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Site-Portraits | ||||||||||
Die elektronische Ressource "Rifma.ru“ befindet sich zum gegebenen Zeitpunkt (Juni 2004) noch in einer Phase der Entwicklung und der Erprobung des Interface. Autor und Administrator dieses im Aufbau begriffenen Projekts ist Dmitri Botscharow, der das Ziel des Projekts in der "Erstellung einer Bibliothek der besten poetischen Werke unserer Zeitgenossen" sieht. Es richte sich an AutorInnen, die in russischer Sprache schreiben und ein aktives Leben im Internet führten. Im Juni 2004 umfasst die Site etwa 300 AutorInnen, 5186 Werke und mehr als 50.000 Kommentare zu den publizierten Werken. Bereits im Titel der Ressource ist ihre thematische Zugehörigkeit zum Bereich der Literatur (rifma = Reim) deutlich herausgestellt. Das Profil der Ressource als Bibliothek wird in einer Absichtserklärung des Initiators erläutert, in der Ziele und Ambitionen dargelegt werden. Zentrale Aufgabe sei die Archivierung eines bestimmten "Umfangs" an poetischen Werken, der gerade mit Hilfe interaktiver Verfahren bestimmt werden solle. Format Die Aufbau der Site sowie die Funktionsweise des Projekts zeichnen sich durch einen hohen Grad an Komplexität aus, sodass ein sorgfältiges Studium des verzweigten Regelsystems erforderlich wird. Die Funktion eines internen Navigationssystems sowie einer Kurzbeschreibung erfüllt zur Zeit ein "Wörterbuch“, in dem in alphabetischer Reihenfolge die Schlüsselbegriffe des Vorhabens erläutert werden. Gemäß der Logik der gestellten Aufgabe – der Auswahl der "besten poetischen Werke – erfolgt eine stark hierarchische Strukturierung der TeilnehmerInnen nach "Arbeitserfahrung“ und "Noten“ über eine Selektion "qualitativ minderwertiger Texte“, die absolute Transparenz der AutorInnen sowie schwarze und weiße Listen, die Regelverstöße dokumentieren. Die Funktion der Qualitätsauswahl übernimmt ein gemeinschaftlicher Rat, der aus 50 AutorInnen besteht. Als gültige "virtuelle Valuta“ fungiert auf der Site der so genannte "Reim-Rubel“ – eine Rechen-Einheit, mit deren Hilfe das Engagement und der Beitrag der NutzerInnen zur Site gemessen werden. Diese dienen im Weiteren auch als Gradmesser für die Autorität der TeilnehmerInnen und eröffnen Zugang zu Privilegien. Die Site verfügt über jeweils eine Rubrik mit Annoncen, die das literarische Netzleben im Ganzen sowie seiten-interne Ereignisse betreffen. Informationsdesign Die außerordentliche Ernsthaftigkeit des Projekts spiegelt sich auch im Stil der Site wider. Das Design soll der pragmatischen Aufgabe dienen, den schwierigen Funktionsmechanismus des Projekts in möglichst einfacher Form darzustellen. Die Zugänglichkeit der Ressource ist unterschiedlich geregelt: TeilnehmerIn des Projekts kann man ausschließlich auf persönliche Einladung hin werden, für LeserInnen ist das Projekt ohne Einschränkungen zugänglich. Auf der Site ist es unüblich seine Person zu maskieren: Freizügigkeiten des Netzlebens wie Nicknames oder Mystifikationen erfreuen sich hier keiner besonderen Popularität. Im Gegenteil, die "Durchsichtigkeit“ und "Transparenz“ des Autors wird hier in jeglicher Hinsicht begrüßt, durch ein Foto, eine kurze Selbstdarstellung in freier Form sowie durch die Angabe des Wohnortes. Der geographischen Lokalisierung der TeilnehmerInnen wird dennoch keine besondere Bedeutung zugemessen. Allerdings macht sich in dem Projekt, das auf Nowosibirsker Grund enstanden ist, ein gewisser regionaler Kern bemerkbar. Die Persönlichkeit des Administrators Dmitri Botschkarow, Leiter der Nowosibirsker Literarisch-Künstlerischen Vereinigung "Studio des Guten Wortes“ sowie Herausgeber und Redakteur des poetischen Almanachs "Dunkles Pferd“, wirkt auf der Site dominierend. Das hierarchisierende Prinzip ist für das Projekt konstitutiv.
"Rifma.ru“ plant die regelmäßige Herausgabe eines Sammelbandes in Buchform, einer Zusammenstellung von Texten der besten AutorInnen, finanziert durch diese selbst oder durch Einnahmen aus früheren Publikationen. Eine finanzielle Unterstützung durch Sponsoren oder durch Reklame wird offensichtlich nicht in Erwägung gezogen. Die Ressource erfüllt die Funktion eines Prototyps, während die Druckausgaben der Fixierung des Erreichten und der weiteren Motivierung dienen. Interaktivität und Networking Die Site ist ein Autoren-Projekt und orientiert sich in ihrer Text-Auswahl und ihrem Profil an den akademischen Traditionen und Instanzen. Alle kommunikativen Normen, political correctness und andere Werte des "offline-Lebens“ gelten auch für das Geschehen auf der Site. Alle Werke sind autorenrechtlich geschützt. Das bedeutet, dass die wichtigsten technischen Vorteile des Internet zum Nutzen des Projekts verwandt werden, das Projekt selbst jedoch einer im weiteren Sinne "Netz-Ideologie“ fern steht. Chat, Gästebuch oder E-mail stellen wichtige Elemente der Ressource dar; auf der anderen Seite ist das Projekt in keinster Art und Weise mit anderen literarischen Internet-Initiativen vernetzt und verweist auch auf keine anderen literarischen "Plätze“ im Internet. Das Projekt ist eindeutig "russisch-sprachig“, doch erfährt das Problem der literarischen Emigration keine besondere Aufmerksamkeit. So neutral verhält man sich jedoch auch den inländischen kulturellen Zentren gegenüber. Bisher nehmen alle russischsprachigen AutorInnen an den Ratings gleichberechtigt Teil, also auf der Grundlage der dargelegten Regeln der allgemeinen Qualitätsauswahl. Fazit Die Auswahl der Werke, die in die Bibliothek aufgenommen werden, ist streng. Eine Publikation auf der Site erfolgt auf der Grundlage des allgemeinen Wettbewerbs und muss durch die kontiniuerliche Aufmerksamkeit der LeserInnen bestätigt werden. Diese Besonderheiten des Projekts verwandeln es von einer virtuellen Bibliothek in eine Art Spiegel der Entstehung des jenigen Neuen, das sich im kollektiven Gedächtnis niederschlägt und allgemeine Anerkennung fordert. Die Glasfaserkabel-Formel für die AutorInnen des Projekts ist klar: insofern die Rede von den LeserInnen im Netz ist, ist der Umfang des kollektiven Gedächtnisses gleich deren interaktiver Kraft. E.B. Stand Herbst 2004
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