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Rita Zaltsman (2005): Das Komische als linguokulturelles Phänomen am Beispiel des transkulturellen virtuellen Distance Learning

Rita Zaltsman, Ph.D., diplomierte Pädagogin, erhielt ihr erstes Diplom 1979 in Russland. Nach ihrer Einwanderung nach Deutschland 1998, absolvierte sie ein BWL-Ergänzungsstudium an der Export-Akademie Baden-Württemberg, Fachhochschule Reutlingen. Danach war sie einige Jahre im Marketing der mL Software GmbH in Stuttgart tätig. Ihre beiden Interessen - Lehre und Computer - brachten sie zur West Georgia Universität (USA), wo sie als Online-Tutorin ausgebildet wurde. Sie promovierte 2004 mit einer Dissertation zum Thema "Konfliktmanagement in interkulturellen E-Learning- Umgebungen."

Zur Zeit entwickelt Rita Zaltsman E-Learning-Programme zur Förderung interkultureller Kommunikation im Business Management für das Internationale Zentrum für Moderne Ausbildung in Prag, publiziert in Fachpresse und hält Vorträge auf deutschen und internationalen Konferenzen.

Ihre Hauptforschungsinteressen sind virtuelle Kommunikation, interkulturelles E-Learning, Web-basierte Diskursanalyse und Psycholinguistik.




Abstract: The present work explores the impact of comical as a linguacultural phenomenon in computer-based distance education, especially regarding computer-mediated communication in cross-cultural virtual learning communities. E. Hall's concept of culture context has been used to specify linguistic, paralinguistic and graphical representation of the comical in e-learning discourse. The paper is based on a juxtaposition of high/low context cultures (a dichotomy of East-West, communication barriers between culturally diverse learners, etc.). The analysis has shown that the ways of stress reduction - irony, jokes, metaphors and language games - are common for students representing contextually different cultures. This testifies to the fact that the perception of the comical seen cross-culturally in e-learning settings is synchronised. Some implications which these findings raise are discussed and related to a widely disputed theme of a global Internet culture.

Keywords: Cross-cultural, distance learning, humour, linguistics, culture

Zum Thema Komik gibt es heute verschiedene Forschungsrichtungen, die sich sowohl an einem kommunikativ-diskursiven (stilistischen und psycholinguistischen - vgl. Bergelson, M., 2003; Karasik, V., 2001; Krasavskij, N. 2000) als auch an einem kognitiven Ansatz der Textanalyse orientieren (vgl. Raskin, 1984). Jeder Text kann unter bestimmten Voraussetzungen zu den Erscheinungen der Kultur in Verbindung gebracht werden. Zum Kulturbegriff gehören nach Samovar und Porter nicht nur das Wissen, sondern auch die Erfahrung, die Überzeugungen und Werte, die Beziehungen und Hierarchien, die Rollenbeziehungen, die Religion, die Begriffe von Zeit, Universum, Materie usw., die durch eine Gruppe von Menschen im Laufe mehrerer Generationen auf der Grundlage individueller und gemeinsamer Erfahrungen erworben werden (vgl. Samovar & Porter 1994).

Die Kultur ihrerseits ist untrennbar mit der Sprache verbunden und bestimmt den Inhalt der sprachlichen Einheiten (M.Agar: "Sprache reicht mit ihren Wurzeln in die Kultur, und die Kultur in die Sprache" - d.h. die sprachlichen Einheiten bedingen das Verhalten der Träger einer Kultur). Deshalb hat Michael Agar (1994) sie in einem Begriff vereinigt und völlig zurecht den Terminus der languaculture eingeführt. Daraus folgt, dass die Erforschung der Spezifik des Komischen im schriftlichen Diskurs, die den Rahmen dieser Arbeit absteckt, eine Erforschung ihrer linguokulturellen Erscheinung ist.

