anderen Seite
die Information, die in den Computernetzwerken zugänglich und den
NutzerInnen zur Verfügung gestellt wird. Und dann sind da als Drittes
noch die UserInnen selbst. Eine Definition des Internet gefällt
mir besonders gut: "Das sind all diejenigen Personen, die es gerade
in diesem Moment nutzen.“ Stellen Sie sich vor, alle Internetuser
würden einen Moment lang ihre Computer ausschalten – das
Internet würde aufhören zu existieren. Es wäre verschwunden.
Und über diese (mindestens) drei Bereiche lohnt es sich im Einzelnen
zu sprechen. Alle drei haben grundlegende Veränderungen durchgemacht,
sowohl weltweit, als auch in Russland. Und Russland hat zweifellos seine
Besonderheiten.
Russian-cyberspace.org:
Worin bestehen die Besonderheiten des russischen Internet, die Sie
erwähnt haben? Und in welchem Maße sind technische Gründe
für sie verantwortlich?
Dmitri Iwanow: Was
die technischen Zugriffsmöglichkeiten auf das Internet in Russland
angeht, so haben diese leider nach wie vor nicht den Standard erreicht,
der in Europa und Amerika mittlerweile üblich ist. Nur Moskau und
andere große Städte verfügen seit den letzten Jahren
vermehrt über Hochgeschwindigkeitsleitungen. Der Großteil
des Landes wählt sich immer noch per Modem ein. Dies wird sich
auch auf längere Sicht nicht grundlegend ändern, zumal es
dazu umfangreicher Investitionen in die Infrastruktur bedarf. Dass solche
rein technischen Gründe eine wesentliche Hürde für die
Entwicklung des Internet darstellen. liegt auf der Hand. Einer davon
ist übrigens auch die bislang geringe Zahl an Computern pro Einwohner.
Russian-cyberspace.org: Was für
eine Nutzerstruktur zeichnet derzeit das Internet in Russland aus?
Dmitri Iwanow: Es sind
vor allem soziologische Umfragen, die sich auf eine repräsentative
Auswahl von Personen beziehen, die es uns ermöglichen zumindest
die Gesamtzahl der User zu ermitteln. Solche Untersuchungen werden in
Russland von einigen Institutionen durchgeführt. Zu den bekanntesten
zählt der
"Fond für die
öffentliche Meinungsforschung“ (FOM), der von derzeit
13 Millionen Internetusern ausgeht, wobei als User gilt, wer mindestens
einmal im vergangenen Halbjahr das Internet genutzt hat.
Russian-cyberspace.org: Wie verteilen
sich die Nutzer des Portals Yandex, das zu den größten Service-Anbietern
des russischen Internet-Markts gehört, auf die russischen Regionen?
Wie ist ihre Verteilung weltweit?
Dmitri Iwanow: Unserer
Statistik zufolge, die offen geführt wird und als repräsentativ
bezeichnet werden kann, da der Großteil der russischen Internetuser
das Portal Yandex nutzt, stammen 77 Prozent unserer Besucher aus Russland
selbst, 35 Prozent davon aus Moskau und 8 aus Sankt Petersburg. Genutzt
wird Yandex darüber hinaus von Angehörigen der russischen
Diaspora, deren Zahl etwa mit Blick auf Israel keineswegs klein ist.
Russian-cyberspace.org:
Welche Rolle spielt das Internet derzeit in den russischen Regionen?
Dmitri Iwanow: Es besteht ein ungeheuerer
Unterschied zwischen der Verbreitung des Internet in Moskau und in den
Regionen. Wir haben es hier im Grunde genommen mit zwei verschiedenen
"Webs“ zu tun. Das wiederum wirkt sich auch den Inhalt der
Sites aus, wobei die regionalen Ressourcen wesentlich geringer entwickelt
sind, als die der Hauptstadt. Warum? Weil kein Geld da ist! Und warum
ist kein Geld da? Weil es keine Werbung gibt! Ein Teufelskreis. Dennoch
finden sich in jeder Stadt bemerkenswerte, mitunter sehr interessante
Ressourcen, die, größtenteils nicht-kommerziell, von Enthusiasten
und Amateuren betrieben werden. Man kann sagen, dass sich das Internet
in den russischen Regionen derzeit nach ungefähr demselben Muster
entwickelt, wie es in ganz Russland, in Moskau, vor zehn Jahren der
Fall war, als es noch keine kommerziellen Anreize für die Entwicklung
von Netztechnologien gab. Als alles, was entstand, von Enthusiasten
geschaffen wurde, ausschließlich aus Liebe zu den neuen Medien.
