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Forschungsprojekt Russian-cyberspace.org: Kulturelle Identitätsbildung im russischsprachigen Internet Der Schwerpunkt der Projekt-Publikation - und des darauf
aufbauenden Wir sind uns dabei im Klaren, dass bereits die Auswahl der gewählten Fragestellungen sowie der Terminologie – insbesondere der Begriffe der Öffentlichkeit und der Gegenöffentlichkeit – Anlass zu einer kontroversen Diskussion gibt. Diese Kontroverse sehen wir als einen wichtigen Bestandteil unserer Projektarbeit an, die auch Eingang in den Sammelband erhalten kann bzw. soll. Insbesondere interessieren uns folgende Fragestellungen:
Anhand der übergreifenden Fragestellungen und
der jeweiligen Themen soll darüber hinaus auch die Problematik
einer "Ethnisierung“ globaler Medien auf der einen bzw. einer
nivellierenden Universalisierung kultureller Besonderheiten auf der
anderen Seite diskutiert werden.
Olga Gorjunowa (Moskau): Russian Cyberspace: Artistic Activities on the Social and Political Arenas Theme and Its Development Materials
Some of the above-mentioned projects are large and demand thorough nvestigation, while others are more of a historical value and just worth mentioning, so they will be given unequal amount of attention in the work. It is also possible that the list will be modified. Methods Relevance
Evgenij Gorny (Goldsmith College, University of London): LiveJournal - Kreative Evolution eines soziokulturellen Systems. Forschungsprojekt Skizze des Problemfelds und Begründung des Projekts Die Rezeption der Website LiveJournal.com in Russland ist eine verblüffende Geschichte. Im Gegensatz zu den westlichen Ländern, in denen LiveJournal den Ruf einer Website für Teenager und Studenten hat (die in der Regel verschiedene triviale und wenig interessante Dinge dort hineinschreiben), wurde LiveJournal (im Folgenden LJ) in Russland zu einer der populärsten und einflussreichsten Websites. Die Gemeinschaft der russischsprachigen LiveJournal-UserInnen ist zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich sogar die größte. Die Anzahl der auf der Website registrierten UserInnen aus der Russischen Föderation steigt rasant an – im Oktober 2004 überschritt sie die Zahl von 85.000 UserInnen. Russisch ist – nach dem Englischen – die bei LJ meistgenutzte Sprache geworden (etwa 6-8% der Einträge erfolgen auf Russisch). Während die Veröffentlichungen über LiveJournal im Westen zahlenmäßig gering sind und sich größtenteils dem Phänomen der Online-Tagebücher von Jugendlichen widmen, ist LiveJournal in Russland ein heißes Thema für die Presse. Die Bibliografie der Veröffentlichungen, die sich mit LJ beschäftigen, zählt mehr als einhundert Artikel (wenn man kleinere Notizen und Erwähnungen außer Acht lässt). Unter den erschwerten Bedingungen einer zunehmenden Staatskontrolle über die Massenmedien wird das LiveJournal von vielen NutzerInnen als eine reale öffentliche Sphäre wahrgenommen, die Möglichkeiten direkter Meinungsäußerung und offener Diskussionen eröffnet. Das LiveJournal löste in Russland die Blog-Mode (Online-Tagebücher) aus und wurde selbst zum Modell für deren Schaffung, wobei der Begriff "LiveJournal“ die Tendenz hat, zu einem Synonym für ein Weblog zu werden. Der Einfluss des LiveJournals und insbesondere seiner technischen Terminologie auf die russische Sprache ist ein Thema für sich. Ich erwähne nur, dass das Wort "live“ (russ: schiwoj – [zivoj]) im Begriff ist, anders verwendet zu werden und deutlichen semantischen Verschiebungen unterliegt. Noch interessanter scheint jener Einfluss zu sein, den das LJ auf die russische Kultur als Ganzes ausübt. Zum Einen ist das Tagebuch-Genre als eine öffentliche Form des Schreibens in Mode gekommen. So entstanden die "Tagebücher von Loschkina“, in denen eine junge Frau in lebendiger Umgangssprache die Wechselfälle ihres Lebens schildert, in der Zeitschrift "Bolschoj gorod“ zweifellos unter dem Einfluss des LJ. Des Weiteren ist das LiveJournal zu einer Organisationsbasis für die Durchführung von diversen Maßnahmen und Aktionen geworden – von absurden Flash Mobs bis hin zu Musikfestivals mit dem