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"Im Internet kann ich jederzeit in diese virtuelle Heimat eintauchen ..."

Forums-Diskussion mit Sergej Bolmat, Juli 2005.

Interview mit Sergey Bolmat - Teil I
Interview mit Sergey Bolmat - Teil II

Zu unserer großen Freude hat sich Sergej Bolmat bereit erklärt, in einer unserer Forumsdiskussionen mit uns über sein Buch und seine literarische Tätigkeit zu diskutieren. Die Teilnahme an dieser Diskussion stand allen SeminarteilnehmerInnen offen. Wir freuen uns, Ausschnitte aus diesem „Gespräch“ - mit freundlicher Genehmigung von Sergej Bolmat - zu veröffentlichen. Die Auswahl der Forumsbeiträge und ihre Bearbeitung hat Sandra Wenzel übernommen. Der mündliche Stil der Beiträge wurde dabei bewusst beibehalten.

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Lieber Sergey Bolmat,

auf die Frage von Henrike Schmidt, ob die Entwicklung einer weltweit wirksamen Medienwelt potentiell zu einer Homogenisierung der Weltkultur/Literatur führe, antworteten Sie mit „Hoffentlich, ja“. Ihre sich daran anschließenden Erläuterungen klingen jedoch eher wie ein Plädoyer für die Förderung von (Sprach-)Formen, die sich innerhalb einer (Medien)Landschaft, die Ausdruck vernichtet, halten können. Deshalb noch einmal nachgefragt: Ist es Ihnen ein Anliegen mit Ihren Büchern den Originalton der verschiedenen Kulturbereiche zu treffen? Wenn ja, dann wäre das allerdings bzw. Gott sei Dank ;-) das Gegenteil von Homogenität, nämlich Vielfalt.

Mit herzlichen Grüßen
Katy Teubener


Liebe Katy Teubener,

die Vielfalt wird, glaube ich, immer größer und breiter: die Kulturen vermehren sich, mutieren, verschmelzen, zersplittern fast bis zum Individuellen; diese Vielfalt macht mir für den Zeitraum einiger Jahrhunderte keine Sorgen mehr.

Ich spreche allerdings von der Homogenität, die diese Bewegung schafft; von der künstlerischen, technologischen Homogenität, die keine Form, keine Idee einer anderen Bewegung bevorzugt, solange sie künstlerisch bewertet ist; von allgemeinen künstlerischen Kriterien, die von mehreren Kulturen gegenseitig respektiert worden sind. Meiner Meinung nach gibt es auch eine falsche Vielfalt, die Vielfalt der gleich armseligen Produktion, die nur des Prinzips der Vielfalt wegen, wie nach einer Quote, überhaupt existiert. Ich hoffe, dass die technologische Homogenisierung (was auch Umtausch, Verschmelzen, Konflikt verschiedener Methoden bedeutet - wie z.B. in Europa während der Renaissance) zu einer gewissen Klarheit in Sachen Kunst führt, der kulturellen Entwicklung hilft und am Ende wiederum die Vielfalt bedeutet, wie immer.

Herzlich,
Sergey Bolmat.

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Sehr geehrter Herr Bolmat,

Was mir in beiden Romanen aufgefallen ist (in Ihrem Werk "In der Luft", sowie auch dem "Handbuch für den Russischen Debütanten" von Gary Shteyngart), ist die Tatsache, dass in beiden eine fiktive Stadt vorkommt. Bei Gary Shteyngart handelt es sich um die Stadt Prawa, die von der Beschreibung, sowie auch vom Namen her an Prag erinnert. Ist bei der Stadt "Libbau" eigentlich auch der Bezug zu einer real existierenden Stadt gegeben? Und ist es nicht so, dass sich der Schriftsteller mit solch einer Erfindung dem "Muss" (wenn man es so nennen kann) entzieht, historische Begebenheiten wiederzugeben?