Weil die Menschen aus den Regionen jedoch kaum einen erwähnenswerten
Status erreichen können, streben sie nach Moskau, um dort Arbeit
in den großen Firmen (beispielsweise bei Yandex) zu finden.
Russian-cyberspace.org:
Sie haben mehrere Jahre bei der "Stiftung für effektive
Politik“ (FEP) gearbeitet und intensiv an der Entwicklung der
ersten politischen Webprojekte Teil gehabt. Gibt es heute in Russland
ein politisches Internet? Welche Rolle spielte das Internet bei der
Kampagne zur Präsidentenwahl im Jahr 2004?
Dmitri Iwanow: Ich habe während
der Wahlen des Jahres 2000 bei der
Stiftung für effektive Politik (FEP) als Leiter der dortigen
Internet-Abteilung gearbeitet. Alle Projekte, die von der Stiftung für
das Netz entwickelt wurden, gehörten zu meinem Aufgabenbereich.
Damals glaubte ich, dass das alles sehr wichtig sei. Es schien ein politisches
Internet zu geben, das wir selbst aufbauten. Das für alle sichtbar
und wichtig war. Und das Wirkung zeigte ... Heute, zwei Jahre nachdem
ich die Stiftung verlassen habe und die Wahlen 2004 als Unbeteiligter
mitverfolge, muss ich sagen, dass es ein politisches Internet in Russland
im Großen und Ganzen nicht gibt. Oder richtiger gesagt, es existiert
vielleicht - aber nur lokal. Die politischen Akteure benötigen
es eigentlich nicht. Heute brauchen das Internet nur die marginalen
Strömungen. Oder aber man zollt der Mode Tribut. Politische Ressourcen
werden geschaffen, Wahlkampagnen im Web durchgeführt nur aus dem
einen Grund, dass man das eben machen muss – das es so üblich
ist. Aber weshalb, was das bezweckt, und wie es sich auf das Verhalten
der Wähler auswirkt – das hat keiner untersucht und weiß
niemand. Grob formuliert haben wir es hier mit einer planmäßigen
Verschwendung von Geld zu tun, wenngleich es sicherlich noch sinnlosere
Wege der Verschwendung gibt. Aber dass politische Arbeit im russischen
Internet etwas bezweckt, das kann man, meines Erachtens, mit gutem Grund
kaum behaupten. Was die Wahlen des Jahres 2000 betrifft, so war dies
vielleicht eine etwas andere Situation, verbunden damit, dass alles
zum ersten Mal passierte. Dieser Neuheitseffekt spiegelte sich in den
Offline-Medien. Das politische Internet in Russland wirkt und rechtfertigt
sich nicht durch sich selbst, sondern nur durch seinen Widerhall in
den traditionellen Massenmedien – in Zeitungen, Magazinen, in
Funk und Fernsehen. So erklärt sich auch, dass in der Zeit zwischen
den Wahlen die politischen Sites eingehen, ganz einfach verschwinden.
Russian-cyberspace.org: Wenn
es ein "politisches Internet“ im engeren Sinne nicht gibt,
welche politische Bedeutung haben dann einzelne Medien im russischen
Internet?
