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 Wiktor Pelewin (1)
 Wiktor Pelewin (2)

Wiktor Pelewin, der sich selbst als "professionellen User" charakterisiert, bietet dem Gast auf seiner Internetseite eine ausführliche Topographie seiner liebsten Pfade und Ecken im Internetgarten an. Das  Projekt existiert seit Juli 2000 und umfasst in seiner sechsten Version bereits mehr als 1400 Dateien im Gesamtumfang von ca. 250 MB. Das  Navigationssystem und die  News der Seite verblüffen den unerfahrenen Surfer und flössen dem Erfahrenen Respekt ein.

Die Seite ist vom derzeit bekanntesten Netz-Guru des Runet, Aleksej Andrejew, gestaltet, der Pelewins Werke zwar gerne illustriert, sich ungeachtet dessen aber gelegentlich auch abfällige Bemerkungen über des Meisters Schaffen gestattet. Die gegenwärtige Version der Seite ist in schlichtem und stilvollem Schwarz-weiß gehalten, wie es sich für ein "richtiges" Dokument gehört. Nur die Buchumschläge werden in Farbe dargestellt.

Die Intermedialität des WWW kommt hier in ihrer ganzen Vielfalt der Abbildung der schöpferischen Tätigkeit Pelewins zugute. Zahlreiche  Illustrationen zu seinen Werken und  Audiodateien mit Lesungen seiner Texte zeichnen ihn als einen anspruchsvollen Netzbewohner aus. Mit dem Meinungsaustausch im Netz geht er jedoch eher vorsichtig um: der Zugang zum  Chat wird durch die Vergabe von Parolen begrenzt. Die Regel der "political correctness" nach amerikanischem Vorbild wird dennoch nicht strikt befolgt. Das Themenangebot schließt nichts aus und wird im  Forum von den Gästen bestimmt. In einer  virtuellen Konferenz z.B. nimmt Pelewin höflich eine Einladung zum "Grassrauchen" an.

Das Fehlen von Angaben zur Biographie und anderen Ereignissen aus dem "realen" Leben des Schriftsteller lässt den Eindruck entstehen, als Beobachter längst nicht in alles im Blick zu haben. Dieses Gefühl wird auch durch die unvermeidliche schwarze Brille auf mehreren  Fotos des Autors verstärkt. Das Spiegelbild des literarischen Lebens Pelewins hingegen ist ziemlich detailliert. Man findet die  Volltexte aller online sowie offline veröffentlichten Werke und Artikel. Des Weiteren werden auch  Rezensionen,  Links zu virtuellen Bibliotheken und zu den Seiten geschätzter Schriftsteller wie Sorokin, Jerofejew, Lipskerow, Akunin, Borges oder Castaneda angeboten.

Nicht nur "rein literarisches" Leben sondern auch Marketingpolitik, in einem jedoch angenehmen und benutzerfreundlichen Grade, sind dem Schriftsteller nicht fremd: Es finden sich Links zum Vagrius-Verlag, dem Herausgeber Pelewins, und zu einer Internetbuchhandlung. Allerdings empfiehlt der Autor auch gerne andere Lektüre, von Literaten wie z.B. Milorad Pavic, Gustav Meyrink, Julio Cortázar und W.-E. Süskind. Bemerkenswert ist ferner, dass hier auch kommerzielle Reklame gegen gute Bezahlung angenommen und platziert wird - für eine Privatseite im russischen Internet ein einmaliger Vorgang, der auf seine Weise von der Popularität des Schriftstellers zeugt.

Es gibt im Netz jedoch noch eine weitere, merkwürdig-mysteriöse Pelewin-Seite, die aus einem einzigem "Blatt" besteht: Unter einem Entwurf für den "Palast der Sowjets", einem utopischen Architekturprojekt, das nie verwirklicht werden konnte, steht folgender Satz :

Witja! Wenn Du ein bisschen Zeit hast, ruf' mich an, damit wir die Seite fertigstellen. Sonst warten die Leute, und nichts passiert. Meine Telefonnummer: 229-88-33. Tjoma

Die Bauarbeiten des Mediendesigners Artjemi Lebedjew (Tjoma) an dem Server für Pelewin sind eine wunderschönes Spektakel: Zwei Demiurgen plaudern miteinander und der begeisterte Pöbel wartet mit Godot und mit in die Höhe gehobenen Gesichtern auf die Tat. Es wird aber nichts passieren ... . Diese lakonische und symbolhafte Internetseite kommt einem beiderseitigen Lobgesang gleich und trägt dabei auch ein kleines bisschen Werbung in sich.

E.B.

Stand Juni 2003, freie Analyse ohne Leitfaden