Ziele

  Kontexte
  Ziele und Forschungsschwerpunkte

Wie verändern sich über die neuen Medien die Weltbilder in den bisher von den internationalen Entwicklungen weitgehend abgekoppelten russischen Regionen auf der einen und in der vom ursprünglichen Kontext isolierten Emigration auf der anderen Seite? Lässt sich eher eine Angleichung oder eine Differenzierung der Symbolkataloge feststellen?

Die Wahrnehmung von Wirklichkeit durch den Menschen wird durch ideologische, religiöse und andere "Weltbilder’ (individuelle und kollektive) oder Kosmologien gesteuert und strukturiert (vgl. Popitz 1967; Zurawski 2000). Die Bedingungen für die Konstruktion solcher Weltbilder haben sich in der Geschichte immer wieder verändert und den technologischen, gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten angepasst (vgl. Kleinspehn 1989). Dieser Fragestellung soll deshalb vor dem Hintergrund der folgenden Hypothese nachgegangen werden: Im WWW prallen nicht nur synchron globale und lokale Erscheinungen und Verhaltensweisen aufeinander, sondern es treffen diachron historische Präfigurationen und mentale Dispositionen auf innovative Technik und ihre Anwendungsformen. Dies führt  zu einer verstärkten Reflexion der "eigenen“ kulturellen Identität, und zwar sowohl in der Konfrontation mit dem bisher nicht zugänglichen "Fremden“, als auch mit dem Zerfall des scheinbar vertrauten "Eigenen“, das sich mit einem Schlag als wenig konsistent erweist. Den Zusammenprall globaler Angleichungsprozesse und der Entstehung kulturell (und sprachlich) bedingter Enklaven in den nur scheinbar universalen Datennetzwerken illustriert die russische Internetkultur besonders anschaulich auch im Rückgriff auf populäre Grundmuster des eigenen geistes- und ideengeschichtlichen Reservoirs (vgl. Bugai 2000, Ėpštejn o.J., Höller 1998, Margolina 2000). Im Rahmen dieser Fragestellung ist auch zu untersuchen, ob und wie als Konsequenz aus der Globalisierung eine zunehmende Abschottung hinter virtuellen Wällen sowie die Entstehung extremistischer und messianistischer Ideologien zu konstatieren ist.




Unter Bezug auf die Ansätze der "Virtuellen Ethnologie“ werden Zeit und Raum sowie Identität im Internet aktiv "gestaltet“ (Hine). Lassen sich im russischsprachigen Internet in der Konsequenz neue Formen und Erfahrungen von kulturellen Räumen beobachten, die das traditionelle Gefälle zwischen Metropole(n) und Regionen, zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen lokaler und (trans)nationaler Identität in ihrem Kern berühren und verändern? Und wie kann folglich das Verhältnis von "lokalisierten“ oder "sich selbst lokalisierenden“ Kulturen zum scheinbar "raumlosen“ Internet gefasst werden, dessen sie sich als Medium der Selbstdarstellung bedienen?

Im Mittelpunkt dieser Fragestellung stehen die Verschiebungen von Zentrum und Peripherie auf einem lokal begrenzten sowie auf einem globalen Niveau (vgl. Davis 1994, Sassen 1991 und 1995, Brake 1995, Keil 1999). Die russische Kultur ist durch eine starke Konzentration auf das Zentrum –  im geographischen wie im normativen Sinne – charakterisiert. Das Internet als ein – zumindestens potenziell -–  dezentrales Medium erlaubt nun eine Integration solcher "Randgebiete" in gesamtgesellschaftliche und globale Kontexte, auch unter Umgehung der traditionellen (Macht)Zentralen. Kulturell und literarisch profilierte Internet-Portale verdeutlichen dieses Anliegen, indem sie programmatisch die Überwindung einer inneren Spaltung und äußeren Isolierung der russischen Kultur (http://www.gif.ru) postulieren, als dessen Folge die zeitgenössische Kultur neu kartographiert werde und andere Hauptstädte erscheinen. Auf der anderen Seite wird von russischen Kulturwissenschaftlern in jüngster Zeit das Phänomen der "Geographie der Literatur“ besonders stark akzentuiert (Abašev 2000, Bulkina 2000, Lavrenova 1998 u.a.).