Dmitri Iwanow: Ich möchte gerne
die Begriffe des "politischen Internet“ und des "medialen
Internet“ unterscheiden. Das letztere Phänomen ist meiner
Meinung nach das weitaus interessantere Thema. Denn die politischen
Ressourcen, die zu den Wahlen auftauchen, bestehen nur pro forma. Im
Gegensatz dazu entwickeln sich die Massenmedien im russischen Internet
sehr dynamisch. Ihre Entwicklung ist vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen
und politischen Zusammenbrüche zu sehen, die sich nicht nur in
Russland, sondern weltweit ereignet haben, beginnend mit der Finanzkrise
von 1998. Jede Krise führte zu einer Steigerung des Status und
des Publikums der Netzmedien. Wenn man diese Entwicklung in einer Grafik
darstellte, ergäbe sich eine konsequent aufwärts strebende
Linie. Wieso? Weil die Netzmedien in Russland, wie auch überall
sonst auf der Welt, die unbürokratischsten Informationsquellen
sowie den preiswertesten Zugang zu einem (potentiellen) Massenpublikum
darstellen. Aufgrund der erwähnten Vorzüge wurden in Russland
in den vergangenen Jahren von einer Reihe politischer und wirtschaftlicher
Gruppierungen spezielle Internet-Ressourcen gegründet, die gezielt
die Interessen dieser Gruppen bedienen. Natürlich, viele von ihnen
haben nicht lange überlebt, manche wurden wieder geschlossen, und
doch gibt es immer noch viele, zumal ständig neue ins Leben gerufen
werden. Und man muss festhalten, dass heute die reinen Netzmedien, die
keine Druckversion oder Entsprechung in Funk und Fernsehen besitzen,
die populärsten sind und nicht etwa die elektronischen Klon-Versionen
der herkömmlichen Medien und Multi-Media-Konzerne. Das ist meiner
Meinung nach eine russische Besonderheit. Zu den Spitzenreitern im Segment
der russischen Netz-Medien zählen die Ressourcen
Gazeta.ru,
Lenta.ru,
Utro.ru,
NEWSru.com sowie
ein paar andere. Sie alle haben, was die Besucherquoten angeht, einen
wesentlichen Vorsprung vor den elektronischen Versionen der traditionellen
Massenmedien.
Russian-cyberspace.org: Wodurch
unterscheiden sich die reinen Internet-Medien von den traditionellen?
Dmitri Iwanow: Sie sind dynamischer,
flexibler und nutzenorientierter und entsprechen in höherem Maße
den Ansprüchen für die Lektüre am Bildschirm, im Internet.
Sie setzen ihre Strategien zur Nutzung des Internet entschiedener durch,
und sie besitzen ein feste Leserschaft. Zwar sind alle herkömmlichen
Informationsmedien Russlands, die von Bedeutung sind, auch im Internet
würdig vertreten – seit den letzten Jahren sind sowohl alle
zentralen Fernsehsender als auch die absolute Mehrheit der zentralen
Zeitungen im Internet zugänglich - trotzdem unterscheiden sich
die Besucherzahlen um das Mehrfache. Viele dieser besagten reinen Netzmedien
gehören zu denjenigen politischen und wirtschaftlichen Gruppen,
die der Opposition zuzurechnen sind. Beispielsweise die Ausgaben, die
den so genannten "abtrünnigen oder gefallenen Oligarchen“
gehören: Gazeta.ru von Michail Chodorkowski, NEWSru.com von Wladimir
Gusinski, Grani.ru
von Boris Berezowski: drei Oligarchen - drei Internet-Medien. Daneben
existiert eine Vielzahl verschiedener kleinerer Ausgaben, die von politischem
Geld leben. Wenn Sie mich nach dem politischen Internet fragen, dann
haben Sie bestimmt in erster Linie politische Sites im engeren Sinne
im Blick, d.h. Websites, denen man auf den ersten Blick ansehen kann,
dass sie sich mit Politik befassen. Das Paradoxe daran ist, dass es
solche Seiten fast gar nicht gibt, niemand sie braucht, wie ich bereits
gesagt habe. Das wirklich politische Internet ist das der Informationsmedien,
die sich aus "politischen“ Geldern finanzieren und –
etwas grob formuliert – "auf Bestellung“ arbeiten.
