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Kontext zum Russischen Journal

 Russisches Journal [Russki journal] – "Ort des Austauschs von Ideen“

Das Russische Journal wurde im Juli 1997 gegründet und stellt damit eine der "ältesten“ Internet-Ressourcen kulturellen und gesellschaftspolitischen Profils im russischen Netz dar. Die "Zeitschrift“, eine tägliche "Netz-Ausgabe zu Kultur, Politik und Gesellschaft“, ist aber nicht nur eine der (krisen)bewährtesten, sondern auch eine der im In- wie Ausland beliebtesten russischen Netzmedien. Politische Themen werden ebenso behandelt wie wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse, der Fokus liegt dabei jedoch nicht auf der aktuellen faktischen Berichterstattung, sondern vielmehr im Bereich des Kommentars und des Meinungsaustauschs.

In einem Grundsatzartikel von Gleb Pawlowski, Initiator und Chef-Redakteur des Projekts, heißt es im Gründungsjahr 1997 unter dem programmatischen Titel  "Warum Russisches Journal?“ (URL: <http://www.russ.ru/journal/zloba_dn/97-07-14/index.html> 05.08.04):

Die Frage eines Ortes für den Austausch von Ideen und Fragen ist für die Länder der russischen Sprache heute sogar wichtiger als das Recht der Gemeinschaften und der Individuen auf Selbstdarstellung; dieser Ort ist akut renovierungsbedürftig.

Das Russische Journal will einen solchen Ort schaffen, und keinen Schutz- oder Fluchtraum. Zuerst der Ort, dann die Gemeinschaft - das russische Internet zeichnet sich dadurch aus, dass sich in ihm wie im silurischen Meer noch nicht die hässlichen Geschöpfe der "oberen Welt" vermehrt haben. [1]

Die Gründung des Russischen Journals ist – gemäß diesem Editorial - eine Reaktion auf die Enttäuschungen der Post-Perestrojka und der mangelnden Beteiligung der russischen Intellektuellen an den Reformprozessen im Land. Im Gegensatz dazu positioniere sich das Russische Journal als ein "System der öffentlichen und überschaubaren (transparenten) Diskussionsforen“. Das Internet wird dabei konzeptionalisiert als ein "Ort“ [mesto] oder "Raum“ [prostranstwo], der neue Möglichkeiten der Diskussion eröffne und gleichzeitig für die Einbindung in globale Kontexte stehe. Dabei wird eine deutliche Gegenüberstellung zum Sektor der Printmedien vorgenommen, in dem es "keine unbeschriebenen und sauberen Seiten Papier“ mehr gebe. Auch der Titel des Projekts wird näher erläutert: Das Epitheta "Russisch“ bedeute lediglich, dass man sich vorrangig der russischen Sprache bediene, die allerdings aus ihrem Zustand der Verwahrlosung befreit werden solle. Die Ausrichtung auf das "Russische“ sei deshalb keinesfalls identisch mit der krampfhaften Suche nach einer "nationalen Idee“, sondern eher global ausgelegt: "Die nächstliegende Analogie zum russischen Programm von heute ist das weltweite Netz Internet. Hier fangen wir an“.

Markenzeichen des Russischen Journals sind die in politischer und stilistischer Hinsicht sehr unterschiedlichen AutorInnen, zu denen auch so umstrittene Persönlichkeiten wie der Schriftsteller und national-bolschewistische Politiker Eduard Limonow gehören. Provozierend wirkt gleichfalls die Figur des Mit-Gründers und Chef-Redakteurs Gleb Pawlowski, der gleichzeitig Präsident der Stiftung für effektive Politik ist und der sich im In- wie Ausland eine – unterschiedlich bewertete – Reputation als politischer Berater und "Polit-Technologe“ erworben hat.

