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"Ich habe gehofft, dass sich das Buch als Manifest der Migration präsentieren lässt ..."

Interview mit Sergey Bolmat - Teil I (Sandra Wenzel, Juli 2005)


Fragen an eine sympathische Stimme am Telefon, den Autor eines Buches, das unruhig von einem Schauplatz zum anderen driftet. Fragen. Sergej Bolmat In der Luft". Wie plant, wie schreibt man nun ein Interview? Was fragt man? Welche Fragen hat dieser Mensch schon hundertmal gehört? Und was interessiert mich eigentlich? Zweifel. So bin ich. Sandra. Wenzel.


Literaturszene

S.W.: Russische Schriftsteller scheinen immer einer literarischen Gruppe anzugehören. Sind Sie Teil einer solchen Gruppe? Einer russischen? Sind Sie Russe? Naja, für uns allemal, als Sergej. Sehen Sie sich als Teil einer deutsch-russischen (Migrations-), oder vielleicht eher als Teil einer anders gefassten Literaturszene? Ich denke mir schon, dass ein Künstler in einem kreativen Kontext lebt und arbeitet, aber tauschen Sie sich mit anderen Schriftstellern aus?

S.B.: Nein, soweit ich weiß, gehöre ich zu keiner Gruppe. Ich treffe mich ab und zu (eher selten als oft) mit anderen russischen Künstlern; ich mache das allerdings aus rein privaten Gründen, nicht aus gewissen kulturellen oder beruflichen Bedürfnissen heraus.

Ja klar bin ich Russe: zu Russe. Diese blöde ready-made Identität wird man nie los: für mich ist das auf jeden Fall zu spät.

Ich hoffe, dass die zwei Romane unterschiedlich genug sind, um mich nicht zu einfach kategorisieren zu lassen.

Professionelle Gespräche sind leider unvermeidlich.


Schriftsteller-Sein

S.W.: Sind Sie Schriftsteller, oder Künstler? - oder- Sind Sie Romanschriftsteller mit Nebentätigkeiten, oder vielbegabter künstlerischer Mensch? Wie sehen Sie sich selbst? Und ist die ideelle Identität auch die reelle, also können Sie, nicht man, man kann nicht, aber können Sie von Ihrer Schriftstellertätigkeit leben?

S.B.: Ich schreibe; ich kann allerdings malen und verstehe etwas von Pigmenten und Farben, kann ein Bild komponieren oder analysieren, kann zeichnen und kenne mich in dem Bereich der modernen Kunst etwas aus. Ich liebe Malerei. Ich denke, ich könnte auch ganz gut einen Film drehen – mit Darstellern, Licht usw. Ich habe es probiert, es war interessant. Aber dafür braucht man 24 Stunden pro Tag, nicht weniger – vor allem wenn man sich in einem Milieu noch nicht etabliert hat, finanziell, meine ich.

Ja, ich lebe von meiner literarischen Tätigkeit; man kann das, das ist kein Problem (ich meine nur vom Verkauf meiner Texte; ich bekomme keine staatliche Förderung oder Unterstützung). Ich bezahle meine Steuern und alles. Ein Problem ist z.B. ein Konto zu eröffnen: einige Banken wollen einen Schriftsteller kein Konto eröffnen lassen. Man bekommt auch keinen Kredit. Ein Problem ist eine Wohnung zu mieten. Ich lebe allerdings mit einer sehr netten Festangestellten im Tandem.


Geschichten

S.W.: Auf russland-aktuell.ru heißt es: "'Das ist alles ausgedacht', sagt Sergej Bolmat". Ihre Bücher seien Filme. Haben Sie Teile Ihrer Geschichten selbst erlebt, oder von anderen gehört? Wenn der Text völlig Ihrer Phantasie entspringt, warum setzen Sie ihn dann in einen englisch-russisch-deutschen Kontext, der Ihrem Leben doch nahe kommt?

