Nethistory.ru
*/ nach Version 1.0 des Leitfadens
1.
Quellenidentifikation und – dokumentation
2. Inhaltliche Ausrichtung
und Thematik
3. Strukturierung der Inhalte, Navigation
und Vernetzung
4. InitiatorInnen / AutorInnen /
ModeratorInnen
5. Zielgruppe und Nutzerprofil
6. "Sichtbarkeit“ der
Seite (visibility) – Verbreitung und Popularisierung
7. Interaktivität
8. Graphische Gestaltung der Seite
9. Finanzierung und Institutionalisierung
10. Medium und Weltbild
11. Das "Eigene“ und
des "Fremde“?
12. "Globalisierung“
und "Lokalisierung“?
13. Emigration und der Diaspora
1.
Das Internetprojekt
"Geschichte
des Internet in Russland“,
das seit März 2003 unter der Leitung des Moskauer Web-Experten Dmitri
Iwanow und der Mitarbeit verschiedener SpezialistInnen des russischen
Internet entsteht, stellt eine Plattform für wissenschaftliche Publikationen
zum Thema "Geschichte und Entwicklung des russischen Internet“
dar. Die auf der Seite gesammelten Forschungsergebnisse sind gleichzeitig
Material für eine geplante Veröffentlichung in Buchform. Über den
genauen Rhythmus der Aktualisierung und Pflege der Ressource sind
keine Hinweise zu finden.

2.
Das Projekt versteht sich,
wie aus der
Projektbeschreibung
hervorgeht, als eine offene wissenschaftliche Initiative und richtet
sich primär an JournalistInnen, ForscherInnen, LehrerInnen sowie StudentInnen.
Für diese soll die Seite sowohl eine Informationsquelle, als auch
eine Publikationsmöglichkeit darstellen. Die so genannten "Veteranen
des russischen Internet“ werden aufgefordert, ihre Erinnerungen beizusteuern.
Da "nethistory.ru“ mit seinem Vorhaben einer historischen Untersuchung
des russischen Internet bereits eine Reihe von Vorgängerprojekten
besitzt, streben die AutorInnen die Zusammenarbeit mit diesen an.
Inhaltlich liegt der Schwerpunkt der Arbeit zunächst auf der Sammlung
und der Auswertung von Quellen zu diesem Themenbereich. Besonderes
Augenmerk werde dabei, so die Initiatoren, darauf gerichtet, stark
am Medium orientiert vorzugehen. Denn wie Projektleiter Iwanow in
einem Interview mit der Web-Zeitung
webplaneta.ru
erklärt, halte er eine ausschließlich wissenschaftliche, nicht praktisch
fundierte Herangehensweise an das Medium für nicht angemessen. Traditionelle
Medien und Informationsprojekte im Internet hätten durch mangelnde
Recherche in ihrer Berichterstattung ein verzerrtes Bild des Netzes
verbreitet. So seien sogar Gerüchte über dessen Kontrolle durch mafiöse
Strukturen in die Welt gesetzt worden. Das auf
nethistory.ru
gesammelte Material soll unter anderem auch zur Richtigstellung solcher
Fehlinformationen dienen. Zu Zwecken der Anreicherung und Auflockerung
der Themenpalette schließt Iwanow auch das Angebot von Anekdoten und
Witzen, die sich auf das russische Internet beziehen, nicht aus. Deshalb
seien alle sinnvollen, dem Thema entsprechende Beiträge und Kritikpunkte
erwünscht. In diesem Sinne liegt keine Differenzierung der Wahrnehmung
des Internet in literarischer oder kultureller Hinsicht vor, da nach
Meinung Iwanows jeder, wie auch immer geartete Standpunkt seine Daseinsberechtigung
hat. Was die Rechte an den auf der Seite vorhandenen Materialien anbelangt,
so wird bei der Verwendung von Zitaten um einen Quellenhinweis gebeten.
