Netz-Sprachkunst [Setewaja
slowesnost] ist das vielleicht repräsentativste Beispiel für den sich
neu entwickelnden Typus der literarischen Web-Publikation. Beheimatet
ist die Ressource auf dem Server Litera.ru der Online-Zeitung
Russisches Journal [Russki zhurnal]. Slowesnost bietet
"reine" Netz-Literatur an, das heißt, es finden sich hier
ausschließlich Texte, die noch in keiner Form auf dem Papier erschienen
sind (was eine spätere Publikation selbstredend nicht ausschließt).
Die Internetseite will explizit keine "Zeitschrift" traditionellen
Formates sein, wie in der Projektdarstellung
ausführlich begründet wird:
"Slowesnost" ist eine Zeitschrift,
insofern hier neue Werke publiziert werden. Aber eine Zeitschrift
verlangt nach Periodizität, nach Einzelausgaben - hier aber haben
wir punktuelle Publikationen in einem Kontinuum individueller und
kollektiver Kreativität. Es gibt keine Ausgaben, keine Nummern, es
gibt die natürlich sich formenden Konfigurationen von Texten-Autoren-Themen-Genres-Motiven.
In diesem Sinne ist "Slowesnost" prinzipiell KEINE Zeitschrift
[...].
Neben
zeitgenössischer Prosa und Poesie hat sich die "Zeitschrift"
vor allem die Diskussion um die innovativen Formen der Netzliteratur
in Theorie und Praxis auf ihre Fahnen geschrieben. So ist denn gerade
die Rubrik "Theorie
der Netzliteratur" [Teorija seteratury] von besonderem Interesse,
ebenso wie die Abteilung für "Cyberliteratur"
[Kiberatura], in der eine Reihe künstlerisch provokativer Netz-Manifeste
veröffentlicht sind. Obwohl die Publikation selbst eines gewissen Kultstatus
nicht enbehrt, erlegt sich das Redaktionsteam ganz bewußt einen "neutraleren"
Ton und Umgang mit Texten und Autoren auf. Anders als beispielsweise
die Literaturseite von Wjatscheslaw Kurizyn, die das postmodernen Pathos
der Subjektivität und des Eklektizismus pflegt, strebt Slowesnost
eine breiter angelegte Information des Lesers an.
Unter formalen Gesichtspunkten ist die
Seite einfach und überschaubar aufgebaut. Sie bietet dem Leser die Möglichkeit,
sich über den Informations- und Diskussionstand innerhalb des russischen
literarischen Internet zu informieren. Vor allem kann sich der Besucher
mit einer Vielzahl neuer Texte zeitgenössischer russischer Autoren der
verschiedensten literarischen Disziplinen vertraut machen. Seit Beginn
2002 ist auch eine spezielle Rubrik für Übersetzungen
der bei Slowesnost publizierten Schriftsteller ins Englische,
Deutsche, Französische, Japanische oder Tschechische u.a. im Aufbau.
Durch eine Reihe von kommentierten Rubriken und Kolumnen sowie kleineren
eigenen Wettbewerben wird Aktualität und Vielfalt der Kommentare und
Blickwinkel erreicht.
Die Seite wird von dem Redaktionskollegium
um Jewgeni Gorny professionell betreut und regelmäßig aktualisiert.
Gorny ist desweiteren nicht nur Mitbegründer und -herausgeber der Russischen
Virtuellen Bibliothek, sondern kann mit Fug und Recht als "Chronist"
[letopisec] des russischen Internet gelten. Seine Chronik
umfasst den Zeitraum seit der Entstehung des russischen Internet zu
Beginn der 90er Jahre bis zum Jahr 1999 und vermittelt einen guten Überblick
über Trends und Tendenzen, auch und gerade in Bezug auf die technische
Entwicklung des Mediums.
H.S.
Stand Juni 2003, freie Analyse
ohne Leitfaden

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