S.B.: In meinem zweiten Buch gibt es ein paar Stellen, die ich direkt vom Leben abgeschrieben habe: einen kurzen Dialog sogar direkt aus meinem. Man sieht das sofort, aber das zweite Buch ist sowieso kollageartig.

Kontext ist überhaupt ein Thema in diesem Buch – deswegen ist er präsent. Ich meine, das ganze Buch entspringt, teilweise, der "Apotheose der Bodenlosigkeit" Schestovs; es ist auch direkt nach dem 11. September geschrieben. Moderner Konflikt, dachte ich, ist ein Konflikt von Ideen, die ihren Ursprung in gewissen Gefühlen haben. Also, dachte ich, haben wir einerseits die poststaatliche Bodenlosigkeit des modernen Geschäftes, vor allem des symbolischen: unsichere, fließende, mobile, dynamische und vor allem profitable – Ideologie der freien Märkte; andererseits haben wir die nationale, staatliche, sichere Gründlichkeit der auch hoch entwickelten sozialen Systeme, die gewisse htonische [1] Gefühle raffiniert und präsentiert. Ich wollte diese Debatte indirekt in mein Buch als Hauptthema und als Hintergrund einführen, so, dass sie mehr zu einer persönlichen Geschichte wird. Ich wollte zeigen, wie diese Ideologien auf der privatesten persönlichen Ebene funktionieren, auf der Ebene der Gedanken und Erinnerungen, fast ohne aktuelle politische Komponente.

Wenn man sieht, dass der Text zu nah ans Leben kommt, heißt das für mich, dass in diesem Text genug Kunst steckt. Für einen Schriftsteller soll das, eigentlich, ein Kompliment sein, danke.


Stereotype

S.W.: Sehen Sie Russen so: Exmodels, die den Durchschnittsdeutschen und sein Reihenhaus heiraten? Faulenzende junge Männer in zwielichtigem Milieu? Schüren Sie Stereotype, oder spielen Sie mit Ihnen? Und wie garantieren Sie, dass ein Leser das unterscheiden kann? Wer ist Ihr Leser? Denken Sie an ihn?

S.B.: Stereotype findet man immer hinter einem Buch, glaube ich (wenn das Buch gut ist) – vor allem in der Presse. Ich habe diesen Roman nur geschrieben, weil ich meine Typen, Intonationen, Situationen in keinem anderen Buch gefunden habe. Und zusätzlich gibt es, natürlich, eine gewisse Kunst zwischen Originalität und Banalität zu lavieren.

Es tut mir leid, aber der Leser bin ich. Alle anderen sind abstrakte Figuren, sie können nicht "verstehen" oder "nicht verstehen". Viele Menschen verstehen etwas schlecht; mehrere professionelle Filmkritiker sind nicht in der Lage die Handlung in solchen Filmen wie z.B. "Mulholland Drive", "Memento" oder "Birth" zu verstehen. In den sechziger und siebziger Jahren sind die Filme und die Bücher von Bergman, Godard, Robbe-Grillet und Burroughs Blockbuster und Bestseller gewesen. Jetzt ist die Situation anders geworden. Morgen wird sie wieder anders sein: das ist kein Grund etwas an meiner Schreibweise zu ändern.


(E-)Migrant/Auswanderer

S.W.: Sie leben in Düsseldorf, leben Sie auf Deutsch? Die Türken sind überall, die Russen sind Deutsche und erscheinen kaum im Straßenbild. Die meisten Russen, so scheint mir, leben als Russen unter Russen; nach Russland hin natürlich als Deutsche. Mir fallen da New Yorker Ghettos ein. Hybride Kulturen? Was hat Sie am Großraum Rhein-Ruhr gereizt? Wieso nicht Berlin? Sind Sie eigentlich ausgewandert, oder migriert, vom Gefühl her?

S.B.: Ich funktioniere auf Deutsch, bekomme Informationen auf Englisch, lese und unterhalte mich auf allen drei Sprachen, aber schreiben kann ich nur auf Russisch.

