![]() |
|||||||||||||||
![]() |
Texte | ||||||||||||||
|
Natalja Konradowa (2005): Gesellschaftliche Bewegungen in Russland und ihre Präsenz im Internet
Die Entstehung des Internet in Russland in den frühen 1990er Jahren fiel mit dem Übergang in eine neue historische Epoche zusammen; womöglich war das Internet selbst sogar einer derjenigen Faktoren, die diesen Wandel bedingten. Das Internet, als eine neue Kommunikations- und Informationsumgebung, entstand in Russland damit relativ spät – vor weniger als 10 Jahren. Im Sommer 2005 nutzen etwa 15 Millionen Russen das Internet, was ungefähr 15 % der Bevölkerung entspricht. Jährlich kommen circa 150.000 neue UserInnen hinzu. Die Wachstumsraten des russischen Internet waren von Beginn an rasant; dies betrifft sowohl die Zahl der UserInnen als auch der Web-Ressourcen. Die russische Gesellschaft und Kultur entdeckten und erschlossen sich diese neue Erscheinung so aktiv, dass bereits nach kurzer Zeit das Konzept vom Sonderweg des russischen Internet entstand [1]. Gemäß dieses Konzepts gilt das WWW als ein Phänomen, auf welches die russische Kultur bereits lange vor der Entstehung der Computernetzwerke vorbereitet war. Wie dem auch sei, die Popularität des russischen Internet und insbesondere der dort artikulierten kritischen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Positionen ist unter anderem bedingt durch das in Russland traditionelle Defizit eines öffentlichen Raumes, der nicht von der Staatsmacht kontrolliert wird. Der Begriff der "gesellschaftlichen Bewegungen“ ist in Bezug auf die russische Wirklichkeit ein spezifischer. Will man von deren Existenz in "reiner“ Form (anders ausgedrückt: im westlichen Verständnis dieser Erscheinung) sprechen, so existierten sie nur in der kurzen Zeit nach der Perestroika. Danach verwandelten sie sich entweder in politische Parteien, indem sie ihren Charakter, ihre Struktur und Funktion veränderten, oder sie verschwanden gänzlich von der Bildfläche. Heutzutage gibt es viele Initiativen, die sich selbst als "gesellschaftliche Bewegungen“ bezeichnen, in Wirklichkeit aber keine sind, da sie vom Staat finanziert und geleitet werden. Andererseits gibt es eine Reihe von Initiativen, die formal nicht als eine Bewegung organisiert sind, jedoch deren Funktion erfüllen. Als solche kann eine Initiative oder Gruppe gelten, die sich im Umfeld eines Massenmediums gebildet hat, die aus einer konkreten gesellschaftlichen Aufgabe hervorgegangen ist (zum Beispiel das Komitee der Soldatenmütter) oder solche, die keine politischen, sondern ästhetische Ziele verfolgen (zum Beispiel Das Moskau, das es nicht gibt u. ä.). Die Struktur der Gesellschaftsbewegungen in der Form, in der sie heute in Russland existieren, unterscheidet sich stark vom europäischen gesellschaftlich-politischen Spektrum, was in unmittelbarem Zusammenhang mit der historischen Spezifik Russlands steht. So gibt es in Russland beispielsweise keine klar ausgeprägte Bewegung der Globalisierungsgegner; der Begriff selbst wird zur Selbstbezeichnung von nationalistischen und anderen radikalen Bewegungen gebraucht [2]. Zeitgleich existiert ein verzweigtes Netzwerk ökologischer Bewegungen, die, obwohl politisch aktiv, dennoch nicht zum linken Flügel zählen (wie beispielsweise die europäischen Grünen), sondern staatsloyal sind. Einige sind gar in den staatlichen Programmen zur "patriotischen Erziehung“ organisiert. In diesem Artikel werden jene gesellschaftlichen Bewegungen behandelt, die über ein eigenes Programm