charakteristischen Namen Current Music (eine Option im LJ, die eine automatische Erkennung der Musik erlaubt, die auf dem Rechner des Users während dessen Arbeit am Tagebuch spielt). Von der Popularität des LiveJournal zeugt auch die Tatsache, dass einige unternehmungslustige Leute sich vorgenommen haben, LiveJournal als Print-Produkt herauszugeben und den Namen bereits als Marke registriert haben. Obwohl viele User bei LiveJournal nicht primär künstlerische, kreative Zwecke verfolgen, nutzen einige das LJ auch als Arbeitsinstrument: Journalisten und Schriftsteller testen die Wirkung ihrer Texte vor der "offiziellen Publikation“; Fotografen tauschen ihre Fotos aus und besprechen gegenseitig ihre Arbeiten; WissenschaftlerInnen und DozentInnenen veröffentlichen ihre Notizen und Bibliografien und nutzen das LJ manchmal sogar als ein Distance-Learning-Werkzeug. Recht verwunderlich ist vor diesem Hintergrund die Tatsache,
dass das LJ selbst wissenschaftlich wenig erforscht ist. Trotz der großen
Anzahl von Publikationen in der Presse und des hohen Reflexionsniveaus
der UserInnen, gibt es keine akademischen Abhandlungen, die sich mit
dem LJ beschäftigen. Vermutlich ist der erste Versuch dieser Art
mein eigener Artikel Es gibt einige Ursachen, die erklären, warum das LJ wenig erforscht ist. Mit Blick auf die westliche Forschung ist der wichtigste Faktor dabei zweifellos die sprachliche und kulturelle Barriere. Bisweilen erwähnen die Blog-Forscher, dass ihre Schlussfolgerungen ausschließlich auf der Analyse des englischsprachigen Materials basieren. Häufiger noch werden aber andere Sprachen stillschweigend ausgeschlossen. Was nun die russische akademische Sphäre betrifft, so lässt sich das fehlende Interesse am LiveJournal zum Einen mit seiner relativen Neuartigkeit begründen und zum Anderen mit der allgemeinen Unreife der russischen Internet Studies erklären. Allerdings ändert sich die Situation gerade und die Zeit naht, in der über das LiveJournal Magister-Arbeiten und Dissertationen geschrieben werden. Forschungsziele Das Ziel dieses Forschungsprojekts ist die Darstellung der russischsprachigen User-Community bei LiveJournal in seiner historischen Dynamik. Mein zentrales Forschungsobjekt sind die kreativen Prozesse, die sich bei LiveJournal vollziehen, da gerade sie einen der Hauptfaktoren seiner Evolution bilden. In der vorliegenden Arbeit kann man zwei Ebenen hervorheben: die deskriptive und die theoretische. Auf der deskriptiven Ebene benutze ich das faktische Material, das aus der Struktur und der Dynamik des LJ resultiert und das für seine Historiografie dienlich sein kann. Auf der theoretischen Ebene betrachte ich die Struktur- und Evolutionsprobleme des LiveJournal, eine Fragestellung, die mit der Theorie virtueller Gemeinschaften und soziokultureller Systeme im Allgemeinen verbunden ist (da Erstere eine Unterart Letzterer darstellen). Aufgaben der Forschung Zwecks Beschreibung und Analyse des LiveJournals als Instrument individueller und kollektiver Kreativität in seiner historischen Dynamik ist es notwendig, die folgenden Punkte kritisch in den Blick zu nehmen:
Aufgrund des großen Umfangs der gestellten Aufgaben werden nicht alle Themen mit der gleichen Detail-Genauigkeit behandelt. Der Schwerpunkt wird auf die kreativen und innovativen Prozesse gelegt. Quellen und Forschungsmethoden Die verwendete Methodologie verbindet quantitative und qualitative Methoden . Erstere beziehen sich auf die Analyse statistischer Daten, Letztere auf die Analyse und Interpretation von Textquellen, die man in zwei Kategorien unterteilen kann: primäre Quellen (Einträge bei LiveJournal) und sekundäre Quellen (Presse, Forschung, Umfragen, Interviews etc.). Die gängigste Methode für die Datensammlung ist die partizipative oder teilnehmende Beobachtung (participant observation). Zwecks der Erweiterung des Fokus über die eigene unmittelbare Kommunikationsumgebung hinaus (Freundeslisten etc.) wird sowohl eine exemplarische Durchsicht ausgewählter Tagebücher als auch eine Suche nach Schlüsselwörtern im LJ-Archiv durchgeführt. Geplant ist auch die Durchführung von thematischen Umfragen.
