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 Der Nationale Server für zeitgenössische Poesie Stichi.ru

Der Nationale Server für zeitgenössische Poesie Stichi.ru [Gedichte.ru] wurde im Jahr 2002 auf Initiative Igor Sazonows gegründet, des Direktor der unabhängigen nicht-kommerziellen Organisation "Bewahrung des kulturellen Erbes“. Ziel war und ist es allen Interessenten die Möglichkeit zu einer freien Publikation der eigenen poetischen Werke im Netz zu bieten.

Der "Autor“ der Projekt-Konzeption Igor Sazonow unterstützt die Ressource auch finanziell. "Autor" und Betreiber der Site ist Dmitri Krawtschuk. Die Ressource wird von einem Internetverlag, der Agentur "Izdat.ru“, betrieben und gehört einem Netzwerk oder "Ring" verwandter Ressourcen wie "Prosa.ru“, "Liter.ru“, "Klassika.ru“, "Piiter“ und "Russische Kultur des 20. Jahrhunderts“ an, die gleichfalls von der Agentur betreut werden.

Die Ressource bezeichnet sich als nationalen Server zeitgenössischer Poesie und stellt eine Ausnahmeerscheinung dar, die jedoch für das russische Internet charakteristisch ist. Eine schier unglaubliche Anzahl von poetischen Texten verschiedener AutorInnen der russischen Sprache, die von überall her eingestellt und keiner vorgeschalteten offline-Selektion unterworfen sind, wird in einer nationalen poetischen Sparbüchse gesammelt (Die Zahlen für den 27. Juni 2004: 1.286.635 Werke, 1.723.488 Rezensionen, 57.352 AutorInnen).

Format

Einmal registriert, stellen die AutorInnen ihre Texte selbst auf die perfekt ausgestattete Site. Damit verpflichtet sich der Autor/die Autorin eine Reihe von strengen Verhaltensregeln einzuhalten, die im übrigen den üblichen Regeln des guten Tons und den Paragrafen der Verfassung entsprechen. Dabei werden eine übermäßige Prüdigkeit und Zimperlichkeit jedoch vermieden: obszöne Wendungen sind in den Titeln verboten, werden im Werk selbst aber zugelassen. Die Einhaltung des Autorenrechts gilt als heilig. Die Kontrolle zur Einhaltung der Regeln wird von einem Moderator des Literarischen Sicherheitsdiensts übernommen. Die Qualitätskontrolle der einzelnen Werke bleibt dem Geschmack und dem Gewissen der AutorInnen überlassen. Das Redaktionskollektiv wird lediglich im Sinne einer motivierenden Qualitätsauswahl, einer Nominierung für den hauseigenen Literaturwettbewerb, tätig. Das Recht auf eine solche Teilnahme an dem Wettbewerb des Nationalen Literarischen Netzes hat jeder auf der Site Stihi.ru veröffentlichte Text. Die Abteilung für literarische Kritik schließlich vereint AutorInnen eines hohen literarischen Niveaus, die jedoch unterschiedliche Sichtweisen und Geschmäcker in Hinblick auf die Poesie vertreten. Zu Diensten der AutorInnen stehen alle Vorteile der interaktiven Kommunikation, die dem Austausch der AutorInnen und der LeserInnen dienen.

Die Besucherstatistik der Ressource ist beeindruckend - 10.000 Besucher am Tag, die im Schnitt 250.000 Seiten aufrufen - und stellt damit nach Meinung der Organisatoren ein unschlagbares Argument dar für die Anwerbung neuer AutorInnen, die ihre Werke einem breiten Kreis von LeserInnen zugänglich machen wollen, sowie neuer Werbekunden, die an einer größtmöglichen Wirkung interessiert sind.

Informationsdesign

Das Design der Site ist logozentrisch und lakonisch, sehr bedienerfreundlich, mit einer umfassenden Rubrizierung, die eine leicht Navigierbarkeit ermöglicht. Die Links zu den Partner im Literaturring und die Werbe-Banner sind an der oberen Horizontale aufgeführt; Ankündigungen und Neuigkeiten finden sich in der rechten Textspalte; der Text nimmt immer den zentralen Platz in der Mitte des Bildschirms ein. Fotografien und Abbildungen werden allein zum Zweck der visuellen Identifikation auf den Seiten der AutorInnen genutzt und müssen einen Bezug zum Autor aufweisen. Die Ressource wird gemeinhin als elektronische Zeitschrift klassifiziert, obwohl sie ihrer alphabetischen Struktur nach eher den Charakter einer Bibliothek trägt, mit einem sich ständig wachsenden Index an Namen. Die Positionierung gegenüber traditionellen "Papier“-Verlagen kann als gleichberechtigte Konkurrenz gefasst werden: die Lizensierung als elektronisches Massenmedium durch das zuständige Ministerium nähert die eine Publikation auf Stihi.ru dem Abdruck in einer traditionellen (Literatur)Zeitschrift an.

