"Und
natürlich bringen die wandernden Menschen ihre persönlichen
Welten mit sich ..."
Interview mit Sergey
Bolmat - Teil II (Henrike Schmidt, Juli 2005)
Interview
mit Sergey Bolmat - Teil I
Forumsdiskussion
im Seminar
H.S.: Gary Shteyngart, dessen
"Handbuch des russischen Debütanten" wir im Seminar
gleichfalls behandeln, spricht von der Entstehung einer "neuen"
russischen Emigrationsliteratur in den Vereinigten Staaten, als
deren Bestandteil er sich sieht. Ist Ihr Roman, der auf einer thematischen
Ebene zwei Emigranten-‚Schicksale' darstellt, ein Bestandteil einer
vergleichbaren sich in Deutschland entwickelnden russischen Emigrationsliteratur.
Man denke an Wladimir Kaminer!?
S.B.: Diese Frage kann ich kaum
beantworten. Im Unterschied zu Kaminer oder Makin schreibe ich auf
Russisch. Sie sind vor allem dort, wo sie leben, bekannt. Ich bin
in Deutschland kaum bekannt, weniger, glaube ich, als in Italien,
vor allem aber in Russland. Ich denke, dass diese Art Literatur
sich kaum national erörtern lässt. Ich hoffe, dass sich
bald jede nationale Identität verliert: ein Chinese wird auf
Schwedisch schreiben, in Spanien übersetzt und verlegt werden
und sein Buch wird sich in Mexiko gut verkaufen. Diesem Phantom,
dem Chinesen, fühle ich mich sehr nahe.
H.S.: Oder sehen Sie sich eher
als eingebunden in den inner-russischen Kontext!? Und welche Rolle
spielt vor diesem Hintergrund das Internet als einem virtuellen
Kulturraum?
S.B.: Wenn man eine neue Welt
schafft, muss man auch alle Einzelheiten neu schaffen. Mit Deutschland,
den USA, Spanien, Frankreich, Italien, Russland bin ich etwas mehr
vertraut als mit Japan oder Bangladesh. An diese Länder ist
meine Fantasie z.Z. etwas gebunden. Das ist allerdings nicht so
wichtig und hängt vor allem von der Handlung ab. Und ich glaube,
dass es heute keinen inländischen Kontext mehr gibt, alles
ist geöffnet, verflochten. Deswegen ist mir das Internet so
wichtig gewesen während meiner Arbeit an diesem Buch: ich habe
mir damals eine DSL-Verbindung angeschafft, was dazu geführt
hat, dass ich zwei Jahre im Internet verbracht habe. Es gab so viel
freie Information, persönliche, unterschiedliche, dynamische
– alles hier, jetzt und umsonst, ein Informationsparadies. Jetzt
interessiert mich das Internet viel weniger.
H.S.: Unter strikt literaturwissenschaftlichen
Gesichtspunkten eine unzulässige Frage: schreiben Sie Ihre
Bücher für eine bestimmte Zielgruppe - Russen, Deutsche,
MigrantInnen?
S.B.: Ich schreibe immer nur für
mich selbst. Ich unterhalte mich währenddessen in meinem Inneren
mit vielen Personen, darunter Russen, Deutsche, MigrantInnen.
H.S.: In Bezug auf (E)MigrantInnen
wird oft deren Brückenfunktion zwischen den verschiedenen Kulturen
erwähnt. In dem Buch von Gary Shteyngart, aber auch in "In
der Luft" finden sich hingegen eine auffällige Vielzahl
von Stereotypen - über das ‚eigene' Land wie das Gastland.
Führt die Emigrationserfahrung und ihre literarische Verarbeitung
möglicherweise zu einer "Verhärtung" der Fronten
zwischen den Kulturen?
S.B.:
Die Stereotype sind, wie gesagt, nicht
im Buch – wenn das Buch gut ist. "Das ‚eigene’ Land wie das
Gastland" – dieses Stereotyp ist wenigstens seit der Odyssee
bekannt, genauso wie "Ein Mann trifft eine Frau, ein Mann verliert
eine Frau, ein Mann erobert eine Frau wieder" ("Krieg
und Frieden"). Das sind eher keine Stereotype, sondern Standardsituationen,
Bestandteile des Narrativen. Sie werden zu Stereotypen, wenn man
entweder nur das Einfachste aus dem Buch nimmt, oder wenn der Autor
nicht in der Lage ist, diese Situationen neu zu gestalten. In Hollywood
gibt es einen Katalog von Gags. Man kommt und sieht wo und wie hat
man sich eine Tasse Kaffee über das Hemd geschüttet -
möglicherweise schon mehr als tausendmal – und versucht das
neu zu gestalten. Ich denke immer an diesen Katalog.
Was Sie meinen, ist, wahrscheinlich, die Intonation. Die Intonation
ist, glaube ich, in diesen Büchern neu. Die alte, nationale
oder internationale Literatur – sie kommt hauptsächlich aus
dem Gebiet der PC [political correctness], der ethnischen Stereotype,
des intellektuellen Tourismus, ist immer mit "guten Beziehungen"
gedopt, spricht immer mit der höflichen Stimme eines Fremdenführers
oder eines Besuchers. Sie handelt vorsichtig im sicheren Couleur
Lokal, mischt eine Prise des guten alten Sentimentalismus dazu und
stellt alle zufrieden. Angenommen, die fundamentale Kultur ist der
bedeutendste Teil der gesellschaftlichen Produktionsmechanismen
– weil sie die effizientesten kreativen Methoden schafft und unterhält
und das mögliche, neue (perfekte) Niveau immer neu schafft
und zeigt – dann ist sie der sicherste Weg in die Krise. Die neue
Literatur ist dagegen eine kreolisierte Mischung aus vielen komplizierten
Erfahrungen und Formen. Diesen Erfahrungen und Formen lässt
sich nicht so einfach widersprechen. Diese Kunst ist direkt und
schmeichelt auch dem Volk (dem Leser) im besten Falle nicht; sie
hat, glaube ich, keinen Punkt als eine Adresse, sondern ein Netz.