Somit trägt nethistory.ru primär den Charakter eines Informationsmediums
und einer Kommunikationsplattform.

3.
Das Informationsangebot der
Seite ist in drei Hauptrubriken:
Historische
Gespräche, Chronologie
und
Bücher
und Artikel unterteilt. Unter den "historischen Gesprächen“
finden sich Interviews mit den "Veteranen des russischen Internet“,
wie z.B. mit dem in Estland lebenden Roman Leibow. Es werden hier
die Anfänge der Internetkommunikation in Russland, ihre Entwicklung
und die damit verbundenen Hoffnungen, Erfahrungen, aber auch enttäuschten
Erwartungen reflektiert. Ein großer Teil der Interviews wurde von
Dmitri Iwanow selbst durchgeführt. Die Rubrik "Chronologie“,
die auf der Arbeit von Jewgeni Gorny, einem der "Väter“ des russischen
Internet fußt, stellt eine Sammlung von Daten und Ereignissen in
der Geschichte des Internet in Russland dar. In der Sparte "Bücher
und Artikel“ findet sich ein thematisch breit gefächertes Angebot
zum Forschungsgegenstand. Unter Stichworten wie "Auditorium des
Internet“, "Investitionsboom“ oder "Informationsgesellschaft“
bis hin zu "Politik“ und "Kommunikationstheorie“ werden
das Internet, seine gesellschaftliche Rolle und gesellschaftlicher
Einfluss von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. Die Auswahl
zu den Themen wiederum ist alphabetisch (in kyrillischer und lateinischer
Schrift) nach Autorennamen geordnet. Während der Großteil der russischen
Publikationen unter den angegebenen Links direkt herunter geladen
werden kann, handelt es sich bei den Verweisen auf ausländische, meist
englischsprachige Werke, häufig nur um Links zu Internet-Buchshops.
Das Angebot der Seite ist
übersichtlich angeordnet. Die Überschaubarkeit der Rubriken ermöglicht
eine bequeme Bedienung. Auf die Verwendung neuer Formen der inhaltlichen
Präsentation wurde weitgehend verzichtet. Die Darstellung trägt in
ihrer Form einen sachlichen Charakter und weist keine experimentellen
Besonderheiten auf.
Was die zeitliche Strukturierung
der Seite anbelangt, so lassen sich auch hier keine Details, wie z.B.
Newsticker ausfindig machen. Bis auf die Datierung der Ausgaben der
"Historischen Gespräche“ und "Chronologie“ fehlen Zeitangaben.
Dies betrifft sowohl das Datum der letzten Aktualisierung als auch
das aktuelle Datum.
Neben den Links in und zu
den Texten wird explizit auf die offiziellen Partner der Initiative
hingewiesen. Zu diesen zählen die
Fakultät für Geschichte, Politologie
und Recht der Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität,
das
Labor für
Historische Informatik der Staatlichen Moskauer Universität, das
Netzwerk der Russischen Informationsgesellschaft,
das
Russische Journal,
das
Interdisziplinäre Zentrum für
berufliche Fortbildung der Staatlichen Sankt-Petersburger Universität
und
Runet.ru. Im
Russischen Journal ist auch ein
Großteil der erwähnten Publikationen nachzulesen. Ein Teil der besagten
Institutionen ist auch außerhalb des Internet tätig.

4.
Dmitri Iwanow, der Begründer
und Leiter des Projekts nethistory.ru, blickt selbst auf eine längere
Aktivität im russischen Internet zurück und hat mittlerweile, wie
viele der "Veteranen des russischen Internet“, eine tragende
Position in einer Internetfirma inne. Nach der Arbeit als Leiter der
Internetabteilung beim
Russischen
Journal (1997/98) und als Autor und Organisator von
Vorlesungen
über das Internet-Business an der "Hochschule für Wirtschaft“
(2000-2001) übernahm er von 1999-2002 die Funktion des stellvertretenden
Leiters des "Internet-Departements“ beim
Fond
für effektive Politik (FEP). Der seit 1995 bestehende FEP ist
auf dem Gebiet der politischen Analyse und Beratung, der Organisation
und Durchführung von Propaganda- und Wahlkampagnen sowie der Gründung
und Unterstützung von Medienprojekten im Internet tätig.
