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Der Tel Aviv Schriftstellerklub

Format

Die Ressource ist ansprechend und lebendig gestaltet, ihr Aufbau stringent. Schon auf der Startseite empfängt die LeserInnen neben einer Fotografie Tel Avivs das Panorama der achtundzwanzig AutorInnen, die zu den "Berufsschriftstellern des russischsprachigen Israel“ zählen. Die Hauptseite betritt man durch einen Klick auf das Enter-Symbol.

Dort befinden sich die Banner der Partnerprojekte, die diesem Zusammenschluss literarischer Seiten angehören, darunter die Journale "22“ und "Artikel´“, über deren Neuerscheinungen in der Chronik des Klubs regelmäßig informiert wird. Eine umfangreichere Sammlung dieser Banner liegt in der Rubrik Links vor, dort allerdings ohne Erläuterungen und Kommentare. Eine zentrale Stellung auf der Hauptseite nehmen auch die Ankündigungen der aktuellen Publikationen ein, die vom Januar 2003 bis in die Gegenwart führen. Publikationen, die länger zurückliegen, sind im Archiv des Klubs untergebracht. Das Journal "22“ wird charakterisiert als das "älteste literarisches Journal Israels. Seit fünfundzwanzig Jahren in aller Munde. Der Letzte Mohikaner, aber in ausgezeichneter Verfassung.“ "Artikel“ hingegen stellt die elektronische Variante der Offline-Publikationen des Klubs dar. Alle anderen Ankündigungen sind mit Illustrationen oder Fotografien versehen.

Der Navigation auf der Seite dient eine einfache Menüleiste. Die Materialien der Rubrik "Kritik“ sind auf demokratische Art und Weise in alphabetischer Reihenfolge angeführt. In den Foren des Klubs und des Journals "22“ sowie im Gästebuch ist Feedback erwünscht; Rüpeleien sind aber in jedem Falle zu vermeiden, worauf das Bild eines durchgestrichenen Schweins hinweist. Die Foren werden moderiert. Der Zugriff auf die interaktiven Möglichkeiten der Seite erfordert eine Anmeldung, wird mancherorts ohne Genehmigung auch verwehrt. In den Foren trifft man auf Nicknames, unter den Akteuren der Ressource jedoch nicht. Eventuellen Ansprüchen derjenigen, deren Texte nicht gewürdigt und abgelehnt wurden, kommt man zuvor: "Im Falle der Ablehnung Ihrer Texte, bitten wir Sie inständig nicht zu fluchen, keine empörten Briefe zu schicken und nicht mit göttlichen Strafen zu drohen. Das bringt nichts.“ Die Devise des Gästebuches lautet: "Grafologie nicht in Grafomanie ausarten lassen!“

Mit einer eigenen Rubrik ist die so genannte Literaturwerkstatt der "Sonneninsel“, eines befreundeten israelischen Online-Journals, vertreten. Dieses Projekt "bietet die Möglichkeit der Rezension eines beliebigen Textes durch einen professionellen Literaten - einem so genannten "Diensthabenden der Werkstatt“ - und informiert auch über Neuigkeiten aus dem Klub-Leben. In der Rubrik "Galerie“ sind zeitgenössische Fotoarbeiten und Bilder ausgestellt, die thematisch mit Israel in Verbindung stehen.

Den Bezug der Ressource zum Offline-Sektor zu formulieren, gestaltet sich schwierig: für einen Teil der Werke stellt die elektronische Fassung die primäre Form dar (was der Vorsitzende des Klubs Jakow Schechter als "Testlauf“ bezeichnet). Gleichzeitig besteht das eigentliche Leben des Klubs in den offline ablaufenden Besprechungen der Werke, deren Termine im Voraus auf der Seite bekannt gegeben werden. Erst post faktum werden diese auf den Seiten der Ressource rezensiert. Es gibt sogar eine konkrete Adresse des Klubs: Tel-Aviv, Kaplanstr. 6, Haus der Schriftsteller. Die örtliche Schriftstellervereinigung stellt in ihrem Gebäude die nötigen Räumlichkeiten für diese Versammlungen zur Verfügung. Es gibt keinerlei Informationen über die Finanzierung des Klubs und der Ressource sowie die an ihrer Realisation Beteiligten.

Zu den Zielen der Ressource zählt weder die Gründung einer literarischen Internet-Community noch die Integration der russischsprachigen literarischen Diaspora in den russischen Kontext. Die geographische Lokalisierung – Israel, Tel Aviv – erfüllt eine selektive und akkumulative Funktion in der Strukturierung des Inhalts. Qualitatives Kriterium für die Zusammenstellung des Inhalts ist ein dokumentierter Professionalismus. Die multimedialen und interaktiven Möglichkeiten des Internet werden maßvoll genutzt. Die Werte und Verhaltensregeln für das "Online“-Leben werden auf der Site kategorisch befolgt. Für das Internet typische Formen der Visualisierung und Verbalisierung werden nicht genutzt. Auch richtet sich das Projekt an keine spezielle Zielgruppe. Das Design der Site ist pragmatisch, stützt sich auf keine historischen oder künstlerischen Traditionen. Die Ressource wird regelmäßig aktualisiert.