Sie nimmt, natürlich, die alten Situationen, erzählt sie
aber neu, unbequem, zynisch, manchmal böse. Das kann irgendjemanden
verhärten [1]; im Vergleich
zur Kultur, die zwischen der Narkose und dem nackten Hass oszilliert,
sehe ich das dann aber eher als einen Wecker.
H.S.: Der amerikanisch-indische
Kulturwissenschaftler und Ethnologe Arjun Appadurai erhebt die Literatur
in den Stand eines ethnographischen Untersuchungsmaterials. Halten
Sie eine solche Herangehensweise für adäquat? Oder meinen
Sie, dass man sich der Literatur nur über eine ästhetische
Herangehensweise nähern sollte?
S.B.: Das verstehe
ich nicht ganz: für mich klingt es ungefähr so, als ob
irgendjemand einen Laptop in den Stand eines Hammers erhoben hat.
Die Literatur ist – oder soll sein – ein Gebiet der unbegrenzten
Möglichkeiten, der totalen Freiheit, der Perfektion, besonders
in der heutigen Zeit der universalen, sklavischen, ängstlichen,
groben Massenkultur. Natürlich kann man die Literatur zur Wissenschaft
machen (wie auch umgekehrt, oft typisch für einen Wissenschaftler),
in jeder guten Kunst gibt es viele verschiedene Aspekte; ich glaube
aber, dass das einfach kontraproduktiv ist. In Büchern von
Houellebecq gibt es viel moderne Ethnologie; ich glaube, das ist
das Stärkste an diesen Romanen, das begrenzt sie aber auch
stark.
Ich glaube, dass man sich der Literatur wenigstens als ein Talent
nähern muss, besser als ein Genie.
H.S.: In
Ihren beiden Romanen "Klick" und "In der Luft"
spielt Popkultur eine wichtige Rolle. Sehen Sie die Entwicklung
einer solchen weltweit wirksamen Medienwelt in einem inneren Zusammenhang
mit den wachsenden Migrationsbewegungen. Und führen diese "globalen
Imaginationen" (A. Appadurai) potentiell zu einer Homogenisierung
der Weltkultur/Literatur?
S.B.: Hoffentlich, ja. Die moderne
Wortkunst ist, meiner Meinung nach, nach dem Mauerfall zu apathisch
geworden, zu katalogisiert. Man versteckt sich oft – als Autor -
hinter malerischen Traditionen, hinter schmeichelnder lokaler Bescheidenheit,
hinter nationalen Souvenirs. Diese Landschaft ist schon homogen
genug. Man braucht eine neue Homogenität, nicht die des Produktes,
sondern die der kulturellen Rohstoffe, des freien Austauschs und
der Bewegung aller Ideen und Werte; Medien setzen diese Welt der
bloßen Formen in Schwung. Vor einigen Jahren sind die Medien
wirklich voller Ideen, Gestalten, Formen gewesen: die Phantasie
hat unvermeidlich in diesem Dünger geblüht; jetzt sind
sie leider wieder voller Propaganda. Wie gesagt, nationale Identität
wird kaum verschwinden und jede Kultur, jedes Werk ist doch immer
noch irgendwie national markiert. Und natürlich bringen die
wandernden Menschen ihre persönlichen Welten mit sich, die
durch ein dezentralisiertes mediales Netz verbunden sind.
H.S.: Ist Sprache für Sie
das entscheidende Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Literatur, in Ihrem Falle der russischen!? Was würde
für Sie ein potentieller literarischer Sprachwechsel ins Deutsche
bedeuten?
S.B.: Die offizielle
Bestätigung, dass ich wenigstens in diesem Jahr ein russischer
Schriftsteller bin, hängt vor mir an der Wand. Meine französische
Lektorin (die selbst eine Irin ist) hat bei der Vorbereitung des
Salons du Livre 2005 in Paris darauf bestanden. Ich bin allerdings
nicht sicher, ob ich wirklich Teil der russischen Literatur bin:
unter meinen Kollegen aus Russland habe ich mich absolut fremd gefühlt
und eine Einladung zur Party in die russische Botschaft habe ich
auch nicht bekommen.
Mein Englisch, mein Deutsch sind zu neutral um sie als Instrument
zu benutzen; um eine persönliche Sprache zu entwickeln braucht
man viel Zeit. Obwohl als Experiment würde ich gerne was auf
Deutsch oder auf Englisch schreiben. Einige von meinen ausländischen
Freunden in Sankt Petersburg haben gewisse literarische Ambitionen
gehabt und etwas auf Russisch geschrieben. Das ist mit Abstand die
verrückteste Literatur gewesen, die ich je gelesen habe.
H.S.: Herzlichen
Dank!
Diese Fragen wurden
im Juli 2005 schriftlich an Herrn Bolmat gestellt. Den ersten Abschnitt
von Fragen hat Sandra Wenzel, den zweiten Henrike Schmidt formuliert.
Änderungen und Nachträge wurden in Absprache mit Herrn
Bolmat von Sandra Wenzel erarbeitet.
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[1]
Mit dem Wort "verhärten" kehre ich zurück zu
der Frage ("‚Verhärtung’ der Fronten"). Sergey
Bolmat
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