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Natalja Konradowa (2005): Gesellschaftliche Bewegungen in Russland und ihre Präsenz im Internet

Natalja Konradowa lebt und arbeitet in Moskau. 1996 schloss sie ihr Studium an der Fakultät für Museumskunde der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Kultur) ab. 2001 verteidigte sie ihre Dissertation zum Thema "Kitsch als soziokulturelles Phänomen“ am Russischen Institut für Kulturologie, wo sie zurzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich "Sprachen der Kulturen“ tätig ist. Sie unterrichtet als Dozentin am Lehrstuhl für Kulturologie der Moskauer Staatlichen Pädagogischen Universität die Kurse "Semiotik“, "Kopie und Original in der Kunst“ und "Einführung in die Internetforschung“.

Von 2003 bis 2005 arbeitete Natalja Konradowa bei der Internetzeitung Polit.ru als Redakteurin in der Rubrik „Wissenschaftliche Analysen“ sowie als Autorin und Kommentatorin im Bereich der staatlichen und nichtstaatlichen Kulturpolitik. Zurzeit moderiert sie die Kultursendung "Schwarzes Quadrat“ beim Russischen Radio 2.

Schwerpunkte ihrer Forschungstätigkeit sind naive Kunstwahrnehmung und "schlechter Geschmack“; nicht-professionelle (Laien-) und offizielle (staatliche) Kunst; Gedächtniskultur (vergleichende Analyse von Kriegsdenkmälern in Russland und Europa).



   
1. Einleitung
2. Demokratische Bewegungen
3. Undemokratische Bewegungen
4. Apolitische Bewegungen
5. Fazit

1. Einleitung

Die Entstehung des Internet in Russland in den frühen 1990er Jahren fiel mit dem Übergang in eine neue historische Epoche zusammen; womöglich war das Internet selbst sogar einer derjenigen Faktoren, die diesen Wandel bedingten. Das Internet, als eine neue Kommunikations- und Informationsumgebung, entstand in Russland damit relativ spät – vor weniger als 10 Jahren. Im Sommer 2005 nutzen etwa 15 Millionen Russen das Internet, was ungefähr 15 % der Bevölkerung entspricht. Jährlich kommen circa 150.000 neue UserInnen hinzu. Die Wachstumsraten des russischen Internet waren von Beginn an rasant; dies betrifft sowohl die Zahl der UserInnen als auch der Web-Ressourcen. Die russische Gesellschaft und Kultur entdeckten und erschlossen sich diese neue Erscheinung so aktiv, dass bereits nach kurzer Zeit das Konzept vom Sonderweg des russischen Internet entstand [1]. Gemäß dieses Konzepts gilt das WWW als ein Phänomen, auf welches die russische Kultur bereits lange vor der Entstehung der Computernetzwerke vorbereitet war.

Wie dem auch sei, die Popularität des russischen Internet und insbesondere der dort artikulierten kritischen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Positionen ist unter anderem bedingt durch das in Russland traditionelle Defizit eines öffentlichen Raumes, der nicht von der Staatsmacht kontrolliert wird.

Der Begriff der "gesellschaftlichen Bewegungen“ ist in Bezug auf die russische Wirklichkeit ein spezifischer. Will man von deren Existenz in "reiner“ Form (anders ausgedrückt: im westlichen Verständnis dieser Erscheinung) sprechen, so existierten sie nur in der kurzen Zeit nach der Perestroika. Danach verwandelten sie sich entweder in politische Parteien, indem sie ihren Charakter, ihre Struktur und Funktion veränderten, oder sie verschwanden gänzlich von der Bildfläche. Heutzutage gibt es viele Initiativen, die sich selbst als "gesellschaftliche Bewegungen“ bezeichnen, in Wirklichkeit aber keine sind, da sie vom Staat finanziert und geleitet werden. Andererseits gibt es eine Reihe von Initiativen, die formal nicht als eine Bewegung organisiert sind, jedoch deren Funktion erfüllen. Als solche kann eine Initiative oder Gruppe gelten, die sich im Umfeld eines Massenmediums gebildet hat, die aus einer konkreten gesellschaftlichen Aufgabe hervorgegangen ist (zum Beispiel das Komitee der Soldatenmütter) oder solche, die keine politischen, sondern ästhetische Ziele verfolgen (zum Beispiel Das Moskau, das es nicht gibt u. ä.).

Die Struktur der Gesellschaftsbewegungen in der Form, in der sie heute in Russland existieren, unterscheidet sich stark vom europäischen gesellschaftlich-politischen Spektrum, was in unmittelbarem Zusammenhang mit der historischen Spezifik Russlands steht. So gibt es in Russland beispielsweise keine klar ausgeprägte Bewegung der Globalisierungsgegner; der Begriff selbst wird zur Selbstbezeichnung von nationalistischen und anderen radikalen Bewegungen gebraucht [2]. Zeitgleich existiert ein verzweigtes Netzwerk ökologischer Bewegungen, die, obwohl politisch aktiv, dennoch nicht zum linken Flügel zählen (wie beispielsweise die europäischen Grünen), sondern staatsloyal sind. Einige sind gar in den staatlichen Programmen zur "patriotischen Erziehung“ organisiert.