zur Veränderung der russischen Gesellschaft (bzw. einiger ihrer konkreter Erscheinungsformen) verfügen; die das Internet als ein PR-Mittel zur Verbreitung ihrer Ideologie nutzen und dabei auch Resonanz unter der russischen Bevölkerung finden. Bei der überblicksartigen Zusammenstellung dieser Bewegungen wurden die folgenden Punkte berücksichtigt: 1. das Konzept der gesellschaftlichen Entwicklung und das Programm, 2. die Popularität (und dementsprechend der potenzielle Einfluss) und 3. die Spezifik der Internetnutzung. Der letzte Punkt ist besonders wichtig: er betrifft die Struktur der Website (Rubriken und deren Gewichtung); den Grad der Interaktivität (Vorhandensein von Foren, Anzahl der Diskussionen, Diskussionsthemen); das Genre der Site (Massenmedium, Forum und Gästebuch, Informationsportal u.a.). Websites, die sich für den Schutz der Menschenrechte einsetzen Eine der zahlenmäßig stärksten und politisch
aktivsten Bewegungen im heutigen Russland (die dem ursprünglichen
Verständnis des Begriffs "Gesellschaftsbewegung“ am
nächsten steht) ist die Menschenrechtsbewegung. Ihre Programmatik
bedarf keiner besonderen Erklärung – es genügt, zu erwähnen,
dass diese Bewegung eine der konsequentesten ist und sich die Festigung
der legitimierten Demokratie zum politischen Ziel setzt. Die Tätigkeitsfelder
der Menschenrechtler sind unterschiedlich – dazu gehören
Jugendarbeit und Organisation von (Sommer-)Schulen, Wettbewerbe, Bildungsprogramme
und Aktionen. Die Bewegung übernimmt juristische Beratung und die
Funktion eines Massenmediums für den Menschenrechtsschutz sowie
sonstige Aufgaben. Das Internet eröffnet der Menschenrechtsbewegung
zweifellos besondere Möglichkeiten, vor allem, wenn es um zensur-
und kontrollfreie Publikationen sowie die Schaffung von interaktiven
Informationsportalen und Datenbanken geht. Die meisten Online-Ressourcen
der russischen Menschenrechtler informieren über laufende Prozesse
oder über konkrete juristische Tatbestände, sie sind jedoch
kein Treffpunkt für gesellschaftliche Diskussionen (sei es im Forum
oder spontan) oder für politische Konzeptbildung. Die Online-Statistik
verzeichnet niedrige Besucherzahlen der Menschenrechtsseiten ( Im Folgenden werden exemplarisch drei verschiedene Nutzungsstrategien des Internet durch die russische Menschenrechtsbewegung demonstriert: "informative“ Seiten, die als Nachschlagewerke dienen; "interaktive“ Seiten, die zwecks Öffentlichkeitsarbeit und Diskussion gegründet wurden; "repräsentative“ Seiten, die als Online-Visitenkarten konkreter Organisationen dienen. Dies ist natürlich nur eine bedingte Klassifizierung, die zwecks Bequemlichkeit der Beschreibung eingeführt wird. In Wirklichkeit vereinen die meisten Websites alle der genannten Typen in sich (wobei jeweils ein Typus dominiert). "Informative“ Sites Die Menschenrechtsbewegung wird im Internet durch Dutzende
von Seiten repräsentiert, wobei sich ein Portal als das größte,
populärste und am besten strukturierte etabliert hat – "Die
Menschenrechte in Russland“ ( Das Portal wurde 1996 von der Rjazaner Abteilung von "Memorial“ und dem Moskauer Menschenrechtszentrum ("Informationsnetzwerk zum Rechtschutz“) gegründet. Die Website ist ein selbständiges Online-Projekt. Das zentrale Anliegen ihrer Gründer bestand in der Schaffung einer Informationsquelle im Bereich der Menschenrechte, weshalb die Funktion eines Nachschlagwerkes stark ausgeprägt ist. Ein Jahr nach seiner Gründung bekam das Portal Unterstützung durch Sponsoren (wohltätige Organisationen) und eröffnete das Forum "Unsere Rechte“; ein weiteres Jahr später ergänzte es seine Funktionen, indem es zunächst eine wöchentliche, später eine tägliche Berichterstattung in sein Informationsangebot integrierte. Heute setzt sich das Portal aus den Rubriken Nachrichten, Menschenrechtler, Aktionen, Bibliothek, Dokumente, Links, Forum und Über uns zusammen. Im Forum des Portals Im russischen Internet sind auch andere Rechtsschutz-Ressourcen