Der Begriff "Diskurs" wird in dieser Arbeit im Sinne der Gesamtheit eines zusammenhängenden Textes und seiner extralinguistischen Faktoren verwendet. Die Begriffe "Diskurs" und "Text" werden folgendermaßen unterschieden: der Text ist ein statisches Gebilde, der Diskurs ist die Art und Weise seiner Aktualisierung unter bestimmten mentalen und pragmatischen Bedingungen (V.Karasik, 2000).

In diesem Beitrag soll der Versuch unternommen werden, die Grenzen der Erforschung des Komischen um eine Kommunikationsanalyse im Bereich des webgestützten Distance Learning zu erweitern.

Die Erforschung der virtuellen Kultur ist ein relativ neues Wissensgebiet, mit dem sich derzeit noch vergleichsweise wenig Wissenschaftler befassen (hier können die interdisziplinären Untersuchungen der englisch-deutschen Forschergruppe von Chase, M., Macfadyen, L., Reeder, K., Roche, J. genannt werden). D.h. der Forschungsgegenstand dieser Arbeit ist das linguistische Feld der virtuellen Kommunikation in seinem verbalen, graphischen und stilistischen Ausdruck anhand des Materials einer Kommunikation im Bereich des virtuellen Bildungswesens.

A.E.Žičkina und E.P.Belinskaja (1999) betrachten die Kultur des Internets als eine besondere Form der (Selbst-) Präsentation. Da die Teilnehmer der Internetkommunikation nicht wirklich greifbar sind (die Kommunikation hat einen überwiegend textuellen Charakter und ist nicht von nonverbalen Informationen wie Gesten, Verhalten, Klangfarbe der Stimme begleitet), da sie in zeitlicher und räumlicher Getrenntheit miteinander agieren, ist die Online-Kommunikation mit einem gewissen Mangel behaftet, was eine enorme Auswirkung auf den Charakter des Diskurses hat. Diesen Gedanken formuliert E.S.Myšenkova (2003): "Die virtuelle Kommunikation erschwert eine voll integrierte Wahrnehmung des Dialogpartners." D.h. der virtuellen Kultur ist eine gewisse Wahrnehmungsänderung des Menschen eigen im Hinblick auf seine Position in einem spezifischen Kommunikationsumfeld. Für die Gewährleistung einer vollwertigen Kommunikation stellt die Internetkultur ihren Teilhabenden die Anforderung, aus den Grenzen des Alltäglichen auszubrechen, das Bewusstsein zu erweitern und schöpferische Einbildungskraft walten zu lassen.

Somit ist die virtuelle Kultur einerseits "real" - die Kommunikation findet statt, es werden reale menschliche Kontakte aufgebaut; auf der anderen Seite ist sie "irreal" oder eben "virtuell": die virtuelle Realität stellt ihre eigenen Anforderungen an die Zeit- und Raumwahrnehmung, sie hat ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Form der Präsentation, darunter auch diejenige des Komischen. Aus diesen Gründen ist die Wahrnehmung im virtuellen Raum defizitär und wird von einem gewissen psychologischen Unbehagen begleitet, dem Gefühl der Verlorenheit, Isoliertheit und Unverständlichkeit; und die Anpassung an die Bedingungen der transkulturellen virtuellen Kommunikation zieht in der Regel Frustration und Stress nach sich, verursacht Konflikte.

In einer Reihe von Arbeiten (vgl. Ting-Toomey 1985, Dunn / Marinetti 2002, Zaltsman 2004) wird die Konfliktogenität virtueller Kommunikation neben den oben genannten Faktoren auch mit der Divergenz von Wertesystemen, d.h. kulturellen Unterschieden, in Verbindung gebracht und auf der Grundlage der Theorie des kulturellen Kontexts von E. Hall untersucht. Nach E. Hall (1989) ist der Kontext der Faktor, der die Unterschiede in nationalen Kulturen bestimmt: die Grundstruktur der Kultur bildet den Kontext, den Hintergrund, wobei Inhalt und Kontext untrennbar miteinander verbunden sind.