Institutionelle Verankerung und Urheberschaft

Laut Impressum ist das Russische Journal ein Projekt der unabhängigen nicht-kommerziellen Vereinigung "Russisches Institut“ sowie der Zeitschrift "Das 20. Jahrhundert und der Frieden“ und ist seit dem 14. Juli 1997 im Netz zugänglich. Die Ressource ist als "Massen-Medium“ beim zuständigen Ministerium registriert. Chef-Redakteur ist Gleb Pawlowski.

Das Russische Journal finanziert sich nach Informationen des Impressums durch nicht weiter genannte "Bürger der Russischen Föderation zu nicht-kommerziellen Zwecken“. Darüber hinaus werden Einkünfte über Reklame sowie über das Sponsoring einzelner Rubriken erzielt. Des Weiteren wird eine Reihe von "Stiftern“ [utschrediteli] genannt, darunter die die Stiftung für Öffentliche Meinungsforschung und die Stiftung für effektive Politik. Über die konkrete Beteiligung der Stifter an der Herausgabe des Journals gibt es keine genaueren Angaben.

Die Zeitschrift wird durch eine - zumindestens formal - hierarchisch gegliederte Redaktion betreut. Manuskripte können von den AutorInnen auch auf eigene Initiative eingesandt werden. Eine Wiedergabe der Materialien im Internet oder ein Wiederabdruck ist in Absprache mit der Redaktion erlaubt.

Thematische Schwerpunkte und Navigation

Ein dem frühen Mission-Statement vergleichbares Programm findet sich auf der aktuellen Site des Russischen Journal nicht, das programmatische Anliegen ist jedoch in der thematischen und funktionalen Struktur weiterhin spürbar: Zu den wichtigsten Rubriken zählen die "Überblicke“ [Obzory] und die "Kolumnen“ [Kolonki], die neben zentralen Themen wie Politik, Recht und Wirtschaft auch "außerhalb des Fokus“ [Vne fokusa] liegende Phänomene ins Bewusstsein rücken. Dazu gehört auch die intensive Auseinandersetzung mit dem so genannten "Nahen Ausland“, den früheren Sowjetrepubliken, insbesondere der Ukraine, Georgien und den Staaten Zentralasiens, sowie den russischen Regionen. Die Problematik der Diaspora und der Emigration findet hingegen keinen vergleichbar prominenten Ausdruck. Zur Zeit weist das Russische Journal eine fünfteilige Ober-Navigation auf:

  • "Heute“ [Sewodnja] umfasst die aktuellen Neu-Erscheinungen zu allen Themenbereichen sowie Informationen über das Projekt, verschiedene Service-Angebote wie Suchfunktion, Karte der Site, Informationen zur Platzierung von Reklame. Des Weiteren finden sich hier das Spezial-Projekt "Zeitschriften-Lesesaal“, in dem die wichtigsten russischen Literaturzeitschriften online zugänglich gemacht werden, sowie die Rubrik "Übersetzung der Woche“, die Texte der ausländischen Presse auf Russisch anbietet. Neben der "Übersetzung der Woche“ findet sich auf der Startseite jeweils auch ein – unkommentierter – "Link“ der Woche.
  • Unter den "Überblicken“ ist eine breites Themenspektrum versammelt, das vom Internet und den Massen-Medien über Kino, Theater, Musik und Bildung bis zu Opposition, Ideologie, "Recht und Gesetz“ oder "Politischem Gedanken“ reicht.
  • Die "Autoren-Kolumnen“ unterscheiden sich von den "Überblicken“ durch die stärkere Akzentuierung des persönlichen Standpunktes. Auch hier ist das Themenspektrum breit. Im Gegensatz zu den klar thematisch positionierten Überblicken wird eine spielerisch-freie Rubrizierung mit Titeln wie beispielsweise "Hunger“, "Auf dem Marsch“, "Böse Straßen“, "Idee fixe“ oder "Neuer Synkretismus“ praktiziert.
  • In den "Übersetzungen" und "Verlagen" werden Übersetzungen fremdsprachiger Zeitungsartikel und Neu-Erscheinungen auf dem Buchmarkt - in unregelmäßiger Folge - vorgestellt.