informativen Typs gut vertreten. So beschäftigt sich das Informations-
und Forschungszentrum "Interaktive“ Sites Die Website "Repräsentative“ Sites Seiten diesen Typs repräsentieren im Internet Organisationen, die auf "traditionelle“ Weise arbeiten (über Bildungsprogramme und Aktionen, Recherchen vor Ort mit Hilfe eines Netzwerks regionaler Mitarbeiter, Kooperation mit den Massenmedien etc.). In diesem Falle ist die Funktion der Website eine rein "repräsentative“ - sie weist durch die Tatsache ihrer Existenz auf das Bestehen der Organisation in der "Realität“ hin, indem sie deren virtuelle Projektion erschafft [3]. "Repräsentative“ Seiten dienen der zusätzlichen "Reklame“ sowie als Archiv für Nachrichten und Dokumente. Das belegt auch die Struktur dieser Websites. In der Regel stellen sie viel Raum für Informationen über ihre Struktur, Geschichte, ihre Mitglieder sowie für Anzeigen und Nachrichten zur Verfügung. Auch wenn die Websites diesen Typs Foren beherbergen, bieten diese kaum Möglichkeit für Dialog und Diskussion. Sie erfüllen entweder eine informativ-beratende Funktion, indem sie den Besuchern die Möglichkeit geben, ihre individuellen Erfahrungen und Berichte zu veröffentlichen, oder sie dienen der Bekanntmachung von bevorstehenden Aktionen oder Projekten. Die Übersicht über Websites diesen Typs im Bereich
der russischen Menschenrechtsbewegung beginnt zweckmäßigerweise
mit der Online-Ressource der Internationalen Rechtsschutzgesellschaft
Die Website von "Memorial“ enthält Rubriken, die sich der Tätigkeit der Organisation widmen (Online-Bibliothek, Informationen über das Museum und das Archiv, Ankündigungen von Wettbewerben, Vorlesungen, wissenschaftliche Konferenzen, Veröffentlichung von offenen Briefen etc.). Außerdem widmet sich eine umfangreiche Rubrik der Geschichte und den aktuellen Aufgaben von "Memorial“. Obwohl die Website von "Memorial“ in die Kategorie der "repräsentativen“ Online-Ressourcen einzuordnen ist, besitzt sie ein Forum. Trotz der relativ geringen Anzahl der Beiträge werden hier aktiv Formen der politischen Gestaltung des Landes, der gesellschaftlichen Kommunikation und der "Methodologie“ diskutiert (zum Beispiel Reformmodelle für die Armee, soziologische Umfragen, politische Journalistik u.a.). Die Moskauer Helsinki-Gruppe (MHG) ist im Internet ebenfalls mit einer "repräsentativen“ Seite vertreten. Die MHG ist die älteste sowjetische (!) Rechtsschutzorganisation. Ähnlich wie "Memorial“ entstand sie 1976 dank der Tätigkeit von Andrei Sacharow. Heute sieht die MHG ihre Mission in der "Offenlegung von Verstößen gegen die Menschenrechte und in der Ausübung von Einfluss auf die Staatsmacht mit dem Ziel der Einhaltung internationaler Verpflichtungen, zu denen sich die Russische Föderation bekannt hat“, sowie in der "Mitwirkung bei der Entwicklung der Menschenrechts- und Gesellschaftsbewegungen in den Regionen der Russischen Föderation“. Die MHG bezeichnet sich als ein "Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen“ und "dient als zentrale Ressource