E.Hall unterscheidet zwei ihrem Charakter nach gegensätzliche Gruppen von Kulturen: die Kulturen des niedrigen und die des hohen Kontexts. In der ersten Kategorie (low-context cultures) - hierzu werden gewöhnlich die englisch- und deutschsprachigen Länder gezählt - werden Rationalismus, Selbstständigkeit, Zielgerichtetheit auf den persönlichen Erfolg verabsolutiert und der Individualismus wird zum Kult. Die westlichen Kulturen zeichnen sich durch Logizität aus und sind handlungsorientiert; zwischenmenschliche Kontakte sind deutlich formalisiert, in der Kommunikation werden strenge Formulierungen verwendet, deren Inhalt nicht von der Situation und Traditionen abhängt. Zum Paradigma der Bildungskultur gehören hier Pünktlichkeit, Verbindlichkeit und ein schnelles Sich-Einbringen in die Arbeit. Das Komische realisiert sich in diesen Sprachen in der Regel in der Fähigkeit, über die eigenen Fehler zu lachen; sie wird als Zeichen der Selbstachtung, dem Freisein von Komplexen und der Reife angesehen. Der Konflikt ist in den Kulturen des niedrigen Kontexts ein Mittel zur Problemlösung; deshalb sind sie offen für Konflikte, zu deren Lösung häufig Ironie, Sarkasmus und Lachen dienen.

Die Kulturen des hohen Kontexts (high-context cultures - zu denen die meisten Kulturen Osteuropas, Asiens und Lateinamerikas gerechnet werden) sind denen des niedrigen entgegengesetzt: in ihm dominiert traditionell die Intuition und Emotionalität der Wahrnehmung. Die Kulturen des hohen Kontexts sind am wenigsten von der Genauigkeit der Sprache abhängig. Ihr charakteristisches Merkmal ist Implizitheit: die Wortwahl ist weniger wichtig als der Kontext, der die Intonation des Sprechers, den Gesichtsausdruck, Gestik und Haltung umfasst. Eines der Kommunikationsprinzipien ist die Einstellung auf verbale Zurückhaltung. Information wird zurückgehalten oder nicht vollständig preisgegeben aus Rücksichtnahme gegenüber der Harmonie in den zwischenpersönlichen Beziehungen. Charakteristisch sind außerdem eine sehr nachlässige Beziehung zum Faktor Zeit und ein hierarchisches System der Beziehungen. Die Verhaltenstaktik ist Anpassung, Vermeidung von Konflikten und Enthaltung von Versuchen sie zu lösen, d.h. die Interessen der anderen Seite werden höher gestellt als die Eigeninteressen. Deshalb wird Komik in diesen Kulturen nie als Fixierung einer negativen persönlichen Beziehung zum Gesprächspartner realisiert, sondern ihre Funktion ist die Förderung einer sicheren und positiven Kommunikationsatmosphäre, die Sorge um das psychologische Wohlergehen der Kommunikationsteilnehmer.

Dies bedeutet, dass das Komische eine ethische und moralische Kategorie ist, die von verschiedenen Kommunikationsschemata und geistigen Traditionen bestimmt ist und sich mehr oder weniger auf allgemeine Kategorien wie Werte, Richtlinien, Überzeugungen, Kommunikationsschemata und die psychische Natur der ethnischen Gesellschaft stützt - mit anderen Worten, eben den Inhalt, den der Begriff der Kultur widerspiegelt.

Hieraus folgt, dass das Komische keine Universalkategorie ist, sondern nur eine gemeinsame verdeckte Komponente (nach E. Hall 1966 "the hidden dimension") besitzt: die Kultur.