Außerdem würde mich interessieren, wie Sie den Begriff Identität beschreiben würden (in Bezug auf sich selbst)? Aus eigener Erfahrung (ich bin Kroatin, die seit 13 Jahren in Österreich lebt), würde ich sagen, dass der Begriff besonders für Emigranten/Immigranten (wie auch immer) sehr schwer zu beschreiben ist. Wie ist das bei Ihnen? In welcher Sprache denken Sie zum Beispiel? Russisch oder Deutsch? Und was verstehen Sie unter Heimat? Ist das für Sie das Land, in dem Sie leben oder ist es dort, wo man geboren wurde oder wo man sogar aufgewachsen ist?

Liebe Grüße
Elizabeta


Liebe Frau Grgicevic,

danke für Ihre Fragen. Was die fiktiven Städte betrifft: einerseits wirkt alles Fiktive in der Fiktion irgendwie doppelt fiktiv, das fühle ich auch so. Ich habe allerdings in einigen Kleinstädten Deutschlands gelebt (z.B. Brauweiler bei Köln, Schöppingen bei Münster) und ich dachte - eine mehr oder weniger: wer würde das merken? Doch es merken alle und zwar sofort; das heißt entweder, dass die Stadt wirklich aus dem Kontext fällt, oder (und das kann auch sein), dass die Kritiker Ihre Hausarbeiten zu akribisch machen. Das heißt allerdings (in meinem Falle) lange noch nicht, dass ich keine lokalen oder historischen Begebenheiten wiedergeben muss: sie sind aber nicht einem konkreten Städtchen abgeschrieben, sondern alle neu gekocht - aus bekannten Ingredienzien, aber nach einem Geheimrezept. Und es gibt doch gar kein allgemeines "Muss" beim Schreiben, glaube ich, es gibt nur Geschmack: man kann auch eine reale Stadt gar ohne Gegebenheiten ganz souverän darstellen - New York bei Robbe-Grillet z.B.

Identität ist für mich ganz sicher eine Last, die ich mein ganzes Leben lang mitschleppen muss. Deswegen denke ich ganz selten daran: ich weiß, dass ich sie nie verliere. Sie liegt tiefer als Sprache, das ist ein sehr resistenter Teil eines kulturellen Feldes, der sich kaum eliminieren lässt. Selbst die Kinder russischer Eltern, die hier in Deutschland aufgewachsen sind und sich kaum auf Russisch unterhalten können, bleiben in mehrerer Hinsicht Russisch genug, um den Begriff Identität nicht nur auf die Sprache zu beziehen. Andererseits stehen sie heutzutage unter so vielen Einflüsse anderer Kulturen, dass nur schwer zu behaupten ist, dass manche den Deutschen, die hier vor 50 Jahren lebten, ähnlicher sind als z.B. den Chinesen aus Hong Kong, obwohl diese Kinder russischer Eltern Deutsch denken.

Herzlich,
Sergey.

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Lieber Sergey Bolmat,

Ihr Begriff der "ready-made"-Identität gefällt mir sehr gut. Über viele Ihrer Anmerkungen werde ich noch länger nachdenken müssen, deshalb vorab einige kurze Fragen. Sie erwähnen Ihre "aufrichtige Liebe" zur Konsumgesellschaft und sprechen gleichzeitig von einer "universalen, sklavischen, ängstlichen, groben Massenkultur". Konsumgesellschaft und Massenkultur werden - nicht zuletzt in Bezug auf die Literatur - ja oft in einen Topf geworfen. Wo liegt für Sie und Ihre Arbeit der Unterschied?

Sie schreiben, dass Sie Ihr Buch durchaus als ein "Manifest der Migration" sehen. Andererseits verliere in der "neuen" Literatur die nationale Bestimmbarkeit an Bedeutung. Ist die Migrationsliteratur nicht in einer negativen Form immer an die nationalen "ready made"-Identitäten gebunden!?