Die Untersuchung eben dieses Informationssektors des Internet in Russland
wäre überaus interessant, doch leider befasst sich praktisch
niemand damit.
Russian-cyberspace.org: Eine solche Untersuchung wurde 2003
von dem Politologen Alexander Marcus (Oxford) mit seinem Artikel
zum "Internet in Putins Russland. Die (Wieder)Erfindung einer Technologie
des Authoritarismus“ vorgelegt. Marcus entwickelt hier die These,
dass die offizielle politische Macht selbst ihr genehmen "Content“
bestellt hat, mit dem Ziel die öffentliche Meinung im Netz zu manipulieren.
Einer der wichtigsten Auftragsnehmer war (und ist?) nach der Meinung
des Wissenschaftlers eben jene Stiftung für effektive Politik,
für die auch Sie gearbeitet haben. Als mustergültige Realisierungen
solcher offizieller Content-Projekte sieht Marcus Sites wie Strana.ru.
Was halten Sie als jemand, der an der Umsetzung dieser Projekte konkret
beteiligt war, von dieser These, von einer solchen Interpretation?
Dmitri Iwanow: Bis
zum Jahr 2000 waren staatliche Medien (oder Medien, die Interessen der
föderalen Macht zum Ausdruck brachten) im Internet im Vergleich
zu den oligarchischen Medien-Gruppen nur sehr spärlich vertreten.
Die Gründung von Strana.ru und anderen, der staatlichen Macht gegenüber
positiv eingestellten Netz-Medien war somit in Wirklichkeit nur eine
Antwort der staatlichen Propaganda-Maschine auf die Internet-Aktivitäten
der Oligarchen, die zudem auch noch durch eine private Struktur –
wie sie die Stiftung für effektive Politik darstellt – realisiert
wurden. Ich würde aus heutiger Sicht die Bedeutung dieser Projekte
nicht zu stark herausstellen. Das Internet ist nicht das Fernsehen,
hier ist die Anzahl von "Kanälen“ wesentlich größer,
und man kann den Nutzer nicht dazu zwingen gerade die staatlichen Sites
zu besuchen. Und oppositionelle Netz-Medien zu schließen, wie
Fernsehkanäle, das scheint zur Zeit nicht zweckmäßig
zu sein. Ihr Einfluss ist mit dem des Fernsehens immer noch nicht zu
vergleichen. Und zudem kann man ja schon rein technisch gar keine Seite
einfach schließen, einfach "zertreten“. Die tschetschenische
Site Kavkaz-centr zum Beispiel, gegen deren Existenz bereits seit geraumer
Zeit sogar auf ministerieller Ebene gekämpft wird, gelingt es nicht
zu schließen. Ständig erscheint sie an neuer Stelle wieder.
Heute gehören alle populären online-Medien wie
Lenta.ru, Gazeta.ru,
NEWSru.com,
Utro.ru,
RozbisnesKonsulting
sowie die Informationsportale Yandex und Rambler privaten Eignern (oft
aus dem Ausland). Strana.ru und die anderen staatlichen Medien (die
Sites der staatlichen Medien-Holding WGTRK, des
1. Kanals, der staatlichen
Nachrichtenagenturen und Radiostationen) sind im übrigen nicht
besonders populär. Aus diesem Grunde ist es nicht richtig den Informationssektor
des russischen Internet als einen Bereich der Putinschen Übermacht
darzustellen. Den Platz, den die pro-staatlichen Ressourcen im russländischen
Internet einnehmen, ist ein durchaus bescheidener – in erster
Linie aufgrund der apolitischen Haltung der Mehrheit der NutzerInnen,
die solche Sites einfach ignorieren.
Russian-cyberspace.org: Existiert
ein öffentliches Internet, das von "politischen“ Geldern
unabhängig ist und ein alternatives Profil hat?
Dmitri Iwanow: Ja, das gibt es zweifellos.