Der vorliegende Beitrag ist eine linguokulturologische Analyse der Kommunikation in dem transnationalen virtuellen Fernseminar IKARUS, das seit 1997 von der Universität Saarbrücken mit Mitteln des Europäischen Fonds des Programms MINERVA durchgeführt wird, welches der interkulturellen Zusammenarbeit der EU-Staaten im Bildungssektor dient. Nicht nur in der Ausarbeitung, sondern auch in der Realisierung wird der Kurs von deutschen, schwedischen, griechischen und spanischen Universitäten betreut, d.h. von Hochschulen derjenigen Länder, die besonders aktiv an der Forschung im Bereich des Fernunterrichts beteiligt sind oder ihre Studenten in die europäische virtuelle Bildungslandschaft einführen wollen.

Die Analyse ermöglichte uns, unsere Vorstellungen über psycholinguistische Parameter und den Charakter der Präsentation des Komischen in der transkulturellen Online-Bildung zu ordnen.

Sicherlich hat eine hohe Kommunikationsfrequenz im transkulturellen virtuellen Raum neben ihrem zweifelsohne hohen Bildungswert auch einen negativen Effekt: in ihr liegt Konfliktpotenzial. Dieses kann jedoch, wie wir annehmen, wiederum einen positiven Prozess in Gang setzen: eine Welle des Komischen mit dem Ziel, Konflikten entgegenzusteuern und einen fruchtbaren Kontakt auf Bildungsebene zu gewährleisten.

Diese Hypothese wollten wir an dem Textmaterial einer Diskussion überprüfen, die bei der Lösung einer Gruppenaufgabe entstand. Auf der einen Seite des Konflikts standen diejenigen, die sich momentan in die Arbeit "einklickten", die dynamisch, aktiv und energisch waren und nicht auf Anweisungen "von oben" warteten, die Intitiative entwickelten (was charakteristisch für die westliche Bildungskultur ist); auf der anderen Seite standen diejenigen, die (in völliger Übereinstimmung mit der östlichen Bildungstradition) gewöhnlich auf Anweisungen warteten, die passiv und träge waren. Im Endeffekt wurde die Arbeit an dem Projekt nicht zum anberaumten Zeitpunkt begonnen, verlief stockend und kostete die ganze Gruppe große Verluste an nervlicher Energie.

Dieser Konflikt kann, wie wir vermuten, durch die oben beschriebene Polarität der kulturellen Kontexte bedingt gewesen sein.

Die Befindlichkeit der Seminarteilnehmer in der ersten Phase des Konflikts spiegelt sich in einem Diskurs mit negativer Konnotation wider - und zwar als sowohl implizit (schön, mit euch zusammen zu arbeiten und nicht den Übersetzungsmüll von babelfish allein ertragen zu müssen!) als auch explizit (Spätzünder!) artikulierte Unzufriedenheit, Gereiztheit an die Adresse derjenigen Teilnehmer, die nicht rechtzeitig zur Ausführung ihres Parts geschritten waren und damit den Arbeitsprozess der ganzen Gruppe aufhielten. Die Studenten sind gereizt - die Zeit vergeht, der Abgabetermin nähert sich, aber die Gruppe kommt gerade erst in die Gänge. Die lexikalische Wortwahl spiegelt den psychologischen Zustand der Seminarteilnehmer wider - die Atmosphäre in der Gruppe wird als Chaos, Stress, Panik bezeichnet. Die Konfliktparteien titulieren sich gegenseitig mit Ironie: Einzelkämpfer, Mitstreiter, Unparteiischer. Der Moderator des Teams, der sich für die Gruppenaufgabe verantwortlich fühlt, versucht den Konflikt zu glätten. Er schreibt:

kann Deine Aergernis teilweise verstehen, ich moechte das Forum bei weitem nicht dazu nutzen, jemanden persoenlich anzugreifen.

Und als Antwort erhält er ein kompromissloses Posting voller Ironie:

Okay, Konsens, Einigkeit, Friede, Barmherzigkeit, die Aufgabenstellung war "wohl" "auch" "etwas", was auch immer, sagen schliesslich alle.