Kontext

Der Schriftsteller Jakow Schechter ist Vorsitzender des Klubs und genießt unter den Akteuren dieser Vereinigung ein hohes Ansehen. Er beschreibt dessen Ziele und Aufgaben in einem für die "Babylonische Bibliothek“ geführten und in der Zeitschrift "Westi“ [Nachrichten] veröffentlichten Interview folgendermaßen:

Der Tel-Aviver Klub der Literaten unter Mitarbeit des Schriftstellerverbandes besteht schon seit fünf Jahren. Ihm gehören nur professionelle Autoren an, deren Ziel es ist, einander bei der Arbeit an ihren Texten zu helfen. Einmal monatlich versammeln sich die Mitglieder des Klubs und opfern feierlich das Werk eines ihrer Kollegen. Außenstehende werden nicht geladen, aber auch nicht fortgejagt, sollten sie auftauchen.

Zwei Jahre später haben sich Situation und Pläne des Klubs ein wenig geändert. In einem besonderen Appell auf der Site formuliert der Vorsitzende die Aufgaben und Regeln, die das Bestehen des Klubs ausmachen folgendermaßen:

Der Tel-Aviver Klub der Literaten besteht seit sieben Jahren. Seine Hauptaufgaben sind die Besprechung neuer Werke und die gegenseitige Hilfe der Klubmitglieder bei der Arbeit an ihren Texten. Einige Mitglieder des Vorstandes behaupten zwar, das wahre Ziel der Versammlung sei es, den Autoren die Möglichkeit zu geben, ihre Texte am Leser "auszuprobieren“, bevor sie die Manuskripte in die Verlage schleppen. Doch dem ist nicht so. Eher gesagt, nicht ganz so. Oder ehrlich gesagt – ist es so, nur nicht ganz. Bisher wurde die Arbeit nur unter den Mitgliedern des Klubs durchgeführt, in einer Gruppe von vierzig Journalisten und Literaten. Jetzt haben wir beschlossen, den Kommunikationsrahmen zu erweitern, so dass auch Literaturliebhaber aus anderen Ländern die Texte "an sich ausprobieren“ lassen können.“

Die Situation der Emigrationsschriftsteller, die ihre Zugehörigkeit zur neuen Heimat drastisch empfinden und doch fortfahren auf Russisch zu schreiben, wird von Schechter gewissermaßen idealisiert. Gleichzeitig lässt er keine Vereinfachungen gelten.

Die Russisch schreibenden Schriftsteller fanden in Israel einzigartige und der Literatur segensreiche Umstände vor. Alle nebensächlichen Motive, die auf den künstlerischen Prozess einwirken könnten, sind gänzlich aus dem Weg geräumt – die Schriftstellerei bringt weder Geld noch Ruhm, ja nicht einmal Bekanntheit ein. Und das bedeutet, dass am literarischen Prozess nur diejenigen teilnehmen, denen es wirklich ernst damit ist, die ohne das Schreiben nicht leben können. Kunst um der Kunst Willen, in den Dimensionen eines einzelnen Landes. Der Russisch schreibende jüdische Schriftsteller befindet sich in einem beständigen Konflikt zwischen der Kultur der Sprache und der Sprache der Kultur. Möglicherweise ist diese Literatur in ihren Paradebeispielen gerade deshalb so besonders interessant. ... Die russische Sprache stößt mit dem jüdischen Leben verbundene Themen von sich. Sie kann die Schattierungen religiöser Erlebnisse schlecht wiedergeben, auf die das jüdische Leben und folglich auch die jüdische Literatur aber immer aufgebaut sind.

Die Betrachtung aller Facetten des entsprechenden schöpferischen Prozesses führt zur Selbst-Identifikation Schechters sowie der anderen Akteure des Klubs mit der russischsprachigen jüdischen Literatur: "Wie soll man bestimmen, ob diese Texte der jüdischen Literatur, der Literatur über die Juden oder der von Juden geschriebenen Literatur zuzuordnen sind? Mir scheint, dass es hier nur ein Hauptmerkmal gibt: die Widerspiegelung der jüdischen Selbsterkenntnis in künstlerischer Form. Meines Erachtens ist eben dies das Hauptkriterium der Zugehörigkeit zur jüdischen Literatur, und nicht die Nationalität des Autors.“

Das Verhältnis des offline operierenden Klubs zu der eigenen Internetseite trägt den Beigeschmack eines kaum verborgenen väterlichen Stolzes und einer gewissen Hoffnung auf die Kompensation dessen, was Schechter als ein nützliches Fehlen jedweder Bekanntheit bezeichnet: "Inwieweit unsere literarische Arbeit für das lesende Publikum interessant ist, kann man anhand der Besucherzahl der Internetseite unseres Klubs beurteilen. Diese Zahl wächst beständig und hat schon die fünfzehntausend pro Monat überstiegen. Geographisch gesehen – ungefähr fünfzig Länder. Das sind für eine literarische Seite überaus beeindruckende Zahlen.“

Das Internet wird dennoch nicht einfach als ein erweitertes Publikationsmedium verstanden und genutzt, wie die die literarische Tätigkeit Schechters selbst zeigt. Im Jahr 2000 wurde sein Werk "Nenn mich – Rabin“ für den literarischen Internetwettbewerb "Tenjota“ nominiert und belegte dort den zweiten Platz in der Kategorie "Internetliteratur. Hypertext“. Das Prinzip des Hypertexts wurde mit Hilfe einiger parallel erscheinender Browser-Fenster umgesetzt. Eines dieser "Fenster“ enthält den Haupttext, die anderen ein Wörterbuch, Kommentare und Anmerkungen des Übersetzers. Der "Autor“ Schechter befasst sich in diesem Werk thematisch wie formal mit der Umsetzung postmoderner Metaphern und ihrer Einbindung in den Kontext der jüdischen Schrift-Kultur.


Elena Berns, Übersetzung Martin Proppé

Stand Juli 2004