In diesem Artikel werden jene gesellschaftlichen Bewegungen behandelt, die über ein eigenes Programm zur Veränderung der russischen Gesellschaft (bzw. einiger ihrer konkreter Erscheinungsformen) verfügen; die das Internet als ein PR-Mittel zur Verbreitung ihrer Ideologie nutzen und dabei auch Resonanz unter der russischen Bevölkerung finden. Bei der überblicksartigen Zusammenstellung dieser Bewegungen wurden die folgenden Punkte berücksichtigt: 1. das Konzept der gesellschaftlichen Entwicklung und das Programm, 2. die Popularität (und dementsprechend der potenzielle Einfluss) und 3. die Spezifik der Internetnutzung. Der letzte Punkt ist besonders wichtig: er betrifft die Struktur der Website (Rubriken und deren Gewichtung); den Grad der Interaktivität (Vorhandensein von Foren, Anzahl der Diskussionen, Diskussionsthemen); das Genre der Site (Massenmedium, Forum und Gästebuch, Informationsportal u.a.).

2. Demokratische Bewegungen

Websites, die sich für den Schutz der Menschenrechte einsetzen

Eine der zahlenmäßig stärksten und politisch aktivsten Bewegungen im heutigen Russland (die dem ursprünglichen Verständnis des Begriffs "Gesellschaftsbewegung“ am nächsten steht) ist die Menschenrechtsbewegung. Ihre Programmatik bedarf keiner besonderen Erklärung – es genügt, zu erwähnen, dass diese Bewegung eine der konsequentesten ist und sich die Festigung der legitimierten Demokratie zum politischen Ziel setzt. Die Tätigkeitsfelder der Menschenrechtler sind unterschiedlich – dazu gehören Jugendarbeit und Organisation von (Sommer-)Schulen, Wettbewerbe, Bildungsprogramme und Aktionen. Die Bewegung übernimmt juristische Beratung und die Funktion eines Massenmediums für den Menschenrechtsschutz sowie sonstige Aufgaben. Das Internet eröffnet der Menschenrechtsbewegung zweifellos besondere Möglichkeiten, vor allem, wenn es um zensur- und kontrollfreie Publikationen sowie die Schaffung von interaktiven Informationsportalen und Datenbanken geht. Die meisten Online-Ressourcen der russischen Menschenrechtler informieren über laufende Prozesse oder über konkrete juristische Tatbestände, sie sind jedoch kein Treffpunkt für gesellschaftliche Diskussionen (sei es im Forum oder spontan) oder für politische Konzeptbildung. Die Online-Statistik verzeichnet niedrige Besucherzahlen der Menschenrechtsseiten ( http://top100.rambler.ru).

Im Folgenden werden exemplarisch drei verschiedene Nutzungsstrategien des Internet durch die russische Menschenrechtsbewegung demonstriert: "informative“ Seiten, die als Nachschlagewerke dienen; "interaktive“ Seiten, die zwecks Öffentlichkeitsarbeit und Diskussion gegründet wurden; "repräsentative“ Seiten, die als Online-Visitenkarten konkreter Organisationen dienen. Dies ist natürlich nur eine bedingte Klassifizierung, die zwecks Bequemlichkeit der Beschreibung eingeführt wird. In Wirklichkeit vereinen die meisten Websites alle der genannten Typen in sich (wobei jeweils ein Typus dominiert).

"Informative“ Sites

Die Menschenrechtsbewegung wird im Internet durch Dutzende von Seiten repräsentiert, wobei sich ein Portal als das größte, populärste und am besten strukturierte etabliert hat – "Die Menschenrechte in Russland“ ( Human Rights Online). Die Ressource beinhaltet eine Datenbank mit Gesetzen, sie veröffentlicht Ratschläge zum Menschenrechtsschutz, Informationen über gesellschaftliche Kampagnen, Bücher, Artikel sowie Daten über Menschenrechtsorganisationen (Porträts, Kontaktmöglichkeiten). Zu den auf der Website behandelten Themen gehören unter anderem Menschenrechte im Internet (Meinungsfreiheit und Unantastbarkeit des Privatlebens, Briefgeheimnis, Recht auf Informationszugang, staatliche Kommunikationskontrolle etc.).

Das Portal wurde 1996 von der Rjazaner Abteilung von "Memorial“ und dem Moskauer Menschenrechtszentrum ("Informationsnetzwerk zum Rechtschutz“) gegründet. Die Website ist ein selbständiges Online-Projekt. Das zentrale Anliegen ihrer Gründer bestand in der Schaffung einer Informationsquelle im Bereich der Menschenrechte, weshalb die Funktion eines Nachschlagwerkes stark ausgeprägt ist. Ein Jahr nach seiner Gründung bekam das Portal Unterstützung durch Sponsoren (wohltätige Organisationen) und eröffnete das Forum "Unsere Rechte“; ein weiteres Jahr später ergänzte es seine Funktionen, indem es zunächst eine wöchentliche, später eine tägliche Berichterstattung in sein Informationsangebot integrierte. Heute setzt sich das Portal aus den Rubriken Nachrichten, Menschenrechtler, Aktionen, Bibliothek, Dokumente, Links, Forum und Über uns zusammen.