Seit 2001 hält Iwanow Vorlesungen
über die Nutzung der Internet-Technologie im Bereich Public-Relations
an der Fakultät für Geschichte, Politologie und Recht an der Staatlichen
Geisteswissenschaftlichen Universität. Seit 2003 ist er als Projektleiter
beim Internetanbieter
Yandex tätig.
Neben der leitenden Funktion
Iwanows kommt dem
offenen Redaktionsrat
bei der professionellen Bewertung und Rezension der auf nethistory.ru
veröffentlichten Materialien, der Unterstützung und Weiterentwicklung
der Seite eine tragende Rolle zu. Dieser setzt sich aus Akteuren des
russischen Internet wie z.B. Jewgeni Gorny, Roman Leibow und Dmitri
Werner, die auch unmittelbar mit dessen Anfängen verbunden sind, zusammen.
Die Veröffentlichung von Texten ist, wie bereits erwähnt, im vorgesehenen
Rahmen allen Interessenten möglich. Über die Finanzierung des Projektes
werden keine näheren Auskünfte gegeben. Aus einem Artikel des
Wöchentlichen
Journals geht hervor, Dmitri Iwanow sei gleichzeitig für dessen
Finanzierung verantwortlich. Hinweise auf kommerzielle Bestrebungen
des Projekts gibt es nicht.
Eine Personalisierung der
Webseite wäre insofern zu verzeichnen, als bei der Reflektion der
Geschichte des Russischen Internet in den Historischen Gesprächen
auf eine ausgewählte Gruppe von Internet-Veteranen zurückgegriffen
wird. Von einem möglichem "Kultstatus“ der einzelnen AutorInnen
des Projekts, die großteils aus den Reihen der besagten "Veteranen“
stammen, könnte allerdings nur hinsichtlich ihrer langen Tätigkeit
und Präsenz auf dem Gebiet des russischen Internet die Rede sein.
Trotz der unterschiedlichen, teils mehr oder weniger sachlich-offiziellen
Präsentation der Biographien der MitarbeiterInnen lässt sich das Phänomen
der Mystifikation nicht ausfindig machen.

5.
Trotz der wissenschaftlichen
Ausrichtung der Initiative lässt sich eine Zielgruppe nicht genau
definieren, zumal alle am Thema Interessierten angesprochen sind,
ihre Vorschläge und Entwürfe einzubringen. Daher lässt sich keine
Aussage darüber treffen, ob visueller Aufbau und sprachlicher Stil
der Site der bestehenden Klientel entsprechen. Die Seite selbst wirkt
in allen Rubriken sachlich, nüchtern und übersichtlich. Die benutzen
Fotografien präsentieren die betreffenden Personen ohne jegliche Effekthascherei.
Auch die verwendeten Standartschriftsätze lassen keine gestalterischen
Experimente vermuten. Raum zur Interpretation bieten höchstens die
symbolhaft-metaphorisch wirkenden Abbildungen am oberen Rand der Startseite
oder in der Projektbeschreibung. Genauso verhält es sich mit Feststellungen
zum Profil der NutzerInnen des nicht direkt zur Site gehörenden
Live
Journals. Auf dieses wird lediglich als Kommunikationsmöglichkeit
mit den diversen AutorInnen hingewiesen. Dort lässt sich auch der
Gebrauch von "Nicknames“ oder mystifizierten Biographien beobachten.

6.
Auch bezüglich der Verbreitung
und Popularisierung der Ressource wurde weitgehend auf besondere Details
wie Zähler, Statistiken, Feedback und Austausch von Bannern sowie
Links verzichtet.