Natalja Konradowa (Russisches Institut für Kulturwissenschaft, Moskau): Formen der Selbstbeschreibung in der Kultur: Das Problem der Identität, veranschaulicht an russischen literarischen Internetseiten Begründung des Projekts und Darstellung seines Problemfeldes Das Aufkommen des Internet in Russland fällt mit dem Übergang des Landes in eine neue historische Phase zusammen. Möglicherweise stellt es selbst auch einen der Gründe dieses Übergangs dar. Es besteht die Auffassung, gerade die russische Kultur mit ihrer "ästhetischen Straffreiheit“ (Postmoderne) und ihren Kommunikationstechnologien (Internet, Mobilfunk) sei wie keine andere Kultur reif gewesen für eine neue Epoche. Als Grund für die besondere Popularität, den besonderen Status, den diese Phänomene in Russland genießen, kann man auch die geographische Ausdehnung des russischsprachigen Raums anführen, die eine unmittelbare Kommunikation erschwert. Weiterhin ist eine Veränderung in der Gesellschaft zu erwähnen – eine Verschiebung ihrer Grenzen, die ein in der Emigration lebendes russischsprachiges Publikum zu ihren aktiven Mitgliedern werden lässt. Schließlich besteht ein traditioneller Mangel an Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung für eine breit angelegte Öffentlichkeit. Weitere Faktoren gilt es noch zu erforschen. Jedenfalls hat sich das Internet zu dem unkontrollierbaren öffentlichen Raum entwickelt, der eine Diskussion gesellschaftlicher Fragen ermöglicht, was gewöhnlich Politiker und Experten, vermittels der Massenmedien, vorbehalten bleibt. Neben seiner Unkontrollierbarkeit und schwachen Strukturierung zeichnet sich das Internet – als Informationsraum – auch durch seine hauptsächlich verbale Orientierung aus. Deshalb gehören zu dem am weitesten entwickelten Genre der Internetkommunikation die literarischen Webseiten. Die so genannte "Netzliteratur“ illustriert deutlich den Zusammenbruch des Alten und die Suche nach dem Neuen, namentlich: nach Identitätsmustern, nach Normen und Kanones sowie kulturellen Grenzen. Unter dem Begriff "Netzliteratur“ verstehe ich die Gesamtheit verschiedener Phänomene: von literarischen Texten, in Eigeninitiative veröffentlicht oder redaktionell im Netz verlegt, bis hin zu den Gemeinschaften der Netzliteraten selbst sowie verschiedenartigen Formen der Kommunikation (Foren, Gästebucher, Wettbewerbe und Treffen). Die Netzliteratur stellt die früheste und heute am weitesten entwickelte Erscheinung im Internet dar. Handelte es sich dabei ursprünglich um die spezifische Aktivität einer kleinen Gruppe experimentell ausgerichteter Literaten, wuchs die Zahl ihrer Akteure im Laufe einiger weniger Jahre um das zehnfache. Dabei hat sie Massencharakter angenommen, ist zu einer Institution geworden und entwickelt sich ständig weiter, mit dem Anspruch auf einen Platz in der russischen Mainstream-Literatur. Ziele der Forschung Hauptziel dieses Artikels als Bestandteil des Forschungsprojekts ist es, literarische Internetseiten als meistentwickeltes Genre der Internetkommunikation zu untersuchen – unter dem Gesichtspunkt einer neuen kulturellen Identität und den damit verbundenen Fragen nach neuen ästhetischen Normen und Kanonen. Aufgabenstellung
Quellen und Forschungsmethoden Formelles Klassifikationskriterium für literarische Internetseiten ist die Anzahl veröffentlichter Texte und LeserInnen sowie das Bestehen oder Fehlen von Moderation (Selbstpublikation oder strenge Redaktionspolitik und Selektion von Texten). Beide Typen sind für die Untersuchung von Internetkommunikation und Identitätsbildung von Bedeutung. In beiden Fällen sind die wichtigste Informationsquelle nicht so sehr die veröffentlichten Texte als vielmehr die freie Diskussion über diese Texte, die Beurteilung von Autoren und Genres, ihre Bewertung und die damit verbundene Umsetzung literarischer und kultureller Norm-Systeme. Somit sollen bei dieser Untersuchung künstlerische und kritische Publikationen auf literarischen Seiten untersucht, Texte in Foren und Gästebüchern diskutiert sowie kurze redaktionelle Inhaltsangaben vorgelegt und professionelle Kritik ausgeübt werden. Zudem sollen Interviews mit Organisatoren einiger der bedeutendsten literarischen Seiten als zusätzliche Quelle dienen. Möglich ist auch die Anwendung einer quantitativen Analyse auf die literarischen Texte sowie Postings in den Foren, um statistische Werte über lexikalische und folglich auch stilistische und thematische Dominanten zu gewinnen.