Im Forum des Portals www.hro.org werden hauptsächlich konkrete Situationen und Rechtsfragen behandelt (die letzten Einträge des Monat Juni 2005 widmeten sich Fragen des Pass- und Meldewesens und möglicher Sanktionen sowie der Wehrpflicht). Diskussionen über allgemeine Fragen (zum Beispiel ideologische oder politische Themen) kommen im Forum nicht vor. Dieses erinnert vielmehr an ein virtuelles Sprechzimmer, einen Informationsstand oder eine Beratungsstelle. Die Funktion der Website sehen die Besucher selbst in der "Weitergabe von juristischem Wissen“. Durch die Möglichkeit, individuelle Fragen zu stellen, erhoffen sie sich professionelle juristische Beratung.

Im russischen Internet sind auch andere Rechtsschutz-Ressourcen informativen Typs gut vertreten. So beschäftigt sich das Informations- und Forschungszentrum Panorama mit der Recherche und Publikation von Analysen zu den Themen Nationalismus, Extremismus und Ausländerfeindlichkeit. Eines der bekanntesten "Produkte“ des Zentrums ist die "Labyrinth“-Datenbank, die Informationen über praktisch alle politischen Funktionäre und Staatsmänner, Beamte, politischen Journalisten und Leiter von gesellschaftlichen Bewegungen enthält. Die Mitarbeiter des Informationszentrums Sowa (Die Eule) sammeln Informationen und analysieren religiöse Probleme der russischen Gesellschaft, sie veröffentlichen analytische Artikel, verlegen Bücher und organisieren Konferenzen.

"Interaktive“ Sites

Die Website Pro Menschenrechte ist ein Organ der gleichnamigen "gesamtrussischen gesellschaftlichen Bewegung“, die 2003 entstanden ist und sich auf Gerichtsprozesse spezialisiert hat. Die Website richtet sich primär auf die Zusammenarbeit mit den BesucherInnen. Hier werden Informationen über geplante Aktionen, offene Briefe, Appelle, kritische Artikel zu aktuellen Ereignissen sowie Kommentare der LeserInnen veröffentlicht. Die Online-Ressource unterstützt die lokale gesellschaftlich-politische Aktivität, indem sie über diese im Internet berichtet und ist somit wesentlich stärker mit der Offline-Tätigkeit der Organisation verbunden ist als die oben erwähnten Beispiele. Die Struktur der Website enthält die Rubriken Nachrichten, Ereignisse, Kommentare und Die Frage der Woche. Jedem Leser steht es frei, das Formular für die Rubrik Kommentar auszufüllen; die Website besitzt jedoch weder ein Forum noch ein Gästebuch, deshalb findet hier keine Diskussion statt. Auf der Website findet man keine Informationen über die TeilnehmerInnen der Bewegung oder die AutorInnen der Artikel, was von einer schlecht organisierten Öffentlichkeitsarbeit zeugt.

"Repräsentative“ Sites

Seiten diesen Typs repräsentieren im Internet Organisationen, die auf "traditionelle“ Weise arbeiten (über Bildungsprogramme und Aktionen, Recherchen vor Ort mit Hilfe eines Netzwerks regionaler Mitarbeiter, Kooperation mit den Massenmedien etc.). In diesem Falle ist die Funktion der Website eine rein "repräsentative“ - sie weist durch die Tatsache ihrer Existenz auf das Bestehen der Organisation in der "Realität“ hin, indem sie deren virtuelle Projektion erschafft [3]. "Repräsentative“ Seiten dienen der zusätzlichen "Reklame“ sowie als Archiv für Nachrichten und Dokumente. Das belegt auch die Struktur dieser Websites. In der Regel stellen sie viel Raum für Informationen über ihre Struktur, Geschichte, ihre Mitglieder sowie für Anzeigen und Nachrichten zur Verfügung. Auch wenn die Websites diesen Typs Foren beherbergen, bieten diese kaum Möglichkeit für Dialog und Diskussion. Sie erfüllen entweder eine informativ-beratende Funktion, indem sie den Besuchern die Möglichkeit geben, ihre individuellen Erfahrungen und Berichte zu veröffentlichen, oder sie dienen der Bekanntmachung von bevorstehenden Aktionen oder Projekten.

Die Übersicht über Websites diesen Typs im Bereich der russischen Menschenrechtsbewegung beginnt zweckmäßigerweise mit der Online-Ressource der Internationalen Rechtsschutzgesellschaft Memorial, der größten und ältesten Menschenrechtsorganisation in Russland. Die Gesellschaft existiert seit 1988, ihr erster Vorsitzender war der wohl bekannteste russische Dissident und Menschenrechtler, der Akademiker Andrei Sacharow. Seit 1992 ist Sergei Kowalew Vorsitzender der Gesellschaft. Die Geschichte "Memorials“ begann in der Zeit der Perestroika, als sich die ersten "inoffiziellen Vereinigungen“ formierten, und zwar mit der Diskussion über das Gedenken der Opfer der sowjetischen Repression. Seitdem sind die Aufgaben der Gesellschaft vielfältiger geworden – ihre Mitarbeiter erforschen nicht nur die Geschichte der Repressionen, Rehabilitationen und der sowjetischen Dissidentenbewegung, sie treten auch als Menschenrechtler auf: "Wir tendieren dazu, die heutigen Verstöße dieser Art [gegen die Menschenrechte] in untrennbarem Zusammenhang mit der Vergangenheit zu sehen“. Die "Memorial“-MitarbeiterInnen nehmen aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben Russlands teil: sie nutzen die Massenmedien, indem sie offizielle Erklärungen oder Briefe veröffentlichen lassen; sie organisieren Expeditionen zu den sogenannten "Krisenherden“ (zurzeit ist die Recherche von Informationen über die Lage in Tschetschenien sowie die Leistung von humanitärer Hilfe vor Ort eines der größten Projekte von "Memorial“) [4].