7.
Möglichkeiten zur Mitgestaltung
bietet das Projekt zum einen in der bereits erwähnten Aufforderung
an alle Interessenten, eigene Arbeiten beizusteuern. Zum anderen ist
nethistory.ru mit dem besagten
Live
Journal verbunden. In diesem besitzt neben anderen Beteiligten
auch Dmitri Iwanow sein eigenes Live Journal sowie eine dem Projekt
gewidmete Rubrik. Der Stellenwert dieser Ressource für das Projekt
selbst ist allerdings als relativ gering einzuschätzen. Denn der Umfang
des dort vorzufindenden Materials ist - bis auf einige Auszüge der
bereits auf nethistory.ru publizierten Arbeiten - äußerst gering.
Die vor Ort besprochenen Themen lassen sich oft nicht in direkten
Bezug zum Projekt setzen, haben häufig einen privaten oder Insider-Charakter.
Die Beiträge und Kommentare sind weitgehend ohne Angabe von Passwörtern
einzusehen. Die Registrierung im Live Journal betrifft lediglich diejenigen,
die ihm beitreten wollen. Schlüsse auf das Nutzerprofil der UserInnen
lassen sich insofern schwer ziehen, als der im Journal weit verbreitete
Gebrauch von Nicknames und anonymen Postings die Differenzierung der
Beiträge erschwert.

8.
Für die graphische Gestaltung
der Web-Site ist die Agentur
Showpanorama
verantwortlich. Der Aufbau der Site weist sowohl im Menü als auch
in den anderen Bereichen keine experimentellen oder innovatorischen
Besonderheiten auf, ähnelt in seiner hierarchischen Anordnung der
Rubriken und Texte eher dem Aufbau einer Zeitung. Mit Bildern wird
sparsam gearbeitet. Sie dienen weitgehend der Unterstützung oder Illustrierung
des entsprechenden Textes, wie z.B. Fotographien von AutorInnen oder
Illustrationen von im Text erwähnten Internetseiten. Eine Ausnahme
bilden die besagten Darstellungen auf der Startseite.

9.
Wie bereits erwähnt, lassen
sich weder auf der Seite selbst, noch in den Artikeln über das Projekt
genaue Informationen über die Finanzierung von nethistory.ru ausfindig
machen. Auch die offiziellen Verbindungen zu den "Partnern und
Kollegen" sind in ihrem Charakter nicht genauer definiert und
geben hierüber keinen Aufschluss. Weiterhin wird auf der Seite auf
Präsentation von kostenpflichtigen Inhalten und Werbung verzichtet.
So bleibt zu vermuten, dass sich das Projekt, neben der "vermeintlichen“
Finanzierung durch den Leiter Dmitri Iwanow selbst, auf das private
Engagement seiner Mitarbeiter stützt.

10.
Laut Aussage Iwanows weist
das russische Internet eine sehr spezifische Entwicklungsgeschichte
auf. So erklärt er in dem Artikel
Das russische
Internet als ein Mittel der politischen Kommunikation, das "Runet“
werde im Gegensatz zu der eher kommerziellen Ausrichtung seines westlichen
"Vorbilds“ vor allen Dingen zu politischen Zwecken von Parteien,
Bewegungen, staatlichen Instituten usw. genutzt. So spiele es z.B.
eine große Rolle in der Unterstützung von Wahlkampagnen, Kompromittierung
von Politikern (Stichwort: KOMPROMAT) und in der politischen Meinungsbildung
sowie "Meinungsmache" im Allgemeinen. Das Internet stelle
besonders für diejenigen ein nützliches Werkzeug dar, die wenig Einfluss
auf die "traditionellen" Medien haben. Zudem besitze es
die Vorteile des freien Zugriffs auf Informationen aus aller Welt,
der Interaktivität, der preiswerten Publikationsmöglichkeit und des
rechtlich nicht genau definierten Status der im Internet zugänglichen
Materialien. Dementsprechend habe sich das russische Internet vor
allem in seinen Anfangsjahren parallel zu den an es gestellten politischen
Anforderungen entwickelt. Folglich zeichnet es sich in erster Linie
als ein Ort der politischen Agitation aus.