Ja, ich lebe fast ausschließlich unter Russen. Ich habe überhaupt nicht viele Freunde. (Natürlich hatte ich in Russland mehrere Freunde, aber die habe ich in 38 Jahren gesammelt. Als ich 7 war, hatte ich auch 3 oder 4 Freunde.). Fast alle sind in Köln geblieben. Am Anfang habe ich ein frenetisches soziales Leben geführt: Ich hatte viele Bekannte – Chinesen, Koreaner, Deutsche, Russen, Amerikaner, Polen: Künstler, Studenten, Musiker, Sammler. Jetzt nicht mehr: keine Zeit und, vor allem, kein Interesse mehr.

Ja, viele leben in Ghettos. Ich habe slawisch-türkische Ghettos in Köln gesehen, arabische – in Paris, italienische – in Catania (das gefährlichste, wie man mir gesagt hat), deutsche – in Costa Dorada. Es gibt aber auch andere, denen gefallen Ghettos nicht: ich kenne nur wenige Menschen, die in solchen Vierteln gerne wohnen, oder sich Bekannte nach Nationalität oder Sprache auswählen. Viele haben sich in Europa völlig assimiliert. Wo man lebt und mit wem man sich trifft – das ist nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, glaube ich.

Ich habe einige deutsche Freunde gehabt. Raymond Aron hat einmal geschrieben: "Ich bin nach Deutschland gekommen und habe sofort verstanden, was Politik ist". Politik spielt eine zu große Rolle in der deutschen Gesellschaft, glaube ich, und sie ist – wenigstens für einen Russen – sehr uniform. Aus politischen Gründen sind viele Kontakte abgebrochen.

Für viele Russen ist Deutschland eine Möglichkeit aus einer Reservation in die Welt zu fliehen. Ich persönlich könnte einfach nicht mehr in Russland leben: zu öde, zu langsam, zu weit vom Kulturenaustausch (damals, nicht mehr), zu tot. Ich bin rein zufällig nach Köln gekommen und bleibe in dieser Gegend eher aus Gewohnheit: Der Rhein ist schön und holländische Strände erreicht man in nur 3 Stunden mit dem Auto. Ich wollte früher nach Berlin umziehen, die Stadt ist aber zu weit von Paris (ich bin oft dort), Italien oder Spanien, zu weit vom Wasser, zu kontinental – obwohl sie an sich nett ist und relativ lebendig. Ich hätte gerne in Rom gelebt, in New York oder in Barcelona; ich darf allerdings nicht: Meine Aufenthaltserlaubnis gilt nur für Deutschland.

 

In der Luft

S.W.: Es steht, soweit ich informiert bin, nur ein Handlungsstrang des Buches im Netz, der um Erik. Warum? Man könnte jetzt interpretieren, dass dieser Fakt die Autonomie der Handlungsstränge unterstreichen soll. Die Form würde hier also mit dem Inhalt insofern korrespondieren, als dass nicht nur die beiden Schauplätze in völlig autonomen Textteilen realisiert sind. (Aber vielleicht gab es auch nur technische Probleme. - Ich interpretiere aber gerne weiter.) Auch die Figuren innerhalb eines Handlungsstranges scheinen nur schwach miteinander verbunden zu sein. Sie als Autor fühlen sich nicht daran gehindert, einer zufälligen Bekanntschaft von Erik viel Raum, in Textzeilen gemessen, zuzugestehen. L.M. Silko sagt, sie erfinde ihre Geschichten beim Schreiben, und plötzlich gewinne ein Charakter an Bedeutung, oder verliere sie. Geht es Ihnen ähnlich? Womit ich zur Bedeutung komme. Haben Ihre Charaktere Bedeutung? Ihr Buch erscheint mir wie ein Kommentar auf das gegenwärtige Leben (Ihrer Charaktere), ohne didaktische Ambitionen. Ich überlege, ob "Popkultur" auf In der Luft passt. Das wirft so viele lebenstechnische Fragen auf. Ist Pop immer nur mit Jugend verbunden? Menschen auf dem Weg zum Erwachsensein, aber ist man das je, erwachsen; bzw. liegt ein Milieu mit Drogen, Geldgeschäften und Prostituierten (nicht einmal mehr Prostitution) irgenwann hinter einem? Anekdoten. Ist jede Figur eine einzelne? Sie arbeiten sich durch die Stationen der Begegnungspunkte. Über sechs Ecken verbunden mit der Queen?