Die Website von "Memorial“ enthält Rubriken, die sich der Tätigkeit der Organisation widmen (Online-Bibliothek, Informationen über das Museum und das Archiv, Ankündigungen von Wettbewerben, Vorlesungen, wissenschaftliche Konferenzen, Veröffentlichung von offenen Briefen etc.). Außerdem widmet sich eine umfangreiche Rubrik der Geschichte und den aktuellen Aufgaben von "Memorial“.

Obwohl die Website von "Memorial“ in die Kategorie der "repräsentativen“ Online-Ressourcen einzuordnen ist, besitzt sie ein Forum. Trotz der relativ geringen Anzahl der Beiträge werden hier aktiv Formen der politischen Gestaltung des Landes, der gesellschaftlichen Kommunikation und der "Methodologie“ diskutiert (zum Beispiel Reformmodelle für die Armee, soziologische Umfragen, politische Journalistik u.a.).

Die Moskauer Helsinki-Gruppe (MHG) ist im Internet ebenfalls mit einer "repräsentativen“ Seite vertreten. Die MHG ist die älteste sowjetische (!) Rechtsschutzorganisation. Ähnlich wie "Memorial“ entstand sie 1976 dank der Tätigkeit von Andrei Sacharow. Heute sieht die MHG ihre Mission in der "Offenlegung von Verstößen gegen die Menschenrechte und in der Ausübung von Einfluss auf die Staatsmacht mit dem Ziel der Einhaltung internationaler Verpflichtungen, zu denen sich die Russische Föderation bekannt hat“, sowie in der "Mitwirkung bei der Entwicklung der Menschenrechts- und Gesellschaftsbewegungen in den Regionen der Russischen Föderation“. Die MHG bezeichnet sich als ein "Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen“ und "dient als zentrale Ressource für Hunderte von regionalen Nichtregierungsorganisationen, indem es diese auf der Organisations-, Informations- und Bildungsebene unterstützt“. Zu diesem Zweck führen die Mitarbeiter folgende Maßnahmen durch: Monitoring (über die Einhaltung der Menschenrechte, Unterstützung der Repressionsopfer, Situation der Frau, "Spionomanie“, Parlamentswahlen etc.), Aufklärung (Vorlesungen, methodische Lehrbücher, Handbücher, Seminare für Rechtsschützer), rechtliche Programme (Vorträge, Seminare, Expertenbeiträge) und Unterstützung zivilgesellschaftlicher Koalitionen (Organisation und Koordination von Aktivitäten der Organisationen des so genannten "Dritten Sektors“ – NGOs).

Auf der Startseite werden folgende Hauptrubriken vorgestellt: Über uns, Geschichte, Tätigkeit, Publikationen, Nachrichten, Partner, Spender, Projekte sowie Informationen über die Tätigkeit der MHG in den Regionen. Es gibt ein Gästebuch auf der Website, in dem die Besucher Informationen über Rechtsverstöße und Behördenwillkür veröffentlichen können. Faktisch ist die Website eine Visitenkarte der MHG: es ist weder ein inhaltlicher Dialog noch ein interaktiver Austausch mit den Besuchern vorgesehen.

"Komitee 2008“

Eine aktivere Position im Internet übernimmt die gesellschaftliche Initiative Komitee 2008: Freie Wahl – eine Nichtregierungsorganisation, die am 15. Januar 2004 mit der "Deklaration des Komitees 2008“ ins Leben gerufen wurde. Die Gründung des Komitees war eine Reaktion demokratisch orientierter Intellektueller (einige waren bereits früher politisch aktiv) auf die Wahlen des Jahres 2004 und die Politik von Wladimir Putin. Die Komiteemitglieder haben sich die Errichtung des "Instituts“ demokratischer Wahlen in Russland zum Ziel gesetzt. Das Komitee organisiert wissenschaftliche Wettbewerbe (z.B. im Rahmen des "Programms interdisziplinärer Forschung, die sich mit den Problemen der Manifestation und der Entwicklung des neuen politischen Regimes im heutigen Russland (Putin-Regime) beschäftigt“), es veröffentlicht Berichte über wichtige politische Ereignisse (Chodorkowski-Erklärung, Präsidentschaftswahlen in der Ukraine, gesetzliches Verbot von Kundgebungen u.ä.), führt Konferenzen, Kongresse und Protestaktionen durch und organisiert Koalitionen demokratischer Kräfte in Russland.

Die Website des "Komitees 2008“ umfasst folgende Rubriken: Chronik, Mitglieder, Beitritt, Presse, Kontakte und Nachrichten; ein wesentlicher Teil der Startseite widmet sich jedoch dem Text der Deklaration. Informationen über die Tätigkeiten des Komitees erhält man in der Rubrik Chronik und in einem Nachrichten-Ticker.

