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Kontext zu Polit.ru

 Polit.ru - "Politik als Geschichte online“



Polit.ru versteht sich als "Informationspolitischer Internet-Kanal" und stellt damit ein eigenes Genre unter den russischen Internet-Medien dar. Mit gut 10.000 Besuchern pro Tag zählt die seit 1997 bestehende Ressource zu den populärsten "unabhängigen Massenmedien" des Landes.

Über die Zielsetzung des Projektes gibt eine Art Manifest oder Mission Statement Aufschluss. Demnach sollen weder "Polit-Technologie" noch Public Relations im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen. Vielmehr gehe es um die Darlegung und Diskussion ideologischer Standpunkte, in denen sich "das Bedürfnis des Menschen, sein persönliches Verhältnis zur Zeitgeschichte seines Landes zu klären" widerspiegele - "Politik als Geschichte online" (Kirill Rogow).

Das kollektive "Wir", in dem die Absichtserklärung verfaßt ist, ist sogleich Programm: die BetreiberInnen von Polit.ru sehen sich nicht nur als erfolgreiches Team, sondern darüber hinaus als "Gemeinschaft", die ihre Anliegen, Einsichten, Überzeugungen und Fragen gemeinsam und offen diskutiert. In diesen Prozess einbezogen würden auch die LeserInnen, deren Beiträge als integraler Bestandteil der Ressource gewertet würden. LeserInnen werden zu AutorInnen und umgekehrt, so lautet die Devise.

Zeitgeschichtlich sieht Polit.ru die eigene Entstehung und den Erfolg als eine Reaktion auf die Erfordernisse der Zeit, genauer: der Post-Perestrojka, die durch ein großes Bedürfnis an politischer Reflexion gekennzeichnet gewesen sei. Diesem Bedürfnis soll Rechnung getragen werden durch ein im besten Sinne des Wortes "selbst gemachtes" Produkt , das sich vor dem Hintergrund der "verlogenen" offiziellen Berichterstattung abhebe. Dazu gehöre auch die spielerische Entwicklung einer "neuen politischen Sprache", die es überhaupt erst erlaube über die zentralen Anliegen des Landes in einer Zeit der gesellschaftlichen Transformation zu sprechen.

Urheberschaft und Objektivität

Herausgeber von Polit.ru ist der Verleger Dmitri Itzkowitsch, Chefredakteur ist Wiktor Leibin. Die Redaktion umfasst mit den Korrespondenten, verantwortlichen Redakteuren und dem technischen Personal um die 20 Personen. Ungeachtet des im Leitbild so stark betonten gemeinschaftlichen Charakters bleibt die Ressource damit - zumindestens formal - hierarchischen Strukturen verhaftet.

Konkrete Angaben über die Finanzierung der Ressource liegen nicht vor. Bereits der erste Blick auf die Site offenbart jedoch, dass sie sich u.a. über Reklame finanziert. Die Ressource ist nach eigenen Angaben an wirtschaftlichem Erfolg interessiert und bestrebt, ihren "Platz auf dem Markt zu behaupten". Unter dem Stichpunkt "Kommercija" werden deshalb über die Tätigkeit im Mediensektor hinaus weitere Service- und Dienstleistungen der Firma Polit.ru angeboten. Das Know-how erstrecke sich nicht alleine auf die Erstellung von Content, sondern umfasse die Planung, Organisation und Durchführung von Seminaren, Medien-Projekten oder Reklame-Kampagnen.

Dass die Wahrung der selbst gesetzten Ziele trotz kommerzieller Ambitionen weiterhin Vorrang genießt, legt die Liste der Partner nah: an die zwanzig Institutionen - im Wesentlichen Medien und Stiftungen - werden genannt, darunter das Russische Journal und die Neue Literarische Revue [Nowoe literaturnoje obozrenie] sowie die Stiftung "Liberale Mission"und die Stiftung "Informatik für Demokratie" INDEM.

Navigation

Zentral gesetzt ist auf der Hauptseite ein Nachrichtenticker, zur Linken eingerahmt von den "Ereignissen", zur Rechten vom "Kontext". Während unter den "Ereignissen" thematisch ausgerichtete Rubriken wie "(In)Land", "Welt", "Wirtschaft" und "Kultur" angeführt werden, findet sich unter "Kontext" eine stärker funktional ausgerichtete Rubrizierung. Durch besondere Originalität zeichnet sich hier die in Anspielung auf ein populäres Gedicht des russischen (National)Dichters Aleksandr Puschkin benannte Rubrik "Am Meeresrand" aus, die den sprechenden Untertitel "PolitFiction“ trägt und sich politisch-literarische Spielereien und Abschweifungen erlaubt. Die AutorInnen vieler dieser Beiträge sind Mystifikationen; als Redakteur ist der in alternativen kulturellen Kreisen Moskaus beliebte Sänger Psoi Korolenko genannt. Hervorzuheben ist darüber hinaus das "Monitoring" von Pressestimmen, das zur Zeit allerdings nur unregelmäßig und nicht für alle Themensparten angeboten wird sowie der "Abdruck" sowohl von wichtigen politischen "Dokumenten" als auch von "Vorlesungen"und "Seminaren" angesehener russischer WissenschaftlerInnen.