für Hunderte von regionalen Nichtregierungsorganisationen, indem es diese auf der Organisations-, Informations- und Bildungsebene unterstützt“. Zu diesem Zweck führen die Mitarbeiter folgende Maßnahmen durch: Monitoring (über die Einhaltung der Menschenrechte, Unterstützung der Repressionsopfer, Situation der Frau, "Spionomanie“, Parlamentswahlen etc.), Aufklärung (Vorlesungen, methodische Lehrbücher, Handbücher, Seminare für Rechtsschützer), rechtliche Programme (Vorträge, Seminare, Expertenbeiträge) und Unterstützung zivilgesellschaftlicher Koalitionen (Organisation und Koordination von Aktivitäten der Organisationen des so genannten "Dritten Sektors“ – NGOs). Auf der Startseite werden folgende Hauptrubriken vorgestellt: Über uns, Geschichte, Tätigkeit, Publikationen, Nachrichten, Partner, Spender, Projekte sowie Informationen über die Tätigkeit der MHG in den Regionen. Es gibt ein Gästebuch auf der Website, in dem die Besucher Informationen über Rechtsverstöße und Behördenwillkür veröffentlichen können. Faktisch ist die Website eine Visitenkarte der MHG: es ist weder ein inhaltlicher Dialog noch ein interaktiver Austausch mit den Besuchern vorgesehen. "Komitee 2008“ Eine aktivere Position im Internet übernimmt die
gesellschaftliche Initiative Die Website des "Komitees 2008“ umfasst folgende Rubriken: Chronik, Mitglieder, Beitritt, Presse, Kontakte und Nachrichten; ein wesentlicher Teil der Startseite widmet sich jedoch dem Text der Deklaration. Informationen über die Tätigkeiten des Komitees erhält man in der Rubrik Chronik und in einem Nachrichten-Ticker. Darüber hinaus ist auf der Website ein internes Forum
für die Unterzeichner der Deklaration, die Mitglieder oder Unterstützer
der Initiative, zugänglich. Die Bewegung gegen die Einberufung in die Armee (für eine Armeereform) Vergleichbar den Bewegungen von Studenten und Rentnern, die gegen Kürzungen im Bereich der sozialen Subventionen protestieren (im Internet sind diese mit eigenen Websites jedoch kaum präsent), entstand auch die Bewegung gegen die Einberufung in die Armee spontan und resultierte aus einer konkreten Unzufriedenheit, die eine große Bevölkerungsgruppe erfasst hat. Ungeachtet dessen ist sie heute eine der – auch in politischer Hinsicht – aussichtsreichsten gesellschaftlichen Bewegungen, da sie die Interessen eines Großteils der Bevölkerung anspricht und darauf abzielt, ein grundlegendes Problem der russischen Gesellschaft zu lösen – ihr Verhältnis zur Armee. Der Inhalt der Website trägt einen informativen Charakter
– hier werden wichtige, Wehrpflichtige und Wehrdienstleistende
schützende Gesetze veröffentlicht; hier findet man Ratschläge
für die Eltern der Wehrpflichtigen sowie Konferenzvorträge
und Interviews. Nachrichten und publizistische Beiträge werden
unregelmäßig aktualisiert; ein Forum oder ein Gästebuch
stehen nicht zur Verfügung. Beim Besuch der Website der "Union
der Komitees der Soldatenmütter Russlands“ erhält man
Informationen über ihren Tätigkeitsbereich sowie Telefonnummern
und Kontakt-Adressen der Organisation, für das Internet spezifische
Kommunikationsformen mit der Öffentlichkeit sind jedoch nicht vorgesehen.
Dennoch treten die Mitarbeiter der "Union“ regelmäßig
mit Ansprachen, offenen Briefen und Kommentaren in den Massenmedien,
darunter auch in den Online-Medien ( Neben der organisierten Bewegung der Soldatenmütter
gibt es im Internet auch einige "spontan entstandene“ Websites,
die sich der Wehrpflicht und den damit verbundenen Problemen widmen.