Dabei soll gezeigt werden, wie sich auf der Grundlage der kreuz und quer zu den geographischen Grenzen verlaufenden kommunikativen Vernetzungen neue Zentralitätsvorstellungen und veränderte Konzeptionen kultureller Räume herausbilden können. Nicht zuletzt muss es dabei um die Frage gehen, ob und inwieweit das "neue“ Medium alte Muster lediglich auf einem anderen technischen Niveau reproduziert oder aber tatsächlich in der Lage ist transterritoriale Identitäten zu schaffen. Vor diesem Hintergrund wird den historischen Modellen inner- und interkultureller Kommunikation, die als Folie für die mediale Inszenierung heterogener Identitätskonzepte in den russischsprachigen Internet-Foren herangezogen werden, verstärkt Augenmerk geschenkt.

Beispielhaft sind das Baltikum und die mittelasiatischen Staaten sowie die Ukraine zu nennen. Im Spannungsfeld von Nationalisierungstendenzen in der Umgebungskultur und dem Verlust kultureller Dominanz kann das Medium Internet hier eine besondere Rolle zugeschrieben bekommen, um die drohende Isolation durch neue Formen der Vernetzung zu kompensieren. Dabei kann der eigene Status im kulturellen Grenzgebiet sowohl positiv als auch negativ empfunden werden. Zu untersuchen ist vor diesem Hintergrund insbesondere, welche Kulturmodelle ausgewählt und als Folie für die eigene kulturelle Positionierung nutzbar gemacht werden. Als Arbeitshypothese gehen wir davon aus, dass in vielen Fällen multinationale Regionen wie die Krim oder das Ferghana-Tal in Mittelasien als Muster für ein gleichberechtigtes Miteinander der Kulturen, als Vorformen der heutigen "Netzkultur“, aufgegriffen und "virtualisiert“ werden. Insbesondere soll der Frage nachgegangen werden, wie diese Kulturmodelle "abgebildet“ werden und welche Rolle räumlichen Metaphern (virtuelle Städte, Kreuzungen, Landstriche) zukommt, lassen sich doch – so die Hypothese - anhand dieser kulturkartographischen Tätigkeit Rückschlüsse auf die oben dargelegte Frage nach neuen Zentralitätskonzepten ableiten.




Führt der gemeinsame Aufenthalt in den medialen "Zwischenräumen“ mit seiner Vielfalt und Dichte der Kommunikationskanäle zu einer Synchronisation der diasporischen und der Heimatkultur, zu einer ‚virtuellen (Wieder)Vereinigung’? Oder befördert er im Gegenteil die Entstehung von immer weiter und feiner differenzierten Sub- und Regionalkulturen?

Viele EmigrantInnen und VertreterInnen transnational lebende Bevölkerungsgruppen streben keineswegs mehr Rückkehr in den "heimischen“ Kontext an. Nichtsdestotrotz organisieren sie sich über das Internet in kulturell definierten Kommunikationsforen und nehmen über die globalen Medien Kontakt auf zu ihrer "Heimatkultur“ oder organisieren ihre kulturelle Tätigkeit innerhalb der "Umgebungskultur“. Für die russische Kultur im Ganzen wie die Literatur/Kunst im Besonderen werden diesbezüglich zwei Herangehensweisen vertreten, die es gerade in ihren Wechselwirkungen zu betrachten gilt:

  • im Netz, das eine reibungslose Übertragung von Informationen unabhängig von Zeit und Raum garantiere, verschmelze die russische Kultur innerhalb wie außerhalb des Landes (Kostyrko 2000),
  • in den globalen Netzwerken manifestiere und beschleunige sich die Ausbildung einer "internationalen russischen Kultur“, die sich von der im Lande selbst angesiedelten Kultur wesentlich unterscheide (Baraš 1999). Die Erfahrung des Eigenen und des Fremden verlagert sich von der interkulturellen auf die innerkulturelle Ebene.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach einer Reformulierung der traditionellen Definitionen von Diaspora und Emigration. Die Übertragbarkeit des Terminus der Virtuellen Ethnizität als einer flexiblen Kategorie ist am dargestellten Untersuchungsobjekt zu erproben.