Nachdem es dem Moderator jedoch mit großer Kraftanstrengung gelingt, die Gruppe in die Arbeit einzubinden und die rechtzeitige Erfüllung der Aufgabe zu erreichen, verschwinden die emotionalen Reaktionen, der Umgangston verändert sich auf einmal zum Positiven. Nachdem die Stresssituation überwunden wurde, sind die SeminarteilnehmerInnen in der Lage, mit Humor darauf zu blicken. So wird in einem der Postings das abgeschlossene Projekt mit einem gestrickten Pullover verglichen - so steht es in der Betreffszeile der E-Mail: "Gruppenarbeit gestrickt":

...das war schon der fertige Pullover. Ich habe noch ein paar (Knöpfe) Tabellen umgesetzt.

Das Bild gefällt der Gruppe offensichtlich; andere Teilnehmer spielen auf die Metapher an:

Sieht wirklich gut aus, der Pulli. ...die Gruppe sechs sollte Dir virtuell einen ausgeben für Deine Strickarbeit (...)

In das Sprachspiel schaltet sich der Moderator der Gruppe ein:

Danke, User51, ich lade mir den Text runter und baue ihn ein - wird doch noch ein Pullover ohne Laufmaschen...

Und schließlich beendet ein mit dem positiven Resultat zufriedener Student (die Arbeit der Gruppe wird mit einer guten Note ausgezeichnet) das Forum mit einem Posting, in dem er das Ergebnisdokument noch einmal mit einem tadellos gestrickten Pullover vergleicht:

Wunderschöner, laufmaschenfreier Pullover...

Auf diese Weise finden die SeminarteilnehmerInnen durch den Konflikt zu gegenseitigem Verständnis, und der "Pullover" wird zum metaphorischen Symbol des erfolgreichen gemeinsamen Werks: Es entsteht eine kommunikative Brücke zwischen den Kulturen und trägt zur psychologischen Entspannung bei.

Man kann annehmen, dass die Gemeinsamkeit in der bildhaften Struktur der Kommunikation von einer Symmetrie zeugt, genauer von einer Synchronisation des Verstehens des Komischen in der transkulturellen virtuellen Kommunikation. Um die Legitimität dieser Behauptung zu überprüfen, haben wir den kulturellen background der Seminarteilnehmer untersucht.

Die persönlichen Angaben der Teilnehmer, die unter der Rubrik "Visitenkarten der Teilnehmer" zu finden waren, gaben Aufschluss über ihre Zugehörigkeit zu Kulturen verschiedener Kontexte: So gibt z.B. User9 (Deutschland), User 55 (die USA), User 92 (Neuseeland) und User 14 (Bulgarien) als jeweiliges Land an.

Das Seminar schuf die Bedingungen für eine transkulturelle Interaktion aber nicht nur zwischen Vertretern des hohen und niedrigen Kulturkontexts, sondern auch zwischen Studenten mit einem gemischten kulturellen Background. Eine Reihe von Studenten aus Italien, Frankreich und Portugal brachten die "Fracht" einer transkulturellen Überkreuzung mit sich, dadurch, dass sie in Deutschland geboren worden waren: My mother is french and my father german, so i've got both nationalities. Ein Teil der Studenten hatte schon einen bestimmten Erfahrungsschatz nicht nur mit Online-Unterricht, sondern auch mit Online-Arbeit. So macht ein Student, der bei den Angaben zur Person Italien als Lebensort angibt, außerdem folgende Bemerkung: I'm Italian-argentinian citizen, working right now as webmaster, online trainer and web designer simultaneously in Buenos Aires, Argentine.