Und neben Tausenden unterschiedlichster Sites, die gesellschaftliche
Initiativen darstellen, gibt es ein Phänomen, das eine gesonderte
Betrachtung lohnt. Es sind die so genannten "Blogs“, Tagebücher,
die tatsächlich die Funktion eines eigenständigen Informationsmediums
erfüllen und jedem Nutzer die Möglichkeit bieten, seine eigene,
"ideale“ Zeitung zusammenzustellen, bestehend aus Nachrichten
bevorzugter traditioneller Medien und Bemerkungen von Kollegen, Bekannten
und Freunden. Diese nach persönlichen Vorlieben gestalteten Publikationsplattformen
sind darüber hinaus ein Ort für literarisches Schaffen, für
alle möglichen Experimente – sowohl mit Text und Grafik als
auch mit Fotografien. Und eben diese persönlichen Medien scheinen
mir ein überaus bedeutendes und ernstzunehmendes Phänomen,
sowohl weltweit als auch in Bezug auf Russland, wo dieser Service seit
2001 zugänglich ist.
Russian-cyberspace.org:
Wer sind die NutzerInnen dieser persönlichen Medien?
Dmitri Iwanow: Sehr viele aktive
Nutzer des russischen Internet, die zu den so genannten "Meinungsführern“
zählen, langjährige Internetnutzer oder diejenigen, die professionell
im Internet arbeiten, sind Fans von LiveJournal.com. Und so ist
Livejournal.com,
das kann man wohl behaupten, in Russland zu einem soziokulturellen Phänomen
geworden, dessen Untersuchung nahe liegt. Die virtuelle Gemeinschaft
des russischsprachigen Livejournal.com stellt meiner Meinung nach eine
Schatzkammer soziologischer Erkenntnisse dar. Noch ist diese Blog-Bewegung
vergleichsweise elitär. Es sind in erster Linie die fortgeschrittenen
UserInnen, die bedingt als "Intelligenzija“ bezeichnet werden
könnten (ich benutze den Terminus hier verallgemeinernd; ins Detail
zu gehen würde den Rahmen dieses Gespräches sprengen). Im
übrigen verwischt jedoch dieses spezifische Nutzer-Profil immer
stärker: auch im LiveJournal finden sich nun immer mehr unterhaltsame
Bildchen und Witze ...
Russian-cyberspace.org:
Jewgeni Gorny hat in seinem Artikel,
der den Besonderheiten der russischen LiveJournal-Community gewidmet
ist, die These aufgeworfen, dass die Technologie des LJ der russischen
Mentalität in besonders hohem Maße entspricht, beispielsweise
dem kollektiven Charakter. Was halten Sie von einer solchen Herangehensweise,
die davon ausgeht, dass in der Art und Weise der Nutzung globaler –
und scheinbar neutraler – Technologien nationale Spezifika hervortreten?
Dmitri Iwanow: Jewgeni
Gorny ist der erste seriöse Theoretiker der russischen Cyberkultur
und ich verfolge seine Tätigkeit mit großer Bewunderung,
lese seine Texte mit ständigem Interesse. Sollte er in diesem Punkt
übertrieben haben, so doch nur ein ganz kleines bisschen. Grundsätzlich
ist der Blog-Service natürlich eine Form, in die ein beliebiger
Inhalt passt. Aber LiveJournal.com hat sich in Russland doch als besonders
gefragt erwiesen, und zwar aufgrund seines spezifischen sozialen Modells,
das eine enge und komplexe Verbindung zwischen den NutzerInnen ermöglicht,
die sich gleichzeitig auf den verschiedensten Ebenen bewegen kann. Das
gilt für die Lektüre solcher virtueller Tagebücher in
gleichem Maße wie für das Schreiben. Die Regulierung der
Anzahl von "Freunden“, die Kontrolle über die Lektüre
der Einträge und ihrer Kommentierung – alle diese Spiele
mit der Dosierung des Zugangs zu Informationen haben sich tatsächlich
als dem Geschmack des russischen Publikums besonders adäquat erwiesen.
Russian-cyberspace.org: Im Westen herrscht die Meinung vor,
die russischen Medien würden gänzlich von der Regierung kontrolliert.
