"Hä, hä, hä, Masjanja!" – ein so verzogenes
wie diabolisches Lachen springt dem Neugierigen vom Bildschirm entgegen.
Es spricht Masjanja – die Comic-Kultfigur des russischen Internet.
Sie ist mager, hat einen unproportional großen Kopf, hervorquellende
Augen und ein schiefes Lächeln. Sie hat einen Hang zu Alkohol, Drogen,
spricht Slang und verwendet auch gerne unflätige Ausdrücke. Erschaffen
wurde sie von dem Sankt Petersburger Webdesigner Oleg Kuwajew.
Mittlerweile ist Masjanja nicht nur zu einem Kultobjekt geworden, sondern
auch zu einem traurigen Exempel über die Opfer der Kommerzialisierungstendenzen
des russischen Internet im Streit zwischen Kult, Kunst und Kommerz.
Die folgende Charakteristik bleibt als Zeitschnitt bestehen - die überwiegende
Anzahl der Links ist - zur Zeit (?) - allerdings nicht zugänglich.
Bezüglich einer Einschätzung der Entwicklung verweisen wir
auf einen unserer Artikel zu
den russischen Internet-Comics. Im Folgenden die ursprüngliche
Fassung der Web-Charakteristik vom April 2003:
Der Besucher der Seite Mult.ru
wird gewarnt, dass deren Inhalt nur für Erwachsene bestimmt ist. Im
Hauptteil werden die neuesten und populärsten Filme mit kurzen Anmerkungen
angeboten. Unter der Option Multy
gelangt man zur Sammlung aller Serien. Man erfährt in einer kurzen Information
Wissenswertes über Kuwajew und seine Mitarbeiter/innen. Diese zeichnen
sich, im Gegensatz zur ungestümen Trickfigur, eher durch ihre charakterlichen
und moralischen Stärken aus. Sie werden als nüchtern, geduldig und fleißig
dargestellt.
Mit seinen einfachen Clips und Trickfilmen, hergestellt
mit Hilfe von herkömmlichen Computergrafikprogrammen, wollte Kuwajew
anfangs nur seine Freunde belustigen. Die Charaktere und Dialoge seiner
kurzen Filme entnahm er dem normalen Leben. Manchmal erinnere ihn Masjanja,
sagt er, an seine Ex-Freundin. Was er nicht erwartet hatte, war die
rasant steigende Popularitätskurve seiner Heldin: bereits fünf Monate
nach dem Start seiner Seite Mult.ru im Oktober 2001 wurde diese
schon 22.000 mal am Tag besucht. Wenn an Montagen neue Filme ins Netz
gestellt wurden, brach des öfteren der Server zusammen. Masjanja, der
sogar ein Artikel in der amerikanischen Internet-Zeitschrift Wallstreet
Magazine gewidmet wurde, erfreut sich nicht nur bei den russischen
Jugendlichen großer Popularität. Gerne verfolgen auch viele Büroangestellte
während ihrer Arbeitszeit die Abenteuer der Comic-Heldin, die als Äquivalent
zu den amerikanischen Kultfiguren Beavis und Butthead gesehen wird.
Man stimmt aber darin überein, dass sie etwas eigenes, "typisch
Russisches" in sich hat. Ihre schnodderige Art, die heruntergekommenen
Gegenden Sankt Petersburgs, in denen sie verkehrt, der Zynismus, den
sie an den Tag legt – viele sehen darin einfach eine Widerspiegelung
des wirklichen Lebens, finden sich selbst darin wieder.
Allerdings gibt es auch Gegner der charmanten Schönen.
So rügte die Petersburger Administration den Trickfilm "Exkursion
durch Sankt Petersburg", in dem das brabbelnde Wesen einen Exkursionsleiter
mimt und die Ausflügler auf "Sehenswürdigkeiten" wie Bettler,
Alkoholiker, verdreckte Gullys, ölverschmierte Pfützen u.a. aufmerksam
macht, als klaren Angriff auf die Stadt. Andere erklären die Serie zur
Werbung für Drogenmissbrauch, zu einer Irritation der Jugend. In den
Diskussionen, die sich um Rezeption und Konsum von Masjanja-Produktionen
drehen, lässt sich tatsächlich die Wiederkehr eines "alten"
Stereotyps feststellen: die Kritik am Müßiggang und Parasitentum, der
sich bereits Schriftsteller wie Josif Brodski oder Juli Daniel ausgesetzt
sahen. Insofern hat der Autor Kuwajew vielleicht tatsächlich nicht unrecht,
wenn er Masjanja gerade als "letzten Eintrag in die lange Liste
der russischen literarischen Heldinnen" bezeichnet. Einer im übrigen
mehr als erfolgreichen Heldin: Im Jahr 2002 räumte das Projekt Preise
von vier der wichtigsten Wettbewerbe des Runet ab. Es wurde z.B. zur
Entdeckung des Jahres gekürt und erhielt die Prämie für Netzkunst. Politiker
bitten um die Erlaubnis, die Figur in ihren Werbespots verwenden zu
dürfen. Sogar der russische Zweig von MTV zeigt Masjanja in seinem Programm.
Das Projekt nimmt somit immer kommerziellere Züge an.
Davon zeugen auf Mult.ru auch
die Rubrik Souvenirs, in der T-Shirts und Anhänger feilgehalten werden,
das Angebot von Masjanja-Logos für Mobiltelefone und die Annahme von
Aufträgen für Animationen und Multimediaproduktionen. Deshalb steht
die Befürchtung im Raum, die Idee bzw. Figur könne durch zu starke Vermarktung
ihre Originalität verlieren. Innerhalb der russischen Internet-Kultur,
die ein gespanntes Verhältnis zum Geld aufweist, gilt dies als ein Prüfstein
für die Aufrichtigkeit des "Projekts Masjanja". Kuwajew sieht
sich denn auch in der schwierigen Lage, den Popularitätsboom ohne Schaden
für sich oder seine Heldin zu überstehen. Zum Beginn des Jahres 2003
folgten Auseinandersetzungen zwischen dem Webkünstler und dem genannten
Fernsehsender um die Rechte an der "Figur Masjanja", die unter
den Internetschiki zu einer neuen Runden in der Diskussion um Autorenrechte
und Vermarktungsstrategien führten. Allein Masjanja, so ist zu hoffen,
bleibt von dem Rummel ungerührt und lässt weiterhin ihr markerschütterndes
Lachen im Netz erklingen.
M.P.
Stand 14.01.2004

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