Diese sehen eine hohe Interaktivität vor und sind bei den Besuchern
wesentlich populärer. Als Beispiele seien folgende Ressourcen genannt:
"die nichtkommerzielle Website über die Wehrpflicht und wie
man sie umgeht“ Es gibt auch Bewegungen, die von Soldaten oder Veteranen
selbst organisiert werden. Wenn allerdings die Räte der Veteranen
des Großen Vaterländischen Krieges [des Zweiten Weltkriegs,
d. Übers.] tatsächlich eine Homepage einrichten,
so tun sie dies in der Regel im Rahmen offizieller Websites von lokalen
Verwaltungen. Wesentlich aktiver sind heutzutage die Organisationen
der Afghanistan- oder Tschetschenienveteranen. Eine der bekanntesten
Initiativen dieser Art ist die "Russische Veteranenbewegung lokaler
Kriege und bewaffneter Konflikte“ – die Kampfbrüderschaft
[Bojewoje bratstwo]. Die Die Website der Organisation erfüllt eine eher unterstützende Funktion. Neben regelmäßigen Auftritten in der Presse und verschiedenen gesellschaftlichen Aktionen verlegen die Mitglieder der "Brüderschaft“ auch eine eigene Zeitschrift. Deshalb hat die Website weder ein Forum noch ein Gästebuch; die einzige Rubrik, in der man die Resonanz der Besucher nachlesen kann, ist die Sektion "Man schreibt uns“. Tatsächlich sieht die Organisation keine Diskussionen oder andere Formen der Interaktivität mit der Öffentlichkeit vor. Ihre Tätigkeit verstehen die "Brüderschafts“-Mitglieder eher als eine "Mission“. Elektronische Massenmedien Die wohl aktivsten Informationsplattformen und Diskussionsforen
im Internet sind die elektronischen Massenmedien. Speziell im interaktiven
Format konzipiert, setzen sie eine aktive Beteiligung der BesucherInnen
an Diskussionen und sogar ihre Mitwirkung an der inhaltlichen Gestaltung
der Ressource voraus. Eine dieser Online-Zeitungen ist Seit ihrer Gründung zeichnet sich die Website durch eine Besonderheit aus – das Polit.ru-Forum. Bereits 1996 war Polit.ru, dank der breiten Diskussionen im Forum, eine der aktivsten und dynamischsten Online-Ressourcen; auch heute wird viel Wert auf die Interaktivität und den Kontakt mit den Lesern gelegt. Diese Einstellung ist eng mit den zentralen Zielen der Ressource verbunden: der Schaffung einer Diskussionsplattform und der Entwicklung einer adäquaten Sprache, in der die aktuellen politischen Fragen diskutiert werden können. Nach einem unwesentlichen Einbruch gegen Ende der 1990er Jahre, der mit der allgemeinen Informations- und politischen Krise im Lande zusammenhing, wächst die Popularität von Polit.ru im Moment wieder. Außerdem startete die Online-Zeitschrift auch eine Reihe eigener Projekte: das "Kaukasus.Forum“ (in Kooperation mit der Union Rechter Kräfte SPS), "Polit.ru Ukraine“ (ein Projekt, das sich den Wahlen in der Ukraine 2004 und deren politischen Auswirkungen widmet) sowie die "Öffentlichen Vorlesungen Polit.ru“. Im Rahmen dieser öffentlichen Veranstaltungsreihe werden Experten (Historiker, Soziologen, Politologen, Geographen, Philologen, Philosophen u.a.) zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen, deren Schriftfassungen später auf der Website veröffentlicht und online diskutiert werden. Eine radikalere politische Position als Polit.ru nimmt
die Redaktion der seit 2000 existierenden Oppositionszeitschrift "Die Neokonservativen“ Diejenigen Kräfte der Opposition, die die russische
Staatsmacht ausgehend von undemokratischen Positionen kritisieren, sind
im Internet vielfältiger und besser repräsentiert als die
der demokratischen Opposition. Dies betrifft vor allem die sogenannten
"neuen Konservativen“, die sich um die Redaktion der Zeitung
"Segodnja“ [russ: Heute, d. Übers.] gebildet
haben. Parallel dazu entwickelten diese ihre elektronische Präsenz
im Medium des LiveJournal [5]. Später
wurde die Website Die programmatische Orientierung an den neuen Kommunikations- und Propagandamitteln, zu denen auch das Internet gehört, ermöglicht der Bewegung der "Neokonservativen“ eine konsequente Nutzung der interaktiven Besonderheiten des Internet. Auf den Websites "Globalrus“ und dem "Portal des Bürgerlichen Clubs“ werden Diskussionsforen miteinander vernetzt, die eine aktive Beteiligung der NutzerInnen voraussetzen. Darüber hinaus agieren und publizieren Aktivisten dieser Bewegung in zahlreichen Blogs (Webtagebüchern), vorzugsweise in Form des LiveJournal. Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch die "Kehrseite“ der technologischen Fortschrittlichkeit dieser Bewegung: während sie im Internet Popularität genießt, ist sie im Bereich des Offline praktisch nicht präsent, da sie durch keine einzige Printausgabe vertreten ist. Extremistische Jugendbewegungen Da der hier vorgestellte Artikel keinesfalls einen vollständigen
Überblick über das breite Spektrum an extremistischen Bewegungen
in der gegenwärtigen russischen Politik anstrebt, sollen hier lediglich
einige Beispiele angeführt werden. Das Internet ist ein beim jüngeren
Teil der russischen Bevölkerung populäres Kommunikationsmittel.
