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Site-Portraits | ||||||||||
Im "Magazinnik“ wird publiziert, was dem
"Magazinnik“ gefällt – so lautet das kryptische
Motto auf der Startseite des Journals, das sich mit einem Blick auf
die Zusammenstellung des Redakteurskollektivs jedoch leicht entschlüsselt.
"Magazinnik“ ist nämlich nicht nur der Name des "Magazins“,
sondern auch eines der Initiatoren, des Schriftstellers Michail Magazinnik.
Eine darüber hinaus gehende inhaltliche Erläuterung des programmatischen
Anliegens des Literatur-Journals gibt es auf der Site nicht. In einem
verlinkten Interview mit Igor Satanowski, gleichfalls einem der Initiatoren,
findet sich jedoch die Selbstbeschreibung als "eine konkrete Zeitschrift
einer konkreten Person“. Ungeachtet der betont individualistischen
Ausrichtung wird dennoch auch ein allgemeinerer Anspruch vertreten: Im "Magazinnik“ werden Texte im weiteren Sinne avantgardistischen Charakters publiziert. Dabei orientiert man sich gleichermaßen an der Tradition der amerikanischen Beatnik-Dichtung, dem Erbe der klassischen russischen Avantgarde sowie der inoffiziellen Literatur der Sowjetzeit. Zwischen Prosa und Poesie wird in der Rubrizierung der Texte nicht weiter unterschieden. Beide "Genres“ halten sich in etwa die Waage, mit einem leichten Überhang hin zur Poesie. Das "Avantgardistische“ der Texte tritt insbesondere über den exzessiven Gebrauch nicht-normativer Lexik in Erscheinung. Das vierköpfige Redaktionsteam sowie die Mehrzahl der AutorInnen sind EmigrantInnen aus Russland (russian americans), und zwar im Durchschnitt jüngeren Alters. Daneben werden auch in Russland lebende AutorInnen abgedruckt sowie Texte der ältere Generation, beispielsweise des bekannten avantgardistischen Exil-Dichters Konstantin Kuzminski. Vertreten sind neben eher unbekannten Namen damit auch Kultfiguren des literarischen Lebens inner- wie außerhalb Russlands. Zu nenne wäre neben Kuzminski beispielsweise der homosexuelle Schriftsteller und Performer Jaroslaw Mogutin. Die nationale Herkunft und geographische Verortung der AutorInnen wird jedoch weder in einem Mission Statement noch über die Rubrizierung hervorgehoben. Format Die Site stellt eine Ergänzung und die Web-Plattform des gleichnamigen Journals "Magazinnik“ dar, das auch im Druck erscheint. Jedoch wird lediglich eine Auswahl der Werke auch im Netz als Volltext angeboten. Die "Nummerierung“ in einzelne Ausgaben wird beibehalten. Parallel wird ein Index der AutorInnen geführt, der jedoch nicht zu jedem Vertreter Materialien bereit hält. Biographische und bibliographische Informationen zu den AutorInnen fehlen in der Regel. Wo solche vorhanden sind, wird auf die Autoren-Homepages verwiesen. Das Magazin arbeitet intensiv mit zwei Verlagen zusammen, die eine ähnliche inhaltliche Profilbildung auszeichnet und die russische sowie englische Texte veröffentlichen. Die Site des "Magazinnik“ ist hingegen einsprachig russisch und scheint sich eher an "Insider“ des literarischen Lebens zu richten. Einen wichtigen Bestandteil des Projekts stellen Live-Acts in ausgewiesenen New Yorker Bars und Clubs dar. Die Website ist also lediglich ein gleichberechtigtes Kommunikationselement im Medien-Mix, das jedoch den Wirkungsradius der Zeitschrift über die Vereinigten Staaten hinaus erweitert. Redaktionell wird das Magazin von vier Redakteuren betrieben, sämtliche in den Vereinigten Staaten und dort vorrangig in New York ansässig. Ungeachtet der Existenz eines "Chefredakteurs“ scheint die Redaktionspolitik kollektiv gestaltet zu werden. Eine Möglichkeit zur Mitbestimmung oder Selbstpublikation durch die LeserInnen fehlt. Informationsdesign Formal ist die Ressource eher traditionell aufgebaut. Die Rubrizierung bietet neben Neuigkeiten die einzelnen Nummern der Zeitschrift sowie einen Autoren-Index. Die Galerie befindet sich noch im Aufbau. Die Rubrik "Links“ ist klein gehalten und bezieht sich im Wesentlichen auf Projekte von Bekannten und Freunden. Das Design ist schlicht und ansprechend, ohne klare Bezüge zu einer bestimmten Bild- oder Gestaltungstradition. Es werden eine Reihe von eher abstrakten Bildern zwecks Illustration eingesetzt. Innovative inhaltliche wie technische Darstellungsweisen werden nicht umgesetzt. Die literarischen Texte werden ohne philologische Kommentare oder Angaben publiziert. Die Site wird in unregelmäßigen Abständen aktualisiert.