S.B.: Nein, ich wollte einfach nicht den ganzen Roman meinem Freund Bavilskij geben. Wir haben uns für eine Hälfte des Romans entschieden. Es ist aber richtig – beide Handlungsstränge sind völlig autonom. Das ist eine Geschichte der Bewegung, zweier Menschen aufeinander zu. Man kann kaum sagen, dass sie etwas Konkretes suchen, sie suchen eher etwas Unkonkretes, stolpern über das Leben und treffen am Ende aufeinander wie zwei Doppelgänger.

Die Charaktere interessieren mich nicht besonders, die sind relativ einfach zu behandeln; sie haben auch keine eigentliche Bedeutung. Handlung – das ist, was mich am meisten interessiert. Hier, in diesem Buch fängt die Handlung mit einem leichten Schub des Selbstgefühls an – und von da aus entwickelt sich eine lange Bewegung. "Du bist ein nichts" – sagt jeder zu sich selbst am Anfang; und diese Leere füllt sich langsam. Am Ende treffen sich zwei vollkommene Charaktere: deswegen sind einige Personen im Text viel bedeutungsvoller als die Hauptfiguren – sie müssen ihre Existenz aus verschiedenem Lebensmüll sammeln. Also, am Ende sind es zwei (literarisch) erwachsene, "reale" Menschen – hier verlassen wir sie, sie sind zu "groß" geworden für ein Buch. Und hier passiert was "reales" – das Treffen – wo man seine Grenzen und den Anderen noch einmal entdeckt – aber diesmal steht diese Entdeckung im Mittelpunkt. Von hier ab wird man alt. Alles Weitere ist unwichtig – das ist "Leben", das kennen wir aus Romanen.

Was die Drogen und Prostituierte betrifft... In meinen beiden Romanen sind sie absolut unbedeutend – als Drogen und Prostituierte, meine ich. Das ist, glaube ich, eine Art "antipsychedelische" Literatur, "Antipornographie". Ich meine – es gibt ab und zu in jedem Leben Exzesse; in Moskau wie in Bochum. Also, Drogen und Prostituierte sind wie eine U-Bahn – man sieht sie einfach ab und zu.
Es könnte, wahrscheinlich, eine Art Popliteratur sein – weil ich die Konsumgesellschaft aufrichtig liebe und das sieht man in meinen Büchern. Nicht, allerdings, für junge Menschen, wenigstens, das zweite Buch – ich habe versucht hier den Text etwas komplizierter zu gestalten und viele junge Menschen, wie ich weiß, bevorzugen meistens etwas Konservativeres, Gewöhnliches, Traditionelles. Ich schreibe gerne über die jungen Menschen – ich will niemanden schockieren.

Der Migrationsaspekt

S.W.: Wir behandeln In der Luft unter dem Migrationsaspekt. Das liegt nahe, aber stand dieser Aspekt auch für Sie im Vordergrund?

S.B.: Ich habe gehofft, dass sich das Buch als Manifest der Migration präsentieren lässt.

 

S.W.: Und manchmal gehen auch mir die Fragen aus, wenn der Mund trocken wird, oder der Kopf leer. Es reicht auch. Ich danke! Sandra Wenzel


Diese Fragen wurden im Juli 2005 schriftlich an Herrn Bolmat gestellt. Den ersten Abschnitt von Fragen hat Sandra Wenzel, den zweiten Henrike Schmidt formuliert. Änderungen und Nachträge wurden in Absprache mit Herrn Bolmat von Sandra Wenzel erarbeitet.

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[1] htonisch: damit bezeichnet man etwas, was – in mythologischem Sinne – mit der Erde, mit dem Erdboden zu tun hat, wie beispielsweise hier. Sergey Bolmat