Darüber hinaus ist auf der Website ein internes Forum für die Unterzeichner der Deklaration, die Mitglieder oder Unterstützer der Initiative, zugänglich. Die Diskussionsbeiträge können jedoch von allen Besuchern der Site gelesen werden. "Das Forum ist für einen freien Austausch über politische und andere beliebige Themen sowie für Online-Konferenzen mit den Komiteemitgliedern eingerichtet worden.“ Statt eines Pseudonyms (Nickname) werden die User gebeten, ihren Vor- und Nachnamen anzugeben. Unter den angebotenen Diskussionsthemen erfreut sich der Punkt Allgemeinpolitische Fragen besonderer Beliebtheit, danach folgen die Themen Aktionen des Komitees 2008 und Regionale Probleme. Wie bereits dargestellt, können nicht-registrierte Website-BenutzerInnen an den Diskussionen des Forums nicht aktiv teilnehmen, aber auch seine ständigen NutzerInnen sind angesichts des fehlenden Kontakts zu den Mitgliedern des Komitees 2008 unzufrieden. "Dieses Forum wird angesichts der nicht vorhandenen Kontaktmöglichkeiten mit seinen Gründern bald überflüssig sein. Die Leiter des Komitees 2008 sehen weder eine Möglichkeit noch die Notwendigkeit der Teilnahme an den Diskussionen über alltägliche Themen.“ Nichtsdestotrotz findet hier ein lebendiger Austausch zu den unterschiedlichsten Themen statt, die mit der Tätigkeit des Komitees zu tun haben. Man darf mit Fug und Recht davon ausgehen, dass das Internet von den Betreibern der Site sowohl als ein Mittel zur Anwerbung von Unterstützern, als auch im Sinne eines schwarzen Bretts und einer Plattform, auf der eine inhaltliche Diskussion stattfindet, benutzt wird.

Bewegung gegen die Einberufung in die Armee (für eine Armeereform)

Vergleichbar den Bewegungen von Studenten und Rentnern, die gegen Kürzungen im Bereich der sozialen Subventionen protestieren (im Internet sind diese mit eigenen Websites jedoch kaum präsent), entstand auch die Bewegung gegen die Einberufung in die Armee spontan und resultierte aus einer konkreten Unzufriedenheit, die eine große Bevölkerungsgruppe erfasst hat. Ungeachtet dessen ist sie heute eine der – auch in politischer Hinsicht – aussichtsreichsten gesellschaftlichen Bewegungen, da sie die Interessen eines Großteils der Bevölkerung anspricht und darauf abzielt, ein grundlegendes Problem der russischen Gesellschaft zu lösen – ihr Verhältnis zur Armee.

“Die Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands“ ist die am deutlichsten konturierte Bewegung dieser Art. Sie bekräftigte ihre Ambitionen als politische Kraft unlängst mit der Ankündigung, eine eigene Partei zu gründen. Die Union der Soldatenmütter bietet Rechtsschutz für Wehrpflichtige, Wehrdienstleistende und ihre Angehörigen. Die Organisation besteht bereits seit 14 Jahren, sie hat ein breites regionales Netzwerk und erfreut sich einer steigenden Popularität.

Der Inhalt der Website trägt einen informativen Charakter – hier werden wichtige, Wehrpflichtige und Wehrdienstleistende schützende Gesetze veröffentlicht; hier findet man Ratschläge für die Eltern der Wehrpflichtigen sowie Konferenzvorträge und Interviews. Nachrichten und publizistische Beiträge werden unregelmäßig aktualisiert; ein Forum oder ein Gästebuch stehen nicht zur Verfügung. Beim Besuch der Website der "Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands“ erhält man Informationen über ihren Tätigkeitsbereich sowie Telefonnummern und Kontakt-Adressen der Organisation, für das Internet spezifische Kommunikationsformen mit der Öffentlichkeit sind jedoch nicht vorgesehen. Dennoch treten die Mitarbeiter der "Union“ regelmäßig mit Ansprachen, offenen Briefen und Kommentaren in den Massenmedien, darunter auch in den Online-Medien ( Polit.ru, Newsru.com, Grani.ru), in Erscheinung.

Neben der organisierten Bewegung der Soldatenmütter gibt es im Internet auch einige "spontan entstandene“ Websites, die sich der Wehrpflicht und den damit verbundenen Problemen widmen. Diese sehen eine hohe Interaktivität vor und sind bei den Besuchern wesentlich populärer. Als Beispiele seien folgende Ressourcen genannt: "die nichtkommerzielle Website über die Wehrpflicht und wie man sie umgeht“ Antiprizyw [russ.: Anti-Wehrpflicht, d. Übers.] oder der "nichtkommerzielle postmoderierte Katalog und Archiv“ Woenkomat [russ.: Wehrdienstersatzamt, d. Übers.]. Auf der zuletzt genannten Website kann jeder User seine eigenen Informationen (Artikel, Meinung, Memoiren etc.) veröffentlichen. Womöglich erklärt sich dadurch die Popularität dieser Online-Ressource. Die Autoren der Website behaupten, dass ihre Ressource "keine klare gesellschaftliche Orientierung hinsichtlich des Wehrpflichtproblems vertritt; das Gegenteil ist eher der Fall – die Website gibt den Usern die Möglichkeit, sich mit allen Sichtweisen bekannt zu machen“.