Einen Schwerpunkt weist das Russische Journal im Bereich der Kultur und der Literatur auf. Über eine Vielzahl von "Spezial-Projekten“ wie dem Zeitschriften-Lesesaal oder den Neuigkeiten aus den Elektronischen Bibliotheken werden Möglichkeiten der Nutzung kultureller Ressourcen im Netz in gleichem Maße aufgezeigt wie geschaffen. Stil- und themenbildend wirkte das Russische Journal gleichfalls über seine konsequente Berichterstattung über das russische und das globale Netz-Leben, die das Internet als Kulturraum und nicht als "Instrument“ versteht und von bekannten Internet-Journalisten redaktionell betreut wurde (Jewgeni Gorny, Roman Leibow). Seit Beginn des Jahres 2004 ist diese Rubrik - wie viele andere - im Rahmen der letzten Umstrukturierung eingestellt worden.

Die englische Version der Site startete im Jahr 2001 ambitioniert, gewann jedoch nicht richtig an Schwung und wird seit der Mitte des Jahres 2003 nicht mehr aktualisiert.

Design und Funktionalität

Die Rubrizierung ist stärker an Genres als an Themen ausgerichtet und aufgrund der recht häufigen Änderungen in der Konsequenz eher undurchsichtig. Am effektivsten gestaltet sich die Suche nach Schlagworten und AutorInnen. Das Design des Russischen Journals hat sich in den Jahren seiner Existenz mehrmals geändert. Unverändert geblieben sind die schlichte Gestaltung und die Farbskala in Pastell- und Blautönen. Die Site verfügt über ein einprägsames Logo, das mittlerweile ebenso wie der einfache und eingängige Name der Ressource zum Markenzeichen geworden ist.

Zwecks Popularisierung der eigenen Produktionen werden gezielt Banner für zentrale Texte auf den Seiten platziert, die über eine spezifische Bildsprache verfügen. Hier zu sehen ist ein Banner mit dem Slogan "Die Jelzin-Bande vor Gericht“. Stilistisch werden Elemente des Graffitis aufgegriffen, auf die auch im Text Bezug genommen wird. Der Slogan hingegen kommt in dem verlinkten Artikel nur am Rande vor, eine von der Ressource üblicherweise gepflegte Vorgehensweise des Info-Marketings.

Interaktivität

Interaktivität spielt programmatisch eine wichtige Rolle, schließlich war die Zeitschrift ursprünglich als ein "System von Diskussionsforen“ gedacht. In der Praxis spielen interaktive Elemente zum gegebenen Zeitpunkt jedoch eher eine geringe bis mittlere Rolle. Die rein kommunikativ angelegten Spezial-Projekte haben ihre besten Zeiten hinter sich. Das allgemeine Forum wird moderiert, kränkelt jedoch gleichzeitig an der Mischung aus Themen-Chaos und Club-Charakter. Eine Registration ist verpflichtend. Es sind sowohl Nicknames als auch anonyme Postings zugelassen, insbesondere letztere erfreuen sich großer Beliebtheit. Eine direkte Kontakt-Aufnahme zu den AutorInnen wie zur Redaktion ist in der überwiegenden Anzahl der Fälle über E-mail möglich.

Die Interaktivität scheint insgesamt eher im Geiste als in der Tat realisiert: Die inhaltliche Vernetzung der Einzelbeiträge sowie die Tatsache, dass die meisten der AutorInnen sich auch persönlich kennen, macht eine gesonderte Diskussion im Forum vielleicht überflüssig. Die Rolle der LeserInnen bleibt unklar. Es liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es sich bei den LeserInnen in hohem Maße gleichzeitig um die AutorInnen handelt – beziehungsweise umgekehrt, was sich durchaus im Rahmen der ursprünglichen Intentionen des Projekts bewegen würde.