Eine weitere Besonderheit
des russischen Internet stelle die in der Mitte der 90er Jahre verstärkt
einsetzende Herausbildung einer Gruppe von Internet-Usern dar, die
sich als "Gründungsväter" oder "Elite des Runet"
bezeichnen. Die Selbstidentifikation dieser Gruppierung mit dem Medium
sei aufgrund seiner Randposition und des herrschenden Mangels an einschlägiger
Literatur zum Thema im Vergleich zu den heutigen NutzerInnen des russischen
Internet sehr hoch gewesen. So war der Großteil der so genannten "Elite
des Runet" in der Mitte der 90er Jahre Mitglied der Internetvereinigung
EZHE. Die Strukturen, die sich zu dieser
Zeit herausgebildet hätten, seien im weiteren Verlauf der Entwicklung
aber durch die wachsende Zahl an Internet-UserInnen und das sich vergrößernde
Anwendungsgebiet des Internet "untergraben" worden. Vor
diesem Hintergrund erkläre sich das Scheitern des Versuchs, eine ‚künstliche’
Vereinigung aller Gruppierungen von Internet-Usern, in der Art von
EZHE.ru, zu schaffen. Denn man sei irrtümlicherweise von der Annahme
ausgegangen, dass das Internet die Menschen in e i n e r Subkultur
vereinigt, den Mitgliedern verschiedener Interessenausrichtung e i
n e gemeinsame Sprache zur Verfügung stellt. Iwanow teilt dagegen
die Ansicht, dass das Internet als ein einheitliches Milieu nicht
existiert, sondern von vielen unterschiedlichen Interessen und "Sprachen"
geprägt ist.
Untersuchungen der
Stiftung
für öffentliche Meinung (FOM) hätten im Einklang mit den Ergebnissen
anderer soziologischer Forschungsinstitute ergeben, dass ein bedeutender
Teil der Nutzer des russischen Internet Männer mit Hochschulbildung
und verhältnismäßig hohem Einkommen sind, die in Großstädten leben
- ein Viertel davon in Moskau - und an ihrem Arbeitsplatz Zugang zum
Internet haben. Weiterhin geht aus den Ergebnissen des "FOM"
hervor, dass diese "Nutzerschicht" u.a. Putin unterstützt,
westlich orientiert ist und optimistisch auf die eigenen Perspektiven
und die Zukunft Russlands schaut. Des Weiteren werde durch die Ergebnisse
des FOM die Annahme bestärkt, es handele sich hier in erster Linie
um so genannte "Meinungsführer“, Personen, die eine aktive und
einflussreiche Position in ihrer Umwelt einnehmen. Schließlich habe
die Analyse des FOM ergeben, dass es zwei Generationen von Internet-UserInnen
gibt: die so genannten "Alteingesessenen“, die vor 1998 begonnen
haben, das Internet für sich zu nutzen und für die es mittlerweile
einen notwendigen Bestandteil bei der Arbeit darstellt. Zur zweiten
Gruppe zählen die so genannten "Neusiedler“ (nach 1999 und später),
UserInnen jüngeren Alters. Diese sind weniger aktiv und ihr Hauptinteresse
liegt bei Suchmaschinen, ausländischen Web-Sites, elektronischer Post
und Unterhaltungsressourcen allgemein. Der wachsende Zustrom der zweiten
Gruppe bestimme nachhaltig das im Internet anzutreffende Angebot,
da diese leichter mit Ressourcen wie Chat- oder Unterhaltungsseiten
"zufrieden zu stellen“ sei. Bei Nutzern mit anderen Interessenlagen
und Ansprüchen sei die Gestaltung des Angebots weitaus schwieriger.