Ekaterina Kratasjuk (Institut für Europäische Kulturen, Moskau): Nachrichten nach Wahl?: Repräsentationsweisen der russischen Gesellschaft in den Massenmedien (Fernsehen vs. Internet) Problemumriss Die Untersuchung der Besonderheiten russischer Massenmedien erfolgte und erfolgt unter der Berücksichtigung unterschiedlichster Gesichtspunkte. Vertreten wird dabei bisweilen auch eine Sichtweise, die jegliche kulturelle Besonderheiten bei der Behandlung der postsowjetischen Medienlandschaft verneint und diese als eine "defizitäre“ Widerspiegelung der Prozesse interpretiert, die für entwickelte Industriestaaten insgesamt charakteristisch sind. Ich gehe hingegen davon aus, dass die russischen Massenmedien zwar in die internationalen Informationsprozesse integriert sind, berücksichtige aber auch die Besonderheiten einheimischer Medien, die eine Beschreibung im Modus von "Rückständigkeit und Aufholjagd“ als nicht adäquat erscheinen lassen. In der Konsequenz hebe ich drei Faktoren hervor, die ich für wichtig erachte, um die Struktur und den Inhalt moderner russischer Massenkommunikationskanäle zu verstehen. Erstens entwickelte sich der Sektor der Massenmedien in Russland – im Vergleich zu den Ländern Europas und den USA – innerhalb kurzer Zeit. Zweitens sind diese Massenmedien heute größtenteils im Staatsbesitz. Und drittens spielen die Massenmedien bei der kulturellen Identitätsbildung eine besondere Rolle. Die skizzierte Situation in Russland ist nicht einzigartig, aber die Entstehungsgeschichte und die Funktionsweise russischer Massenmedien unterscheiden sich von den vergleichbaren Institutionen der Massenmedien in Europa und den USA, an denen sich die Informationsproduzenten einheimischer Massenmedien größtenteils orientieren. Deshalb ist es zweckmäßig einen Vergleich zu ziehen. Betrachten wir die oben genannten Faktoren etwas genauer: 1. Der Übergang vom sowjetischen Fernseh- und Rundfunksystem zum postsowjetischen, kommerziellen Multi-Channel-Modell erfolgte innerhalb von etwa 15 Jahren, während die Entstehung des gleichen Modells in den USA ein halbes Jahrhundert andauerte. Aus diesem Grund deckte sich der Prozess der Entlehnung neuer audiovisueller Sendeformate und Genres nicht mit den Veränderungen im gesellschaftlichen Wertesystem. Soziologische Studien zeigen, dass die Periode der Zustimmung für tiefgreifende politische und wirtschaftliche Veränderungen in der postsowjetischen Gesellschaft kurz war. Seitens eines Großteils der Bevölkerung folgten ihr bald Ratlosigkeit, Misstrauen und Aggression gegenüber den entlehnten Formen der "Rationalität“, was seinerseits mit der Aktualisierung der Vorstellung von der eigenen nationalen "Einzigartigkeit“ einher ging, vermischt mit Antiamerikanismus und Fremdenfeindlichkeit. Letzteres hatte jedoch keine Auswirkungen auf die Popularität des Unterhaltungsfernsehens, was dazu führte, dass viele Genres des russischen Fernsehens einen Kompromiss zwischen den ererbten "sowjetischen“ Werten, dem "westlichen“ Sendeformat und den kommerziellen Interessen der Werbebranche darstellen. Diese Formen sollte man dennoch nicht als "Übergangsformen“ ansehen. Im Gegenteil, die Analyse russischer Serien, Nachrichtenprogramme und Talk Shows - des Genres des Tele- oder Fernseh-Konzerts - zeigt, dass diese Formen mittlerweile etabliert sind und erfolgreich ausgestrahlt werden. An dieser Stelle ist es interessant, auch auf die heimische