Karikatur anlässlich des Konfliktes zwischen Georgien und Russland, eine bildliche Umsetzunge des Sprichwortes vom (militärischen) Zähne-Zeigen. Bildquelle: <http://www.polit.ru>, 16.08.2004.

In der Konsequenz ist die Navigation komplexm in Teilen jedoch leider auch unübersichtlich. Sie spiegelt jedoch das programmatische Anliegen und das Profil der Ressource wider, die sich nicht allein um eine Nachrichten-Berichterstattung bemüht, sondern Hintergrundwissen und Kommentar anbietet.

Interaktivität

Gemäß der propagierten Gleichsetzung von LeserInnen und AutorInnen nimmt Interaktivität innerhalb der Ressource einen hohen Stellenwert ein. So ist der Menü-Punkt "Diskussion" auf der Site in der oberen und unteren Navigation an prominenter Stelle gesetzt. Diskussionen werden jeweils zu den einzelnen Artikeln geführt und nicht (oder seltener) zu übergeordneten Themenschwerpunkten. Ob die gesetzten Ziele einer Verflechtung von AutorInnen und LeserInnen erreicht wird, lässt sich schwer beurteilen. Auffällig ist - gerade im Vergleich mit anderen Diskussionsforen - die rege Beteiligung, der verhältnismäßig große Umfang der Beiträge sowie die im Großen und Ganzen moderate Tonlage. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass für die Teilnahme an den Foren recht strenge Regeln formuliert und durch die ModeratorInnen anscheinend auch umgesetzt werden. Eine Registrierung ist für die Teilnahme an der Diskussion nicht erforderlich. Nicknames sind erlaubt, dabei fällt die häufige Nutzung von Pseudonymen aus den Bereichen Geschichte und Kunst/Literatur auf.

Networking

Im Unterschied zur Interaktivität steht Netzwerk-Bildung gemäß der Ausrichtung der Ressource als Informations-Kanal nicht im Mittelpunkt des Interesses. Dementsprechend findet sich auch keine gesonderte Rubrik mit Links auf verwandte Ressourcen. Über die "Partner" wird jedoch eine Einbindung in ein informelles Netzwerk verwandter Projekte deutlich. Wie genau diese Partnerschaft wahrgenommen wird, ist auf der Site jedoch nicht expliziert. Im inhaltlichen Bereich lassen sich eine Reihe von konkreten Kooperationen feststellen. So steuert die Stiftung für Meinungsforschung regelmäßig Artikel mit Auswertungen ihrer Umfragen bei. Gleiches gilt für das Institut des renommierten Soziologen Juri Lewada, der regelmäßig in Polit.ru Materialien seines Institutes veröffentlicht.

Fazit

Mit Polit.ru verbindet sich in erster Linie die Schaffung des Genres "Informationspolitischer Internet-Kanal" sowie die Akzentuierung des geistes- und kulturwissenschaftlichen Fokus. Politik wird als eine gemeinschaftliche intellektuelle Anstrengung und Aufgabe gesehen, aber auch als ein den Menschen und Bürgern eigenes Bedürfnis. Diese Ausrichtung wird auch im sprachlichen und visuellen Stil der Ressource umgesetzt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Rubrik "Polit-Fiction", die deutlich macht, in welcher Art und Weise Literatur und (Internet)Medien durch das Element der "Fiktionalität" miteinander verbunden sind.

Erstaunlicherweise erfährt das Internet in dieser hoch reflexiv gestalteten Ressource keine eigene Thematisierung, außer in der Bezeichnung als "Internet-Kanal". Ungeachtet dessen wird es in seinen Möglichkeiten zur Gestaltung eines intellektuellen und politischen Kommunikationsraums, einer "Gemeinschaft"in besonders prägnanter und gelungener Art und Weise genutzt.

"Politruk" [politischeski rukowoditel] hießen in Sowjet-Zeiten die einflussreichen "politischen Leiter", die für die politische Führung zuständig waren. "Polit.ru"streicht das K und setzt einen Punkt hinter ein Verständnis von Politik als Führungsaufgabe, an deren Stelle der Gestus der Gemeinschaft tritt. Auch wenn sich in der hierarchisch organisierten Struktur der Redaktion sowie der hohen Personalisierung des Projektes ein elitärer Ansatz beobachten lässt, werden die Aussagen des Leitbildes in der Praxis in weiten Teilen umgesetzt.

O-Ton Dmitri Itzkowitsch

So einzigartig [Polit.ru] war, so einzigartig bleibt es auch. Welche Internet-Projekte kennen Sie denn noch, die sich ausschließlich intellektuell engagieren? [...] Für mich ist das Projekt Polit.ru eine prinzipielle Plattform, ein Vorposten meiner Weltanschauung. Wir sind doch Leute, die sich Räume aneignen. Obwohl ich selbst da keine speziellen Ambitionen hege. Verliefe das Leben anders – in demokratischen Institutionen, in einer Bürgergesellschaft, – ich bin nicht sicher, ob meine Business-Aktivitäten solche wären wie jetzt. Warum auch?

Quelle:  Interview mit Olga Kabanowa in der Izwestija vom 08.11.2001.


H.S.

Stand Winter 2004