Das Bild vom russischen Internet
sei, so Iwanow, von Mythologisierungen geprägt. Dies gelte insbesondere
für diejenigen, die keinen Zugang zu ihm hätten und auf die traditionelle
Medien angewiesen sind. Das besagte Phänomen begründe sich zunächst
durch die Fülle von Anglizismen, die das Medium mit sich gebracht
hat. Dadurch sei der Eindruck entstanden, dass eine Handhabung des
Internet ohne den Besitz spezieller Fertigkeiten gar nicht möglich
ist. Auf der anderen Seite habe der drastische Zuwachs an Unterhaltungsressourcen
und Besuchern des Internet im Teenager-Alter die öffentliche Vorstellung
vom Internet als etwas Unseriösem genährt. Der Mythos, dass 99% des
Internetangebots aus Pornographie bestehe, und die tatsächlich sehr
hohen Besucherquoten von Seiten anekdotischen und erotischen Inhalts
hätten diese Vorurteile noch verstärkt. Dies führte unter anderem
zu der öffentlichen Meinung, das Internet sei etwas für "amerikanische
Debile“. Ein weiterer Punkt zu Ungunsten des Internet sei zudem die
Tatsache, dass es im virtuellen Raum zwar nicht mehr faschistische,
antisemitische, ultralinke und andere extremistische Gruppierungen
als in der Realität gebe. Allerdings biete das Netz einen günstigen
Nährboden für deren Agitation. Somit stellt das Internet auf diesem
Sektor für viele eine ungreifbare virtuelle Bedrohung dar.

11.
In der Wahrnehmung des Internet
in Russland ist eine Veränderung zu verzeichnen. So war es in den
Anfangsjahren, trotz seiner Bezeichnung als "weltweites Netz“,
nicht mehr als eine "Randerscheinung“, eine abgeschottete Welt,
nur einem geschlossenen Kreis von Eingeweihten zugänglich. Diese seien
sich, trotz ihres Enthusiasmus, dessen genau bewusst gewesen. Grund
dafür sei die Tatsache, dass es sich um ein "Werkzeug“ gehandelt
habe, das bis dahin noch keinerlei Anwendung gefunden hatte und zunächst
lediglich zur Herstellung von "Demoversionen“ kommunikativer
Werbe- und Medienprodukte gereichte. Diesbezüglich merkt Ivanow an,
dass die Geschichte des Internet immer durch die Forderung von Wirtschaftswelt
und Gesellschaft nach Übernahme von Produkten und Dienstleistungen
aus dem Offlinebereich in das Netz geprägt gewesen ist. Wie dieser
Prozess technisch oder organisatorisch vollzogen würde, sei dabei
von zweitrangiger Bedeutung gewesen.
Im Vergleich dazu erfreue
sich das Internet heute einer immer größeren Zahl von NutzerInnen
verschiedenster Betätigungsfelder, die einst nur im "Offlinebereich“
agierten. In den Branchen, die unmittelbar über das Internet ihre
Dienstleistungen anbieten, hätten die damaligen Enthusiasten die Möglichkeit
gefunden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die wachsende Notwendigkeit
des Internet habe allerdings nicht zu dem notwendigen Verständnis
des Mediums geführt, dessen Transparenz nicht gefördert. Nun liege
das Problem nicht mehr beim Mangel an technischen Kenntnissen, sondern
beim Mangel an Techniken, Nutzloses aus dem Informationsstrom heraus
zu filtern, unsinnige Mythen zu enthüllen und eine "allgemeinverständliche“
Sprache zu finden. Die Situation, in der sich das Internet derzeit
befände, könne man mit derjenigen der Erschließung eines neuen Bereiches
der Wissenschaft vergleichen. Da es den heutigen Internetakteuren
an einer systematischen und wissenschaftlichen Herangehensweise an
das Medium ermangele, sei zunächst die Erstellung eines Begriffsapparates
und die Erarbeitung von Methoden von Nöten.