Dementsprechend sind die aktivsten und zahlenmäßig größten
Bewegungen im Internet diejenigen der Sozialisten und Situationisten,
der Libertarier, Anarchisten, Trotzkisten, Cyberpunks, Padonki [russ.
"Nichtsnutze“, d. Übers.] und anderen –
( Neben den bereits eingangs erwähnten ökologischen
Bewegungen, die durch lokale oder zentrale Verwaltungsorgane organisiert
sind, gibt es auch andere, esoterisch-religiös motivierte Teilbewegungen.
Ursprünglich apolitisch, versuchen einige von diesen Massenbewegungen
nun, sich einen neuen – politischen – Status anzueignen.
So zieht beispielsweise die Bewegung der "Anastasier“ die
Möglichkeit der Organisation einer eigenen Partei in Betracht.
Der zentrale Punkt ihrer Ideologie ist die Errichtung von so genannten
"Stammgütern“ mittels der Änderung der Bodengesetzgebung
( Genauso aktiv sind auch die religiösen Bewegungen
im eigentlichen Sinne, deren Spektrum ebenfalls recht breit ist: es
reicht von den traditionell apolitischen Websites orthodoxer Klöster
bis hin zu radikalen Ressourcen. Zu letzteren zählen unter anderem
die Orthodoxe Netzbrüderschaft Zu erwähnen sind auch verschiedene künstlerische, literarische und kulturelle Bewegungen, die noch nicht formal organisiert sind und keine politischen Ziele verfolgen. Diese erfreuen sich jedoch eines hohen Bekanntheitsgrades und können auf eine massenhafte Unterstützung zählen; insofern haben auch sie ein riesiges Potenzial. Hierzu zählen beispielsweise die Clubs der Freunde der alten Architektur (Das Moskau, das es nicht gibt u.a.), Gemeinschaften der Netzliteraten (Mitglieder zahlreicher literarischer Websites und Foren), Flashmob-Gruppen [6] usw. Der hier vorgestellte Artikel erhebt keinesfalls den Anspruch, einen vollständigen Überblick über alle russischen gesellschaftlichen Bewegungen und ihre Internet-Ressourcen zu geben. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Nutzung des Internet durch die markantesten Vertreter der Gesellschaftsbewegungen und die Entwicklung der russischen Internetkultur. Die "Karte“ des russischen gesellschaftspolitischen Internet weist ihre Besonderheiten auf. Diese sind primär mit der "realen“ (offline) kulturpolitischen Situation im Lande zu erklären. Zu diesen Besonderheiten gehört die geringe Popularität der demokratischen Ideologie, was mit der Krise der Postperestroika, den Misserfolgen der demokratischen Reformen, der Diskreditierung des Begriffs "Demokrat“ und anderen Faktoren zu tun hat. Darüber hinaus wird die Spezifik des russischen gesellschaftspolitischen Internet durch die Geschichte des Internet in Russland bestimmt. Dies erklärt die Tatsache, warum bei einer quantitativen Überzahl der Ressourcen der Menschenrechtsbewegung dennoch die jugendlichen, die "neokonservativen“ und linksradikalen Online-Medien die aktiveren sind; d.h. jene Ressourcen erweisen sich als besonders erfolgreich, die sich ursprünglich im Internet formiert oder dieses Medium für die Kommunikation und die Weiterentwicklung ihrer Programme genutzt haben. Übersetzung Georg Butwilowski ______________________ [1] Siehe auch: Epschtein,
M (1998): Über die virtuelle Wortkunst. In: Russkij journal, |
|||||||||||||||