Im folgenden wenden wir uns der Analyse der linguistischen Mittel zur Erzielung des komischen Effekts zu, der m.E. durch folgende Faktoren ausgelöst werden kann:

a) Stilbrüche:

Ich kann es noch nicht versprechen, hoffe aber, bis morgen irgendwelche Ergebnisse vorweisen zu koennen. Na denn: toi, toi, toi, wie der Franzose sagt...

hier: das offizielle "Ergebnisse vorweisen" und das umgangssprachliche "toi, toi, toi"

b) Verwendung idiomatischer Ausdrücke, die sich nicht wörtlich übersetzen lassen:

nicht schlecht, Herr Specht...pardon, Herr User95

c) Anspielung auf kulturelle Realien, z.B. eine Ironisierung des traditionellen deutschen militärischen Denkens: Die Teilnehmer vergleichen den Anfang des Seminars mit einer Kriegshandlung, und die zunächst erfolglosen Versuche des Moderators, die Gruppe in die Arbeit einzubinden, ruft eine Kettenreaktion von Mails hervor, in denen mit dem Thema Krieg gespielt wird:

Auf in den Kampf!

Wer ist an Bord?

Ein Lebenszeichen?

Als Antwort erscheint eine Mail in vollkommener Übereinstimmung mit dem Geist dieser Kommunikation, in dessen Betreffszeile ein Wort steht: Alive!

d) Überschneidung zweier Inhaltsebenen (nach dem Parameter explizit/implizit):

Zumindest fehlt mir dazu die Phantasie (oder schreibt man das jetzt FANTAsie?)-eher nicht, dann gäbe es wohl markenrechtliche Streitigkeiten.

Die Replik reflektiert eine ironische Beziehung zur Rechtschreibreform, die nicht nur Ausländern, sondern auch Deutschen Probleme bereitet.

e) okkasionelle Wortbildungen:

Der Beschluss der Organisatoren des Seminars, die Anonymität der Teilnehmer durch den Verzicht auf die Angabe eines Namens zu gewährleisten, setzte eine Diskussion über die Legitimität dieses Verfahrens in Gang mit lawinenartigen Postings mit dem gemeinsamen Thema "Our User16luation", wobei es sich um eine scherzhafte Anspielung auf die Anonymität der Seminarteilnehmer handelt.

I am being User16luated - (ich fühle mich vollkommen in der Masse aufgelöst. Man kann dies als Empfindung eines Individualitätsverlusts interpretieren).

Analog hierzu: relUser16ncy, relUser16nt, relUser16nce (reluctancy/reluctant/reluctance).

In der Regel verlangen diese sprachlichen Transformationen eine Interpretation anhand eines größeren Kommunikationsabschnitts. Die Dechiffrierung mancher Okkasionalismen ergibt sich aber auf der Ebene des Mikrokontexts:

the AmUser15ans - the Americans, User20ly - usually

es ginge dann aber aller VoUser51ssicht nach erst am Sonntag (d.h. nach der "Voraussicht" von User 51).

ich konnte noch einige verbesseUser58n - was die form - angeht durchführen (d.h. Verbesserungen in der Arbeit von User58).

Solche künstlichen Wortschöpfungen mit dem Ziel, einen möglichst sprechenden, scherzhaft-ironischen Ausdruck zu finden, geben dem Diskurs eine besondere Färbung - man versucht, schöpferisch seine Fähigkeiten des Sprachspiels zu gebrauchen - User30os; BotUser69 Line; The Honorable User69 Harkin; DUser16l L. Patrick, etc.

Das metaphorische Bild eines anonymen Seminarteilnehmers wird wieder, wie im obigen Beispiel der "Pullover", zum gemeinsamen Symbol, unabhängig von der kulturkontextuellen Zugehörigkeit der Studenten. Das sprachliche Spiel vollzieht sich dabei in einer Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses, des psychologischen Wohlbehagens und der Harmonie (häufig wird mit Hilfe der computergrafischen Smileys Lachen als Reaktion ausgedrückt). Dies bestätigt unsere Hypothese über die Synchronisation im Verstehen des Komischen in der interkulturellen virtuellen Unterrichtskommunikation, wo das Bildungs- und intellektuelle Niveau der Teilnehmer ähnlich ist (sicherlich kann man diesen Schluss nicht auf eine virtuelle Kommunikation außerhalb des Bildungswesens ausdehnen, wo die Zusammensetzung der Teilnehmer in der Regel nicht so homogen ist).