Netzwerkbildung

Zur lediglich mäßigen Rolle interaktiver Elemente im engeren Sinne passt es, dass auch Netzwerkbildung über gezielte Verlinkung gleichartiger Ressourcen kein primäres Anliegen der Ressource ist. So gibt es keine eigene Rubrik mit Links. Die erwähnten Links der Woche auf der Start-Seite sind unkommentiert. Der assoziierte Server Litera.ru, der eine Vielzahl interessanter Literaturprojekte versammelt, wird seit 1999 nicht mehr aktualisiert. Die Link-Sammlung zum Thema "Kultur“ ist unsystematisch zusammengestellt und seit dem Jahr 2002 verwaist. Insgesamt herrscht der Eindruck vor, dass über die "Spezial-Projekte“ interessante Ressourcen und Projekte eher in den eigenen Kontext inkorporiert werden sollen. Permanent gesetzte Banner finden sich allerdings zu dem Projekt  Ezhe.ru, einem informellen Zusammenschluss russischer Netz-Ressourcen, sowie zu
 Kreml.org, einem Experten-Konsortium zur Politiker-Beratung, das von der Stiftung für effektive Politik betreut wird, deren Präsident der Chef-Redakteur des Russischen Journals Gleb Pawlowski ist.

Fazit

Das Russische Journal ist in mehrfacher Hinsicht von großem Interesse: Erstens als Informationsmedium, das Themen und Sujets abdeckt, die in der russischen Medienlandschaft sonst kaum Beachtung finden. Dabei ist der im weiteren Sinne kulturwissenschaftliche Gesichtspunkt hervorzuheben, der über die Analyse des Alltäglichen tieferliegende Strukturen und Muster aufzudecken sucht. Zweitens ist das Russische Journal ein Phänomen der Zeit und ein Beispiel für die spezifische und programmatische Nutzung des Internet in einer Phase der gesamtgesellschaftlichen Transformation, wie sie sich in Russland in den 1990er Jahren vollzog.

Die in den vergangenen sieben Jahren regelmäßig vorgenommenen Umstrukturierungen der Site sowie die Vielzahl der erfolgreichen und misslungenen Initiativen zur Nutzung des Internet als eines spezifischen kommunikativen "Raums“ können als Indikatoren des Wandels sowohl des Mediums selbst als auch der Gesellschaft interpretiert werden. In diesem Zusammenhang ist auch der Hang zur  Selbst-Reflexion symptomatisch. Über die umstrittene Figur Gleb Pawlowskis ist der Ressource zudem eine provokative Grundhaltung und kontroverse Rezeption in jedem Falle sicher. Die über die Person des Chef-Redakteurs enge persönliche Bindung der thematisch sehr heterogenen Ressource an eine politische Institution wie diejenige des  Fonds für effektive Politik – wie auch immer man dessen heutigen Einfluss einschätzen mag – offenbart die immanente Politisiertheit des Sektors Netzmedien und Netzkultur.

H.S.

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[1] Diese Metaphorisierung des Internet als eines "Raumes“ ist typisch und zieht sich durch die verschiedensten Charakterisierungen des Russischen Journals. Die deutliche Abgrenzung gegenüber der "Welt des Papiers“ in der Absichtserklärung von 1997 ist symptomatisch für die frühe Phase der Entwicklung des Internet (nicht nur in Russland), die eine dichotomische Gegenüberstellung von On- und Offline impliziert. Eine solche Opposition scheint auch in dem von Pawlowski verwendeten Vergleich des Internet mit dem "silurischen Meer“ auf. In der Epoche des Silur bestand die Erde zum überwiegenden Teil aus einem von "den Tieren der oberen Welt“ unbewohnten Meer. In diesem Vergleich klingt die Interpretation des Internet als einer "eigenen Welt“ an, ein Stereotyp, das durch den Bezug auf das Wasser (Ozean der Information etc.) noch deutlicher wird. In diesem Kontext wird auch eine "Ursprünglichkeit“ und "Reinheit“ des "neuen“ – und in der Anspielung auf das Silur gleichzeitig "alten“ – Raums Internet suggeriert.

Stand 09.12.04