Die letzte Doppelnummer des Magazinnik erschien im Dezember 2003. Die Site weist kaum interaktive Elemente auf. Die einzige Möglichkeit mit den Redakteuren Kontakt aufzunehmen ist ein Email-Adresse. Kommunikationsforen wie Gästebuch, Forum oder Chat fehlen gänzlich. Es existiert ein LiveJournal, das jedoch von der Website selbst nicht zu erreichen ist und eher zufällig über die Recherche im Netz aufzufinden ist. Es wird eine kleine Auswahl an Links angeboten, die auf "Freunde“ – sprich: Kooperationspartner – und thematisch nahe stehende literarische und kulturelle Projekte verweist. Dabei werden sowohl russischsprachige Ressourcen in den Vereinigten Staaten als auch in Russland selbst angeführt. Es überwiegt der Eindruck eines informellen Zusammenschlusses Gleichgesinnter, die sich auch in ihrem "realen“ Leben kennen, treffen und zusammenarbeiten. Fazit Kommunikation und die "Anwerbung“ von neuen LeserInnen sind nicht das Hauptanliegen der Initiatoren. Vielmehr handelt es sich um ein "virtuelles Klubleben“, das die offline-Aktivitäten ergänzt und dokumentiert. Vom avantgardistischen Anspruch her klaffen die inhaltliche Auswahl der Texte und ihre formale Präsentation deutlich auseinander. Aufschlussreich ist die Positionierung der Ressource innerhalb der russisch-amerikanischen Emigration. Auf der einen Seite lässt sich eine deutliche Einbindung in den lokalen Kontext der russischen Emigration in den USA, insbesondere in New York, feststellen, auf der anderen Seite wird die Einbindung in den historischen und sprachlichen Kontext der "Heimat“ gesucht. Kontext Die Site weist sehr wenig Infos über ihr Profil und ihre Konzeption auf. Das könnte den oben gezogenen Schluss belegen, dass es sich im wesentlichen um ein Klübchen Bekannter und Freunde im Netz handelt. Von Interesse sind eine Reihe von Zusatz-Informationen, die man über die Lektüre von Interviews mit den Betreibern sowie aus einigen Zeitungsartikeln gewinnen kann. 1. Diaspora / Emigration: die Initiatoren der Site gehören zur jüngeren Welle der russischen Emigranten (zum Teil jüdischer Herkunft), die sich – zumindestens äußerlich – gut in das neue Leben integriert hat. "Mentor“ dieser Gruppe junger Schriftsteller ist der Emigrant alter Schule Konstantin Kuzminski, der in den 1970er Jahren in die Vereinigten Staaten emigrierte und von dort aus eine der wichtigsten Anthologien inoffizieller russischer Poesie zusammenstellte. Der Kontakt zu Kuzminski bedeutet für die jungen Emigranten nach eigener Aussage die Möglichkeit, das eigene Schaffen persönlich wie historisch in den "heimatlichen“ Kontext zu stellen, der über dem alltäglichen Leben und der Integration in die amerikanische Gesellschaft verloren zu gehen droht. Unter dem Einfluss und auf den Rat Kuzminskis hin wenden sich die Autoren auch stärker von der englischen Sprache ab, in der sie gleichfalls literarisch tätig sind, und der russischen Sprache zu. Die Konzeption von "Magazinnik“ als rein russischsprachiger Ressource ist nicht zuletzt dadurch zu erklären. Im Interview mit Leonid Zonschain von der russisch-amerikanischen Wochenzeitschrift "Russischer Bazaar“ erklärt einer der Redakteure, Igor Satanowski, den Unterschied zwischen den verschiedenen Emigrationswellen folgendermaßen: Während Kuzminski davon ausgehe, dass man sich entweder assimilieren oder isolieren müsse, spiele die jüngere Generation bewusst mit den doppelten Identitäten und nehme – zwangsläufig – eine "Zwischenposition“ ein. Das russische New York erscheint als eine "Millionenstadt in der Stadt“, in der man problemlos ohne Kenntnisse der englischen Sprache leben kann und die zur "Peripherie der russischen Kultur“ gehört. Nach Zonschain ist die Zeitschrift der Beweis dafür, dass "eine russische Kultur in Amerika existiert und diese nicht schlechter ist als in Russland selbst“. 2. Die Nutzung des Internet durch die Initiatoren schreibt sich insofern passend in die Konzeption der Site ein, als es in seiner dezentralen Struktur Marginalien eher befördert. Es integriert nicht nur die russische Peripherie in Amerika in den heimischen Kontext, sondern es erlaubt auch eine Vernetzung von kulturellen Außenseitern und Exzentrikern, als die sich die Betreiber der Ressource offensichtlich verstehen. H.S. Stand Herbst 2004
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