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Site-Portraits | ||||||||||
Die seit 2001 bestehende Internetseite "Seraja loschtschad" [Das graue Pferd] stellt den Internetauftritt der gleichnamigen Wladiwostoker literarischen Gesellschaft dar. Die Vereinigung selbst, die im Jahre 1994 gegründet wurde, veröffentlicht seit 1997 jährlich unter gleichem Titel einen Almanach zum literarischen Schaffen der Stadt. Ihren Namen verdankt die Ressource einem der im stalinistischen Stil gebauten Wladiwostoker Wohnhäuser, das diese Bezeichnung durch den Volksmund erhielt. In dem Tagungsraum des dortigen Schriftstellerverbandes finden zudem regelmäßig Treffen von Literaten statt.
Ziel der Arbeit von "Seraja loschtschad" ist nicht nur die Darstellung der modernen Wladiwostoker Poesie, sondern auch des Selbstverständnisses ihrer AutorInnen (auch der bereits an anderen Orten Lebenden), das aus den Besonderheiten ihrer Region resultiere. Denn ihre poetische Arbeit sei, so die Initiatoren des Projekts, weniger von ästhetischen Theorien und Programmen einer bestimmten "Schule" geprägt, als dass sie in der soziokulturellen Einheit des sie umgebenden Umfeldes wurzele. Dieses zeichne sich durch die geographische und kulturelle Abgeschiedenheit der Region einerseits und die strenge Zentriertheit des gesamten postsowjetischen geokulturellen Raumes andererseits aus. Im somit als "entfernte Provinz" markierten Wladiwostok herrsche deshalb eine besondere mentale und kulturelle Situation, das so genannte "Naiv", das durch verschiedene Formen des Eskapismus, der Selbstisolation und des Desinteresses an äußeren, aktuellen kulturellen Erscheinungen gekennzeichnet ist. Da ein Teil der Wladiwostoker AutorInnen mittlerweile in Moskau und Sankt Petersburg lebt, ohne jedoch den Kontakt zu den KünstlerInnen in der Heimatstadt abzubrechen, ermögliche dies den Mitgliedern von "Seraja loschtschad" eine Selbstreflexion und Betrachtungsweise, die als "doppelte Optik" oder als "Transit-Optik" bezeichnet werden kann. Man könne die gegenwärtige literarische Situation sowohl vom Zentrum (Moskau, SPb.) als auch von der Peripherie (Provinz) aus betrachten und beurteilen. Das Motto des mittlerweile vierten Almanachs sowie der Internetseite lautet deshalb zutreffend "Wladiwostok-Moskau".
Neben dem literarischen Angebot verfügt "SerLo" über verschiedene theoretische Rubriken, die der Kritik und Analyse des kulturellen Lebens, der Berichterstattung und Kommentierung regionaler künstlerischer Ereignisse sowie der Publikation und Rezension von den LeserInnen selbst verfasster Werke gewidmet sind. Die umfangreiche und versierte Kritik an diesen Selbstveröffentlichungen wird von den Mitgliedern des Projekts in "virtuellen Sitzungen" selbst durchgeführt. Im theoretisch-analytischen Teil des "virtuellen Almanachs" melden sich zudem Moskauer Literaten und "Kulturträger" zu Wort. Weiterhin finden sich auf der Seite auch Unterrubriken, in denen Gemälde und Netzkunst-Projekte örtlicher Künstler zugänglich sind. Der auf der Seite herrschende Sprachstil ist generell sachlich-neutral, zeichnet sich aber z.B. in den virtuellen Sitzungen durch metaphorische, ironische und humorvolle Einwürfe aus. Die Site "Seraja loschtschad" liegt auf dem künstlerischen
Server Die Site, deren Aufmachung in Form eines Ringblockes gehalten ist –
die Rubriken entsprechen Blättern desselben - wird unregelmäßig
aktualisert. Am Rand der Hauptseite sind die Autoren in alphabetischer
Reihenfolge aufgelistet. Diese sind zudem in einem “Photoalbum”
festgehalten. Zwar ist eine Rubrik für Bekanntmachungen eingerichtet
worden, deren Inhalt fällt jedoch spärlich aus. Auf Newsticker
u.ä. wird verzichtet. Genauso verhält es sich mit Ratings
und seiteninternen Wettbewerben. Die Site befindet sich von ihrem Design
und ihrer Gestaltung her nach Angaben der InitiatorInnen in einer Umbau-Phase. Das Angebot der Seite, das nur in russischer Sprache besteht, richtet
sich an alle, die an regionaler Poesie und ihrem theoretischen Hintergrund
interessiert sind. Es bestehen keinerlei Zugangsbeschränkungen.
Dem Leser wird ein hohes Maß an Kritik- und Mitgestaltungsmöglichkeiten
eingeräumt. So wird er z.B. zur Veröffentlichung eigener Poesie
oder kritisch-analytischer Aufsätze ermutigt. Kritisch anzumerken
bleibt, dass die Realisierung und die Füllung der Site mit literarischen
und literaturkritischen Texten hinter der Programmatik (noch) zurückbleibt.
Des Weiteren wird die Chance nicht genutzt, das Potential des regionalen
"Naivs" auch einer nicht-russischen Leserschaft zu erschließen. Stand Sommer 2004
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