Vielen herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserem Seminar.
Ihre Henrike Schmidt

Liebe Frau Schmidt,

Viel konsumieren heißt für mich immer viel produzieren. Gut konsumieren heißt für mich auch, natürlich, immer nach einem guten, nach einem besseren Produkt zu verlangen. (Das ist übrigens die Pflicht jedes echten Konsumenten, glaube ich). Hier liegt für mich der Unterschied zwischen Massenproduktion und gutem Konsum. Bessere Produktion (Design, Service, Gerät, Kunstwerk) ist immer direkter an die unmittelbaren kreativen Quellen gebunden; diese Quellen entspringen allerdings einer hoch entwickelten kreativen Technologie, vor allem im Bereich fundamentaler Kunst (Dichtung, Musik, bildende Kunst) und fundamentaler Wissenschaft, die immer neue Methoden produziert, neue Kriterien setzt und sich selbst aus ihrer Natur weiterentwickelt (oder das alles wenigstens tun sollte).

Massenproduktion liegt oft zu weit von diesen Quellen, sie liefert immer Masse anstatt Intensität. Sie hat allerdings auch ihre gesellschaftliche Funktion und wird, glaube ich, immer etwas besser, obwohl nie gut genug um sich aus dem Bereich des kulturellen Rohstoffes oder der Kuriositäten herauszuheben und dem schnellen kulturellen Recycling zu entfliehen. Im Prozess der ständigen Reproduktion wird diese Massenkultur aber auch oft zu einem Gegenteil ihres Ursprungs; in Zeiten der fehlenden fundamentalen Kreativität wird sie zum selbstreproduzierenden Kram; dafür steigt aber das mittlere Niveau, das ist auch nicht schlecht.

[Zur Frage nach der Migrationskultur, S.W.] Ich glaube, dass die heutige Geschichte auch sehr stark und sehr negativ an diese nationalen Identitäten gebunden ist. Migrationsliteratur entsteht in diesem Umfeld und sie alleine kann die beiden Seiten der Grenze adäquat repräsentieren. Das sehe ich als eine durchaus gesunde Reaktion auf die anderthalb Jahrzehnte der nationalen Propaganda; das ist, glaube ich, ein Durchbruch.

Vielen Dank für Ihre Fragen.
Herzlich,
Sergey Bolmat.

P.S.
Ich glaube, dass Konsum auch eine Art Arbeit ist (eines Sammlers z.B.) und dass man dafür auch viel Kreativität und Energie braucht.

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Lieber Sergej,

während ich heute mit den Vorbereitungen für die morgige Abreise beschäftigt war, ist mir der Kommentar einer afrikanischen Freundin eingefallen. Sie war gerade in Österreich zu Besuch, als alle in Urlaubsaufbruchsstimmung waren. Sie meinte: "It seems like everybody is running away from home!" Hat mir sehr gut gefallen und hat mir auch bewusst gemacht, welchen Stellenwert Tourismus hinsichtlich des globalen Bewegungsnetzwerkes einnimmt.

In Ihrem Roman kommen nur einige wenige Charaktere vor, die in ihren Heimatorten leben; alle anderen befinden sich in Bewegung. Besonders Karl [der Ehemann von Jeanna, S.W.] macht eher den Eindruck eines Kleinstadtspießers. Wie sehen Sie die Rolle derjenigen, die ja auch die globalen Veränderungen mittragen, ohne selbst unmittelbar mitzuwirken?

Mit lieben Grüßen
Cornelia Saxer


Liebe Conny,

man hat mir gerade erzählt, wie die Mitglieder eines neuen Teams in Silicon Valley sich miteinander bekannt machen. Ich bin aus Australien; ich - aus Indien; ich - aus Pakistan; ich - aus Russland; ich - aus Polen; ich - aus San Jose... Pause. Wie, bitte? Aus dieser Stadt? Ja. Bist du hier etwa geboren?! Ja - und zur Schule gegangen... Mann, das gibt's doch nicht! Sie ist von hier!!!