Eine weitere Quelle des Komischen ist die Expansion von Anglizismen in die deutsche Sprache. So wird in einem der Postings die in der englischsprachigen Internetkommunikation gängige Abkürzung IMHO (für in my humble opinion) in einer gemischten englisch-deutschen Variante überetzt: In Meiner Humble Meinung. Eine solche Zweisprachigkeit - das Computer-"Genglish" - ist charakteristisch für diesen Diskurs (wie für den Computer-Diskurs im Allgemeinen). So finden sich in dem untersuchten Text z.B. die Hybrid-Bildungen Chat-Termin und Chat-Raum.

Weitere Beispiele:

  1. auf grammatikalisch-morphologischer Ebene: englische Verbstämme mit deutschen Affigierungen:

    uploaden
    , (Perfektvariablen, die auf vielfältige Weise parallel genutzt wurden: geuploaded, upgeloaded, upgeloadet)

  2. auf lexikalisch-morphologischer Ebene: Hybrid-Komposita wie in dem Satz:

    Ich bin an fuer sich kein Textverarbeitungsfreak.

  3. der englischsprachige Einfluss ist nicht nur auf der Ebene einzelner Lexeme oder Phrasen zu beobachten, sondern auch in der kompositionalen Gegenüberstellung von deutschen und englischen Phrasen:

    Die Zeit laeuft: Time flies like an arrow...

Die Bildung solcher Wörter hat mit einem spielerischen Umgang mit Sprache zu tun, auch wenn der komische Effekt der linguistischen Neuschöpfung für die Studenten selbst unbewusst bleiben kann.

Als Musterbeispiel für den in dem untersuchten Genre vorherrschenden kommunikativen Stil sei der folgende Text angeführt, der voll von Ironie ist:

When getting in touch with the internet for the first time I was studying law at the University of Saarbrücken. From that point of time I was infected with the so called "Online-Virus". Symptoms of the infection are a rise of interest in the possibilities the internet provides on the fields of gathering information for work and other purposes and getting on everybody's nerves writing e-mails.

Der komische Effekt entsteht durch eine teilweise Homonymisierung, d.h. die Einführung einer zweiten Inhaltsebene: Im Computerkontext versteht man unter dem aus der Medizin metaphorisch entlehnten Terminus "Virus" ein schädliches Programm, das andere Dateien vernichtet. Hier wird aber die zweite (und eigentlich ursprüngliche) Bedeutung aktualisiert im Sinne einer medizinischen Infektion.

Metaphern wie z.B. Ich habe gerade meinen letzten Wollrest upgeloadet und Ironie treten als Gegengewicht zur Ernsthaftigkeit des Themas auf: So teilt User95 seine Absicht mit, die bearbeiteten Dokumente hochzuladen und bedauert seine Verspätung in der Erfüllung der Aufgabe:

Tut mir echt leid, dass sie so spaet kamen, und nicht ordnungsgemaess "upgeloaded" wurden. Nebeneinander ergeben die Wörter ordnungsgemaess und upgeloaded einen ironischen Effekt - der Neologismus "upgeloaded" ist nicht "ordnungsgemäß" gebildet, und nicht umsonst schreibt der Autor des Postings das Wort mit Anführungszeichen.

Angesichts des Defizits an Ausdrucksmitteln in der virtuellen Kommunikation wird der emotionalen Sättigung des Komischen mit folgenden Mitteln Ausdruck verliehen:

a) mit der Computergrafik - mit Hilfe von Emoticons (aus Satzzeichen bestehenden Piktogrammen) und Smileys (fertigen Symbolen, die in Schreibprogrammen zur Verfügung stehen), z.B.:

You're kidding! (Du scherzt!)