Tradition der Massenmedienforschung Bezug zu nehmen. In den 1960er-80er
Jahren wurden viele wissenschaftliche Arbeiten publiziert, die sich
den Wirkungen der Massenkommunikation sowie der Analyse des Sender-Empfänger-Verhältnisses
widmeten und sich dabei auf ein umfangreiches empirisches Material stützen
konnten. Diese Publikationen wurden jedoch im Rahmen eines staatlichen
und nicht eines kommerziellen Auftrages verfasst. Im Grunde waren diese
Arbeiten anwendungsorientiert, sie konnten jedoch aufgrund des Fehlens
von Werbung kommerziell nicht verwendet werden. In den 1990er Jahren
ist die Zahl dieser 2. Die staatliche Eigentumsform hat - unabhängig davon, dass sie sich in einigen Fällen als privat maskiert - faktisch alle anderen Eigentumsformen im russischen Fernsehen und Rundfunk verdrängt. Häufig ist dies auch in den Printmedien der Fall. Strenge staatliche Kontrolle über die Massenmedien koexistiert dabei nicht nur mit dem Multi-Channel-System, sie erfolgt gleichzeitig in einer Situation des Fehlens eines einheitlichen Norm- und Wertesystems in der Gesellschaft. Folglich ist das System der "Imitationen“ eines freien Meinungsaustauschs (Talk Shows, Reality Shows, analytische Programme sowie praktisch alle anderen Genres von Nachrichten bis Serien) sowohl kommerziell orientiert (Adorno, Horkheimer, Habermas) als auch ideologisch untermauert (Gramsci, Althusser). Besonders interessant ist die Beobachtung des Versuch der Einführung einer einheitlichen Ideologie, obwohl dieser selbst die mehr oder weniger klaren Grundlagen fehlen. Es entsteht der Eindruck, dass die Idee der Einheit selbst wichtiger ist als der Inhalt, der als Grundlage dieser Einheit dienen soll. Aus eben diesem Grund konstatieren Wissenschaftler das Phänomen der Vereinigung um den "leeren Sinn“ – die Rede ist von einer "negativen Identität“ (L. Gudkov) als der Einheit auf der Grundlage eines totalen Misstrauens. 3. Angesichts des oben Gesagten wird das Fazit deutlich, zu dem empirische Forscher der modernen russischen Gesellschaft kommen (Gudkov, Dubin). Die zerstörte Identität wird vom überwiegenden Teil der Durchschnittsbevölkerung der postsowjetischen Gesellschaft als Problem wahrgenommen. Die Suche nach ihr sowie der Versuch ihrer (Re)Konstruktion wird zu einem der wichtigsten Punkte auf der Agenda. Als wichtige Informationsquelle bei dieser Suche erweist sich das Fernsehen: Unterschiedliche Repräsentationen der vorrevolutionären und sowjetischen Vergangenheit, die Rehabilitierung der Vorbilder des Soldaten oder des Gesetzeshüters werden in die im Fernsehen beliebten Diskussionen über verloren gegangene Familienwerte und Moral eingeflochten. Es erfolgt eine Konstruktion von positiven und negativen Helden etc. Umfrageergebnisse stützen die Behauptung, dass die einzige Identität, die gegenwärtig den meisten russischen Bürgern gemeinsam zugänglich ist, im Prozess des gleichzeitigen Fernsehkonsums entsteht, was bedeutet, dass die Rolle und die Bedeutung des Fernsehens stark anwachsen. Dies verringert gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit einer vollwertigen Repräsentation alternativer Meinungen im Fernsehen und vergrößert die Bedeutung von vergleichsweise weniger verbreiteten Massenmedien mit einem kleinerem Publikum, da die Kontrolle über sie schwächer ist. Allem Anschein nach entwickeln sich einige Radiostationen mit einem eher "elitären“ Publikum zu einem solchen Ort des Meinungsaustauschs, der