In seinem Artikel
Die Geschichte
des Internet als eine Geschichte der Mythen setzt Ivanow, wie
bereits erwähnt, bei seiner Betrachtung des Internet in Russland den
Akzent zum einen auf die medienpolitischen Besonderheiten in Russland
zu Beginn der 90er Jahre. Zum anderen weist er auf die infrastrukturellen
Besonderheiten des Landes hin, die besondere Vorraussetzungen für
die Entwicklung des Mediums geschaffen und dieses auch im Verlauf
geprägt hätten. Dies sei, seiner Meinung nach, auch für die anderen
Länder der ehemaligen Sowjetunion typisch. Zu Beginn der 90er Jahre
hatte das Internet in Russland als Inbegriff der neuesten westlichen
Technologien und als Symbol der westlichen Kultur gegolten. Seine
amerikanische Herkunft habe als Quelle für vielerlei Mythen gedient,
vor allem für diejenigen, die keinen direkten Zugriff auf das Medium
besaßen. Dazu zählte auch die von der politischen Linken verbreitete
Behauptung, die Amerikaner hätten das Internet allein zu dem Zweck
erfunden, um Einfluss auf den Daten- und Informationsaustauschs in
Russland zu nehmen.
In Iwanows Darstellung des
Mediums "Internet“ lassen sich keine traditionellen Erklärungsmuster
der russischen Kultur- und Geistesgeschichte antreffen. Die Betrachtung
beginnt beim Zeitpunkt des Niedergangs der Sowjetunion, der Entstehung
einer "freien Informationsgesellschaft“ und des daraus resultierenden
Aufkommens des Internet in Russland. Es entsteht der Eindruck einer
äußerst nüchternen, analytischen und zugleich pragmatischen Herangehensweise
an den Gegenstand, dessen Existenz eine Tatsache darstellt. Es gelte
dieses Medium, durch Entwicklung einer rationalen und ökonomischen
Methode des Umgangs mit ihm, von Mythen, Wunsch- und Angstvorstellungen
loszulösen. Genauso verhält es sich mit dem Gebrauch von Metaphern
oder Topoi der Netzwelt. Gegenüber dem Begriff "Runet“, als
eigenständiges Gegenstück zum Internet westlicher Prägung, verhält
sich Ivanow äußerst kritisch. Er erklärt ihn als Einfall der ersten
russischen "Internet-Enthusiasten“, deren Einflussbereich sich
auf einen begrenzten, die übrige Welt nicht berührenden, Radius beschränkte.
Daraus resultierte auch die anfängliche Überzeugung, etwas Eigenes,
in dieser Form noch nicht Vorhandenes zu erschaffen.

12.
Aus den Informationen auf der
Seite lassen sich keine Rückschlüsse auf eine intendierte "Verortung“
der Ressource ziehen. Vom kulturellen Standpunkt aus könnte man sie,
aufgrund der bereits erwähnten Merkmale, im Bereich der Geschichte
und Politik ansiedeln. Dafür spricht auch Iwanows Ausbildung als Historiker,
die gewiss einen nicht unerheblichen Einfluss auf dessen Methoden
bei der Untersuchung des vorliegenden Gegenstands hat. Geschichtliche
Bezüge oder traditionelle Parallelen werden allerdings nur hinsichtlich
der medienpolitischen Situation zur Zeit der Entstehung des Internet
in Russland hergestellt. Somit wird deren besonderer Einfluss auf
Grundvoraussetzungen und den Verlauf der Entwicklung des russischen
Netzes betont. Zu programmatisch festgelegten oder unausgesprochen
realisierten "Raumvorstellungen“ lassen sich, aufgrund der anders
gearteten Zielsetzungen des Projekts, keine Anhaltspunkte finden.
