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Orbita

Format

Die Website http://www.orbita.lv ist ein russischsprachiges Projekt, das Dichter, Musiker, Fotografen und Designer aus Riga (Lettland) vereint. Die Projektautoren sind gleichzeitig sowohl Teilnehmer als auch Schöpfer der Netzplattform: Die Redaktion obliegt Sergei Timofejew, Artur Punte, Aleksandr Sapol und Wladimir Swetlow. Design - Wladimir Lejbgam, Web-Master - Sergei Masterow, Programmierung - Denis Larka.

Die Startsite macht den Besucher neugierig: er blickt auf eine Person, die ein ungeöffnetes Paket in den Händen hält. Das Bild veranlasst zum Nachdenken über den Inhalt und den Umfang der elektronischen "Message“ mit dem Namen "Orbita“. Ein weiterer Klick bringt Aufklärung: In einer direkten Ansprache an die Netz-BesucherInnen wird die Mission der Website erklärt sowie der Inhalt der sechs Hauptrubriken kurz dargestellt. Die thematische Gestaltung der Rubriken erschließt sich ohne Umstände: "Novothek“ stellt "Neuheiten aus dem kulturellen Milieu Lettlands, des Baltikum und Skandinaviens“ vor. Die "Textothek“ bietet poetisches und dichterisches Material aus den Jahren seit 2001. Die weniger umfangreiche "Audiothek“ enthält Audiodateien unterschiedlicher Genres, darunter auch sogenannte poetische Bootlegs (poetic bootleg) – von Iosif Brodskij vorgetragene Texte mit musikalischer Untermalung. Die "Fotothek“ ist – wie der Name schon sagt – eine Fotogalerie. In der "Videothek" befinden sich Videos der Projektteilnehmer, die am World-in-Motion-Festival teilgenommen haben. "Poligon“ [Übungsgebiet] bietet eine Plattform für neue AutorInnen, die ihr Publikum erst noch suchen. Im Forum, das keine Registrierung erfordert und recht belebt ist, werden keine Umgangsregeln vorgeschrieben; allerdings herrscht trotzdem ein recht manierlicher Ton vor.

Das graphische Design der Website ist in allen Rubriken einheitlich, mit der charakteristischen Ausnahme des "Poligon“ - somit ist das Übungsgebiet programmatisch und visuell vom übrigen Körper der Site getrennt. Im Weiteren wird dieses Verfahren nicht mehr angewendet. Die farbliche Gestaltung ist lakonisch und mit keinem "Sinn“ behaftet. Die durchaus komplizierte formale Struktur der visuellen und akustischen Materialien, die auf der Website angeboten werden, hat keinen Einfluss auf das Gestaltungsverfahren im Ganzen.

Die Beziehungen zu anderen Web-Ressourcen tragen einen empfehlenden Charakter – die Autoren bezeichnen die Websites als "beachtenswert“, eine Kooperation oder ein Austausch von Materialien zwischen den Sites ist jedoch nicht feststellbar. Die Nutzung der Vorzüge des Internet ist gemäßigt und verfolgt mehr künstlerische als kommunikative Ziele. Die Finanzierung der Website wird nicht weiter kommentiert. Die Site wird regelmäßig aktualisiert, auf Wunsch kann ein Newsletter abonniert werden.

Die Geographie dient in diesem Projekt als Sammelbegriff und Unterscheidungskriterium in einem. Das Verständnis von Zentrum und Peripherie bleibt dabei unverändert. Konkret lässt sich als Ziel der Website die Präsentation der Region in ihrem kreativen Potential festhalten.

Kontext

Das Projekt russischsprachiger Autoren Lettlands "Orbita“ wird in den gesammelten Netz-Rezensionen von Stanislaw Stanislawski folgendermaßen beschrieben:

Charakteristisch für die Texte von "Orbita“ ist ihre "Nichtlesbarkeit“ formeller und inhaltlicher Natur - eine Nichtlesbarkeit, die eine Freiheit der eigenständigen Wahrnehmung der Realität sowie des Verzicht auf die Logik heraufbeschwört. "Orbita“ - das sind äußerst unterschiedliche Texte. Darunter sind solche, die aufgrund einiger ihrer Merkmale (ein in ungleichmäßiger Spalte geschriebener Text, die Wahrnehmung des Rhythmus’) an Gedichte erinnern. Andere wiederum (im prosaischen Stil, mit langen Textzeilen) ähneln Prosa. […] Will man einen der Besucher zitieren, so hinterlassen die Texte einen "sehr europäischen Eindruck“. Europa, Glanzzeitschriften, Café, Lyrik. Alles wirkt sehr ruhig, gemessen, bekannt – doch ganz plötzlich durchdringt einen etwas Unerwartetes“.

Hinsichtlich ihrer sprachlichen oder politischen Zugehörigkeit äußern sich die Projektautoren folgendermaßen: "Wir sehen keine Aussicht auf Erfolg in der Unterstützung einer neuen russischen oder einer neuen lettischen Kultur in Lettland“. Eine grundlegende Haltung nehmen die Autoren mit Blick auf die multimedialen Möglichkeiten des Internet und in der Frage nach der Wechselbeziehung zwischen dem gedruckten und dem elektronischen Wort ein:

Der gedruckte Almanach "Orbita“ ist ein Produkt der Internetepoche: in allen veröffentlichten Texten fehlen die Absätze, und die Zwischenräume zwischen den Absätzen sind einen halben Finger breit, genau wie auf der Website“. Mana Traumane, eine der AutorInnen der Druckfassung von "Orbita“, spricht in ihrem kulturwissenschaftlichen Artikel gleichfalls vom "Konzept der Nichtlesbarkeit“ der heutigen jungen Kunst. "Der Nichtlesbarkeit sind die erprobten Kriterien und Anforderungen, die an die Kunst gestellt werden, völlig fremd. Die Nichtlesbarkeit ist der Begriff eines kleinen Gemeinschaftsmilieus, das an einem gegenseitigen Austausch, der keine bestimmte Ratio in sich trägt, interessiert ist. (Stanislawski)

Sergei Sacharow bewundert in seiner Rezension der Site die Errungenschaften des Rigaer Undergrounds bei der Erschließung der Welt des Zeitschriften-Glamours und der Weiten des Internet durch den "Kultsamisdat“. Die Funktionen und Aufgaben jener Eroberungen beschreibt Ewa Ausinja in ihrem Artikel für "Orbita“:

Unserer Ansicht nach ist die Erklärung, dass der Cyberspace und alle seine Attribute für diese Gruppe nicht nur ein elementares Werkzeug, sondern auch eine strategische Betätigungswaffe sind, zum Programm geworden.

Elena Berns

Übersetzung und Redaktion Georg Butwilowski und Henrike Schmidt

Stand 10.10.2004