(:-# - I am smiling (Ich lächle)

'-) - wink (Augenzwinkern)

Wir nehmen an, dass Smileys und Emoticons - spezifische Ausdrucksform von Emotionen - als Substitut für eine Aussage auf der Ebene des Satzes verwendet werden. Dabei entspricht die Menge der Smileys oder die Zahl der Klammern bei den Emoticons [;-)))))] der Intensität der emotionalen Reaktion.

b) mit in der Nettikette gebräuchlichen englischen Abkürzungen mit dem Ziel der Platz- und Zeitersparnis:

LOL (laughing out loud)

ROTFL ROTFL (rolling on the floor from laughter)

c) paraverbal:

nochmal danke an die Gruppe, v.a. an User104, die die letzten Tage mit mir und dem Layout allein "durchgestanden" hat (haha)

Hier ist haha ein Kommentar, der beschreibend auf das Lachen verweist (analog hierzu sind die Kommentare smile und grin).

Diese Ausdrucksmittel können als spezifischer Computerslang betrachtet werden, der ungeachtet seiner breiten Verwendung in der Online-Kommunikation die Fähigkeit erfordert, ihn richtig zu "lesen".

Zusammenfassung

Die Untersuchung der Kommunikation in dem genannten Seminar erlaubte es, einige charakteristische Formen und Ansätze des Komischen aufzuzeigen und folgende Schlussfolgerungen zu ziehen:

  1. Eine wichtige Charakteristik der Texte des Computerdiskurses ist die Implizitheit, die die Kategorie des Komischen widerspiegelt und die durch linguistische, lexikalische und morphologische Mittel sowie durch Mittel der spezifischen Ausdrucksformen des Internets realisiert wird.

  2. Im Rahmen der Kontextunterteilung wird die untersuchte Kommunikation einerseits durch Bildhaftigkeit, Metaphern und die emotionale Färbung charakterisiert, andererseits durch Rationalität, Logizität und Strenge. Im weiteren Sinne kann man von einer besonderen Sprachkultur des Komischen im transkulturellen virtuellen Raum sprechen, deren Grundelemente Slang, Neologismen, Sprachspiele, Okkasionalismen, Metaphern, Anspielungen auf kulturelle Realien und schließlich die Zusammensetzung von Elementen verschiedener Stile sind, was sie in die Nähe der mündlichen Rede rückt.

  3. Das Komische im Internet-Bildungsbereich fördert die gegenseitige Anpassung von Kulturen und eine zwischenmenschliche Harmonie, d.h. das Komische hat die Funktion einer kommunikativen Brücke zwischen den Kulturen, ihr Ziel ist die Schaffung einer stressfreien, empathischen Kommunikationsatmosphäre.

  4. Das Komische in der virtuellen Bildung nimmt

    die Anspannung weg, die durch die Distanz, kulturelle Wertunterschiede und durch die Beschränkung auf verbale Kommunikationsmittel hervorgerufen wird, und fördert die psychologische Entspannung;

    erlaubt eine Minimierung von negativen Emotionen gegenüber einem Opponenten und beugt Konflikten vor.

  5. Die Synchronität der Lachreaktion weist auf eine Symmetrie in der Wahrnehmung des Komischen in der transkulturellen Kommunikationssphäre, und als Folge davon auf die Verminderung von Agression und die Förderung von Toleranz zwischen allen an der virtuellen Unterrichtskommunikation beteiligten Personen.

Die Erforschung des Komischen im transkulturellen virtuellen Raum ist erst am Anfang. Ihre Perspektiven liegen m.E. in einer weiteren Beleuchtung der linguistischen Erscheinungen des Komischen (z.B. auf der Grundlage einer semantischen Unterscheidung zwischen ein und denselben Begriffen in unterschiedlichen Linguokulturen) und in einer Analyse (im Kontext des Komischen) der Spezifik des Englischen als lingua franca der interkulturellen Kommunikation.


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