Die Frage zum Verhältnis von "Zentrum und Peripherie“ findet
lediglich in der statistischen Erkenntnis, dass der Großteil der Internet-UserInnen
aus den Großstädten stammt, eine Antwort. Denn z.B. die infrastrukturellen
Unzulänglichkeiten hinsichtlich der Etablierung des Internet werden,
wie schon bemerkt, auf das ganze Land bezogen. Angesichts dieser ‚Merkmale’
ließe sich folgern, dass die Ressource nethistory.ru in Bezug auf
Kriterien wie kulturelle Identität und ähnliche räumliche Faktoren
einen betont neutralen Standpunkt einnimmt. Die Analyse widmet sich
zwar dem Phänomen "Internet in Russland“, dessen spezifische
Merkmale finden jedoch nur in seinen allgemeinen Äußerungsformen Beachtung.

13.
Ähnlich verhält es sich mit
der Frage der Emigration und Diaspora, auf deren Untersuchung kein
programmatisches Augenmerk gerichtet wird. Der Bestimmung von Wohnsitz
und Staatsangehörigkeit der Mitgestalter der Ressource wird keine
Rolle zugewiesen. Da es keine klaren Angaben zur "geographischen“
Lage der Ressource gibt, liegt die Vermutung nahe, dass auch dieser
Faktor von geringerer Bedeutung für die Zielsetzungen des Projekts
ist. In diesem Zusammenhang wird auch kein Schwerpunkt auf das Thema
der nationalen oder kulturellen Identität gesetzt. Der Begriff "russisches
Internet“ z.B. wird von Ivanow in einem bereits erwähnten
Artikel
als ein recht breit gefächerter verstanden. Zum einen stehe er für
die Gesamtheit russischsprachiger, nicht notwendigerweise in Russland
selbst produzierten Internet-Ressourcen. Zum anderen bezeichne er
die mit den neuen Computertechnologien verbundene Tätigkeit von Subjekten,
die an politischen Prozessen teilhaben. Auch die Verwendung der beiden
Adjektive "rossijskij/russländisch“ und "russkij/russisch“
scheint keiner genaueren Differenzierung zu unterliegen. So werden
in einem
Interview
mit Roman Leibow zur Frage der Periodisierung des russischen (hier
"rossijskij“) Internet diese Begriffe scheinbar synonymisch gebraucht.
Die im weiteren Verlauf des Gesprächs diskutierte Definition des Begriffs
"nationales Netz“ erweist sich denn auch als schwierig. Müsse
aufgrund der Verwischung von geographischen und sprachlichen Hintergründen
durch das Internet die "Herkunft“ der zu untersuchende Sites
genauer bestimmt werden (z.B.: Internetseite einer russischen Gemeinde
in Australien, die Gründung von Google.com durch einen russischen
Immigranten oder die Mitarbeit von Moskauer Journalisten und Polit-Strategen
an einer Internet-Wahlkampagne in Israel)? Leibow bezeichnet das Problem
des Verschwimmens besagter Grenzen als ein allgemeines: Die nationalen
Grenzen von Kulturen seien immer durchlässig. Die ‚Errungenschaften’
der Malerei, Musik oder Wissenschaft, seien nicht einer einzelnen
Kultur zuzuordnen. Zwar ist in sprachlicher Hinsicht im Internet vieles
stark mit der jeweiligen Nationalsprache eines Landes verbunden. Dies
müsse aber nicht notgedrungen Einfluss auf die kommunizierten Inhalte
nehmen. Hier spiele das Element der Selbstreflexion eine wichtige
Rolle. "Russisch“ sei damit nur das, was sich als "russisch“
verstehe. In letzter Konsequenz gelte es diese Frage unbeantwortet
zu lassen, da die Verschwommenheit des Begriffs "russkij internet“
der Charakteristik des vorliegenden Untersuchungsobjekts selbst entspringe.
Martin Proppé
Stand 31.01.2004