Es gibt auch Bewegungen, die von Soldaten oder Veteranen selbst organisiert werden. Wenn allerdings die Räte der Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges [des Zweiten Weltkriegs, d. Übers.] tatsächlich eine Homepage einrichten, so tun sie dies in der Regel im Rahmen offizieller Websites von lokalen Verwaltungen. Wesentlich aktiver sind heutzutage die Organisationen der Afghanistan- oder Tschetschenienveteranen. Eine der bekanntesten Initiativen dieser Art ist die "Russische Veteranenbewegung lokaler Kriege und bewaffneter Konflikte“ – die Kampfbrüderschaft [Bojewoje bratstwo]. Die Kampfbrüderschaft ist im Jahr 1997 entstanden, ihr Präsident wurde der Gouverneur des Moskauer Gebietes, der Generaloberst Boris Gromow. Ihre Hauptziele formuliert die "Brüderschaft“ folgendermaßen: "Vertretung und Schutz der Rechte und Interessen der Veteranen, […] ihrer Angehörigen und der Angehörigen von gefallenen Soldaten, […]; Konsolidierung und Aktivierung der Bemühungen für die Festigung des gegenseitigen Einverständnisses, der Freundschaft und der geistigen Wiedergeburt Russlands“. Im Rahmen ihrer Zielsetzung konsultieren sie die Judikative, organisieren verschiedene Aktionen, errichten Denkmäler und betreiben Propaganda der "patriotischen Kunst“.

Die Website der Organisation erfüllt eine eher unterstützende Funktion. Neben regelmäßigen Auftritten in der Presse und verschiedenen gesellschaftlichen Aktionen verlegen die Mitglieder der "Brüderschaft“ auch eine eigene Zeitschrift. Deshalb hat die Website weder ein Forum noch ein Gästebuch; die einzige Rubrik, in der man die Resonanz der Besucher nachlesen kann, ist die Sektion "Man schreibt uns“. Tatsächlich sieht die Organisation keine Diskussionen oder andere Formen der Interaktivität mit der Öffentlichkeit vor. Ihre Tätigkeit verstehen die "Brüderschafts“-Mitglieder eher als eine "Mission“.

Elektronische Massenmedien

Die wohl aktivsten Informationsplattformen und Diskussionsforen im Internet sind die elektronischen Massenmedien. Speziell im interaktiven Format konzipiert, setzen sie eine aktive Beteiligung der BesucherInnen an Diskussionen und sogar ihre Mitwirkung an der inhaltlichen Gestaltung der Ressource voraus. Eine dieser Online-Zeitungen ist Polit.ru. Die Website wurde 1996 unter Beteiligung eines der ersten russischen Online-Journale Zhurnal.ru [russ.: Zeitschrift, d. Übers.] gegründet. Vom ersten Tag an erlangte die Website große Popularität – erstens dank ihres außergewöhnlichen Formats (zu der Zeit gab es im russischsprachigen Internet praktisch keine regulären Informationsmedien), und zweitens dank der Redaktionspolitik, die Nachrichten verständlich präsentieren wollte, sie aus der Sprache der "traditionellen“ Massenmedien in die "menschliche“ Sprache übersetzen wollte. Seit 1996 gelang es Polit.ru die Besucherzahlen von einigen Hundert auf 20.000 pro Tag zu erhöhen.

Seit ihrer Gründung zeichnet sich die Website durch eine Besonderheit aus – das Polit.ru-Forum. Bereits 1996 war Polit.ru, dank der breiten Diskussionen im Forum, eine der aktivsten und dynamischsten Online-Ressourcen; auch heute wird viel Wert auf die Interaktivität und den Kontakt mit den Lesern gelegt. Diese Einstellung ist eng mit den zentralen Zielen der Ressource verbunden: der Schaffung einer Diskussionsplattform und der Entwicklung einer adäquaten Sprache, in der die aktuellen politischen Fragen diskutiert werden können. Nach einem unwesentlichen Einbruch gegen Ende der 1990er Jahre, der mit der allgemeinen Informations- und politischen Krise im Lande zusammenhing, wächst die Popularität von Polit.ru im Moment wieder. Außerdem startete die Online-Zeitschrift auch eine Reihe eigener Projekte: das "Kaukasus.Forum“ (in Kooperation mit der Union Rechter Kräfte SPS), "Polit.ru Ukraine“ (ein Projekt, das sich den Wahlen in der Ukraine 2004 und deren politischen Auswirkungen widmet) sowie die "Öffentlichen Vorlesungen Polit.ru“. Im Rahmen dieser öffentlichen Veranstaltungsreihe werden Experten (Historiker, Soziologen, Politologen, Geographen, Philologen, Philosophen u.a.) zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen, deren Schriftfassungen später auf der Website veröffentlicht und online diskutiert werden.

Eine radikalere politische Position als Polit.ru nimmt die Redaktion der seit 2000 existierenden Oppositionszeitschrift Grani.ru ein. Obwohl die Online-Zeitung eine spezielle Internet-Rubrik hat (mit Beiträgen über "Netzkultur“, Preisverleihungen, Internetpolitik etc.), besitzt die Website selbst jedoch weder ein Forum noch ein Gästebuch. Insofern ist eine Kontaktaufnahme mit der Redaktion nicht möglich. In der Konsequenz unterscheidet sich die Online-Zeitung kaum von einer Printausgabe [das Forum von Grani.ru wurde aufgrund von zahlreichen faschistischen, antisemitischen und rassistischen Äußerungen geschlossen, so Nikolai Rudenski, der stellvertretende Chefredakteur der Zeitung im Interview, Anm. Russian-cyberspace.org].