Kann man jedoch, ausgehend von den erwähnten Besonderheiten der
Netz-Informationsmedien und dem Bereich der persönlichen Medien,
der "Blogs“, wirklich von Zensur sprechen?
Dmitri Iwanow: Zensur entsteht dort,
wo es sich lohnt etwas zu zensieren. In Bezug auf die russischen Medien
ist dies in erster Linie beim Fernsehen der Fall, das den größten
Teil der Bevölkerung erreicht und dessen Informationspolitik reale
und spürbare Früchte trägt. Dieses Instrument, das zweifellos
gelenkt ist, trägt in hohem Maße dazu bei, dass wir bei den
Wahlen 2004 gut 70% der Stimmen für Putin verzeichnen. Vor diesem
Hintergrund kann es nicht im Sinne des Staates sein, seine Kräfte
für die Zensur weitaus weniger einflussreicher Ideenressourcen
wie dem Internet zu ‚verschwenden’, irgendwelche konkreten
Seiten zu schließen. Es gibt keine Zensur – nicht, weil
es irgendwelche institutionellen Gründe dafür gäbe, sich
ihrer nicht zu bedienen, sondern ganz einfach, weil das Kleinigkeiten
sind, um die zu kümmern es sich nicht lohnt. Obwohl sich im konkreten
Fall durchaus Mittel der Einflussnahme auf die eine oder andere Ressource
finden lassen, sollte die Notwendigkeit dazu bestehen. Richtiger gesagt,
Einflussnahme nicht auf die Sites, sondern auf die Menschen, die dahinter
stehen, die Provider, die das Hosting zur Verfügung stellen.
Es stimmt also, dass es im russländischen Internet Freiheit gibt,
jedoch nur aus dem Grund, weil diese keine Auswirkungen hat. Sie können
schreiben was Sie wollen, es wird vom Massenpublikum nicht wahrgenommen,
nicht gelesen, nicht gehört werden. Gut, tausend, zehntausend,
fünfzigtausend Menschen mögen einen Text lesen, der als Reportage
auf dem ersten Kanal nicht durchkommt. In den Dimensionen eines großen
Landes wie Russland bewegt das aber gar nichts. Zudem kann man natürlich
einwenden, dass auf lokaler Ebene oder in konkreten Wirtschaftszweigen
Maßnahmen zur Entfernung unliebsamer Publikation aus dem Netz
möglich sind. Doch ich würde nicht behaupten, dass dies eine
Tendenz sei oder gar charakteristisch für die Politik des Staates.
Russian-cyberspace.org: Was für eine Rolle haben die
Netzmedien – die online-Zeitungen wie die Weblogs – im Zusammenhang
mit dem Terroranschlag in Beslan gespielt?
Dmitri Iwanow: Im Vergleich mit den
Wahlen 2004 in der Ukraine, während derer in einer Vielzahl von
Netz-Medien und Blogs Live-Reportagen aus Kiew, ja sogar Direktübertragungen
per Webcam, veröffentlicht wurden, ist es im Falle von Beslan kaum
gelungen, die Informationslücken über das Internet zu schließen.
Direkt nach der Erstürmung der Schule hat die offizielle Seite
alles nur Mögliche dafür getan, um die Informationen über
die Vorgänge zurückzuhalten. In einigen Ausgaben wurden Berichte
von Augenzeugen publiziert und journalistische Untersuchungen, aber
im Ganzen gesehen war das Internet eher von Gerüchten als von Fakten
erfüllt.
Russian-cyberspace.org: Wie beurteilen
Sie die hartnäckigen und immer wiederkehrenden Gerüchte über
einen neuen Gesetzesentwurf, der das russische Internet – bis
hin zur Registrierung einzelner User – regulieren soll? Was verbirgt
sich dahinter?