Von der Anzahl der Texte, der Größe des Publikums sowie der Aktualität des Bezugs zum zeitgenösssichen literarischen Prozess gehört die Ressource zu den wichtigsten "netzwerkbildenden“ Knotenpunkten im russischsprachigen literarischen Internet, die eine Vereinigung der verstreuten AutorInnen in einer nationalen "literarischen Gemeinschaft“ anstrebt.

Interaktivität und Networking

Die interaktiven Möglichkeiten des Internet werden von Stichi.ru gerne und vielseitig genutzt. In dem moderierten "Literatur-Forum“ wird den TeilnehmerInnen ein gediegener Kommunikationsstil zur Erörterung literarischer Themen ans Herz gelegt; in der experimentellen nicht-moderierten Konferenz "Meinungsfreiheit“ isolieren sich diejenigen (selbst), die robust genug sind eine "besondere Lexik“ auszuhalten und auf eine Kommunikation über "beleidigende Themen“ scharf sind; im HTML-Chat "Salon des literarischen Gesprächs“ kann man sich mit den AutorInnen in real-time unterhalten. Das heißt, der interaktive Modus der Kommunikation wird intensiv genutzt und den verschiedenen Formen der Netz-Kommunikation eine herausragende Rolle eingeräumt. Gleichzeitig werden diese jedoch streng reglementiert.

Fazit

Über der Site weht der Geist des Off-line. Das Internet erscheint lediglich als eine technische Errungenschaft, die der Entwicklung des grandiosen Literaturprojekts Stichi.ru beförderlich ist. Die multi-medialen Möglichkeiten des Netzes werden nicht genutzt; eine räumliche Metaphorik lässt sich nicht beobachten, gleichzeitig spielt auch die "reale Geographie“ keine Rolle. Eine gegen-kulturelle Position ist dem Projekt fremd. Die (Wieder)Vereinigung der Diaspora mit dem heimatlichen kulturellen Kontext wird nicht thematisiert.

E.B.

Exkurs / Kontext

Interessant ist das Projekt Stihi.ru insbesondere durch seinen Status als vergleichsweisen Newcomer in der literarischen Szene des russischen Internet. Zunächst wurde das Literaturprojekt aufgrund seines angeblich "graphomanischen" Charakters von der Netz-Literaturkritik nicht ernst genommen. Dies änderte sich jedoch mit der zunehmenden Popularität des Projekts und im Zuge seines professionellen und strategisch geschickten Ausbaus in ein Netzwerk verwandter Ressourcen. Gegründet im Jahr 2002, also in einer Phase der Popularisierung und Kommerzialisierung, erlangte es schnell eine außerordentliche Popularität, während viele der frühen Literaturprojekte gleichzeitig zum Erliegen kamen. In einem gewissen Sinne kann die Entstehung von Stihi.ru als Indiz eines Epochenwechsels im russischen Internet gelten. Dieser Epochenwechsel lässt sich mit den Schlagworten einer Professionalisierung, einer Kommerzialisierung und einer Norm(alis)ierung des literarischen Geschehens im russischen Internet skizzieren. Auch die dichotomische Gegenüberstellung von online- und offline-Kultur wird hier aufgehoben. Die interaktiven Möglichkeiten des Netzes werden zwar in idealer Weise genutzt, doch wird das Netz keinesfalls als alternativer Kultur- und Kommunikationsraum verstanden. Netzliteratur stelle vielmehr den "neuen" Mainstream dar. Auffällig ist auch die Ausrichtung auf das "Nationale" in der Benennung des Projekts. In den  Statuten der unabhängigen nicht-kommerziellen Organisation "Bewahrung des kulturellen Erbes" ist sogar von einer "Erziehung der Jugend in Achtung gegenüber Russland" die Rede. Zur Rolle von Stihi.ru im Kontext der jüngsten Entwicklungen im russischen literarischen Internet vgl. auch das Interview mit  Leonid Delitzyn.

H.S.

Stand Herbst 2004