3. Undemokratische Bewegungen

"Die Neokonservativen“

Diejenigen Kräfte der Opposition, die die russische Staatsmacht ausgehend von undemokratischen Positionen kritisieren, sind im Internet vielfältiger und besser repräsentiert als die der demokratischen Opposition. Dies betrifft vor allem die sogenannten "neuen Konservativen“, die sich um die Redaktion der Zeitung "Segodnja“ [russ: Heute, d. Übers.] gebildet haben. Parallel dazu entwickelten diese ihre elektronische Präsenz im Medium des LiveJournal [5]. Später wurde die Website Globalrus.ru ins Leben gerufen, wurden der Bürgerliche Klub sowie der Konservative Presse-Klub gegründet. Die Mehrheit der "Jungkonservativen“ ("Neokonservativen“) sind junge Intellektuelle (Journalisten, Schriftsteller, Geisteswissenschaftler). Nach Ansicht eines der aktiven Teilnehmer dieser Bewegung, trägt der "Neokonservatismus“ Projektcharakter, d.h. er setzt sich nicht die Aufrechterhaltung, sondern die Restaurierung der Tradition zum Ziel.

Die programmatische Orientierung an den neuen Kommunikations- und Propagandamitteln, zu denen auch das Internet gehört, ermöglicht der Bewegung der "Neokonservativen“ eine konsequente Nutzung der interaktiven Besonderheiten des Internet. Auf den Websites "Globalrus“ und dem "Portal des Bürgerlichen Clubs“ werden Diskussionsforen miteinander vernetzt, die eine aktive Beteiligung der NutzerInnen voraussetzen. Darüber hinaus agieren und publizieren Aktivisten dieser Bewegung in zahlreichen Blogs (Webtagebüchern), vorzugsweise in Form des LiveJournal. Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch die "Kehrseite“ der technologischen Fortschrittlichkeit dieser Bewegung: während sie im Internet Popularität genießt, ist sie im Bereich des Offline praktisch nicht präsent, da sie durch keine einzige Printausgabe vertreten ist.

Extremistische Jugendbewegungen

Da der hier vorgestellte Artikel keinesfalls einen vollständigen Überblick über das breite Spektrum an extremistischen Bewegungen in der gegenwärtigen russischen Politik anstrebt, sollen hier lediglich einige Beispiele angeführt werden. Das Internet ist ein beim jüngeren Teil der russischen Bevölkerung populäres Kommunikationsmittel. Dementsprechend sind die aktivsten und zahlenmäßig größten Bewegungen im Internet diejenigen der Sozialisten und Situationisten, der Libertarier, Anarchisten, Trotzkisten, Cyberpunks, Padonki [russ. "Nichtsnutze“, d. Übers.] und anderen – ( http://www.avtonom.org/; http://www.avtonom.org/pub/mayday-kazli.html). Diese dem Wesen und dem Stil ihrer Aussagen nach "pubertären“ Bewegungen nutzen alle Möglichkeiten des Internet aus: sie verwenden es als Publikationsplattform, als Mittel zur Organisation von Aktionen und Anwerbung von UnterstützerInnen sowie letztlich auch als ein Archiv für Nachrichten und Dokumente.

4. Apolitische Bewegungen

Neben den bereits eingangs erwähnten ökologischen Bewegungen, die durch lokale oder zentrale Verwaltungsorgane organisiert sind, gibt es auch andere, esoterisch-religiös motivierte Teilbewegungen. Ursprünglich apolitisch, versuchen einige von diesen Massenbewegungen nun, sich einen neuen – politischen – Status anzueignen. So zieht beispielsweise die Bewegung der "Anastasier“ die Möglichkeit der Organisation einer eigenen Partei in Betracht. Der zentrale Punkt ihrer Ideologie ist die Errichtung von so genannten "Stammgütern“ mittels der Änderung der Bodengesetzgebung ( http://rodovoeimenie.narod.ru/; http://www.anastasia.ru).

Genauso aktiv sind auch die religiösen Bewegungen im eigentlichen Sinne, deren Spektrum ebenfalls recht breit ist: es reicht von den traditionell apolitischen Websites orthodoxer Klöster bis hin zu radikalen Ressourcen. Zu letzteren zählen unter anderem die Orthodoxe Netzbrüderschaft Russische Auferstehung, das Orthodoxe Russland u.a.

Zu erwähnen sind auch verschiedene künstlerische, literarische und kulturelle Bewegungen, die noch nicht formal organisiert sind und keine politischen Ziele verfolgen. Diese erfreuen sich jedoch eines hohen Bekanntheitsgrades und können auf eine massenhafte Unterstützung zählen; insofern haben auch sie ein riesiges Potenzial. Hierzu zählen beispielsweise die Clubs der Freunde der alten Architektur (Das Moskau, das es nicht gibt u.a.), Gemeinschaften der Netzliteraten (Mitglieder zahlreicher literarischer Websites und Foren), Flashmob-Gruppen [6] usw.