Ich denke, dass es für viele Menschen absolut natürlich ist, sich ständig zu bewegen. Das hängt vor allem vom Geld ab: je reicher die Gesellschaft wird, desto beweglicher ist sie. Es gibt, glaube ich, auch solche Strömungen, die vom Alter bestimmt sind: die jungen Menschen suchen dynamische, offene, freie Gesellschaften mit vielen Möglichkeiten; die älteren gehen zurück zu geschlossenen paradiesischen Orten. Eine meiner Bekannten hat gerade in Köln ihr Abitur gemacht: kein Mensch in der Stufe will dort bleiben. Einige fahren in die USA, einige um die Welt, manche nach Frankreich oder England, oder auch nach Russland oder China; manche nach Koblenz. Die Hauptsache ist - weg. Es gibt natürlich noch die Gruppe der Wanderer, die von ihren Gesellschaften in verschiedener Form abgestoßen worden sind. Alle zusammen machen eine große Menge aus, glaube ich: eine ganze Welt der Migration.

Karl liebe ich innig (wie allerdings auch alle anderen Charaktere in meinem Roman) und hoffe, dass es nicht so einfach ist, ihn als Spießer abzustempeln. Er, ein Gärtner im Paradies, kommt in dem Text mit einem, komischerweise ihm als Slawisten unbewussten, aber relativ genauen Zitat vor: mit den ersten Wörter aus "Krieg und Frieden", die Anna Pavlovna Scherer über Napoleon sagt. Er gehört also zu dieser gesellschaftlichen Schicht, die, vom Standpunkt abhängig, entweder die "allgemeine Meinung" bildet, oder am stärksten von der Propaganda beeinflusst wird.

Karl ist einfach der Andere, wie in einem alten russischen Sprichwort (wörtlich): Was für einen Russen toll ist, ist für den Deutsche der Tod. (Der Deutsche bedeutet hier, wie so oft, ein Ausländer im Allgemeinen, ein "Nemez", der "nem" (stumm) ist - die russische Sprache nicht sprechen kann). Deswegen gibt es kein Drama, als Jeanna ihn verlässt; das Drama erlebt sie mit dem totalen Trottel - ihrem ersten Mann -, dem sie erst ganz nah steht. Karl ist ihr zu weit weg, obwohl sie beide die ganze Zeit aufrichtig versuchen, sich zu nähern. Er ist, im Grunde genommen, ein guter Mensch, aber, wie gesagt, der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert und die teuflische Ambivalenz der Aufklärung (des Einflusses im Allgemeinen) kommt ins Spiel. Sozial gesehen, bremsen diese Menschen einander, auch unabsichtlich, weil sie sich einfach z.Z. wie Stein und Wasser voneinander unterscheiden; am besten gehen sie aneinander vorbei, sonst kollidieren die Illusionen, die Hoffnungen, die Erfahrungen; das ist eine stille Tragödie, glaube ich; aber die Menschen ändern sich auch ständig. (Ehrlich gesagt, liebe ich das Kleinbürgerliche: es ist, meiner Meinung nach, viel weniger vulgär als das Revolutionäre, Skandalöse, Epatierende [1], welches wiederum am Ende immer nichts anderes als das äußerst Spießige darstellt. Ich fürchte mich vor der Originalität wie vor der Pest, sagte mal Bunuel - das verstehe ich ganz gut. Ich stelle mir auch einen Spießer mit seinem kleinen Spieß vor: ein altmodischer, etwas verarmter, etwas müder, Mensch, der viel gesehen hat; ein Ritter des Alltäglichen, ein kleiner Prinz).

Herzlich,
Sergey.