vielleicht als "öffentliche Sphäre“ (public sphere) bezeichnet werden könnte. Allerdings bedarf diese These noch einer Überprüfung. Währenddessen behält das Internet, zu dessen aktiven UserInnen immer noch nicht mehr als 15% der russischen Bevölkerung zählen, stabil den Status einer operativen, vertrauenswürdigen und umfassenden Informationsquelle. Die unvermeidliche Koexistenz einer normativen Konzeption der "Realitätswiderspiegelung“ und der journalistischen Praxis, die deren "Konstruktion“ zu Grunde liegt, ist in den Arbeiten der klassischen Media Studies (z.B. von W. Lippman, E. Epstein u.a.) ausführlich dargestellt worden. Russische Journalisten bilden den größten Teil der kleinen Bevölkerungsgruppe, die bei ihrer Arbeit ständig das Internet benutzt. Die Information, die in die verschiedenen Massenmedientypen einfließt, stammt dementsprechend aus denselben Informationsquellen. Das bedeutet in der Konsequenz, dass sich der Unterschied zwischen dem Fernsehen und dem Internet nur auf der Ebene der "Realitätskonstruktion“ analysieren lässt. Ein Internetuser macht das selbständig und relativ frei, wohingegen ein Fernsehzuschauer bereits fertige Formate konsumiert. Unter "Glaubwürdigkeit der Informationen“ verstehe ich dabei nicht die gesicherte Authentizität der Informationsquellen, sondern die Freiheit der Wahl und das Vorhandensein von gegensätzlichen Sichtweisen. Das Internet ist nicht nur als eine Quelle vielfältiger Information wertvoll, sondern auch als ein Raum, der von allen Massenmedien dem Ideal der Öffentlichkeit am nächsten kommt. Man sollte aber dabei berücksichtigen, dass als Merkmal der Qualitätssicherheit des Internet sein elitärer Charakter gilt, der anscheinend auch in Zukunft noch fortbestehen wird. Der Typus der Netzinformation, für den Quellenvielfalt, Gleichberechtigung und stetige Notwendigkeit einer selbständigen Wahl charakteristisch sind, ist dabei kein Garant für die Etablierung einer von den staatlichen Strukturen unabhängigen öffentlichen Meinung. Dieser Informationstypus wurde bereits zur Zeit der Perestroika auch außerhalb des Internets erprobt und führte schließlich zu starken Irritationen bei einem großen Teil des Publikums. Aus diesem Grunde ist gerade das Internet - das eine Freiheit liefert, mit der nicht jeder umgehen will oder kann – einer der Faktoren für die Entstehung eines einheitlichen ideologischen Schemas der Realitätskonstruktion im russischen Fernsehen. Das Forschungsziel des hier skizzierten Vorhabens ist der Vergleich des sich formierenden Bildes der russischen Gesellschaft im Fernsehen und im Internet. Forschungsaufgaben sind
Quellen und Forschungsmethoden Als wichtigste Quellen sind Nachrichtenprogramme und Nachrichten-Websites ausgewählt worden. Zur Darstellung einiger Fragestellungen wird auch das Serien- und Filmmaterial der letzten Jahre verwendet. Die zentrale methodologische Aufgabe ist die Anwendung theoretischer Schlussfolgerungen amerikanischer und englischer Forschungsansätze auf die Erscheinungen russischer Massenmedien mit dem Ziel, die Unübereinstimmungen und Widersprüche zwischen theoretischen Prämissen, die unter anderen kulturellen Bedingungen entstanden sind, und dem empirischen, lokalen Material feststellen zu können. Für die Rekonstruktion der TV-Agenda werden traditionelle Verfahren der Inhaltsanalyse (content analysis) verwendet.
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