Welchen Einfluss üben netzspezifische Formen der Kommunikation per Email oder im Chat, die an der Grenze zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit stehen, auf die Prozesse der kulturellen Identitätsbildung aus? Führt die (vermeintliche) Nähe der Kommunikation zu einer Verstärkung globaler Identitätsmuster oder resultiert aus der Intimität der Gesprächssituation im Gegenteil deren Privatisierung und Individualisierung?

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Untersuchung der medialen Besonderheiten dieser kulturellen Selbstverständigungsprozesse im Internet. Die Arten und Weisen der Konstruktion und Präsentation kultureller Identität in Web-Portalen und Internet-Ressourcen sollen sowohl in ihrer inhaltlichen Ausgestaltung als auch in ihrer formal basierten, kulturkonstitutiven Funktion analysiert werden. Durch die Verfahren der Kommunikation in Echt-Zeit verschieben sich die Erfahrungen des "Hier“ und des "Dort“, erweitern sich die Möglichkeiten der Kommunikation des Eigenen und des Fremden. Durch diese Überwindung der zeitlichen Diskrepanzen ergeben sich auch neue räumliche Erfahrungen. Hier gilt es die Veränderungen im Verhältnis von Literarizität und Oralität zu berücksichtigen, die sich insbesondere im Wechsel von der brieflichen zur Kommunikation per email ergeben. Die Analyse der Auswirkungen einer solchen "sekundären“ Oralität (Ong 1987) auf die Herausbildung von virtuellen Gemeinschaftsformen nimmt innerhalb dieses Untersuchungsschwerpunkts eine zentrale Rolle ein.

Als Arbeitshypothese wird von einer engen Verbindung zwischen solchen Phänomenen einer "sekundären Oralität“ (McLuhan 1987, 1995, Ong 1987) und der Organisation gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse ausgegangen. Im Gegensatz beispielsweise zur Buchkultur stellt das Medium Internet, das Interaktivität und Kommunikation in Echtzeit ermöglicht, einen Gedächtnis-  und Erlebnisraum gleichzeitig dar. Für die TeilnehmerInnen an den beschriebenen (Selbst)Verständigungsprozessen bedeutet dies, dass sie Traditionen nicht nur erinnern und bewahren, sondern (inter)aktiv weiterentwickeln können.

Für die russische Emigration, die allein im 20. Jahrhundert vier Migrationswellen aufweist, ist generell ein starkes Bewusstsein für mediale Kontexte charakteristisch. Aus den Versuchen, die abgerissenen Gesprächsfäden wieder aufzunehmen, haben sich kulturelle Bewegungsmuster herausgebildet, die in der Regel über Schriftkontakte aufrecht erhalten wurden. Durch die Verfahren der Kommunikation in Echt-Zeit verschieben sich die Möglichkeiten der Kommunikation des Eigenen und des Fremden, die Überwindung der Barrieren zwischen "Daheim-Gebliebenen“ und "Emigranten“. Als Resultat aus der Aufhebung der zeitlichen Diskrepanzen ergeben sich neue räumliche und zeitliche Erfahrungen. Im Rahmen dieser Fragestellung soll insbesondere untersucht werden, welche Bedeutung den einzelnen Formen und Genres der elektronischen Kommunikation, beispielsweise den "virtuellen Tagebüchern“ (live journals) als Nachfolgern der Reiseberichte und epistolaren Genres, zukommt.