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Lieber Sergey Bolmat,

noch gestern war ich am Strand von Santa Cruz in Kalifornien, unweit des von Ihnen erwähnten San Jose. In der Tat: der Spaziergang am Strand zeigte ein buntes Gemisch verschiedenster Ethnien und Nationen, viele LateinamerikanerInnen, zahlreiche Asiaten (Inderinnen im Sari beim Baden), einige "weiße" Amerikaner mit Sonnenbrand, ein paar Touristen aus Europa, kaum Schwarze. Auf der einen Seite das Branden der Wellen, auf der anderen ein riesiger Vergnügungspark. Ein bisschen fühlte ich mich, wie in einem der von uns hier behandelten Bücher :). Und hätte ich nicht am Strand das Buch "America" von TC Boyle gelesen, dass von der mexikanischen Migration in Kalifornien handelt, ich hätte für einen Moment glatt an die schöne Strand-Utopie geglaubt.

Langer Rede kurzer Sinn: ich denke, die von Ihnen erwähnten Migrationsbewegungen sind gerade durch die gegenläufigen Bewegungen von Reichtum und Armut in der Weltgesellschaft bestimmt. Aber danach wollte ich Sie eigentlich auch nicht fragen :).

Sie erwähnen in dem E-mail-Interview, dass Ihnen die Charaktere Ihres Buches als gar nicht so bedeutsam erscheinen und Sie sich vielmehr auf die Handlung konzentrieren. Einige Kritiker bemerken jedoch, dass gerade die Abwesenheit von Handlung Ihr Buch kennzeichne (was mir im Übrigen sehr gefällt) - die Verbindung zur "Wurzellosigkeit" der Emigration liegt nahe. Könnte man sagen, dass Sie eine Handlungs"armut" damit im Buch sorgfältig und einfallsreich in Szene setzen!?

Herzlichen Gruß aus Kalifornien
Ihre Henrike Schmidt


Liebe Henrike Schmidt,

in Ihrer Notiz gibt es eine für mich sehr interessante Vorstellung: Sie brauchen nicht an die Strand-Utopie zu glauben, die sehen Sie. Glauben muss man dagegen an die Wahrheit der Fiktion (hier an das Buch von T.C. Boyle). Die Fiktion aber scheint die Realität so rasch und so kompromisslos zu widerlegen, dass man diese Vorstellung als etwas absolut Selbstverständliches wahrnimmt. Ich habe gerade eine Kurzbeschreibung eines Buches von Paulo Coelho gelesen: eine junge brasilianische Frau kommt nach Frankreich um ehrlich zu arbeiten, wird betrogen, bekommt keine Arbeit, will zurück nach Hause, kann aber nicht (hat kein Geld), muss jahrelang als Prostituierte arbeiten nur um ihre Träume zu erfüllen - d.h. nach Hause zu fahren und sich dort eine bescheidene Hütte zu beschaffen; und nach mehreren Jahren in dieser Hölle von Paris kommt sie tatsächlich zurück nach Brasilien und wird dort endlich glücklich. Gleichzeitig habe ich einen Dokumentarfilm über die Abschiebung von Türken und Albanern aus Deutschland gesehen. Gott sei Dank ist die Literatur stark: nur deswegen kann ich bis heute noch meine Miete zahlen.

Ihre eigentliche Frage ist sehr interessant und sehr präzise. Ich würde jedoch nicht sagen, dass die Handlung in diesem Buch "arm" ist, die Kritiker sind hier, wie so oft, zu oberflächlich. Die Handlung ist weniger intensiv als im ersten Buch, das stimmt, aber dafür viel abwechslungsreicher und vielfältiger, reicher in einem Wort - und nicht nur in den Szenen, Figuren und Situationen, sondern auch strukturell, mit den unterschiedlichen Verbindungen und Übergängen. Der Prototyp dieser Handlung ist der Staub in der Luft (siehe Raymond Roussel, La Seine, Zeilen 5256-64). Die Handlung ist also nicht nur nach einem strengen Handlungsmuster gemacht, sie folgt den kleinsten Bewegungen ihres Trägers, des Textes, und ist deswegen intuitiv, assoziativ, lyrisch, unlogisch, widersprüchlich, frei.