5. Fazit

Der hier vorgestellte Artikel erhebt keinesfalls den Anspruch, einen vollständigen Überblick über alle russischen gesellschaftlichen Bewegungen und ihre Internet-Ressourcen zu geben. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Nutzung des Internet durch die markantesten Vertreter der Gesellschaftsbewegungen und die Entwicklung der russischen Internetkultur. Die "Karte“ des russischen gesellschaftspolitischen Internet weist ihre Besonderheiten auf. Diese sind primär mit der "realen“ (offline) kulturpolitischen Situation im Lande zu erklären. Zu diesen Besonderheiten gehört die geringe Popularität der demokratischen Ideologie, was mit der Krise der Postperestroika, den Misserfolgen der demokratischen Reformen, der Diskreditierung des Begriffs "Demokrat“ und anderen Faktoren zu tun hat. Darüber hinaus wird die Spezifik des russischen gesellschaftspolitischen Internet durch die Geschichte des Internet in Russland bestimmt. Dies erklärt die Tatsache, warum bei einer quantitativen Überzahl der Ressourcen der Menschenrechtsbewegung dennoch die jugendlichen, die "neokonservativen“ und linksradikalen Online-Medien die aktiveren sind; d.h. jene Ressourcen erweisen sich als besonders erfolgreich, die sich ursprünglich im Internet formiert oder dieses Medium für die Kommunikation und die Weiterentwicklung ihrer Programme genutzt haben.

Übersetzung Georg Butwilowski

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[1] Siehe auch: Epschtein, M (1998): Über die virtuelle Wortkunst. In: Russkij journal, http://www.russ.ru/journal/netcult/98-06-10/epstyn.htm#2b; Kusnezow, S.: Die Geburt des Spiels, der Tod des Autors und die virtuelle Schriftkunst. In: Setewaja slowesnost, http://www.litera.ru/slova/teoriya/kuznet.html.
[2] Diese sind zahlreich, ihre Analyse ist jedoch nicht Aufgabe dieses Textes.
[3] An dieser Stelle ist erwähnenswert, dass sich das Internet vielfach als eine "parallele“ Realität darstellt, die eine Selbstdarstellung in dem Falle als notwendig erscheinen lässt, wenn die "reale“ Tätigkeit erfolgreich ist und eine solche Repräsentation verlangt. Hinter einer solchen Herangehensweise verbirgt sich eine Vorstellung vom Internet, die sich von seiner Konzeptualisierung als einem grundlegend neuen Kommunikationsmittel, das Vernetzung ebenso ermöglicht wie die Archivierung und Verbreitung von Informationen, gravierend unterscheidet. Letzteren Ansatz demonstrieren Websites eines anderen Formats: beispielsweise Zeitungen und Zeitschriften, die ursprünglich in elektronischer Form entstanden sind und als ein neuer Typus von Massenmedien gelten können (Polit.ru, Grani.ru u.a.).
[4] Die Gesellschaft "Memorial“ positioniert sich selbst als die "erste nicht-politische gesellschaftliche Massenorganisation in der neueren Geschichte Russlands“. Ungeachtet dessen, dass der Schutz der Menschenrechte in Russland eine der politisch engagiertesten Tätigkeiten ist, werden politische Ziele von den russischen gesellschaftlichen Bewegungen nur im Falle der Transformation in eine Partei offen formuliert. "Das Verhältnis von 'Memorial’ zur Politik ist relativ zurückhaltend; die Gesellschaft bemüht sich darum, die gleiche Distanz zu unterschiedlichen Parteien und Bewegungen zu wahren, indem sie ihre Meinung nur dann kundtut, wenn die politischen Ereignisse bestimmte Aspekte des gesellschaftlichen Lebens betreffen.“
[5] Der Blogging-Service LiveJournal [zur Einrichtung von Web-Tagebüchern, d. Übers.] ist in Russland außerordentlich beliebt; hier publizieren neben Einzelpersonen auch Gemeinschaften von Literaten, Künstlern oder Fachleuten aus der Werbe- und PR-Branche. Hier, im LiveJournal, publizieren Redaktionsmitglieder einiger "Offline-Periodika“ sowie anderer professioneller und subkultureller Gruppen. Die Entstehung und Tätigkeit einer solchen Gemeinschaft im LiveJournal führt oft zur Fortsetzung ihrer Präsenz und Aktivität im realen politischen und kulturellen Leben. So auch im Fall der "Neokonservativen“.
Der LiveJournal-Service ist fünffacher Preisträger des prestigereichen russischen Internetpreises ROTOR (2001 & 2003: "Interaktive Website des Jahres“, 2002: "Literarische Website des Jahres“, 2003: "Einfluss auf die Offline-Realität“).
[6] "Flashmobber“ sind Gemeinschaften von jungen Leuten, die mit Hilfe des Internet gemeinsame Aktionen verschiedener Art an belebten Plätzen in Großstädten veranstalten. Auf diese Weise wird die Online-Kommunikation zur Gewähr für den Überraschungseffekt und bestimmt somit den Erfolg der Aktion: deren Teilnehmer ziehen zur vereinbarten Zeit die gleiche Kleidung an, produzieren identische Bewegungs- oder Klangmuster. Die Flashmob-Bewegung ist in der politischen Öffentlichkeitsarbeit beliebt und wurde bereits mehrmals als ein Werbemittel eingesetzt. Von ihrer Natur her ist diese Bewegung jedoch apolitisch – sie ist vielmehr ein Ausdruck sozialer Aktivität ohne Programmatik, Aktion um der reinen Aktivität willen.