Dmitri Iwanow: Solche Gesetzesentwürfe gab es viele und
wird es bestimmt noch viele geben. In der Regel handelt es sich dabei
um Gesetzesprojekte, die keinen greifbaren Status besitzen. Die meisten
von ihnen sind bereits in Vergessenheit geraten. Aber auf der anderen
Seite ist von unserem Staat leider alles zu erwarten. In diesem Sinne
gibt es keine Garantie dafür, dass einer dieser Gesetzesentwürfe
nicht doch umgesetzt wird. Und deshalb machen alle, immer wenn irgendein
völlig unsinniger Text als Gesetzesentwurf gehandelt wird, soviel
Aufsehens, zittern und messen diesem konkreten Dokument mehr Bedeutung
bei, als es dieses verdient hätte.
Russian-cyberspace.org:
Ist eine solche Unbestimmtheit seitens des Staates in Bezug auf
die Regulierung des russischen Internet Strategie oder Unfähigkeit?
Dmitri Iwanow: Ich sehe nicht, dass der Staat überhaupt
eine Strategie bezüglich des Internet hat. Ungeachtet dessen, dass
es sogar ein so genanntes
"Förderprogramm
- Elektronisches Russland“ gibt. Selbst dieses Programm, das
staatlich finanziert wird, auf höchster Ebene verabschiedet wurde
und mittlerweile auch schon umgesetzt wird, hat auf diesem Gebiet keine
Strategie vorzuweisen. Ich habe keine Ahnung, wer sagen kann, welche
Resultate dieses Programm in den Jahren seines Bestehens hervorgebracht
hat. Ich zumindest weiß es nicht.
Russian-cyberspace.org:
Wie sehen Ihre persönlichen Erwartungen für die Zukunft
aus? Wie sollte und wird sich das russische Internet in den nächsten
Jahren entwickeln?
Dmitri Iwanow: Ich
glaube nicht, dass es einen grundlegender Unterschied gibt in der Frage,
wie sich das Internet weltweit und wie in Russland entwickeln sollte.
Das Internet ist ein Instrument. Ein Instrument für die verschiedensten
Zwecke: zur Kommunikation, zur Informationssuche und zur Orientierung
in der zeitgenössischen Wissenslandschaft. Angesichts des jährlichen
Zuwachs an Informationen wird dies immer wichtiger. Das Internet ist
ein Instrument zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen und Informationen;
und es muss benutzerfreundlich sein, muss funktionieren. Deshalb ist
es für mich heute interessant in einer Firma zu arbeiten, die sich
auf die Erarbeitung von grundlegenden Internet-Dienstleistungen spezialisiert
hat, in erster Linie im Bereich der Such-Funktionen.
Russian-cyberspace.org: Vielen Dank für das Gespräch!
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Auf dem Foto ist einer der zentralen
Knotenpunkte des russländischen Internet zu sehen –
das Kabelnetz eines der Server der Firma Yandex, über die
gut zwei Drittel des gesamten inner-russischen Datenverkehrs abgewickelt
werden.
Yandex
"Yandex ist heute das größte
russländische Portal, das seinen Nutern die verschiedensten
Web-Services anbietet. Im Sommer 2001 wurde Yandex, gemäß
den Daten der Firmen Komkon und Gallup Media, zur größten
Ressource des RuNet in Bezug auf die Nutzerzahlen. Von dieser
Zeit an ist Yandex der Marktführer in diesem Bereich geblieben.
Nach den Umfragen der "Stiftung für Meinungsforschung“
vom Juni 2003 gehört der erste Platz nach Besucherzahlen
im russländischen Internet Yandex: von allen in Russland
lebenden Usern, die das Internet täglich nutzen, besuchen
im Durchschnitt nicht weniger als 75 % die Site von Yandex. In
absoluten Zahlen (inklusive der Nutzer aus dem Ausland) stellt
das tägliche Publikum von Yandex mehr als anderthalb Millionen
Menschen dar, im Monat mehr als 12 Millionen.“
Die Information
stammt von der Site der Firma Yandex.
URL: <http://company.yandex.ru/history/>
(19.08.04)
Das Foto wurde von Russian-cyberspace.org im März 2004 gemacht.
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