(Übrigens: ich bin, glaube ich, derjenige, für den jeder Strand eine Utopie ist; ich fühle mich z.Z. eher als Mexikaner bei T.C. Boyle; ich brauche dringend einen guten Autor, der mich in die Karibik schickt!!!)

Herzlich,
Sergey Bolmat.

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Lieber Sergey Bolmat,

Mir hat sehr gut gefallen, dass sie Identität irgendwo tiefer als Sprache ansiedeln. Können Sie dazu aus Ihrer eigenen Erfahrung vielleicht ein bis zwei Bespiele nennen, wo sich denn Identität jenseits der Sprache verorten lässt?

Und: Stellt das Internet für Sie einen Ort dar, den Sie als "Heimat" auch nützen und wo sie zu früheren Identitäten auch zurückkehren – etwa in unserem Verständnis der "E-Migration"?

Mit lieben Grüßen, Evi Binder

 

Liebe Evi Binder,

Die Menschen aus Osteuropa haben z.B. ganz bestimmte ideologische Vorstellungen: deswegen ist meine russische Bekannte mit ihrer Meinung zum Konflikt zwischen Europa und Amerika immer allein in ihrer Klasse gewesen, obwohl sie Russisch nicht frei sprechen und kaum lesen kann. Ich kann auch Arbeiten von Russen, die an der Kunstakademie in Düsseldorf studieren, beim jährlichen Rundgang durch die Ausstellung von denen anderer Studenten ganz gut unterscheiden: meine Landsmänner haben komischerweise eine für viele Russen sehr charakteristische negative Einstellung zur modernen Kunst; in der Kunstakademie sind sie zwischen Hammer und Amboss geraten. Noch ein Beispiel: wenn ich Kaminer im Gespräch mit meinen deutschen Bekannten als einen deutschen Schriftsteller erwähne, lächeln sie stoisch, obwohl er auf Deutsch spricht, schreibt, einen deutschen Pass hat und vor allem von Deutschen geliebt wird; etwas ähnliches habe ich auch über Nabokov in den USA gelesen. Die Nationalität mehrerer spanischer Künstler - Picasso, Dali, Bunuel - erkennt man sofort an ihren Bildern, an ihren Farben und Themen, obwohl sie alle mehr oder weniger zu Franzosen geworden sind. In jedem Land unterscheiden sich die Völker, trotz gemeinsamer Sprache, stark voneinander: sie bleiben Italiener, Türken und Sorben in Deutschland, Deutsche in Russland (ein deutscher Arbeiter wurde zu sowjetischen Zeiten immer bei jeder Produktion geschätzt) oder Rumänen, Araber oder Engländer in Frankreich, Katalanen in Spanien, Mongolen in China usw.

Zu Ihrer zweiten Frage: Ich glaube, dass alle Migranten in gewissem Sinne "Amerikaner" sind. Im Internet kann ich jederzeit in diese virtuelle Heimat eintauchen, wo man die Identitäten frei und immer neu wählen kann, wo die Realität immer realer wird, weil sie sich immer aus mehreren Gesichtspunkten ansehen und überprüfen lässt, und wo es eine gemeinsame Sprache gibt, die zwar normativ wie alle anderen ist, nicht aber autoritär wie eine Muttersprache.

Herzlich,
Sergey Bolmat.

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[1] Steht zwar nicht in meinem Duden, kann man aber im Internet finden: "reichhaltig Anekdoten, spontane Einfälle und epatierende Ideen" in Laudatio zur "Cicero"- Preisverleihung 2003 von Prof. Dr. Gert Ueding oder z.B. "aber das Zündende, Brillante, Epatierende kann heute nicht mehr das sein, was es vor 70 Jahren war" in einer Rezension, Sandra Wenzel.